Rede und Antwort stehen

Predigt im Eröffnungsgottesdienst von Bischof Joachim Vobbe

Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt (1 Petr 3, 15). – Hat Sie schon mal jemand nach der Hoffnung befragt, die Sie erfüllt?

Wenn nicht, dann wird es höchste Zeit, dass Sie daran etwas ändern. Es könnte nämlich sein, dass es an Ihnen liegt. Sollten Sie meinen, dass eine solche Frage nur deswegen bei Ihnen noch nicht angekommen ist, weil Sie halt noch nie von einer statistischen Umfrage zum Thema Religion erreicht worden sind, dann sind Sie im Irrtum. Zu Zeiten der Apostel gab es solche Umfragen noch nicht. Die haben nicht auf Umfragen warten müssen. Die sahen offenbar so hoffnungsfroh und erlöst aus, dass man sie von selbst nach der Ursache fragte. Heute ist das in der Regel anders, frei nach Nietzsche: „Ich würde ja gern an den Erlöser Jesus Christus glauben, wenn nur die Christen etwas erlöster aussähen.“

Zwar befasst sich eine ganze Industrie damit, Menschen zu einem glücklicheren Aussehen zu verhelfen. Aber niemand kommt auf die Idee, die solchermaßen kosmetisch behandelten Zeitgenossen danach zu fragen, was denn die Hoffnung sei, die sie erfülle. Man fragt höchstens nach dem Friseur, oder indiskreter, nach der Klinik, wo man sich hat liften oder mit Silikon hat aufspritzen lassen, oder nach dem heißesten Börsentipp. Am Aussehen allein scheint es also nicht zu liegen.

Glaube ich?

In Deutschland bekommen wir zur Zeit die Ausläufer einer in den USA auf offensichtlich sehr niedrigem Niveau geführten Debatte mit: Was gilt: Evolution oder Schöpfung? Als ich neulich in Südbaden zur Firmung war, fragte mich beim Vorgespräch einer der Firmlinge: Herr Bischof, glauben sie an die Evolution? Ich habe geantwortet: Ich glaube nicht an die Evolution. An die Evolution kann man nicht glauben. Die ist bewiesen. Ich glaube aber wohl, dass diese unermessliche Entwicklung von Erde und Kosmos getragen wird und dass sie ein Ziel hat. Mit diesem Glauben, der überhaupt nichts Wissenschaftsfeindliches an sich hat, verändert sich meine Einstellung zur Schöpfung, zu meinen Mitmenschen und nicht zuletzt zu mir selbst. Ich glaube, dass die Schöpfung getragen wird. Ich glaube, dass die Welt verbesserbar ist zum Guten. Ich glaube, dass der Kosmos eine Heimat hat, einen Ursprung, zu dem er zurückkehren will und wird.

Das ist die erste Frage an mich: Glaube ich an Gott den Vater, den Schöpfer, den mütterlichen Gott, Quelle und Ziel von allem?

Heimat, Ursprung und Ziel. Was für das Gesamt der Schöpfung gilt, das gilt auch für unser Leben als Einzelmenschen. Früher sagte man, wenn eine Frau ein Kind erwartete: Sie ist in Hoffnung. Heute drückt man das technischer, neutraler, cooler aus: Sie ist schwanger. Ich finde jedoch den alten Terminus sehr bedenkenswert, nicht nur, was die biologische Geburt angeht. Es geht um uns alle, um jede und jeden von uns: Bin ich in Hoffnung? Glaube ich, dass was Gutes aus mir rauskommt? Ist der Mensch, das Menschenleben, die Menschheit in Hoffnung? Wird am Ende etwas Gutes dabei herauskommen?

Es ist in der Tat so ähnlich wie bei einer Schwangerschaft. Ein bisschen schwanger gibt es nicht. An der Tatsache kann man zunächst nichts ändern. Aber uns kommt die Deutungshoheit zu, sie drückt sich sprachlich aus, sie fällt damit zugleich auch schon eine Entscheidung über Leben und Tod.

Und noch etwas ist einer Schwangerschaft vergleichbar: Wenn etwas Gutes, Lebensfähiges aus mir rauskommen soll, dann tut das manchmal weh. Hoffnung haben, in Hoffnung sein, das kann weh tun. Wer in Hoffnung ist, ist noch nicht am Ziel, und jede Geburt ist zugleich eine Trennung. Jesus starb am Kreuz mit einer letzten, verzweifelten Liebeserklärung an seinen Vater auf den Lippen: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“. Aber dieser Schrei wurde zugleich zum Geburtsschrei neuen Lebens. Wer selbst in der tiefsten Verzweiflung noch Gott anreden kann, der lebt nicht nur selbst, für den sind auch Grabsteine nicht zu schwer. Christen verstehen sogar die endgültigste Trennung, das schlimmste Weh, das wir Menschen erfahren, den Tod, als eine Geburtsstunde zu neuem Leben. So gesehen ist das ganze Leben ein Sein in Hoffnung.

Das ist das Zweite: Glaube ich an den Sohn, der dieses Leben in Hoffnung durchgetragen hat und uns alle mitträgt?

Nur Fassade?

Manche Leute, die sich für unsere Kirche interessieren oder ihr frisch beigetreten sind, sagen gern: Sie müssen viel mehr Öffentlichkeitsarbeit machen. Ihre Internetseiten sind veraltet, Sie müssen sehen, dass sie öfter ins Fernsehen oder in den Rundfunk kommen, sie müssen auf die Straßen gehen, noch bessere Flyer machen. Das ist natürlich nicht grundsätzlich falsch. Ein fernöstliches Sprichwort sagt: Wer kein Lächeln hat, sollte keinen Laden eröffnen. Also haben zuerst die Japaner, schließlich aber auch viele amerikanische und europäische Unternehmen ihr Personal auf Höflichkeits- und Lächelkurse geschickt. Natürlich, ich freue mich auch, wenn ich freundlich bedient werde oder wenn ein Mensch seinen Respekt vor dem anderen bekundet dadurch, dass er ihm in den Mantel hilft oder bei der Begrüßung aufsteht oder dem nächsten nicht die Tür ins Gesicht knallen lässt. Aber das ist noch nicht alles.

Neulich stand in der Zeitung eine Notiz, dass Psychologen herausgefunden haben: Zuviel lächeln macht krank. Man hat verkaufstrainierte Menschen mit ganz bestimmten Krankheitssymptomen herausgefischt und festgestellt: Wer den ganzen Tag nur den freundlichen Menschen spielt, wer es nur zu einem aufgesetzten Lächeln bringt, wer hinter einer höflichen Fassade keine wirkliche menschliche Achtung birgt, der sackt nach einem angestrengten Tag in sich zusammen. Aufgesetzte, gespielte Freundlichkeit entlädt sich abends in Aggression oder Depression.

So ist das auch in der Kirche, mit jeder Kirche. Wenn wir uns nur um eine einladende Fassade bemühen, wird die Enttäuschung um so größer sein, wenn die so Angelockten dahinter kleinkarierte, eigenbrötlerische, auf die Einhaltung ihrer internen Hackordnung bedachte Gemeinden entdecken, die zwar die Synodalität auf ihre Fahnen geschrieben hat, aber bei der eigentlichen synodalen Aktion, der sonntäglichen Eucharistie, durch Abwesenheit glänzt. Das führt nur zu Aggression und Depression, nach innen wie nach außen.

Hoffnungsträger

Manchmal sprechen wir von einem Menschen als einem Hoffnungsträger. Damit meinen wir, dass dieser Mensch Hoffnungen in sich trägt, die auch uns anmachen, uns anstecken können. Plakate und Werbesendungen machen zwar neugierig. Doch nur wer selbst eine Hoffnung hat, wird auch zum Hoffnungsträger für andere. Wenn man Menschen fischen will, muss man sein Herz an die Angel hängen. Dann werden sie kommen und anbeißen.

Unser Hoffnungsangebot ist unauslöschlich. Wo man uns das anmerkt, geschieht Öffentlichkeitsarbeit von selbst auf allen Begabungsebenen. Der erste Bischof unseres deutschen Bistums hatte ein interessantes Wappen: Einen Anker im Sternenzelt. Das scheint ein Widerspruch. Anker ist ja normalerweise etwas, das man nicht in die Höhe wirft, sondern herunterlässt, bis es auf festen Grund fällt. Unsere Hoffnung als Christen aber ist so ver-rückt, dass dem Verfasser des Hebräerbriefes (6,19) dafür kein anderes Bild einfällt als dass wir den festen Anker unserer Seele hineinreichen lassen in das Innere hinter dem Vorhang: „In ihr“, das heißt in der „uns dargebotenen Hoffnung“, „haben wir einen festen und sicheren Anker unserer Seele, der hineinreicht in das Innere hinter dem Vorhang. Dorthin ist Jesus als unser Vorläufer hineingegangen.“ Unser hiesiges Leben spielt sich noch vor dem Vorhang ab, birgt noch viel Leid, Vergänglichkeit, Rost und Motten, Schauspiel und Sünde. Doch unsere Hoffnung macht sich hinter dem Vorhang fest. Dort, beim Auferstandenen, bei dem, der den Tod überwunden hat und dessen Reich dort schon in Vollkommenheit aufgerichtet ist, dort ist das wahre Leben, das Ziel, auf das hin zu leben sich lohnt. Wer sich dort verankert hat, für den gibt es keinen Hochmut, weil er einen Herrn hat. Aber auch keine Verzweiflung, weil er diesen Herrn hat.

Das ist das Dritte. Glauben wir an den Geist, der uns alle zu Hoffnungsträgern machen kann und will?

Katholisch

In einem philippinischen Märchen ruft ein König seine beiden Söhne, von denen er einen zu seinem Nachfolger bestellen will, zu sich. Er gibt jedem fünf Silberstücke. Jeder soll für dieses Geld die Halle im Schloss bis zum Abend füllen. – „Womit, das ist eure Sache.“ Der älteste Sohn kam an einem Feld vorbei, wo die Arbeiter das Zuckerrohr ernteten und in einer Mühle auspressten. Das ausgepresste Stroh lag nutzlos herum. „Damit kann ich die Halle des Schlosses füllen.“ Dachte der ältere Sohn und kam mit den Arbeitern überein, mit dem Stroh die Halle zu füllen. Er meinte schon, die Aufgabe gelöst zu haben. Doch der Vater sagte: Es ist noch nicht Abend. Ich werde noch warten.“

Gegen Abend kam der jüngere Sohn. Er bat darum, das Zuckerrohrstroh aus der Halle zu entfernen. Dann stellte er mitten in die Halle eine Kerze und zündete sie an. Ihr Schein füllte die Halle bis zur letzten Ecke. Der Vater sagte zu dem Jüngeren: Du sollst mein Nachfolger sein. Dein Bruder hat die Silberstücke ausgegeben, um die Halle mit nutzlosem Zeug zu füllen. Du hast nicht einmal einen Silbertaler gebraucht, und hast sie mit Licht gefüllt, mit dem, was die Menschen brauchen.“

Alle unsere Kirchen führen in ihrem Namen das Wort „katholisch“. Es ist höchst wichtig, dass wir dieses Wort in der ganzen Fülle seines Anspruches bewahren und festhalten. Es ist wichtiger als alle Hinzufügungen. In unserem Katholischsein steckt der ganze Anspruch, aus dem wir leben, und den wir anderen verkünden. Katholisch heißt: „auf alle und alles bezogen“, und unsere Kirchen haben den Auftrag, zu repräsentieren, dass „Katholisch“ keine Konfessionsbezeichnung ist, sondern eine Qualität von Kirche. Wo die Kirche richtig Kirche sein will, da ist sie katholisch. Kirche ist auf das Ganze der Welt und des Kosmos bezogen, weil wir glauben, dass alles Geschaffene, das heißt alles sich in der Evolution Ergebende, der Phantasie eines Schöpfers entspringt und hütenswert ist und zum Ziel kommen wird. Kirche ist auf den Mitmenschen bezogen, weil wir glauben, dass Gott alle Menschen ohne Unterschied liebt und in der Nachfolge seines Sohnes auch nach jedem Bruch, jedem Versagen immer wieder neu an sich ziehen will. Kirche ist auf die Zukunft bezogen, auf eine endgültige Zukunft, weil wir glauben, dass sie Geistgeschöpf ist, und dass für den Geist Gottes, der weht, wo er will, die Tellerränder unserer Zeit und unserer Sterblichkeit nicht gelten.

Ich wünsche Ihnen und uns allen einen Hoffnungsschimmer dieses Geistes auf dem Antlitz, damit nicht mehr wir die anderen fragen müssen: „Willst Du Dich taufen lassen, willst Du zur Erstkommunion, zur Firmung gehen? Willst Du alt-katholisch werden?“, sondern dass man uns fragt: „Woher nimmst Du soviel Hoffnung?“

Ich wünsche Ihnen und uns allen das grenzensprengende, alle unsere Lebensräume und –träume erfüllende Licht, von dem die Legende erzählt, und von dem wir singen: „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“

Joachim Vobbe