Der Bar Kochbar-Aufstand und die Fertigstellung der Mischna - Geschichte des nachbiblischen Judentums (2. Teil)


Die nach Jabne geflohenen Schriftgelehrten hatten dem Aufstand gegen die Römer weder innerlich noch äußerlich zugestimmt. Rabbi Jochanan ben Sakkai hatte ihn als „unmessianisch“ bezeichnet. Dennoch aber waren für sie wie für alle anderen Juden sowohl in Israel als auch in der Diaspora die Römer als Zerstörer des Tempels die Feinde schlechthin. Nie mehr würde es zu einer wirklichen Verständigung zwischen beiden Völkern kommen können, nie mehr würde es eine geistige Verbindung geben zwischen der Vorstellung des politischen Imperiums und der Hoffnung auf ein Reich Gottes.


Aufstand in der Diaspora


So brauchte es nur eines Funkens, um weitere Kämpfe und Rebellionen zu entfachen. Als Trajan (98-117) mit gewaltigen Heeren gegen das konkurrierende Partherreich in Mesopotamien aufmarschierte, um wie einst Alexander auch diesen Teil der Welt in das römische Imperium einzugliedern, da entflammte dort der Aufstand der Juden gegen die Eindringlinge. Lieber wollten sie unter der Herrschaft der toleranten Parther leben als unter der Knute der verhassten Römer. Der Funke des Aufstandes sprang über auf die gesamte Diaspora, Ägypten, Libyen und Zypern. Die Kämpfe gegen die aufständischen Juden banden die römischen Armeen, so dass Trajan den Krieg gegen die Parther abbrechen musste, um die eigenen Gebiete wieder zu erobern und zu beruhigen. In großer Enttäuschung und schwer krank starb Trajan. Seine hochfliegenden Pläne waren gescheitert.

Gescheitert war aber auch der jüdische Aufstand. Denn die Römer bestraften die Juden nun mit aller Härte. Unbarmherzig gingen sie gegen die jüdischen Besiedlungen vor. Die Hauptsynagoge von Alexandrien ging in Flammen auf. Das jüdische Viertel wurde gänzlich zerstört. Nicht nur Alexandrien, sondern die Diaspora in ganz Nordafrika versank von da an in Bedeutungslosigkeit.

Der Aufstand in der Diaspora hatte das Mutterland nur wenig berührt. Es mag auch in Erez Israel zu vereinzelten Kampfhandlungen gekommen sein - wir wissen darüber wenig -, aber im wesentlichen hatte man sich aus den Kämpfen herausgehalten. Aber in den Herzen der Juden war der Hass gegen die Römer abgrundtief und die Hoffnung auf den messianischen Befreiungskrieg noch stärker geworden. Wann endlich würde der Messias kommen, der das Volk vom schrecklichen Joch des heidnischen Roms befreien und Israel wieder in den davidischen Grenzen aufrichten würde?


Kaiser Hadrian (117-138) verfolgte eine andere Politik als Trajan, auch wenn sie in ihrem Ziel von ähnlichen Vorstellungen getragen war. Er kann als „Apostel des Hellenismus“ angesehen werden, der das Imperium durch eine vor allem griechisch geprägte Einheitskultur gegen die immer zahlreicher werdenden zentrifugalen Kräfte zusammenhalten wollte. Hinzu kamen militärische Maßnahmen. Er reiste 15 Jahre durch die Provinzen und verstärkte die Grenzbefestigungen an den schwächsten Stellen, so den Limes gegen die Germanen und den Piktenwall in Britannien.


Im Jahre 131 besuchte er auch Judäa und entwarf den Wahnsinnsplan, aus den Trümmerstücken Jerusalems eine moderne römische Anlage entstehen zu lassen. Als Krönung sollte über dem ehemaligen jüdischen Tempel ein Jupiterheiligtum errichtet werden. Dieses Vorhaben wirkte wie ein Todesstoß ins Herz der Juden. Mit den Trümmern hatten sie leben können, weil sie immer darauf hoffen konnten, irgendwann einmal Jerusalem und den Tempel neu aufzubauen. Aber mit einer heidnischen Stadt und einem heidnischen Tempel an der Stelle des einstigen Jahwe-Heiligtums - diese Vorstellung war für einen Juden unerträglich. Der Kaiser verließ den Orient, und Juda blies zum Kampf.


Shimoen bar Kochba


Eine heroenhafte Gestalt steht im Mittelpunkt des kommenden Geschehens: Shimeon bar Kochba, ein Volksführer mit charismatischer Ausstrahlung, strategischer Begabung und persönlichem Mut.

Im Jahre 1960, etwa zehn Jahre nach den spektakulären Qumranfunden am Toten Meer, machten jüdische Archäologen in der Nähe En Gedis in einer Höhle eine großartige Entdeckung. Schrifttexte, Kleidungsstücke, Waffen, kultische Geräte und Münzen wurden gefunden, die die Existenz des jüdischen Führers im zweiten Krieg auch historisch absicherten. Bis dahin war bar Kochba nur aus literarischen Zeugnissen bekannt. Nun lagen plötzlich Briefe, Verträge und Aufträge vor, die in seinem Namen geschrieben und versandt worden waren. Die Münzen, die im Nahal Hever gefunden wurden, trugen auf der einen Seite in alt-hebräischer Schrift den Namen „Shimeon“ und auf der anderen Seite die Inschrift: „Für die Freiheit Jerusalems“. Auf einem Brief findet sich folgende Angabe: „Shimeon bar Kosiba, Fürst über Israel an Jehonathan und Musabala, Frieden. Ich befehle, dass ihr sucht und beschlagnahmt, was sich an Weizen im Besitz des Hunum befindet.“


Der Name „bar Kosiba“ war wohl die ursprüngliche Bezeichnung dieses berühmten Mannes. Wie aber war es zu der Umdeutung „bar Kochba“ gekommen? Die Ausstrahlungskraft des Shimeon bar Kosiba muss so gewaltig gewesen sein, dass einer der großen Schriftgelehrten, nämlich Rabbi Aquiba, bei der ersten Begegnung ausrief: „Das ist der messianische König!“ Und er bezog die Prophezeiung Bileams vom zukünftigen Messias auf Shimeon: „Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter.“ (Num 24,17) Stern aber heißt im Hebräischen: „Kochab. So wurde wohl unter dem Einfluss der Bileam-Prophezeiung aus „bar Kosiba“ der Name „bar Kochba“- „Sternensohn“. Und auf ihn, den militärischen Führer des Aufstandes gegen die Römer, gingen nun alle messianischen Hoffnungen über, gerade auch von Seiten der bisher so nüchtern und pragmatisch denkenden Rabbinen. Welch verhängnisvoller Irrtum!


Dieser Krieg nämlich, der von 132 - 135 n. Chr. andauerte, übertraf den ersten (66 – 70 n. Chr.) noch an Härte, Brutalität und Grausamkeit. Erst als Hadrian seinen besten Feldherrn Ju-lius Severus aus Britannien nach Judäa berief, konnte die Lage aus römischer Sicht bewältigt werden. Die letzte Zufluchtsstätte für bar Kochba war Bethar, nur einige Kilometer westlich von Jerusalem gelegen. Heute wird der Ort von den Arabern „Chirbet el-Jehud“, die „Judenruine“ genannt. Diese Ruine ist ein weiteres Zeugnis der vielen Tragödien der jüdischen Geschichte. Wie die letzten Wochen für bar Kochba und seine Anhänger verlaufen sind, wissen wir nicht. Es liegen keine historischen Quellen vor. Sicher ist nur, dass bar Kochba und alle seine Krieger an diesem Ort bei diesem letzten verzweifelten Widerstand gegen einen übermächtigen Feind den Tod fanden.


Die jüdische Tradition hat nach der Niederlage den Namen des Widerständlers noch einmal umgedeutet in „bar Koziba“, d.h. „Sohn der Lüge“.


Aelia Capitolina


Man schätzt, dass etwa eine halbe Million Juden den Tod gefunden hatte. Israel war nun völlig verwüstet und fast menschenleer. Hadrian konnte seinen ursprünglichen Plan verwirklichen, aus Jerusalem eine römische Stadt zu machen: Aelia Capitolina. Auf dem Tempelplatz erhob sich bald ein Tempel des Jupiter Capitolinus. Davor stand eine Bildsäule des Hadrian. Am Südtor hing der Kopf eines Schweines. Den Juden war bei Todesstrafe verboten, die Stadt zu betreten.


Aber all das genügte Hadrian noch nicht. Er wollte ganz und gar den jüdischen Geist auslöschen. So verbot er unter Androhung der Todesstrafe den noch Überlebenden die Beschneidung, die Feier des Sabbats und den Unterricht. Spitzel lauerten überall auf. Eine schwere Zeit der Verfolgung war hereingebrochen. Flüchtlingsströme zogen in neue Gegenden und erweiterten die Diaspora erheblich.


Und dennoch, das jüdische Leben in Erez Israel war noch nicht gänzlich zusammengebrochen, es war nur für einige Jahrzehnte unterbrochen. Kaiser Antonius Pius hob die strengsten Anordnungen gegen die jüdische Religionsausübung bald wieder auf (138). Die wenigen Schriftgelehrten, die den Krieg in Verstecken oder im Ausland überstanden hatten, kamen bald wieder zusammen, um in aller Heimlichkeit das begonnene Werk des Jochanan ben Sakkai zu vollenden, nämlich die Sammlung und Ordnung der „mündlichen Lehre und ihre schriftliche Fixierung“. Rabbi Shimon Gamaliel II, ein Nachfahre des Gamaliel, der in der Apostelgeschichte zweimal erwähnt wird (vgl. Apg 5,34; 22,3), übernahm die Führung des Gelehrtenkreises, der „Tannaim“ (Lehrer), wie sie nun genannt wurden. Er siedelte nach Uscha, einer kleinen Stadt in Untergaliläa, und gründete dort ein neues Lehrhaus.


Verfolgungen


Die Verhältnisse waren erschwert durch Verfolgungen seitens der Römer. So mancher Schriftgelehrte verlor sein Leben bei der Ausübung des Vortrags oder des Unterrichts. Auch Rabbi Aquiba wurde von der römischen Polizei gefangen und hingerichtet. Er starb mit den Worten „Schema Jsrael“ (Höre Israel) auf den Lippen. Erschwert wurden die Verhältnisse aber auch durch die soziale Situation der Bevölkerung. Viele Überlebende aus dem Volk zeigten kein Interesse an den Vorstellungen der Gelehrten. Ihnen ging es um das nackte Überleben bzw. um die Sicherung ihres Besitzes. Deshalb pflegten sie eher freundschaftliche Kontakte mit den Römern. Ein vergeblicher Kampf um die Herzen setzte ein. Schließlich wurde die Scheidung in „Am ha-Arez“ - das „einfache und ungebildete Volk“ und den „Chawer“, den „Genossen“ im Schriftgelehrtenstand vollzogen. Dieser Unterscheidung kann man bereits in Ansätzen im NT begegnen. Jetzt war sie endgültig. Es kam gar zum Verbot des gesellschaftlichen Verkehrs und zum Verbot der Ehe zwischen einem Chawer und einem Angehörigen aus dem Am ha-Arez.

Zum Ende des Jahrhunderts wurde der wohl bedeutendste Gelehrte seit Jo-chanan ben Sakkai zum Patriarchen gewählt: Rabbi Jehuda ha-Nassi, der Sohn des Shimon ben Gamaliels. Ha-Nassi heißt „der Fürst“. In der Literatur wird er auch einfach „Rabbi“ genannt, ohne weitere Bezeichnung. Er gründete als neue Wirkungsstätte ein Lehrhaus in Sepphoris, der Hauptstadt Galiläas. Als er nach vierzigjähriger Tätigkeit um 220 n.Chr. die Augen schloss, da hat er die Mischna vollendet und mit ihr ein Werk geschaffen, das zum Meilenstein für das Judentum geworden ist. Kein Jude konnte mehr die Bibel lesen, ohne die Auslegungen dieses Buches zu berücksichtigen.

Nach seinem Tod trat ein Schüler vor das Sterbehaus und sagte zu den zahlreichen Trauernden: „Engel und Sterbliche rangen miteinander um die Bundeslade. Die Engel siegten, und die Bundeslade ist dahin.“ Mit dem Begriff „Bundeslade“ umschrieb der Schüler auf symbolhafte Weise seinen Meister, Rabbi Jehuda ha-Nassi. Die Gebeine des Verstorbenen wurden in den unterirdischen Grabstätten von Beth-Shearim beigesetzt.


Hans-Jürgen van der Minde


Der Bar Kochbar-Aufstand und die Fertigstellung der Mischna


Mischna: Abot I,1-II,8: Die Traditionskette


[Abot: ein Traktat aus der Mischna, die aus sechs Hauptabteilungen oder „Ordnungen“ und 63 Traktaten besteht. Der Traktat Abot heißt „Väter“ und will die ununterbrochene Traditionskette der von Mose bis Jochanan ben Sakkai aufführen.]


Mose empfing die Thora vom Sinai und gab sie Josua weiter, und Josua den Ältesten, und die Ältesten den Propheten.


Und die Propheten gaben sie den Männern der Großen Synagoge weiter. Diese sagten drei Dinge: Seid zurückhaltend im Gericht, zieht viele Schüler heran, und macht einen Zaun um die Thora.


Simeon der Gerechte gehörte zu den Letzten der Großen Synagoge. Er pflegte zu sagen: Auf drei Dingen beruht die Welt: auf der Thora, auf dem Kult, und auf den Werken der Nächstenliebe.

[Thora: gemeint ist hier die gesamte Offenbarung, sowohl die schriftliche, also die Bibel, als auch die mündliche oder die außerbiblische Tradition. Die Männer der Großen Synagoge oder Synode waren nach rabbinischer Vorstellung das Führungsgremium Israels in der Perserzeit.]


Antigonos von Sokho empfing die Thora von Simeon dem Gerechten. Er pflegte zu sagen: Seid nicht wie Knechte, die dem Herrn unter der Bedingung dienen, eine Belohnung zu erhalten, sondern seid wie Knechte, die dem Herrn nicht unter der Bedingung dienen, eine Belohnung zu erhalten. Und Gottesfurcht sei über euch...


Hillel und Schammai empfingen von ihnen. Hillel sagt: Zähle zu den Schülern Aarons, der Frieden liebt und Frieden nachstrebt, der die Geschöpfe liebt und sie der Thora nahebringt.


Schammai sagt: Mache dein Studium fest. Sage wenig und tue viel und nimm jeden mit freundlichem Gesicht auf.


Rabban Gamaliel sagt: Nimm dir einen Lehrer, und entferne dich vom Zweifel, und verzehnte nicht nach Schätzung.


Simeon, sein Sohn, sagt: All meine Tage bin ich unter Weisen groß geworden, und ich fand für den Menschen nichts Besseres als Schweigen. Und nicht das Lernen ist die Hauptsache, sondern das Tun. Und jeder, der viel redet, bewirkt Sünde.


Rabban Simeon ben Gamaliel sagt: Auf drei Dingen beruht die Welt, auf dem Recht, auf der Wahrheit und auf dem Frieden.


Rabban Jochanan ben Sakkai empfing von Hillel und Schammai. Er pflegte zu sagen: Wenn du viel Thora gelernt hast, rechne es dir nicht als Verdienst an, denn dazu bist du erschaffen worden.


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