Worauf es ankommt: Werte als Wegweiser

Jahrestagung des Bundes Alt-Katholischer Frauen Deutschlands

Werte als Tagungsthema des baf - ein trockenes und langweiliges Thema? Dies war bestimmt nicht zu erwarten nach meinen mehrjährigen Erfahrungen und Erlebnissen bei dieser Tagung. Aber gibt es auch „alt-katholische Werte“? Ein Referat von Dr. Hans-Jürgen van der Minde deckte Überraschendes auf.

Werte - ein vielfältiges Thema

Das Programm der Tagung versprach wiederum Vielfältigkeit und so reiste ich - dieses Jahr als einzige Schweizerin - am 12. Oktober nach Neustadt an der Weinstrasse ins Herz-Jesu-Kloster, dem Tagungsort der baf-Tagung 2005. Der Vorstand des baf konnte 65 Frauen und zehn Kleinkinder im Alter von 1 bis 87 Jahren am Begrüßungsabend vorstellen, und ich entdeckte erfreut viele liebe, altbekannte und neue Gesichter unter den Anwesenden. Jeder Tag begann jeweils noch vor dem Frühstück mit der von den ausländischen Gästen gestalteten Morgenandacht; daran schlossen sich Referate an, unterbrochen von Gruppenarbeiten. Ins Thema „Meine Werte, deine Werte, unsere Werte“ führte Mariette Kraus-Vobbe am ersten Vormittag ein, am Nachmittag bearbeiteten wir in Arbeitskreisen verschiedene Aspekte wie Familienwerte, Frauensolidarität, Männer- und Frauenwerte, alte und neue Werte in Bezug auf Poesie und nicht zuletzt auch bei der biblischen Mutter Jesu, bei Maria. Letztere erzeugte bei den Gruppenteilnehmerinnen ganz verschiedene Reaktionen, geprägt durch die unterschiedlichen konfessionellen Hintergründe, je nachdem ob sie römisch-katholisch, alt-katholisch oder evangelisch waren. Die Zehn Gebote, deren historische und kulturelle Hintergründe sowie die Über- und Umsetzung in die heutige Zeit beleuchtete Heidi Herborn am nächsten Morgen. Die Vielfalt der angesprochenen Probleme ist enorm und gäbe noch Material her für manche Fortsetzungstagung!

Das elfte Gebot: Lachen, spielen, singen

Doch es wurde nicht nur ernsthaft gearbeitet, sondern auch herzhaft gelacht, gespielt und gesungen. Was „Jeux dramatique“ ist, darauf waren viele Frauen neugierig, welche zum ersten Mal bei baf waren, und sie waren wahrscheinlich sehr erleichtert, dass dieses Spiel nicht dramatisch-traurig, sondern ausgesprochen amüsant-lustig war! Und dass es ein elftes Gebot gibt, das erfuhren wir alle ausgiebig am Bunten Abend.

Der meditative Nachmittag mit Agape war für mich ein beeindruckender Gottesdienst. Mit Beten, Singen und Zuhören, mit meditativem Tanz und durch Teilen von Wein und Brot als Gaben der Schöpfung erfuhren wir die schöne Gemeinschaft unter uns und mit Gott.

Alt-Katholische Werte?

Am dritten Morgen begrüßten wir Frauen auch einen Mann, Herrn Dr. Hans-Jürgen van der Minde, der uns in - meiner Meinung nach - genialer Exegese mit biblischem Hintergrund alt-katholische Werte darzulegen vermochte.

Die Vielfalt der neutestamentlichen Theologie in den vier Evangelien und den Paulusbriefen widerspiegelt sich auch in der Vielgestaltigkeit der verschiedenen Konfessionen und Kirchen. So beruft sich die katholische Kirche auf das dreifache apostolische Amt als Struktur von Kirche, auf die Sukzession und auf die Bewahrung der Glaubenstradition, wie es im 1. und 2. Timotheusbrief dargestellt ist. Für die reformatorischen Kirchen ist die Rechtfertigungstheologie des Paulus maßgebend. Eine alt-katholische pastorale Ausrichtung sieht van der Minde im Johannes-Evangelium. Die Fülle von sozialen und theologischen Aspekten und Werten zeigte er anhand der Geschichte von der Begegnung von Jesus und der Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4,1-42) und weiterer biblischer Quellen.

1. Wert: Toleranz

Der Evangelist Johannes schrieb die Geschichte ca. 90 n.Chr., in einer Zeit, als der Konflikt zwischen den Samaritern und Judäern nicht mehr existierte, weshalb unter Joh 4,9b erklärt werden muss, dass „die Juden nämlich nicht mit den Samaritern verkehren“. Johannes zeigt in dieser Geschichte, wie Jesus mit seinem Gespräch mit einer Frau aus Samarien keine Berührungsängste hat, wie er unabhängig und tolerant auch mit Samaritern in Kontakt tritt.

2. Wert: Andere Frömmigkeitsformen nicht abwerten

Jesus wertet die traditionelle Frömmigkeitsform von „Gottes Anbetung auf diesem Berg“ (Joh 4,19) nicht ab, hebt aber auch nicht die heilige Stätte in Jerusalem hervor, sondern er offenbart das Wesentliche, die Anbetung Gottes im Herzen und im Geist (Joh 4,23).

3. Wert: Unkonventionalität

Im Johannes-Evangelium ist es für Jesus keine Besonderheit, Frauen als Adressatinnen seiner Botschaft anzusprechen (Maria und Marta, Maria Magdalena). Doch in der Geschichte von der Samariterin am Jakobsbrunnen wundern sich die Jünger, „dass er mit einer Frau sprach“ (Joh 4,27). Die Jünger repräsentieren hier andere (wahrscheinlich gemäß Timotheus-Briefen beschriebene) christliche Gruppen in der Zeit, als das Evangelium geschrieben wurde. Jesus begibt sich aber unkonventionell immer wieder in die Gesellschaft von Unreinen, Sündern - und auch Frauen.

4. Wert: Mut, zur eigenen Überzeugung zu stehen

Mit dem Johannes-Evangelium wird gezeigt, dass Frauen in johanneischen Gemeinden Aufgaben innehatten, was der Verfasser durch wiederholte Geschichten mit weiblichen Personen (Frau am Jakobsbrunnen, Maria und Marta, Maria Magdalena) darstellt. Eine Frau war nicht nur bei seiner Auferstehung (Joh 20), sondern auch in dieser Geschichte am Jakobsbrunnen Empfängerin seiner Botschaft (Joh 4,13) und wird beauftragt, diese weiter zu tragen. Sie tut dies mutig, denn sie stößt dabei auf Unglauben und Unverständnis der anderen, meist männlichen Adressaten.

5. Wert: Glaube auf Grund der persönlichen Entscheidung

Die Frau am Jakobsbrunnen berichtete den Dorfbewohnern von ihrem neuen Glauben: „Viele Samariter aus jenem Ort kamen zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin“ (Joh 4,39), doch „noch viel mehr Leute kamen zum Glauben an ihn auf Grund seiner eigenen Worte“ (Joh 4,41). Auch wir sind auf Vermittler der Frohen Botschaft angewiesen, doch eine persönliche Entscheidung muss jeder und jede selbst treffen.

6. Wert: Jede und jeder Einzelne ist entscheidungsfähig

Jesus spricht im Johannes-Evangelium immer wieder einzelne Menschen an, zum Beispiel Nikodemus, Frau am Jakobsbrunnen, Maria und Marta, Maria Magdalena. Als getaufte und gefirmte Christen, welche den Heiligen Geist durch Salbung geschenkt bekamen, ist auch jede und jeder von uns ein entscheidungsfähiger Christ und eine entscheidungsfähige Christin: „Für euch aber gilt: Die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr braucht euch von niemand belehren zu lassen. Alles, was seine Salbung euch lehrt, ist wahr und keine Lüge. Bleibt in ihm, wie es euch seine Salbung gelehrt hat“ (1 Joh 2,27).

7. Wert: Verbindung von Theologie und Anthropologie

Die Samariterin scheint nach unseren heutigen Maßstäben eine Frau von zweifelhaftem Ruf zu sein; Jesus stellte fest, dass sie fünf Männer gehabt hat. Doch Jesus macht gerade sie zur Zeugin seiner Frohen Botschaft. Damit zeigt Jesus ein pastorales Konzept: Sünder und Menschen am Rande der Gesellschaft gehören in die Mitte der Kirche. Jesus moralisiert nicht, sondern er berücksichtigt die Situation der Menschen und zeigt den Weg zur richtigen Existenz, er zeigt der Frau, die ohne Transzendenzbezug war, das wahre Lebenswasser, er zeigt ihr den Weg zur richtigen Existenz.

8. Wert: Jede und jeder hat eine unmittelbare, persönliche Beziehung zu Jesus Christus

Bei der Entdeckung des leeren Grabes lässt „der andere Jünger“ Petrus den Vorrang, obwohl er schneller war. Petrus sah sich alles genau an, inspizierte die Lage, erst dann ging „der Lieblingsjünger“ hinein, sah und glaubte (Joh 20,4-8). In dieser Szene zeigen sich die Vertreter zweier verschiedener Christengemeinden zur Zeit der Abfassung des Johannes-Evangelium um ca. 90 n. Chr.: Petrus scheint der Repräsentant der Gemeinde zu sein, welche eine Struktur gemäß den Timotheusbriefen aufwies, der Lieblingsjünger gehörte offensichtlich einer anderen Gemeinde an, einer charismatischen Gemeinschaft ohne institutionelle Ämter und Strukturen mit Wandermissionaren, Lehrern, Propheten - und nicht zuletzt auch Frauen.

Für mich beeindruckend beim Referat von Dr. Hans-Jürgen van der Minde war die Akzentuierung von alt- oder christkatholischen Werten nicht auf Grund einer Negierung der Struktur der römisch-katholischen Kirche im Sinne von „wir haben keinen Papst, wir haben keinen Zölibat“, sondern die Aufzählung von Werten, die biblisch begründet unserer Kirche ein Profil und eine Identität geben.

Marlies Dellagiacoma