Albertus Magnus


Das Leben des Dominikaners Albertus Magnus umfasst den größten Teil des 13. Jahrhunderts. Diese Zeit war geprägt von immensen religiösen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Umbrüchen. Als er um das Jahr 1200 geboren wurde, regierte Papst Innozenz III. die Kirche des Westens. Mit ihm erreichte das Papsttum seine größte politische Macht. Im damals heftig geführten Kampf der Päpste mit den Staufer-Kaisern um die Vormachtstellung im christlichen Abendland siegte zwar das Papsttum, aber es verlor an Ansehen und geistlicher Kompetenz.


Das 13. Jahrhundert war in Deutschland wesentlich geprägt durch Städtegründungen. Hier bestand ein großer Nachholbedarf, denn in Frankreich, Italien und England war die Urbanisierung bereits im 12. Jahrhundert weit fortgeschritten. Deutschland war, wie ein Historiker feststellte, selbst nach mittelalterlichen Maßstäben um 1200 ein zurückgebliebenes Land. Dies änderte sich während eines Jahrhunderts grundlegend. Die Städte, und mit ihnen das Bürgertum, nahmen an Bedeutung und Einfluss zu. Auch die geradezu explosionsartige Ausbreitung der Dominikaner und Franziskaner, die im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts gegründet wurden und ihre wichtigsten Klöster in den Städten hatten, wäre ohne das aufstrebende Bürgertum nicht möglich gewesen.


In der Wissenschaft schließlich, und hier besonders in Theologie und Philosophie, kam es durch die Begegnung mit der Lehre des Aristoteles zu einer Revolution des Denkens, die das Arbeiten an den Universitäten entschieden veränderte und noch lange nachwirken sollte.


Leben


Albert wurde um das Jahr 1200 in Lauingen an der Donau geboren, einem kleinen Städtchen, zwischen Ulm und Dillingen gelegen. Er stammte aus einer ritterlichen, heute würden wir sagen: Offiziersfamilie. Der Widerstand gegen seinen späteren Eintritt in den Dominikanerorden lässt erkennen, dass man auch von ihm eine militärische Laufbahn erwartete.


Als junger Mann wurde er nach Padua geschickt, um dort an der im Entstehen begriffenen Universität die sogenannten „artes liberales“, die „freien Künste“ zu studieren. Dieses Studium war so etwas wie eine akademische Grundausbildung, die alle Studierenden absolvieren mussten, bevor sie sich dann in einem zweiten Studienabschnitt spezialisierten.


Im Sommer 1223 kam Jordan von Sachsen nach Padua. Er war der unmittelbare Nachfolger des Gründers des Ordens der Predigerbrüder, Dominikus von Guzman, nachdem der Orden seinen populären Namen „Dominikaner“ erhielt. Jordan hoffte, durch seine Predigt Studenten für den Orden zu gewinnen. Nach kurzer Zeit schon baten zehn Studenten um die Aufnahme. Albert war einer von ihnen.


Bei seinem Eintritt gab es noch keine deutsche Ordensprovinz, lediglich zwei Klöster in Friesach in Kärnten, 1219 gegründet, und in Köln, wohin 1220 die ersten Brüder kamen. Albert wurde nach Köln geschickt, um dort sein Noviziat zu machen und anschließend Theologie zu studieren. Zur damaligen Zeit gab es in jedem Konvent der Dominikaner einen Lektor der Theologie, der die Verantwortung für die theologische Aus- und Weiterbildung innehatte. Er war nach dem Prior, dem Leiter der Gemeinschaft, der wichtigste Mann der klösterlichen Gemeinschaft. Bereits 1228 war Albert selbst Lektor geworden. In dieser Eigenschaft wirkte er in verschiedenen Dominikanerklöstern, zuerst in Köln, danach in Hildesheim, Freiberg in Sachsen, Regensburg und Straßburg, von wo aus er 1243/44 nach Paris berufen wurde.


In diesen zwanzig Ordensjahren als theologischer Lehrer schrieb er auch seine ersten Werke, wie z.B. eine Abhandlung über die Natur („De natura boni“), in der er ausdrücklich zehn Werke des Aristoteles zitierte, was in Paris, dem damaligen Zentrum der Theologie, immer noch streng verboten war. Neben Philosophie und Theologie galt sein besonderes Interesse schon damals naturwissenschaftlichen Fragen, und er war sehr darauf bedacht, den Naturphänomenen, denen er begegnete, auf den Grund zu gehen.


In der eigenen Ordensprovinz wegen seiner herausragenden Fähigkeiten hochgeschätzt, wurde Albert, als erster deutscher Dominikaner überhaupt, zum Weiterstudium nach Paris geschickt. Hier wurde er 1245 zum Magister der Theologie promoviert und erhielt einen der drei Lehrstühle, die den Dominikanern und Franziskanern zur Verfügung standen. Als Magister hatte er genau festgelegte Verpflichtungen zu erfüllen: Er musste über das Werk eines anerkannten Theologen Vorlesungen halten, bei öffentlichen Disputationen den Vorsitz führen und an bestimmten Tagen der akademischen Gemeinschaft predigen. Einer seiner Schüler in Paris war Thomas von Aquin, der ihm elf Jahre später auf dem Lehrstuhl folgen sollte.


Das zu Pfingsten 1248 in Paris tagende Generalkapitel beschloss, in vier weiteren Provinzen des sich rasch über ganz Europa ausbreitenden Dominikanerordens theologische Hochschulen einzurichten, um den Ordensnachwuchs vernünftig und im Sinne des Ordensideals ausbilden zu können: in Montpellier, Bologna, Oxford und Köln. Dies erklärt, warum Albert nach dreijähriger Lehrtätigkeit in Paris nach Köln geschickt wurde. Er sollte hier die Hochschule der Dominikaner aufbauen und leiten. So reiste er im Sommer 1248 zusammen mit Thomas von Aquin und einigen anderen Brüdern zu Fuß von Paris nach Köln, wo er bis 1254 wirkte. In diesem Jahr wählten ihn seine Mitbrüder zum Provinzial der deutschen Ordensprovinz „Teutonia“, die damals 36 Männer- und über 20 Schwesternkonvente umfasste. Während der drei Jahre seines Pro-vinzialates visitierte er alle Häuser seiner Provinz – zu Fuß selbstverständlich. Bei diesen Reisen hatte er die Gewohnheit, unmittelbar nach der Ankunft im Konvent und nachdem er Gott in der Kirche für eine glückliche Reise gedankt hatte, zunächst die Bibliothek aufzusuchen, um festzustellen, ob dort Bücher waren, die er noch nicht kannte. Oft schrieb er dann bis tief in die Nacht umfangreiche Stellen ab, die ihn interessierten und die er glaubte, später verwenden zu können. Nach drei Jahren erlaubte ihm das Generalkapitel des Ordens, sein Amt niederzulegen. Albert kehrte nach Köln zurück, um dort wieder die Stelle des Lektors einzunehmen.


Im Januar des Jahres 1260 erhielt er Nachricht von seiner Ernennung zum Bischof von Regensburg. Albert nahm dieses Amt trotz des entschiedenen Widerstandes seines Ordensgenerals an, der darin eine Aushöhlung des Ordensideals sah. Über die Gründe, die Albert bewogen, trotz des entschiedenen Neins seines Ordensvorgesetzten dennoch dem Wunsch des Papstes zu entsprechen und das Bischofsamt zu übernehmen, ist viel spekuliert worden. Sicher muss man zu Ehren Alberts sagen, dass er es nicht aus Karrieregründen tat, sondern um in der äußerst schwierigen Situation von Kirche und Reich in der damaligen Zeit einen Beitrag zur Versöhnung und zur Reform der Kirche zu leisten. Von daher ist es konsequent, dass er schon zwei Jahre später zurücktrat, um einem anderen Platz zu machen, der seine Reformen weiterführte. So konnte er sich wieder seinen eigentlichen Aufgaben widmen.


In den Jahren 1264 bis 1267 finden wir ihn im Dominikanerkonvent Würzburg, wo sein leiblicher Bruder Heinrich lebte. Hier begann er mit seinem Kommentar der Metaphysik des Aristoteles. 1269 war Albert in Strassburg, um dort auf Bitten des Papstes in einem Streit zwischen Bischof und Stadt zu vermitteln. Er hatte dies schon mehrfach an anderen Orten mit großem Erfolg getan. Von 1269 bis zu seinem Tod lebte er dann als „lector emeritus“ in Köln. Hier schrieb er weiter an seinen umfangreichen Werken, wurde aber immer wieder gebeten, Kirchen, Altäre oder Frauenklöster zu weihen. Er beklagte sich oft darüber, dass solche Aufgaben als Bischof ihm zu wenig Zeit für das Studium und das Beten lassen würden. Albert starb am 15. November 1280 im Kreise seiner Mitbrüder in Köln. Sein Grab befindet sich in der Krypta der Kirche St. Andreas, unweit des Kölner Doms, wo Brüder des Dominikanerordens bis heute sein Gedächtnis lebendig halten.


Wissenschaftliche Bedeutung


Albert war zuerst und mit ganzer Seele Theologe. Aber als solcher war er sicher für seine Zeit von einer geradezu revolutionären Weite. Er hatte keine Scheu, über die von der Kirche damals gesetzten Grenzen hinwegzudenken und seine Gedanken dann auch noch zu veröffentlichen. Dies macht sein Engagement für die Aufnahme der Ideen des griechischen Philosophen Aristoteles in die Philosophie und die Theologie besonders deutlich. Albert gilt nicht zu Unrecht als ein Mitbegründer des mittelalterlichen Aristotelismus. Er wollte den Intellektuellen des Westens die Lehre des Aristoteles verständlich machen und stand dabei mitten im Ringen um die Vereinbarkeit dieses philosophischen Weltbildes mit dem traditionell kirchlichen. Ganz bewusst setzte er sich über die damals herrschenden Verbote hinweg, die bestimmt waren von der Angst eines Identitätsverlustes der Christenheit, weil die zur Verfügung stehenden Texte Übersetzungen islamischer Araber waren, die natürlich den Philosophen mit ihrer Brille lasen. Albert hatte diese Angst nicht.


Es wurde schon festgestellt, dass Albert sich sehr früh auch mit Fragen der Naturwissenschaft beschäftigte. Er brachte es dabei zu einem für den Kenntnisstand seiner Zeit universalen Wissen. Aber diese Kenntnis der Naturzusammenhänge hatte für Albert stets auch einen theologischen Hintergrund. Naturerkenntnis bedeutete für ihn das Buchstabieren eines Buches, das Gott selbst zum Verfasser hat: das Buch der Schöpfung. Die Welt, so wie sie vorfindbar ist und erforscht werden kann, faszinierte Albert. Aber er verstand sie nie als eine Konkurrenz zu Gott, sondern sie führte – im Gegenteil – immer näher zu dem hin, den er als den Schöpfer allen Seins erkannte und anerkannte. So sah er dann auch in der Beschäftigung mit den „Niederungen“ der Welt keine Abkehr von Gott, sondern eine Hinkehr zum Schöpfer. Dass ihm die Nachwelt für diese wissenschaftliche Weite und sein enormes Wissen den Ehrentitel „Doctor universalis“ gab, war deshalb nicht unbegründet.


Albert hat, und das macht ihn sicher auch für unsere Zeit noch beispielhaft, seine unermüdlichen Kräfte stets dem Streben nach Wahrheit gewidmet. Und er hat dabei nachdrücklich betont, dass die naturwissenschaftliche Wahrheit, heute würden wir vielleicht sagen die empirischen Wissenschaften, und die philosophische Wahrheit für eine gesunde Theologie, die für ihn „die Wissenschaft von der besonderen Offenbarung Gottes an die Menschen“ bedeutet, unentbehrlich ist.


Günter Eßer


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