Der Papstbesuch in der Schweiz


Gedanken und Beobachtungen aus christkatholischer Sicht


Wenn Johannes Paul II. in die Schweiz kommt, so beschäftigt das ungewöhnlich viele Leute – selbst solche, die mit der Kirche nicht viel im Sinn haben. Das hat viele Gründe. Zum einen ist es die Persönlichkeit des Papstes und seine Medienpräsenz, zum anderen seine Stellung als Oberhaupt der größten Kirche der Welt.


Dieser Bischof von Rom gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Er hat in den 25 Jahren seines Pontifikates viel bewirkt – wohl mehr als die meisten Menschen ahnen können. Das hat mit seiner tiefgründigen spirituellen Kraft, mit seiner vitalen Persönlichkeit, mit seinem Mut zu Unpopularität und mit seiner stupenden Beherrschung der Medien zu tun.


Star der Unfehlbarkeit


Aber Persönlichkeit allein schafft noch keinen Einfluss. Einfluss entsteht erst, wenn es ein Umfeld gibt, in welchem dieser sich entfalten und auswirken kann. Mit anderen Worten: Einfluss setzt eine wichtige Position voraus. Und genau diese überragende Position hat die größte Kirche der Welt in ihrem Ersten Vatikanischen Konzil geschaffen, indem sie den Papst zum vollkommenen und absoluten Monarchen machte. 1870 ist nämlich durch Pius IX. und das Konzil festgelegt worden, dass der Papst „aus sich und ohne Zustimmung der Kirche“ (so der Konzilstext) über Glauben, Sitte und Recht entscheiden kann. Und das absolut und immer letztinstanzlich!


Wenn eine so starke Persönlichkeit wie Johannes Paul II. in einer so bedeutenden Institution wie der römisch-katholischen Kirche ein so übermächtiges Amt ausübt, dann erzeugt das natürlich eine unerhörte Wirkung. Und diese Wirkung nützt er mit einer unglaublichen Könnerschaft aus. Deshalb war er in Bern für viele Menschen nicht eine abgehobene Figur, sondern ein strahlender Star. Es war auffallend, wie sich auf der Berner Allmend die Stimmung schlagartig änderte, als das Papamobil auftauchte: Jetzt hatte die amorphe Masse von 70.000 Menschen plötzlich einen hell leuchtenden Mittelpunkt, um den sich alles drehte. Neben ihm verblassten alle anderen Akteure zu Nebenfiguren. Man konnte hier ganz konkret die Personifizierung der Unfehlbarkeit erleben.


Antirömische Reflexe


Und das ging sicher nicht nur mir so. „Als internationale Spitze der katholischen Hierarchie stößt der Papst in Teilen der Schweiz traditionell auf antirömische Reflexe“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung mit Recht. Das zeigte sich etwa daran, dass viele engagierte und verdiente Römischkatholiken sich entschieden vom Papstbesuch fernhielten und das auch öffentlich sagten. Auffallend war zudem, dass der Schweizerische Evangelische Kirchenbund der Einladung zum Papstbesuch nicht folgte. Das Klima wird auf allen Seiten kühler! Auch in unserer Kirche ist es zu heftigen Emotionen über den Papstbesuch gekommen – eigentlich merkwürdig, wenn wir immer sagen, er habe für uns kaum eine Bedeutung.


Meinungsträger – aber...


Dass der Papst in allen Bevölkerungskreisen echte Emotionen auszulösen vermag, zeigt nicht nur, was für ein Gewicht er in dieser Welt hat. Es zeigt auch, dass die Gläubigen untereinander noch lange nicht so einig sind, wie es viele gerne wahrhaben möchten. Es gibt nach wie vor tiefe Trennungsgefühle, die in allen Kirchen auf allen Ebenen niemand zu überwinden vermochte.


Was war die Bedeutung dieses Besuchs für die Jugendlichen, für die er ja eigentlich gedacht war? Man wird sie nicht überschätzen dürfen. Für viele war er sicher einfach ein Event – mit einer besonderen Note allerdings. Interviews mit Jugendlichen machten immer wieder deutlich, dass der Papst eine wichtige Figur ist, deren Meinung gehört wird. Aber es ist letztlich doch eine Meinung unter vielen. Am Schluss denken viele junge Menschen doch so, wie sie wollen. Emanzipiertere Jugendliche scheinen eher fern geblieben zu sein, während konservativere und angepasste Menschen - auch auffallend viele aus kirchlich konservativen Ländern wie Kroatien oder Polen - stärker vertreten schienen. Zwar war viel von Begegnung die Rede: Begegnung mit den Jugendlichen, mit den Bischöfen, mit Schweizergardisten. Aber natürlich kann eine solche Veranstaltung nicht zu einer echten Begegnung werden.


Begegnung! - Wirklich?


Der Papst hat sich ja früh als Papst zum Anfassen bezeichnet. Anfassen ist aber eine einseitige Begegnung. Man fasst Reliquien an, Bilder, Objekte. Diese Einwegkommunikation ist wohl symptomatisch (selbst die Begrüßungsworte einer Jugendlichen brauchten die Genehmigung aus Rom!). Die Fragen, die die Menschen plagen – die leeren Kirchen etwa, die Zulassung Geschiedener zu den Sakramenten oder der katastrophale Priestermangel – sie konnten aus systemimmanenten Gründen nicht zur Sprache kommen.


Aber natürlich: man darf den Besuch auch nicht unterschätzen: Mit seinen 103 Auslandsreisen hat der Papst den Zentralismus ungeheuer gestärkt. Sie haben Johannes Paul II. eine Stellung verschafft, die keiner seiner Vorgänger nur im Entferntesten hatte. In einer unübersichtlichen Welt, in der die Zukunft nebelhafter als je in der Geschichte ist, in der soziale Strukturen und ethische Normen zerfallen, kann der Papst aus dieser starken Stellung heraus Antworten geben, klare Richtlinien vermitteln. „Der Papst zeigt Klarheit, Statur – Haltung. Das gefällt den Jugendlichen an ihm – zumal es anderswo so selten zu finden ist.“ Das schreibt Der Bund und er hat wohl Recht. Vielleicht sollten wir uns auch einmal überlegen, ob wir einfach zu allem und jedem Ja und Amen sagen wollen.


Bischof em. Hans Gerny


Mit freundlichen Dank an die Redaktion des Christkatholischen Kirchenblattes für die Abdruckerlaubnis.