„Frauenleben sind vielfältig”


Die kfd ist der größte römisch-katholische Frauenverband in Deutschland. Vor fünf Jahren stellte er die „Leitlinien 99“ für die Zielsetzung seiner Arbeit auf.

Zwei darin enthaltene Forderungen gaben Anlass zur Diskussion: die Gleichwertigkeit verschiedener Lebensformen und die Zulassung von Frauen zu allen Diensten und Ämtern in der römisch-katholischen Kirche.

Nachdem die römisch-katholische Deutsche Bischofskonferenz die „Leitlinien 99“ zur Kenntnis genommen hatte, wurde der Verband aufgefordert, von positiven Aussagen zur Weihe von Frauen Abstand zu nehmen. Einzelne Bischöfe drohten sogar mit dem Ausschluss einzelner Diözesanverbände aus dem Gesamtverband. Daraufhin wurden die umstrittenen Forderungen von einer außerordentlichen Delegiertenversammlung im Mai 2000 aus den Leitlinien herausgenommen. Gleichzeitig legte sich die kfd die Selbstverpflichtung auf, zur Ämterfrage und zur Vielfalt von Frauenleben einen Meinungsbildungsprozess auf möglichst allen Verbandsebenen anzuregen.


Meinungsbildungsprozess in Gang gesetzt


Da die Forderung der Vielfalt von Lebens- und Familienformen verbandsintern weitaus umstrittener ist als die Zulassung von Frauen zu allen Ämtern, beschloss der Verband, mit diesem Thema anzufangen. Zunächst wurde ab 2001 ein Jahr lang in verschiedenen Weiterbildungsprojekten am Thema „Frauenleben sind vielfältig“ gearbeitet. Eine 2003 erschienene Broschüre gleichen Namens dient derzeit als Grundlage, den Meinungsbildungsprozess in den einzelnen kfd-Diözesanverbänden weiter zu führen. Aufgrund aller eingegangenen Reaktionen soll ein Positionspapier erstellt und von der Delegiertenversammlung im Mai 2005 verabschiedet werden.

Über diesen verbandsinternen Meinungsbildungsprozess hinaus hat die kfd auch Verantwortliche aus Kirche und Gesellschaft dazu eingeladen, sich bei mehreren Hearings in diesen Prozess einzubringen. Am 20. September 2004 fand in Düsseldorf eines dieser (nicht-öffentlichen) Hearings statt, bei dem Vertreterinnen und Vertreter verschiedener römisch-katholischer Einrichtungen, Vertreterinnen von Schwesterverbänden und von Frauenverbänden aus der Ökumene eingeladen waren, zur Broschüre Stellung zu nehmen und über die genannten Themen miteinander ins Gespräch zu kommen.


„Frauenleben sind vielfältig“


Kfd-Präsidentin Magdalena Bogner sprach bei der Begrüßung die Erwartung aus, dass der Austausch über Erfahrungen im Vordergrund stehen werde. Die kfd sei obendrein daran interessiert zu erfahren, inwieweit andere Verbände und Einrichtungen sich mit ähnlichen Themen auseinander setzen. Die 35 Seiten umfassende Broschüre „Frauenleben sind vielfältig“, in der die Themenbereiche „Werte in Beziehungen“, „Körperlichkeit und Sexualität“, „Ehe“, „Familienformen” und „Lesbische Lebensformen” behandelt werden, diente bei der Anhörung als Gesprächsgrundlage.

Für den Bund Alt-Katholischer Frauen Deutschlands (baf) nahmen die stellvertretende Vorsitzende, Mariette Kraus-Vobbe, und Dr. Angela Berlis teil. Sie begrüßten das Diskussionspapier „Frauenleben sind vielfältig“ als gute Gesprächsgrundlage. Es wird darin versucht, zu jedem Unterthema den Ist-Zustand zu beschreiben, wie er sich in Gesellschaft und Kirche darstellt, danach Erfahrungen aus dem bisherigen Projekt zusammenzufassen und schließlich Chancen und Herausforderungen für die weitere Arbeit zu formulieren. Obwohl dies alles auf den kfd zugeschnitten ist, ist vieles auch auf andere Kirchen und Verbände übertragbar. Dies wurde beim Austausch deutlich. Obwohl baf eine derartige Diskussionspapierkultur nicht kennt (sie wäre aufgrund der Größenverhältnisse wohl auch nicht angemessen), kann – so stellten wir bei der Vorbereitung auf das Hearing fest – ein solches Papier die eigene Position klären und Ziele deutlicher formulieren lassen. Uns hat es jedenfalls dazu anregt, darüber nachzudenken, wie es mit diesen Themen in unserer eigenen Verbandsarbeit und Kirche steht, und dies beim Hearing einzubringen. Eines der in der Broschüre behandelten Themen wird übrigens bei der diesjährigen baf-Jahrestagung, „Sei freundlich zu deinem Leib, ....damit deine Seele Lust hat darin zu wohnen”, behandelt.

Anregend war, dass das Diskussionspapier versucht, allen Mitgliedern des Verbandes gerecht zu werden und insofern die Vielfältigkeit von Frauenleben in unserer heutigen Gesellschaft wirklich ernst nimmt. Die „existierenden Spannungen zwischen dem Leitbild Ehe und der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ kommen darin ebenso zur Sprache wie der Aufruf an die eigene Adresse, in Kirche und Gesellschaft für bessere Rahmenbedingungen eintreten zu wollen, „die ein gelingendes Zusammenleben in allen Familienformen ermöglichen und fördern“, oder die Aufforderung an sich selbst, „Raum für Gespräch und vorurteilsfreie Diskussion mit Lesben und Schwulen“ zu schaffen.


Es kommt bisweilen einem Spagat gleich, mit dem der Wunsch, den Lebenswirklichkeiten von Frauen gerecht zu werden, und amtskirchliche Positionierungen in der Broschüre miteinander verbunden werden. Die Spannungen werden dabei nicht unter den Tisch gekehrt. Mutig und selbstbewusst bringt die kfd seine Wahrnehmungen und Erfahrungen ein, aus dem Bewusstsein heraus, als Mitglieder des Volkes Gottes in der eigenen Kirche Mitverantwortung zu tragen und dabei besonders den Erfahrungen von Frauen eine Stimme zu verleihen.

Das Hearing war eine ausgezeichnete Gelegenheit, voneinander zu hören, wie an ganz unterschiedlichen „Baustellen“ und in verschiedenen Kirchen zu wichtigen, (nicht nur) Frauen betreffende Themen gearbeitet wird, mit dem Ziel, in die Kirchen und die Gesellschaft hinein zu wirken und Umdenk- und Veränderungsprozesse zu stimulieren.


Angela Berlis & Mariette Kraus-Vobbe