Am Leib Christi teilhaben, der Leib Christi werden


Zu den regelmäßigen Begegnungen innerhalb unserer alt-katholischen Kirche und zwischen den Kirchen der Utrechter Union gehört die Internationale Alt-Katholische Theologenkonferenz. In der Zeit vom 25. bis zum 30. August dieses Jahres fanden sich im holländischen Elspeet, Kreis Apeldoorn, fast fünfzig Teilnehmer und Teilnehmerinnen zur 38. Internationalen Theologenkonferenz ein, darunter vier aus Deutschland. Leider war aus Polen und Tschechien – wohl aus Kostengründen – niemand erschienen. Unter dem Thema „Eucharistie und Kirchengemeinschaft. Bilaterale Abkommen und ihre Auswirkungen auf multilaterale kirchliche Beziehungen“ kam man zusammen, um zu beten, zu hören und zu diskutieren, letzteres zunächst in vier Arbeitsgruppen, dann in der Gesamtversammlung. Grundlage der Gespräche waren drei Referate.


Sakrament und Wort der Bibel in der alt-katholischen Lehre von der Eucharistie


Als erster referierte der Bischof von Haarlem, Dr. Bert Wirix, das alt-katholische Eucharistieverständnis in der historischen Entwicklung und den gegenwärtigen Stand. Dabei stellt er u.a. das Gewicht des Schriftwortes neben dem Mahl in der Eucharistiefeier als ein Basisprinzip heraus, ja er spricht vom sakramentalen Charakter des Wortes. Was bedeutet dies für die kirchliche Einheit?


Es ist davon auszugehen, dass zwischen dem Leib Christi in der Eucharistie und der Kirche, die im analogen Sinn Leib Christi ist, eine Beziehung besteht. Die gemeinsame Feier der Eucharistie begründet Kirchengemeinschaft, obwohl nicht in einem Automatismus und ohne mühevolle Mitwirkung des Christen. Aus der Betonung des Schriftwortes in der Eucharistie ließe sich die Folgerung ziehen (wenngleich Bischof Wirix diese nicht ausdrücklich vorgenommen hat), dass eine gewisse Kirchengemeinschaft schon zwischen allen christlichen Kirchen aufgrund des gemeinsamen Besitzes der Hl. Schrift besteht.

Eine solche Auffassung würde einen abgestuften Begriff von Kirchengemeinschaft voraussetzen.

Das anglikanische Kirchen- und Eucharistieverständnis


Mit der Vorstellung einer abgestuften Kirchengemeinschaft arbeiten besonders anglikanische Theologen. In diese Aussage mündete der Vortrag von Dr. Paul Avis, Generalsekretär des Rates für die Einheit der Christen der Kirche von England. Nach einem historischen Teil referierte er die neuere anglikanische Diskussion, die vor allem durch eine Stellungnahme der römisch-katholischen Bischöfe von Britannien und Irland herausgefordert wurde, die1998 unter dem Titel „One Bread One Body“ (Ein Laib – ein Leib) veröffentlicht worden war. Die Anglikaner betonen in einer Antwort auf dieses Schreiben, dass weder die wirkliche Gegenwart Christi in der Eucharistie noch deren Opfercharakter strittig seien, vorausgesetzt sie dürften diese Lehren in einer Art und Weise ausdrücken, wie es ihrer eigenen „Tradition, Sprache und Konzeption“ entspreche. Sie verwahren sich jedoch dagegen, dass die anglikanischen Kirchen in dem römisch-katholischen Papier zu solchen „kirchlichen Gemeinschaften“ gezählt würden, die aus der Reformation entstanden seien. Obwohl wesentlich von der Reformation geprägt, führe die Kirche von England ihren Ursprung auf die Anfänge des Christentums in England zurück. Sie stehe somit in ununterbrochener Nachfolge der Kirche der Apostel und der Väter und sei somit Teil der „Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche“. Ferner verwahrten sich die Anglikaner gegen die Unterstellung, ihre Ämter und somit ihre Eucharistiefeiern seien defizitär.

Andererseits sehe man die Möglichkeit einer Eucharistiegemeinschaft auch mit Kirchen, zu denen keine vollständige Einheit bestehe. Diese Einschätzung wird möglich durch das Konzept einer Differenzierung zwischen Kirchen mit einem dreistufigen Amt in historischer Sukzession, das für die volle sichtbare Einheit der Kirche notwendig sei, und anderen Kirchen, die dies nicht hätten, denen aber nicht abgesprochen werde, dass sie „authentisch“ Kirche seien. Für Paul Avis folgt daraus: „Wenn es verschiedene Grade kirchlicher Gemeinschaft gibt, sollte es auch Grade gemeinsamer Feiern der Eucharistie geben.“ Unter den verschiedenen Graden der gemeinsamen Feier versteht er Feiern „in einem angemessenen Ausmaß“.


Keiner der Referenten hat den Untertitel des Konferenzthemas aufgegriffen: Was bedeuten Abmachungen zwischen zwei Kirchen für die Vereinbarungen, die bereits mit dieser und jener Kirche getroffen worden sind? In der Kirche von England fanden in diesem Jahr Verhandlungen und Abkommen mit den Methodisten statt. Sie waren im 18. Jahrhundert eine Erweckungsbewegung innerhalb der Kirche von England und haben sich ziemlich rasch von der Mutterkirche getrennt. Im Amtsverständnis unterscheiden sie sich von den Anglikanern beträchtlich. Die neuerlichen Verhandlungen mit den Methodisten sind Verständigungsversuche zum Zwecke der Heimholung. Was folgt daraus für die bestehenden Vereinbarungen der Anglikaner mit anderen Kirchen? Auf Nachfrage erläuterte Paul Avis die Abmachungen mit den Methodisten als Verträge zur Zusammenarbeit auf diakonischem und organisatorischem Gebiet und noch nicht zur eucharistischen Gemeinschaft.


Das Abendmahl nach lutherischen Sichtungen und besonders schwedischer Sichtweise


In traditionell enger Verbundenheit mit den anglikanischen Kirchen und – seit 1920/22 – auch in vereinbarter Abendmahlsgemeinschaft steht die Schwedische Kirche. Obwohl sie in der Reformationszeit nach Wittenberg orientiert war, trägt die Schwedische Kirche die Bezeichnung lutherisch nicht in ihrem Namen. Das sagte Professor Dr. Sven-Erik Brodd von der Universität Uppsala in seinem Vortrag „Eucharistische Theologien im Luthertum. Ekklesiologische und sakramentaltheologische Perspektiven“. Wie die Mehrzahl im Titel bereits vermuten lässt, gibt es die Lutherische Kirche und somit eine Theologie der Eucharistie nicht. So unterschiede sich die Theologie etwa in Deutschland und Norwegen auf der einen und in Schweden auf der anderen Seite beträchtlich. Wie die Theologie jeweils aussehe, ließe sich am besten an der jeweiligen Frömmigkeitspraxis ablesen. Sie hinge selbstverständlich von der je verschiedenen Weichenstellung in der Reformationszeit, aber auch von der je verschiedenen Beeinflussung durch den von der Aufklärung geprägten Protestantismus des 19. Jahrhunderts ab. Sodann hätten auch ökumenische Dialoge eine Rückwirkung auf die je eigene Position. Die Verschiedenheit sei so groß, dass theologische Dialoge und Abmachungen mit dem Lutherischen Weltbund, einem organisatorischen Zusammenschluss lutherischer Kirchen, problematisch seien und vielfach zweiseitige nationale Gespräche als fruchtbarer erschienen.

Die Verschiedenheit ist vor allem darin begründet, dass dem Moment der Inkarnation Gottes in der theologischen Lehre von der Kirche zur Refor-mationszeit verschiedentlich keine Bedeutung beigemessen wurde, so dass sich die wahre Kirche „in die Unsichtbarkeit verflüchtige“. So wird unterschieden zwischen der Kirche im eigentlichen Sinn, die „verborgen und unsichtbar“ ist, und der wahrnehmbaren Kirche, die dort vorhanden ist, wo das Evangelium recht verkündigt und die Sakramente recht verwaltet werden, die mithin im Ereignishaften gesehen wird. Professor Brodd verknüpfte damit die verschiedene Auffassung von der Dauer der Realpräsenz Christi in der Eucharistie: In den lutherischen Theologien, in denen die wahre Kirche als verborgen und unsichtbar konzipiert ist, besteht auch die Auffassung, dass die Realpräsenz mit dem Ereignis der heiligen Kommunion und mithin nach der Beendigung der Liturgie zu bestehen aufhört, also nicht mit den Elementen von Brot und Wein fest verbunden ist. Das Mahl wird so spiritualisiert. In der Schwedischen Kirche hingegen würden die übriggebliebenen Elemente aufgebraucht. Die Kirche von Schweden sei auch die einzige Kirche mit lutherischer Tradition, die Tabernakel in Kirchen oder Sakristeien kenne. Die Aufbewahrung der Gaben geschehe auch als Zeichen für die bleibende Präsenz Christi in der Welt.

Bereits im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts haben schwedische Theologen die Teilnahme an der Messe als wichtigste Art, das allgemeine Priestertum aller Gläubigen auszuüben, herausgestellt, wie Sven-Erik Brodd ausführte. Dabei stellten sie den Begriff der Teilhabe an der Kommunion gegenüber dem gebräuchlicheren des Empfangens heraus. Die Eucharistie bewirkt Teilhabe am Priestertum Christi. Nach der Taufe ist somit die Eucharistie auch Sakrament der Initiation, der Eingliederung in die königliche Priesterschaft. Diese Auffassung hat auch Folgen für den Opfercharakter der Messe: Wenn die Kirche als Priestertum in der Eucharistie an Christus teilhat, dann partizipiert sie auch an seinem hinreichenden Opfer an den Vater, d.h. an seiner vollkommenen Selbsthingabe. Darin sieht sich die Kirche von Schweden in der katholischen Tradition.

Als eine Kirche, die auch ihr Amt in der apostolischen Sukzession sieht, sollte sie nach Professor Brodd auch mit dem alt-katholischen Kirchen in vertiefte ökumenische Gespräche auf eine volle kirchliche Gemeinschaft hin eintreten.


Reichlich Gesprächsstoff


Die Ausführungen von Professor Brodd schienen im besonderen Maße eine Diskussionsgrundlage in den Arbeitsgruppen und im Plenum zu liefern. Die Ergebnisse, in sechs Thesen zusammengefasst, werden im Folgenden abgedruckt. Sie umgreifen auch die Praxis der eucharistischen Gastfreundschaft in den Kirchen der hier besprochenen Traditionen. Wenn der eigentlich Einladende in jeder Eucharistiefeier Christus ist, dann darf kein Getaufter, der den Empfang der eucharistischen Gaben begehrt, abgewiesen werden. Ist die Praxis auch richtig, so bleibt das Empfinden des Ungenügens. Haben wir es darin doch mit dem je Einzelnen aus einer anderen Kirche zu tun und nicht mit der jeweiligen Kirche als ganzer. Das meint die fünfte These mit der „Gefahr der Individualisierung“.

Der Vorläufigkeitscharakter der „eucharistischen Gastfreundschft“ muss uns bewusst bleiben, und die Praxis muss uns antreiben, auf die vollkommene Einheit hin zu arbeiten.


Klaus Rohmann


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