Begegnung mit Sterbenden


Deine Mutter schlief. Ich bin unverrichteter Dinge wieder gegangen. Ich besuche sie, wenn sie mal wach ist“. Er hat mir wohl gestern nicht zugehört: hoch dosiert sind die Schmerzmittel, die ihr das irdische Ende erleichtern. Mutter schläft nur noch.


Am gleichen Tag besucht Alex, ein neunjähriger Grundschüler, meine Mutter, ohne lange zu fragen, spontan wie Kinder sind. Die Schwestern rufen mich. Sie wundern sich über das fremde Kind. „Deine Mami hat ganz fest geschlafen. Ich hab’ mich leise ans Bett gesetzt, sie ganz vorsichtig gestreichelt und alles erzählt, toll, sonst hört mir ja doch keiner zu. Dann wollte ich gehen, aber da hat sie gestöhnt. Da habe ich gebetet und sie wieder gestreichelt. Da wurde sie ganz still, ich glaube, sie hat gelächelt. Darf ich sie wieder besuchen? Es war so schön.“

Schön? Viele, die Mutter früher besuchten, kommen nicht mehr. „Es ist so schrecklich, sie so da liegen zu sehen. Sie spricht ja nicht mehr, reagiert nicht, man kann ja gar nichts mehr machen.“


Hilflosigkeit


In der heutigen Zeit, in der eine Aktion die andere jagt, „Macher“ gefragt sind, jeder „noch so viel zu tun hat“, scheint es vertane Zeit zu sein, einen im Koma liegenden Menschen zu besuchen. Man überlässt die Aufgabe den Angehörigen, die den Sterbenden „ja nicht allein lassen, hat er doch sein Leben lang für sie gesorgt“ (Zitat) oder unterstützt sie mit dem Ratschlag (ein Rat kann auch als „schlagend“ erlebt werden!), den Hospizverein einzuschalten. Sicherlich, hier zeigen sich Hilflosigkeit, gegebenenfalls die unbewusste Angst vor Sterben und Tod, aber die Begegnung mit einem sterbenden Menschen kann auch „schön“ sein.


Man kann nichts mehr machen. – Das sonst im Alltag (oft im Nachhinein gesehen) auch fragwürdige Handeln reduziert sich auf ein Minimum von wenigen noch möglichen Diensten. Betrachtet man sie näher, so sind es die Handlungen, die ein Kleinkind erst lebens- und liebensfähig machen, die wir im alltäglichen Umgang mit unseren erwachsenen Mitmenschen viel zu wenig einsetzen: die zärtlichen, behutsamen Gesten, die aus dem Herzen sprechen. Die bewusste Begegnung mit Sterbenden macht sensibel, öffnet die Sinne für die Feinheiten in Aktion und Reaktion, für die Notwendigkeit der kleinen „Liebesdienste“ untereinander.


Sie spricht ja nicht mehr. – Bei der steten Reizüberflutung, in der wir leben, bei den vielen Reden und Debatten, in denen die wenigsten Menschen noch zuhören, den anderen aussprechen lassen, wirklich verstehen wollen, was der andere zum Ausdruck bringen will, ist der Besuch eines im Koma liegenden Menschen wie ein Eintauchen in eine andere Welt. Das Schweigen des Schlafenden wirkt beängstigend. Zwangsläufig beginnt man zu sprechen in der Hoffnung, dass der Daliegende reagiert oder auch weil man erlebt, dass vertraute Stimmen dem Menschen gut tun. Und dann ist da plötzlich ein „Zuhören“ – ein Erlebnis, das einen Bekannten dazu bewegte, Mutter auch das zu erzählen, was er noch nie einem anderen sagte. Beschämt erklärte er mir: „Ich hoffe, du denkst nicht, ich hätte deine Mutter egoistisch genutzt. Sie lag so friedlich, als ich ihr mein Leben beichtete. Es war so, als bringe sie alles vor ihren Herrgott und als hörte ich sie immer wieder sagen: ‚Sprich nur, ich erzähle es keinem.’“


Relativität


Der „Schlafende“ hört zu, reagiert auf das, was zwischen den Worten gesagt wird. So beginnt man, Gedanken und Gefühle in Einklang zu bringen, sie in Sprache – treffende Worte behutsam suchend – einzukleiden. Das verbale Schweigen wirft den Sprechenden auf sich selbst zurück, hinterfragt ihn. In der Begegnung mit Sterbenden kristallisieren sich Problemkerne heraus, zeigen sich Lösungswege, auf die man in der Alltagshektik nie gekommen wäre. Vielleicht liegt es auch daran, dass am Bett eines Sterbenden die Dimensionen des Raumes und der Zeit, die sogenannte reale Wirklichkeit, sich verändern, sie werden in ihrer Relativität erfahrbar. Scheinbar Wichtiges wird in dieser Stille, in dieser Erfahrung von irdischer Endlichkeit, Begrenztheit und der sich eröffnenden Ewigkeit oft so unwichtig, bedeutungslos. Es geschieht eine Loslösung, eine Art Reinigung, die Umkehrung, ein neues Leben ermöglicht, neue Gewichtungen zulässt.

Viele Menschen, die lange Zeit nicht mehr gebetet haben, berichten mir, dass sie am Bett eines Sterbenden – wie aus einem inneren Zwang heraus – zum Gebet finden, zunächst stammelnd, suchend die Gebete, die sie als Kind gelernt haben, dann langsam kommen sie ins Gespräch mit Gott. „Ich sprach mit meinem Vater, dankte ihm für alles, was er für mich getan hat, entschuldigte mich für das, womit ich ihm weh getan hatte und vertraute ihm auch das noch an, was ich ihm früher verschwiegen hatte. Und plötzlich wurde mir klar, dass ich letztendlich auch mit dem himmlischen Vater sprach. Das hat mein Leben verändert, heute weiß ich, mit wem ich immer sprechen kann.“

Schön


„Schön“ ist es nicht. Leid, ohnmächtige Verzweiflung, tiefgreifend erfahrbare Hilflosigkeit, unendliche Trauer, besonders wenn man sich von einem geliebten Menschen verabschieden muss, sind die Wegbegleiter in der Begegnung mit einem Sterbenden, aber Alex benannte mit „schön“ das, was ihm gut tat. Was uns gut tut, das macht uns froh, zufrieden, heil im weitesten Sinn.


Verkümmern nicht zunehmend unsere Sinne für das Geistige, das sich im Schweigen, in der Begegnung mit Endlichkeit und Ewigkeit eröffnet? Ist es ein unverrichtetes Ding, einfach sich einen Moment an ein Bett zu setzen, eine Berührung zu wagen, ein Gebet zu sprechen, einen Segen über die Schlafende zu sprechen?

In unserer Gesellschaft werden immer mehr Menschen älter, sind angewiesen auf Begleitung bis in den Tod, wir stehen vor einer großen gesellschaftlichen Herausforderung, nehmen wir sie an?


Regina Pickel-Bossau


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