Die Fakultät hat einen Heiligen

Zur Kanonisierung von Bischof Nikolaj Velimirovic


Die Versammlung der Bischöfe der Serbischen Orthodoxen Kirche hat am 19. Mai 2003 den von den Gläubigen dieser Kirche schon lange hoch verehrten Bischof Nikolaj Velimirovic in einem formellen Akt kanonisiert, d.h. in das Verzeichnis (Kanon) der von der Kirche anerkannten Heiligen eingetragen.


Außerhalb seiner Kirche ist Nikolaj Velimirovic (1880-1956) heute auch bei kirchlich und ökumenisch interessierten Menschen kaum bekannt. Das war früher anders. In der Zeit des Ersten Weltkriegs erwarb sich der charismatische Priestermönch und Prediger vor allem in England gewaltige Sympathien für seine Heimat und Kirche und ihr Streben nach nationaler Unabhängigkeit und religiöser Erneuerung aus dem Geist der großen Gründerfiguren der christlichen serbischen Tradition des Mittelalters.


Er war von der serbischen Regierung mit einer Art von kulturpolitischer Mission nach Großbritannien und in die USA geschickt worden. Rasch verschaffte er sich Unterstützung maßgeblicher Personen der Kirche von England – bis hin zum Erzbischof von Canterbury. So war er der erste Nichtanglikaner, der in St. Paulus Kathedrale in London, nach damaligen Berichten vor Tausenden von Zuhörern, predigte. Zahlreiche englische Veröffentlichungen stammen aus jener Zeit. 1919 zum Bischof von Zica ernannt (1920-1936 nach Ochrid versetzt) war Velimirovic auch in der beginnenden ökumenischen Bewegung engagiert und bekannt.


Zwei Doktorate in Bern


Nikolaj Velimirovic war 1906-1908 während vier Semestern an der (Christ) Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Bern eingeschrieben. Er war der dritte jener 42 serbischen Studenten, die seit 1903 an der Fakultät studierten und teilweise später Bischöfe oder Professoren in Belgrad wurden. 1908 doktorierte er mit der höchsten Auszeichnung mit einer neutestamentlichen Arbeit bei Bischof Prof. Eduard Herzog (1841-1924). Die Dissertation widmete er seinem „lieben Freund und Studiengenossen Arnold Gilg“ (1887-1967), dem späteren Professor an der Fakultät.


Im Sommer 1909 erwarb er sich an der Philosophischen Fakultät in Bern einen zweiten Doktortitel mit einer geschichtlichen Studie bei Prof. Philipp Woker (1848-1924), der neben seiner Professur als Kirchengeschichtler der christkatholischen Lehranstalt aus finanziellen Gründen auch Allgemeine Geschichte zu lehren hatte.


Briefwechsel mit Herzog


Aus den Jahren nach seinem Weggang von Bern (1909/10) ist ein Briefwechsel zwischen Herzog und seinem von ihm hochgeschätzten Schüler erhalten, von dem er in seinem Tagebuch 1907 übrigens vermerkt hatte, er (und ein serbischer Mitstudent) hätten am Hohen Donnerstag mit Einwilligung des Metropoliten von Belgrad in der christkatholischen Kirche in Bern die heilige Kommunion empfangen.


Velimirovic war damals recht niedergeschlagen über die Behandlung, die man ihm seitens seiner kirchlichen Vorgesetzten zufügte. Herzog lud ihn ein, in Bern als Privatdozent und geistlicher Mentor serbischer Studenten zu wirken, ja er berührte einmal gar die Möglichkeit, Velimirovic solle nach Prof. Eugène Michaud die Redaktion der IKZ zu übernehmen. Daraus ist freilich nichts geworden. Aber die Beziehungen zwischen der serbischen orthodoxen Kirchenleitung und Herzog, der über das Geschick der Kirche und den Werdegang von Velimirovic wiederholt im Kirchenblatt berichtete, vertieften sich.

In hohem Alter erhielt Bischof Herzog als Zeichen der Verbundenheit der beiden Kirchen, in der er faktisch eine Aufhebung der von Rom ausgesprochenen Exkommunikation der christkatholischen Kirche erblickte, den Orden des Hl. Sava 1. Klasse, die höchstmögliche Auszeichnung der serbischen Kirche. Fünf Tage vor seinem Tod im März 1924 ließ er sie durch einen dem Bistumsverweser Adolf Küry diktierten Brief verdanken.


Im Exil gestorben


Bischof Nikolaj ist später noch einmal in die Schweiz gekommen. Den größten Teil des Zweiten Weltkriegs, in dem seine acht Geschwister umkamen, verbrachte er unter deutschem Hausarrest. Er war vier Monate im KZ Dachau interniert. Im Mai 1945 griffen amerikanische Truppen ihn und das Haupt der serbischen Kirche, Patriarch Gavrilo, im Tirol auf. Auf dem Weg nach England traf er in Bern seinen früheren Studienkollegen Arnold Gilg, der ihm im „Schweizerhof“ auseinanderzusetzen versuchte, er werde jetzt in seiner Heimat gebraucht. Aber die antikommunistische (und royalistische) Einstellung von Bischof Nikolaj war zu sehr bekannt, als dass er dies hätte in Betracht ziehen können.

Er ging in die USA und starb dort 1956 in einem russischen Kloster. 1991 wurden seine Überreste in einer Kirche in seinem Geburtsort Lelic bei Valjevo beigesetzt. Für seine Predigten und sein umfangreiches schriftstellerisches Wirken erhielt er in seiner Kirche den Ehrennamen „neuer Johannes Chrysostomos“ (dieser war einer der höchstgeschätzten Kirchenväter des 4./5. Jahrhunderts).


Urs von Arx

Eine ausführliche Darstellung ist in einer späteren Nummer der IKZ zu lesen.