Kopftuchverbot an Schulen

Leben in Absurdistan? Deutschland nach dem Jahr 2000.


Unser Staat entsendet zum Beispiel Soldatinnen nach Afghanistan, damit dort eine Demokratie errichtet werden kann und Frauen etwa auf der Straße kein Kopftuch tragen müssen. Andererseits erlauben die Männer des obersten deutschen Gerichts, dass eine Lehrerin hier in der Schule Kopftuch tragen darf.

Auch der Bundespräsident sagt in ein und demselben Interview sinngemäß: Wenn das Kopftuch als Glaubensbekenntnis, als missionarische Textile gelte, dann müsse es genauso behandelt werden wie die Mönchskutte oder ein Kruzifix. Und: Die öffentliche Schule müsse für jeden zumutbar sein, ob er Christ, Heide, Agnostiker, Muslim oder Jude ist.

Was sollen wir daraus schließen? Führt Deutschland am Hindukusch einen Religionskrieg? Ist im Namen des Grundrechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit alles erlaubt, was sich irgendwie den Anschein religiöser Betätigung gibt?


Symbole


Stellen Sie sich einfach einmal vor, ein schmächtiger, glatzköpfiger ca. 26-jähriger Lehrer – nennen wir ihn Wahnfried Deutschmann – stellt beim Bundesverfassungsgericht einen Antrag. Er möchte im Unterricht an einer staatlichen Schule Springerstiefel tragen. Sein Schulleiter habe ihm das verboten, solches Schuhwerk sei ein Symbol für die Diskriminierung Andersdenkender. Er selber dagegen halte es allein für den angemessenen Ausdruck seiner religiösen Gefühle, schon seine Großeltern seien „gottgläubig“ gewesen und auch alle seine Freunde hätten bei der letzten Sonnenwendfeier Springerstiefel getragen. Das sei doch eine ganz normale Fußbedeckung. Sie gebe ihm als Mann Sicherheit beim Auftreten gegenüber Lehrerinnen, Eltern und Schülerschaft, er fühle sich einfach viel wohler darin. Zudem hätte er ja gar nichts gegen Andersdenkende, aber wenn er Springerstiefel trage, werde er trotz seines schmächtigen Körperbaus von denen nicht immer angemacht. Und wenn andere Lehrer durch sexuell betonten modischen Schnickschnack an ihren Füßen Aufmerksamkeit erregten: er persönlich sei strikt für eine strenge Ordnung mit absoluter Enthaltsamkeit und wolle so ein Zeichen religiös motivierter Selbstbeherrschung setzen.

Würde das Bundesgericht diesem Herrn Deutschmann Recht geben? Würden liberale Politiker sofort darauf verweisen, das Ganze sei in ihren Augen eine Frage der Religionsfreiheit? Schließlich dürfe auch jeder christliche Ordensmann im Unterricht Jesus-Latschen tragen!


Eben. Leben wir eigentlich in Absurdistan? Das Kopftuch als solches ist nämlich genauso wenig religiös wie ein Paar Springerstiefel, aber beides stellt ein Signal für verfassungsfeindliche politische Haltungen dar.


Relikt


Die bei der Integration moslemischer Kinder in Deutschland sehr engagierte Lehrerin Sevim Özdemir legt Wert auf die Feststellung, dass der Koran Kopftuch oder Schleier gerade nicht vorschreibt. Es gäbe allerdings Rechtsgelehrte, die in eine einzige Stelle etwas Entsprechendes hineininterpretierten. Danach sollen Männer durch den Anblick einer fremden Frau nicht in Versuchung geführt werden, sich etwas „anzueignen“, was ihnen nicht „gehört“ – etwa vergleichbar fremdem Goldschmuck. Nach dieser Auslegung werden Frauen also zu etwas degradiert, das man „besitzen“ kann. Das Kopftuch der aus Afghanistan stammenden Lehrerin Fereshta Ludin ist somit nicht primär ein religiöses Symbol, sondern faktisch ein politisches Fanal für Unterdrückung und Frauenverachtung, ein Relikt von Feudalismus und Leibeigenschaft. Dahinter steht ein Politikverständnis, das eine Gesellschaft nach Art der Taliban einführen will. Wenn eine Frau in geradezu masochistischer Weise diese Sicht der Dinge verharmlosend schönredet, ist das ihr Problem – unser Land sollte es jedoch nicht zu seinem machen wollen.

Nicht umsonst ist es in der Türkei seit der staatlichen Einführung der Gleichberechtigung von Männern und Frauen aus diesen Gründen sogar verboten, dass auch nur Schülerinnen Kopftuch im Unterricht tragen. So etwa wie nach Abschaffung der Sklaverei in den USA Farbige keine Ketten mehr herumschleppen sollten.

Der Unterschied zwischen dem Kopftuch und einer christlichen Ordenstracht ist gewaltig. Diese ist kein politisches Symbol. Nirgendwo, nicht einmal auf dem Berge Athos oder im Vatikan, wird nämlich festgelegt, Frauen ohne Nonnenhabit seien unfromme Lustobjekte und wie Parias als Menschen dritter Klasse und Freiwild für Männer zu betrachten – bis hin zur Möglichkeit der „selbst verschuldeten“ Vergewaltigung. Vor allem: Nirgendwo in der Welt werden Menschen ohne Ordenszugehörigkeit gezwungen, auf der Straße Klosterkleidung zu tragen. In politisch islamistisch organisierten Staaten dagegen müssen auch Atheistinnen oder weibliche Angehörige fremder Religionen ihr Haupt verhüllen – überall in der Öffentlichkeit und eben nicht nur in Gotteshäusern.


Trojanisches Pferd


Wer vor diesem Hintergrund aus angeblich religiösem Motiv das Tragen eines Kopftuchs in einer deutschen Schule per Gerichtsurteil erzwingen will, ist nicht einfach naiv, sondern schafft in meinen Augen damit eine Art Trojanisches Pferd. Nach außen wirkt es wie ein harmloser Quadratmeter Stoff, repräsentiert in Wirklichkeit jedoch den diskreten Charme einer neu heraufziehenden Inquisition. Hier scheint die deutliche Warnung angebracht: Wehret den Anfängen!


Der Prozess um das Kopftuch ist ganz klar politisch zu werten. Dahinter steht die Absicht radikaler Fundamentalisten und Fundamentalistinnen, unter dem Vorwand religiöser Betätigung Präzedenzfälle zu schaffen. Wird es in Deutschland erlaubt, kann man es auch in der Türkei nicht mehr verbieten; wird es in der Türkei erlaubt, können dort bald auch andere Restriktionen gegen Frauen verwirklicht werden. Der Alevit Muzaffer Günel, ein Kenner des europäischen Islamismus, sieht deutlich die Gefahr eines solchen Domino-Effekts, an dessen Ende die international flächendeckende Anwendung der Scharia stehen könnte.


Dass Religion politisch missbraucht wird, speziell auch zur Geschlechterdiskriminierung, das ist keine Spezialität des Islam. Sicher gibt es hierzulande und heutzutage noch einflussreiche einheimische Kreise, welche die Rolle der Frau am liebsten als der eines vom Manne abhängigen Untermenschen irgendwo zwischen Kopftuch und Kochbuch definieren würden. Aber soll der mehr als hundertjährige Kampf für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der westlichen Welt vergeblich gewesen sein? Nicht alles wird schon dadurch religiös, dass es sich ein frommes Mäntelchen umhängt.

Wer so ein Kopftuch für harmlos hält, dem sei dringend folgende Lektüre empfohlen: Sabatina. Vom Islam zum Christentum – ein Todesurteil (ISBN 3-9501151-8-8).


Cornelius Schmidt


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