Ein Ort der Erinnerung

Vor 800 Jahren wurde das Zisterzienserinnenkloster Port-Royal des Champs gegründet

Etwas versteckt liegen sie da, die Ruinen des Zisterzienserinnenklosters Port-Royal, in der Nähe von Versailles, ungefähr 20 Kilometer außerhalb von Paris, im Tal der Chevreuse. Lediglich der Taubenturm blieb von der Zerstörung durch die Truppen des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Anfang des 18. Jahrhunderts verschont. Zuerst war die Abtei aufgehoben und die Nonnen im Jahr 1709 auf andere Klöster verteilt worden. Danach wurde 1710 das Kloster niedergerissen. Nach der Schändung des Klosterfriedhofs (1711) wurden die Gebeine auf dem Friedhof von St. Lambert, einem wenige Kilometer entfernt liegenden Dorf, neu begraben, die Grabsteine in die Kirche St. Germain in Magny überbracht. Alles wurde damals getan, um zu verhindern, dass Port-Royal zu einer Pilgerstätte würde. Doch die Geschichte konnte nicht ungeschrieben gemacht werden und so kommt es, dass Port-Royal bis auf den heutigen Tag ein wichtiger Name und Erinnerungsort der französischen Kulturgeschichte bleibt. Dies liegt nicht zuletzt an der pädagogischen Ausstrahlungskraft der „Kleinen Schulen“, daran, dass so bedeutende Namen wie Arnauld, Pascal und Racine mit der Geschichte des Klosters verbunden sind, und schließlich daran, dass die Solitaires – Männer, die in der „Wüste“ von Port-Royal ein zurückgezogenes Leben von Studium und Gebet nach der eremetischen Tradition der frühen Kirche führten – wichtige theologie- und kulturgeschichtliche Beiträge verfassten, u.a. die bis heute einzige wirklich literarische Übersetzung der Bibel ins Französische.

Ein Kolloquium

Anlässlich der 800-Jahrfeier der Gründung des Klosters veranstaltete die Gesellschaft der Freunde von Port-Royal (gegründet 1913) am 16. und 17. September ein zweitägiges Kolloquium, an dem namhafte Wissenschaftler und junge Forscher insgesamt 23 Vorträge hielten. Die Konferenz fand in einer Scheune statt – der einzigen, die noch aus der Zeit stammt, als sich hier das im 17. Jahrhundert 150 Hektar große Landgut der Nonnen mit den Scheunen („les granges“) befand. Heute liegt auf diesem Gelände das Nationalmuseum der Granges von Port-Royal.

Beim Kolloquium wurden vier Bereiche behandelt: erstens Untersuchungen zur religiösen Geschichte, u.a. zur Ordensregel, zur Autorität der Äbtissinnen und zur Tagzeitenliturgie, wie sie in Port-Royal gefeiert wurde; zweitens Vorträge über die intellektuelle und künstlerische Ausstrahlungskraft des Klosters (durch die Erziehung in den sog. „Kleinen Schulen“ von Port-Royal sowie durch die Arbeit der Solitaires); drittens Verhandlungen zu materiellen Fragen wie der Wahl des Klosterstandortes inmitten eines Sumpfgebietes, dem Waldbestand und dem Grundbesitz des Klosters; und viertens der Bezug zur heutigen Wahrnehmung des Klosters, etwa in der modernen französischen Literatur. Die Beiträge werden in den seit 1950 jährlich erscheinenden „Chroniques de Port-Royal“ erscheinen. Im Folgenden seien deshalb lediglich ein paar Vorträge besonders hervorgehoben.

Die vier Geburten von Port-Royal

In seiner Einführung sprach der renommierte Pascal-Forscher und emeritierte Professor der Sorbonne, Jean Mesnard, von vier Geburten Port-Royals. Die erste, die „klösterliche Geburt“, geschah, als Mathilde de Garlande 1204 eine Priorei nach der benediktinischen Regel gründete (erst 1225 wurde das Kloster zisterziensisch) und das Kloster nicht zuletzt durch königliche Schenkungen an Bedeutung gewann. Der Name rührt von „Porrois» (lateinisch „porregius“ = ein sumpfiger Ort) her und bezeichnet das sumpfige Gelände, auf dem das Kloster erbaut wurde. Die Verschönerung des Namens in „Port-Royal“ (königlicher Hafen) mag auch mit der Nähe zum französischen Königshaus zusammenhängen. Die zweite, „tridentinische Geburt“ erfolgte mit der Reform des Klosters durch Mère Angélique Arnauld und der damit einhergehenden Rückkehr zum Ursprung. Symbolisch für diese „Renaissance“ oder Neugeburt ist die „journée du guichet“ (Tag der Luke). An diesem 25. September 1609 führte Mère Angélique nach einer mystischen Erfahrung im Einvernehmen mit den Schwestern die Klausur, die Ordensregel und die Ordenstracht im lange Zeit sehr verweltlichten Kloster wieder ein (siehe zu ihr: Christen heute 2000, S. 34). Infolge dieser Reform gewann Port-Royal großen Einfluss auf andere Klöster und gründete 1625 in Paris ein Tochterkloster (Port-Royal de Paris). Die dritte, die „lehrmäßige Geburt“ („naissance doctrinale“) verknüpfte Mesnard mit dem Aufblühen des Mutterklosters infolge der Reform und der Tochtergründung in Paris: Die einsame Abgeschiedenheit des klösterlichen Lebens auf dem Land erhält nun ein Pendant, das in das damals sehr lebendige religiöse Klima der Stadt eingewurzelt wird. Die beiden leiblichen Schwestern Mère Angélique und Mère Agnes Arnauld stehen für die zwei Arten von Spiritualität, die eine für die mehr mystische, die andere für eine mehr praktische Spiritualität. Außer diesem spirituellen Gesichtspunkt nannte Mesnard auch den theologischen Aspekt, der später zum port-royalistischen Augustinismus („Jansenismus“) führt.

Als viertes nannte Mesnard die „moderne“ oder „weltliche Geburt“, die er mit den Solitaires und den kleinen Schulen von Port-Royal in Verbindung brachte. Diese Entwicklung von der Theologie zu Philosophie und Literaturwissenschaft und zu einer am Humanismus ausgerichteten Kultur, in der die Einsamkeit als menschliches Ideal angesehen wird, stellt die Brücke zur Moderne her. Die Botschaft von Port-Royal ist modern. Sie lautet Mesnard zufolge: Gewissen, Wahrheit, Spiritualität und Authentizität.

Blütezeit im 17. Jahrhundert

Die meisten Beiträge des Kolloquiums kreisten um die bedeutende Zeit des Klosters im 17. Jahrhundert. Dabei kamen Detailfragen zur Sprache, wie etwa im Vortrag der Nanzigerin Patricia Touboul die Erziehung in den kleinen Schulen von Port-Royal, die vor allem von Jacqueline Pascal, der Schwester Blaise Pascals, beeinflusst war. Die Erziehung war einerseits geprägt von Frömmigkeit und Strenge, zum anderen aber auch davon, dass hier das Kind nicht als kleiner Erwachsener, sondern als Kind und – im Gegensatz zu damals recht gängigen Auffassungen, die Kinder als Missgestalten ansahen – als wohlgeformtes Wesen wahrgenommen wurde. Ein anderer junger Doktorand, Simon Icard aus Paris, ging auf die Solitaires ein, die sich ab 1637 im Umland des Klosters ansiedelten. Sie richteten ihr Leben in der Einsamkeit der Granges am hl. Bernhard von Clairvaux und den Wüstenvätern als religiösen Vorbildern aus.

Interessant waren auch die Ausführungen über die Wälder und den Grundbesitz des Klosters, das auf der Ile de France an neunter Stelle unter den reichsten Besitzern stand. Während das Kloster in der Anfangszeit von Königen reich beschenkt wurde, erwies sich seine geographische Nähe zu Versailles im 17. Jahrhundert zunehmend als Nachteil: Denn der König brauchte so viel Wasser für seinen Prunkbau und dessen Bewohner, dass er es vom Besitz des Klosters abzapfte. Ab den vierziger Jahren des 17. Jahrhunderts wurde das Kloster in den kirchenpolitischen Streit um den von Jansenius verfassten „Augustinus“ (erschienen 1640) verwickelt. Jansenius, Bischof von Ypern, war befreundet mit dem Abt von St. Cyran, der in den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts Beichtvater der Nonnen geworden war. Das Kloster und ihm Nahestehende wie Antoine Arnauld und Blaise Pascal setzten sich für die Verteidigung des „Augustinus“ ein. Port-Royal wurde zu einem Zentrum der Anhänger des Jansenius. Die Geschichte der folgenden Jahrzehnte kann hier nicht erzählt werden: Sie ist geprägt vom politischen und kirchenpolitischen Zerren um den „Jansenismus“ (ein Begriff, der von den Gegnern erfunden wurde), zwischen Papst und König, mächtigen Beschützern und Gegenspielern des Klosters. Mutterkloster und Pariser Tochtergründung nahmen im Streit nicht immer die gleiche Stellung ein: Die Nonnen in Paris waren gewillt, ein päpstliches Formular zu unterzeichnen, mit dem fünf Sätze aus dem „Augustinus“ verurteilt wurden, während die Nonnen in Port-Royal des Champs die Unterschrift verweigerten. Wie die emeritierte Professorin der Universität Princeton, Ellen Weaver-Laporte, darlegte, hatte dies zur Folge, dass bei der Trennung der beiden Klöster im Jahr 1669 Port-Royal de Paris den größten Teil des Besitzes erhielt, während das Mutterkloster, obwohl hier viel mehr Nonnen wohnten, mit einem weitaus geringerem Teil vorlieb nehmen musste.

Religion in Frankreich und die Poesie der Ruinen

Samy Ben Messaoud aus Lyon, der zur Geschichte der Presse forscht, ging darauf ein, wie die Zerstörung von Port-Royal im Jahr 1710 in der Presse des Ancien Regime dargestellt wurde. Während die französischen Zeitungen, bedingt durch die Zensur, einseitig und äußerst zurückhaltend berichteten, wurde in der Den Haager und Amsterdamer Presse kein Blatt vor den Mund genommen und u.a. auf den Einfluss der Jesuiten als Gegenspieler der „Jansenisten“ hingewiesen.

Die Verbindungen zwischen Port-Royal und vieler „Jansenisten“ zur Kirche von Utrecht wurde beim Kolloquium nicht thematisiert. Viele flüchteten vor der Verfolgung in Frankreich und fanden hier eine Zufluchtsstätte, der berühmteste war wohl der Theologe Antoine Arnauld, der 1680 hierher flüchtete. In den Niederlanden sollte der vom Papst geäußerte Vorwurf des Jansenismus gegen die Kirche von Utrecht einer der Hintergründe für das Schisma zwischen Rom und Utrecht im Jahr 1723 sein.

Solche theologiegeschichtlichen oder theologische Fragestellungen blieben beim Kolloquium weitgehend außer Betracht oder wurden aus rein historischem Blickwinkel betrachtet – auch ein Hinweis darauf, dass im säkularisierten Frankreich derartige Fragen nur wenig interessieren bzw. mit anderen Herangehensweisen, etwa literaturgeschichtlicher Art, verbunden werden. So widmete sich ein Vortrag der Art und Weise, wie Port-Royal im modernen französischen Roman dargestellt wird: stark romantisiert (es ist immer schönes Wetter), als Gegenbild zu einer „germanité“ (Brutalität), immer als etwas Positives und – weil oft vor allem die Solitaires oder Racine in den Blick kommen – zugleich als sehr männlich.

Wer anlässlich der 800-Jahrfeier einen Festgottesdienst erwartet hatte, wurde enttäuscht. Ausländischen Gästen mag dies befremdlich scheinen, aber es hängt mit der Situation der Theologie in Frankreich zusammen, die hier unter die Religionswissenschaften fällt, jedoch nicht die gleichen Möglichkeiten wie diese hat, sich in der Öffentlichkeit und in den Medien zu präsentieren, da sie sofort der Proselytenmacherei verdächtigt wird. Religion wird in der französischen Gesellschaft eine Randposition zugewiesen. Infolge der radikalen Trennung von Kirche und Staat („laïcité“) wird es als Aufgabe des öffentlichen Lebens angesehen, die Vielfalt der Religionen zu gewährleisten und darauf zu achten, dass keine Religion Vorrang vor einer anderen erhält. De facto wird die religiöse und spirituelle Dimension damit zur reinen Privatsache gemacht und werden religiöse Fragen in der Wissenschaft und im universitären Diskurs ausgegrenzt. Im Allgemeinen herrscht in Frankreich ein außerordentlich antiklerikales und der Theologie gegenüber misstrauisches Klima. Wir haben es in Frankreich mit einer Gesellschaft zu tun, die die Ideologie des „Miteinander“ und der Integration so stark entwickelt hat, dass sie sich schwer tut, der Verschiedenheit und insofern auch der religiösen Dimension einen Platz einzuräumen.

Port-Royal ist ein „lieu de mémoire“, ein Ort der Erinnerung und des Erinnerns. Das einstige klösterliche Schweigen hat der Stille der Ruinen Platz gemacht, die in den letzten Jahrhunderten bis heute viele angesprochen und angezogen hat. Ein Vortragender sprach von der „Poesie der Ruinen“, eine andere davon, dass diese Ruinen die heilige Erinnerung ansprechen und stimulieren. Aus solchen Aussagen, aufgefangen beim Kolloquium, spricht doch ein, wenn auch vages, religiöses Gefühl.

Auch für uns Alt-Katholiken ist Port-Royal ein Ort der Erinnerung, der einen Besuch wert ist. So war es denn auch gut, dass drei Alt-Katholikinnen und ein Alt-Katholik (Mag. Lidwien van Buuren, Dr. Dick Schoon, Annick Yaiche und Dr. Angela Berlis) an diesem Kolloquium teilgenommen haben. Durch unsere Anwesenheit und die Gespräche, die wir bei Tisch oder in den Pausen in der warmen Sonne geführt haben, haben wir deutlich gemacht, dass hier in Port-Royal auch eine unserer geistlichen Wurzeln liegt. Die von Jean Mesnard genannten Elemente der Botschaft von Port-Royal – Gewissen, Wahrheit, Spiritualität und Authentizität – sind bis heute die wesentlichen Grundpfeiler des Altkatholizismus.

Begegnungszentrum und Wörterbuch

Im Augenblick wird viel über die spirituellen Wurzeln Europas gesprochen. Dazu gehört auch die monastische Tradition, die sich in vielen Ordensgründungen entfaltet hat. Um den Erhalt dieses Kulturerbes zu gewährleisten, werden Anfang nächsten Jahres die Granges und das Grundstück, auf dem die Klosterruinen liegen (es war bisher in Privatbesitz), zusammengefügt und dem französischen Staat übertragen. Mehr als bisher soll dadurch Port-Royal zu einem Begegnungs- und spirituellen Zentrum werden, wie die Museumsdirektorin Véronique Alemany zu Beginn des Kolloquiums betonte.

Doch lebt das Erbe nicht nur in den Ruinen fort, sondern auch in der Erinnerung an die Menschen, die hier oder im Bannkreis Port-Royals lebten, und an das, was sie taten und schrieben. Um diese Erinnerung wachzuhalten, ist pünktlich zum Jubiläum ein sehr umfangreiches, fast 1200 Seiten zählendes „Dictionnaire de Port-Royal“ erschienen.

Angela Berlis & Annick Yaiche