Ein Mann, auf den kein Etikett passt - Rowan Williams neuer Erzbischof von Canterbury


Bis vor wenigen Jahren war er außerhalb Englands ein Geheimtipp, heute ist er weltweit bekannt: Rowan Williams, der neue Erzbischof von Canterbury, findet mit seinen Äußerungen zu Tagesfragen wie schon lange kein anglikanischer Bischof Gehör in den Medien.


Ein schlichtes schwarzes Priesterhemd pflegt er zu tragen, nicht das übliche violette für Bischöfe. Unauffälliger wird er dadurch aber nicht. Spätestens wenn er das Wort ergreift, wendet sich ihm die Aufmerksamkeit zu. Rowan Williams gilt seit Jahren schon als hervorragender Theologe mit einer großen Zukunft. Aber er ist auch ein Mensch, mit dem man sich lebensnah über alltägliche Fragen unterhalten kann, etwa über die Erziehung von Kindern oder das Wohnen in der Nähe von sozialen Brennpunkten.


Nachfolger des Augustin von Canterbury


Am 27. Februar wird Dr. Rowan Williams als 104. Erzbischof von Canterbury in der Kathedrale von Canterbury inthronisiert. Bereits seit 1. November hat er die Amtsgeschäfte von seinem Vorgänger George Carey (66) übernommen.

Nachdem Erzbischof Carey nach elf Jahren Amtszeit im Januar letzten Jahres seinen Rücktritt angekündigt hatte, nahm eine zwölfköpfige Wahlkommission unter dem Vorsitz einer bekannten Richterin ihre Arbeit auf. Sie schlug dem englischen Premierminister Tony Blair zwei Kandidaten vor, neben Rowan Williams den aus Pakistan gebürtigen, der evangelikalen Richtung zugehörigen Bischof Michael Nazir-Ali von Rochester. Im Namen der Königin, dem Titularhaupt der Kirche von England, ernannte Tony Blair am 23. Juli 2002 Rowan Williams zum neuen Erzbischof von Canterbury (vgl. den KNA-Bericht in Christen heute 2002, S. 208).


Werdegang


Rowan Douglas Williams wurde am 14. Juni 1950 als Sohn eines Bergbauingenieurs und dessen Frau im südwalisischen Swansea geboren. Die Eltern waren presbyterianisch, wurden später aber anglikanisch. Es war der Pfarrer seiner Gemeinde, der auf Rowan Williams' geistige Entwicklung einen enormen Einfluss hatte. Dieser brachte ihn nicht nur dazu, den Weg in den Dienst der Kirche einzuschlagen, sondern weckte in dem Zwölfjährigen das Interesse für Poesie und Theologie. Williams fing an, Dichter wie T.S. Eliot und W. H. Auden zu lesen, aber auch die Briefe Dietrich Bonhoeffers aus dem Gefängnis. Dieser Priester war nicht nur immerzu bereit, über Theologie und Poesie zu sprechen, er war auch ein sehr frommer Mensch, der jeden Morgen eine halbe Stunde betete, bevor er die Eucharistie feierte. Auch diese sehr disziplinierte, persönliche und intensiv geübte Spiritualität wirkte nachhaltig auf Williams' eigenes Amtsverständnis, in dem sich In-tellektualität, denkerische Vorstellungskraft und kontemplative Frömmigkeit mit einer pastoralen Haltung verbinden. Während seines Studiums setzte Rowan Williams sich stark mit Karl Barth, Thomas von Aquin und Hans Urs von Balthasar auseinander, aber auch mit russisch-orthodoxen Theologen. Durch die Art und Weise, wie diese Theologen die Theologie und Spiritualität der frühen Kirche in ihrem Werk verarbeiteten, entdeckte Williams selbst die alte Kirche als reichhaltige theologische und spirituelle Inspirationsquelle.

Nach dem Studium in Cambridge promovierte er in Oxford mit einer Arbeit über russische Orthodoxie (1975). 1977 wurde er Tutor am Westcott House in Cambridge, 1980 Dozent am dortigen Trinity College. Sechs Jahre später wurde er von Cambridge nach Oxford auf die renommierte Lady Margaret Professur berufen. Seine wissenschaftliche Tätigkeit war, wie in der anglikanischen Kirche üblich, verknüpft mit Aufgaben als Geistlicher. Der 1977 zum Diakon und 1978 zum Priester geweihte Williams arbeitete ab 1980 zunächst als Vikar, danach von 1984 bis 1986 als Chaplain und Dekan in Cambridge. 1981 heiratete er seine Frau Jane, die selbst Theologie lehrt. Mit ihr hat er zwei Kinder, die 14jährige Rhiannon und den sechsjährigen Pip. Im gleichen Jahr wurde er Kanoniker der Kathedrale von Leicester, nach der Übernahme der Professur in Oxford wurde er dort Canon Residentiary.


Vom Professor zum Bischof


1991 nahm er die Wahl zum Bischof der walisischen Diözese Monmouth an, die Bischofsweihe erfolgte 1992. Anders als die Kirche von England ist die Kirche von Wales, die seit 1924 eigenständig ist, keine Staatskirche. Als er kürzlich in einem durch die BBC ausgestrahlten Interview gefragt wurde, warum er die Professur zugunsten des Bischofsamtes aufgegeben habe, gab Williams zur Antwort, als Bischof müsse er verständlich mit allen Kirchenmitgliedern kommunizieren können. Er betrachte es als Herausforderung, theologisches Denken und Erkenntnisse solchermaßen immer wieder für andere Menschen zu „übersetzen“. Als Bischof komme er mit allen Menschen in Kontakt, nicht nur mit einer bestimmten Gruppe. Sein Interesse an Kindern und Jugendlichen bewies der im Jahr 1999 zum Erzbischof von Wales gewählte Williams im November 2001, als er im Rahmen einer Aktion für „Kinder in Not“ einen Tag lang mit einem Schulmädchen tauschte. Einen Tag lang war die zwölfjährige Guide Rhian Hartshorn Erzbischöfin von Wales, während Williams die Schulbank drückte.


Die Macht des Wortes


Mit der Wahl von Rowan Williams zum Erzbischof tritt ein Mann an die Spitze der Anglikanischen Kirchengemeinschaft, der im öffentlichen Leben Großbritanniens Beachtung als geistliche Autorität findet. Damit wird er wichtiges Terrain für die anglikanische Kirche wiedergewinnen. In der englischen Medienlandschaft spielt der orthodoxe Rabbiner Jonathan Sacks eine Rolle, bis zu seinem Tod im Jahr 1999 auch der verstorbene römisch-katholische Kardinal Basil Hume. An Williams wird geschätzt, dass er auch Nichtchristen das Christentum verständlich zu machen versteht. In der postmodernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, in der die Meinung der Kirche nicht mehr selbstverständlich gefragt ist, kann er Wichtiges beitragen zur geistlichen Erneuerung von Nation und Kirche. Dass er kein Mann der dekorativen Worte ist und es nicht schätzt, lediglich zur Verschönerung einer Veranstaltung eingeladen zu werden, hat er immer wieder deutlich gemacht. Seine Aussagen haben theologischen Biss, dies wird nicht nur bei Konferenzen der anglikanischen Reformbewegung „Affirming Catholicism“ deutlich, zu deren Begründern er gehört, sondern auch bei jeder x-beliebigen anderen Veranstaltung, etwa von Bankleuten. Rowan Williams ist ein Mann der klaren Worte: So bezog er gegen den Standpunkt der englischen Regierung Stellung gegen jegliche amerikanische Intervention im Irak, die nicht vom UN-Sicherheitsrat getragen ist.


Erzbischof Williams ist ein ausgezeichneter Prediger. Er formuliert ansprechend und erfrischend und gibt Zuhörenden Denkanstöße mit auf den Weg. Wenn er eine Predigt vorbereitet, lautet seine Grundfrage: „Wie kann meine Predigt bewirken, dass die Menschen sich froher und dankbarer Jesus Christus und der Schöpfung bewusst werden? Wie kann ich ihnen helfen, das, was ihnen vielleicht morgen begegnet, in einer auf Christus ausgerichteten Weise zu deuten?“ Für Rowan William gilt der Karl Barth zugeschriebene Ausspruch, dass er mit der Bibel in der einen und der Zeitung in der anderen Hand predigt – wobei statt der Zeitung regelmäßig auch Shakespeare oder Auden zur Hand genommen werden.


Neben mehreren theologischen Werken, darunter eines über Teresa von Avila, und Büchern mit Predigten hat Rowan Williams auch Gedichte veröffentlicht. Sein Engagement für die keltische Kultur brachte ihm im letzten Jahr von konservativer Seite Vorwürfe ein, als Zeitungen darüber berichteten, dass er Mitglied des 1792 gegründeten „Gorsedd of Bards“, einer walisischen Vereinigung von Künstlern zur Pflege walisischer Kultur, geworden sei. Manche seiner Kritiker warfen ihm vor, er drifte ins Heidentum ab. Konservative Kreise der evangelikalen und extrem anglokatholischen Richtung bezweifeln auch in anderen Fragen seine Rechtgläubigkeit. Aufhänger der Kritik an Williams waren die in den Augen seiner Kritiker zu liberalen Auffassungen zu Themen wie Geschlechtsverkehr vor der Ehe, seine Meinung zur Wiederverheiratung Geschiedener, zu Homosexualität und zur Einbeziehung von Frauen ins Bischofsamt, aber auch seine angebliche Leugnung der Bibel als unmittelbares Wort Gottes. So musste sich der designierte Erzbischof bereits vor Amtsantritt gegen Angriffe verteidigen. In einem Interview mit einer nordamerikanischen Zeitschrift im Mai letzten Jahres sagte er, dass er sich bewusst sei, dass der Dienst eines Bi-schofs immer mit Konflikten einhergehe. Doch die Wucht der Angriffe hat ihn getroffen. Seinem Anliegen, den Dialog mit Menschen zu suchen, die andere Ansichten als er haben, und so der Parteienbildung in der anglikanischen Kirche entgegenzuwirken, wird er jedoch treu bleiben.


Kontakt zu Alt-Katholiken


Eine von Rowan Williams' zahlreichen Veröffentlichungen ist auch in einer alt-katholischen Zeitschrift erschienen. Als Bischof von Monmouth hielt er 1999 anlässlich der 125-Jahr-Feier der Christkatholisch-Theologischen Fakultät zu Bern einen Vortrag über die Analogie zwischen der Einheit der Kirche und der Einheit der Bibel (veröffentlicht in der IKZ 2000). Bischof Vobbe und Erzbischof Williams kennen einander von einer Bischofsweihe in Newport, dem bisherigen Wohnort des Erzbischofs. Während seines Aufenthalts war Bischof Vobbe Gast im Hause Williams und beim abendlichen Kaminfeuer entdeckten die Bischöfe etliche Berührungspunkte, u.a. die Analyse der augenblicklichen Situation der Kirche und dem Streben nach spiritueller Vertiefung. Man kann sogar sagen, dass die beiden Bischöfe be-reits ein Stück gemeinsamen Weges miteinander zurückgelegt haben, an einem frühen Sonntagmorgen vom Bischofshaus quer durch die Stadt zum Bahnhof, als das Auto des Erzbischofs am frühen Sonntagmorgen nicht anspringen wollte. Erzbischof Williams - dieser in wehender schwarzer Soutane (der erste Gottesdienst begann kurz danach) - folgend und mit ihm gemeinsam brüderlich das schwere Gepäck tragend, erreichte Bischof Vobbe rechtzeitig den Zug.

An der Inthronisation am 27. Februar werden die alt-katholischen Kirchen der Utrechter Union durch den Erzbischof von Utrecht, Dr. Joris Vercammen, vertreten sein.


Kein Etikett, no logo


Rowan Williams ist ein Theologe, der sich nicht leicht in eine Schublade einordnen lässt. Wie auch in der deutschen Presse anlässlich seiner Ernennung immer wieder betont wurde, vereint er viele Eigenschaften, die sich scheinbar ausschließen. Er ist ein Mann, „der sich einer Einordnung eigentlich entzieht, wie Annegret Lingenberg im ökumenischen Materialdienst (4-5/2002) schrieb. Jürgen Wandel charakterisierte ihn im September 2002 in den evangelischen Zeitzeichen als „fromm und gelehrt, traditionsbewusst und liberal, parteilich und gesprächsfähig“. Dem einen gilt er als „Mann der Superlative“ (Jürgen Wandel), andere – wie etwa Roland Hill im September 2002 in der Herder Korrespondenz – nehmen ihn eher als „Mann mit Ecken und Kanten“ wahr.


Rowan Williams ist ein Mann, auf den kein Etikett passt. Und vielleicht vertritt er damit genau den Anspruch, den Kirche heute zu leben hat: In einer Zeit, in der das Logo oft die Identität einer Person bestimmt, darf Kirche nicht mit Logos oder Etiketten werben. Stattdessen hat sie aus der Kraft zu leben, die die Frohe Botschaft und die Tradition bietet und diese ins Gespräch zu bringen mit den Fragen unserer Zeit. Der neue Erzbischof von Canterbury ist ein Mensch, der diese Kraft und die Fähigkeit, scheinbar Unvereinbares miteinander zu verbinden, ausstrahlt. Es ist nicht übertrieben, die Wahl dieses Mannes auf den Sitz von Canterbury schon jetzt als historisch zu bezeichnen.


Angela Berlis


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