Mönch und Staatsmann: Severin


Severin, Glaubensbote im Raum Passau, + 482, so steht es in unserem Liturgischen Kalender. Wer war dieser Mensch?


In der Literatur wird er immer wieder als „Staatsmann“ und „Mönch“ bezeichnet und das, obwohl er kein staatliches Amt bekleidet noch im eigentlichen Sinn als Mönch gelebt hat. Die Mönchszellen, die er entlang der Donau von Passau nach Wien gründete, dienten ihm als Stützpunkte zur Bewältigung seiner seelsorgerlichen und caritativen Aufgaben: Quintanis (Künzing), Batavis (Passau), Boiotro (Passau-Innstadt), Lauriacum (Lorch), Favianis (Mautern) u.a.


Als Vorbild für seine Gründungen diente ihm das orientalische Mönchtum. Sein Weggefährte und späterer Biograph Eugippius spricht davon, dass sich Severin aus „Sehnsucht nach einem vollkommenen Leben“ in „eine Wüste des Orients“ begeben hatte, um den „Spuren der Väter“ zu folgen. Die Umstände seiner Zeit, die mit den Schlagwörtern „Völkerwanderung“ und „Ende der Römerzeit“ charakterisiert werden können, veranlassten ihn aber, sich von der reinen Be-schauung abzuwenden und sich höchst aktiv an der Linderung der materiellen und geistigen Not seiner Zeitgenossen zu beteiligen. Eugippius lässt Severin als Ziel und Absicht seines Wirkens sagen: „Gott hat mir den Auftrag erteilt, diesen Menschen in ihrer Not beizustehen.“ Dazu hatte er in der römischen Provinz Noricum, insbesondere an der Grenze des römischen Reiches, die die Donau markierte, mehr Gelegenheit als ihm lieb war.


Krieg und Chaos


Nach dem Tod des Hunnenkönigs Attila (435) kam es im Zuge der Völkerwanderung im Gebiet zwischen Passau und Wien zu Konfrontationen zwischen der noch ansässigen römischen Bevölkerung und den aus dem Osten und Norden hereindrängenden Germanenvölkern. In einer Zeit der kriegerischen Auseinandersetzungen und Plünderungen, voll Unsicherheit und Angst, Hunger und Chaos, setzte sich Severin für die notleidende Bevölkerung ein und warb für ein Miteinander der eindrängenden Germanen und der Romanen. Da die römische Staatsorganisation mehr und mehr zusammenbrach und die romanische Bevölkerung nach Überfällen zu Sklaven der Germanen wurde, war Severin für die römische Bevölkerung der letzte Garant der Sicherheit. An einer Stelle schildert das die „Vita Severini“, die Biographie des Eugippius, so: „Als zwar noch die oberen Städte Ufernorikums bestanden, aber fast kein einziges Kastell von den Überfällen der Barbaren mehr verschont blieb, stand der heilige Severin in derartig hohem Ansehen, dass ihn die einzelnen Kastelle um die Wette einluden, so als könne ihnen in seiner Gegenwart kein Unglück widerfahren“.


Eine spätgotische Holzplastik in der Serverinskirche in Passau zeigt den Heiligen als Pilger und kommt damit der Wirklichkeit seines unermüdlichen Unterwegssein entlang der Donau wohl sehr nahe. Immer wieder verhandelte er mit den Fürsten der eindringenden Stämme und erreichte die Freilassung von Gefangenen oder die Verschonung der Bevölkerung. Seine Sorge galt aber auch der materiellen Not der Menschen. Er organisierte Getreidelieferungen aus dem Westen. Aus Binnennoricum kamen Kleidertransporte an die Donau und aus „Italia“ wurde ein Kontingent Olivenöl beschafft. Auch die Nachbarschaftshilfe zwischen den noch reicheren und den durch die Wirren gebeutelten Städten initiierte er.


Nach dem vollständigen Zusammenbruch des römischen Reiches 476 sorgte Severin für einen geordneten Rückzug der Bevölkerung, da die Bewohner der Kastelle und Städte den Angriffen nicht mehr gewachsen waren. Von Quintanis, 35 Kilometer westlich von Passau an der Donau gelegen, zog sich ein Flüchtlingsstrom von Batavis hinunter nach Lauriacum. Hier richtete Severin ein großes Auffanglager ein.


Dass auch dies nur eine Durchgangsstation für die weitere Flucht sein sollte, wird schon deutlich in der Anweisung Severins, dass sein Leichnam bei der vorgesehenen Räumung der Provinz nach Italien überführt werden sollte.


Herkunft


Über die Herkunft Severins wissen wir nur wenig. Die Vita Severini berichtet nur über seine Tätigkeit als Mönch und Staatsmann im Donauraum. Offenbar war auch seinen Zeitgenossen sein bisheriges Leben verborgen. Er stammt wohl aus Italien. Eugippius bezeichnet ihn wegen seiner Sprache als „ganz und gar lateinischen Menschen“. Seine Verbindung zum weströmischen Kaiserhaus, sein Organisationstalent und seine politischen Aktivitäten sowie sein Bekanntenkreis (Odoaker, Orest) legen die Vermutung nahe, dass er aus vornehmsten römischen Kreisen stammte.


Am 8. Januar 482 starb Severin in seiner Gründung Favianis im Kreis seiner Mönche. Als die romanische Bevölkerung 488 das Land massenhaft verließ, nahm man seinen Leichnam mit und setzte ihn in einem Mausoleum zu Kastell Lucullam bei Neapel bei, wo sich auch seine Mönchsgemeinde niederließ.


Die Bedeutung Severins fasst Rudolf Zinnhobler in seinem Buch über den Heiligen so zusammen:


„Es macht seine Größe aus, dass er als Romane auch den Germanen Freund und Helfer war, dass er als ein Mensch vornehmer Herkunft zum Anwalt des kleinen Mannes wurde, dass er als Mönch auch den Dingen dieser Welt seine Aufmerksamkeit schenkte, dass ihn seine katholische Überzeugung nicht daran hinderte, auch die Menschen anderer Konfession zu respektieren. ... Das Wesen von Severins Wirken bestand im Ausgleich. Selbst auf dem Boden der Toleranz stehend, gelang es ihm, viele Gegensätze zu überbrücken. ... Wie wir lebte Severin in einer Zeit des Umbruchs. Die Menschen waren verängstigt und suchten Trost und Hilfe. Severin war der ruhende Pol, der ihnen in klarer Ausrichtung auf Gott den Weg wies, der das Irdische dennoch ernst nahm und es nur in jenem Sinn „verachtete“, dass er es als vorläufig ansah. So entfloh er zwar immer wieder der Hektik des Alltags, um Ruhe zu finden bei Gott, entzog sich aber niemals dem Anruf der Stunde“.


Siegfried J. Thuringer


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