Was das Herz begehrt


Jubiläum, Dekanatstag und Diakonweihe in Essen


Es gibt Visionen, die müssen einfach umgesetzt werden, die schreien geradezu nach Realisierung, stellte Pfarrer Ingo Reimer in einem Interview zum Bistumsopfer für die Essener Friedenskirche fest. Damals berichteten wir von seinem Traum, die Kirche am Porscheplatz einst so herzurichten, wie sie sich zu ihrer Einweihung präsentierte. Dass Träume nicht immer Schäume bleiben beweist nun das Projekt der Essener Gemeinde. „Wegen Renovierung vorübergehend geschlossen“ steht auf dem Schild am Tor zur Friedenskirche. Tatsächlich sind zur Zeit fachkundige Handwerker dabei, die originalen Deckenmalereien zu rekonstruieren – ein aufwendiges Vorhaben. Von daher finden Gottesdienst und Gemeindeleben momentan in der frisch sanierten Unterkirche statt.


Dahin lud Ende Juni die Gemeinde Essen und das Dekanat NRW. Es gab dreierlei Anlässe zu dieser Einladung. Zum einen feierten die Essener das 90jährige Bestehen ihrer Friedenskirche, zum anderen stand der nordrhein-westfälische Dekanatstag auf dem Programm. Gekrönt wurde dieser Sonntagnachmittag von der Diakonweihe von Dr. Werner Heisig aus Dortmund. Den Auftakt der Festivitäten bildete ein Lichtbildvortrag von Architekt Peter Brdenk.

Unterm Sternenhimmel


Brdenk, der die Sanierungsarbeiten an der Friedenskirche leitet, hat sich über die Grenzen Essens hinweg vor allem mit Lichtprojekten einen Namen gemacht. Fulminant ist sein Projekt zur Illumination der Stadt Essen. Detailliert beschrieb er die Planungen und Prozesse bei der Errichtung der Friedenskirche und wusste eine Menge zu sagen über honorige Ingenieure und namhafte Bauamtsdirektoren, die maßgeblich Anteil hatten an der Errichtung der Kirche. Stilistisch zählt sie zum österreichischen Jugendstil, der sogenannten Wiener Sezession. Die Innengestaltung, vor allem die Ausmalung der Decken und Wände, wurde damals in die Hände des niederländischen Jugendstilkünstlers Thorn Pricker gelegt. Schon vor drei Jahren wurden über der Empore die alten Ornamente wiederhergestellt. Als man die weiße Wandfarbe abtrug, kamen nach und nach die Originalmuster zum Vorschein. Man war überrascht von der Kräftigkeit der Farben. Knallige orange und blaue Ornamente, die an die Form von Sternen oder Schneekristallen erinnern, hüllten den Kirchenraum damals in ein geradezu sphärisches Ambiente. Diese Atmosphäre soll nun wieder hergestellt werden. „Ich habe lange nachgedacht woran mich die Bemalung der Decke erinnert“, so Pfarrer Reimer. „Erst als ich im Auto einem Sonnenuntergang entgegen fuhr, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das Orange und Rot der Abendsonne trifft auf das Blau des aufgehenden Sternenhimmels.“ Viele können den Tag kaum abwarten, an dem diese Himmelsornamentik auf das goldene Mosaik des Chorraumes trifft. Einen Vorgeschmack davon gab Architekt Brdenk. Mit Hilfe spezieller Computerprogramme konnten sich die Teilnehmer am Dekanatstag eine virtuelle Vorstellung machen, welches Ambiente sie bald erwarten wird. „Thorn Pricker hat sich im wahrsten Sinne des Wortes kreativ ausgetobt“, bemerkte eine Teilnehmerin aus Bottrop. Und in der Tat fand man einige Stellen, an denen der Jugendstilmaler zunächst unterschiedliche Kompositionen testete und sie danach wieder übermalte. Einige dieser kunsthistorisch reizvollen Entwürfe sollen erhalten und gekennzeichnet werden. Damit hat die Essener Gemeinde bald zwei Kirchenräume die unterschiedlicher nicht sein könnten: eine farbexplosive Ober- und eine in kontemplativem Weiß gehaltene Unterkirche.

In letzterer fand dann die Diakonweihe von Dr. Werner Heisig durch Bischof Joachim Vobbe statt. Viele Gäste aus der Ökumene erwiesen dem leitenden Medizinaldirektor ihre Referenz und auch politische Vertreter wie der Bürgermeister der Stadt Essen hatten den Weg in die Unterkirche gefunden. Einzig und allein die schweißtreibenden Temperaturen schmälerten ein wenig den Genuss dieser drei Highlights. Für das Wohl der Gäste sorgten ein Jubiläumsbüfett und viele herzliche Gespräche, Horizont erweiternd waren die Darlegungen über Geschichte und Gestaltung der Friedenskirche, spirituelle Akzente setzten zwei atmosphärischer Gottesdienste. Fazit: Alles was das Herz begehrt an einem einzigen Nachmittag.


André Golob