Himmel oder doch wohl Hölle auf Erden - Anmerkungen zur Initiative Reich-Gottes-jetzt


Worüber hat Jesus von Nazareth gepredigt? Fragt man so nicht nach diesem oder jenem Thema, sondern sozusagen nach dem Generalthema seiner Verkündigung, das sein Wort und Werk bezeichnet und alle Einzelthemen einschließt, so gibt es nach Auskunft der ersten drei Evangelien nur dies eine: das Reich Gottes oder die Herrschaft Gottes. Dass Gott mit Jesus seine Herrschaft angetreten hat, ist gerade das Evangelium, die Gute Nachricht, schlechthin, wie es zu Beginn des Markus-Evangeliums heißt. Für die Menschen bedeutet die Herrschaft Gottes aber alles andere als Knechtung, wozu menschliche Macht und Herrschaft sich allzu leicht missbrauchen lassen. Vielmehr bedeutet sie die Ermöglichung einer neuen Lebensqualität. Darum heißt das entsprechende Schlüsselwort im Johan-nes-Evangelium „Leben“, „ewiges Leben“. Das Interesse gilt dabei in erster Linie nicht einer Ewigkeit im Sinn von endloser Dauer. Ewigkeit ist in der Bibel - entgegen landläufiger Meinung - weniger ein Quantitäts- als ein Qualitätsbegriff. „Ewiges Leben“ ist Leben von einer besonderen Qualität: So lässt es sich wirklich leben. Wer glaubt, dass sich Gott in Jesus gezeigt hat, wie er ist, und sich von seiner Liebe inspirieren und zur Liebe ermächtigen lässt, hat nach den Schriften des Johannes jetzt schon „ewiges Leben“.


Es versteht sich daher wie von selbst, dass Jesus mit dem Reich Gottes keine politisch-institutionelle Herrschaft Gottes, keine Theokratie, wie es im Griechischen heißt, gemeint haben kann. Gott verschone uns vor jeder Theokratie! Wie die Geschichte zeigt, wird eine Gottesherrschaft solcher Art immer zu einer Herrschaft seiner „Stellvertreter auf Erden“. Das jüngste Beispiel ist die Herrschaft der Mullahs, die „Mullahkratie“, im Iran, unter der die meisten Menschen unsäglich leiden.


Das Reich Gottes - eine gegenwärtige und zukünftige Realität


Die Herrschaft Gottes ist aber auch nicht eine Frage reiner Innerlichkeit, sie bezieht sich auch auf eine veränderte Gesellschaft. Nicht dass die vollkommene Gesellschaft schon hier und heute verwirklichbar wäre; sie muss auf eine zukünftige Vollendung warten. Das Reich Gottes besitzt somit immer zwei Zeitformen: die Gegenwart und die Zukunft. Mit der Ausbreitung des Christentums im frühen Mittelalter wurde die gesamte abendländische Welt wenigstens äußerlich christlich und Christentum und Gesellschaft erschienen so als identisch. Die Christenheit konnte sich somit nicht mehr mit dem Bewusstsein, dass die Herrschaft Gottes angebrochen ist, kontrastreich von der übrigen Gesellschaft unterscheiden wollen, in der das Recht des Stärkeren galt und gilt. Die Herrschaft Gottes wurde so allmählich einerseits zu einer rein innerlichen Angelegenheit. So nimmt es nicht wunder, dass noch Martin Luther den Satz „... das Reicht Gottes ist (schon) mitten unter euch“ (Einheitsüberset-zung) so übertrug: „... das Reich Gottes ist in euch“ (Lk 17,21). Wurde in der Christenheit das Reich Gottes einerseits verinnerlicht, so wurde es andererseits vor allem in die Zukunft, die fernste gar, gelegt, in die jenseitige Welt. Dazu mag auch beigetragen haben, dass der Begriff vom Reich Gottes im Mattäus-Evangelium durch den des Himmelreiches ersetzt ist. Der Evangelist tat dies aus Rücksicht auf Christen jüdischer Herkunft, die den Namen Gottes nicht auszusprechen wagten und stattdessen den Begriff seines „Wohnraums“ setzten. Himmel meint in diesem Zusammenhang daher nicht den Ort der selig Verstorbenen. Das Himmelreich beginnt auch in diesem Evangelium hier und jetzt.


Die gegenwärtige Wirklichkeit der Herrschaft Gottes wurde freilich, wie dargelegt, vergessen. Noch heute finden sich die systematischen Ausführungen zu diesem Thema in den Lehrbüchern traditionell in der „Lehre von den letzten Dingen“, wiewohl die zentrale Bedeutung des Themas allgemein bewusst geworden ist. Mit dem Aufkommen einer neuen Methode in der Bibelwissenschaft im 19. Jahrhundert, die mit den neu gewonnenen Arbeitsmitteln in der (weltlichen) Geschichts- und Literaturwissenschaft die Bibel auszulegen suchte, ist die Bedeutung des Themas der Herrschaft Gottes in der Theologie erneut ins Bewusstsein gerückt, allmählich in allen Facetten.


Die Initiative „Reich-Gottes-jetzt“


Eine private Initiative im evangelisch-lutherischen Raum, die uns Veit Schäfer in Christen heute (6/2003) vorgestellt hat und deren Positionspapier auch von drei römisch-katholischen Christen und von ihm und einem anderen Alt-Katholiken unterzeichnet wurde, meint, dass der zentralen Bedeutung dieses Themas in Theologie und kirchlicher Liturgie immer noch nicht entsprochen wird. Dazu wird ein Gegenprogramm entworfen, das allerdings - um es vorweg zu sagen - eine ungemeine Verkürzung des christlichen Glaubens darstellt. Die Reduzierung ist vielfältig: Die Aufmerksamkeit auf die Person des Christus Jesus und damit auch fast alles, was Paulus schrieb, wird ausgeblendet: „Schon Paulus, der sehr bald nach Jesu Tod das Heft des Christentums fest in die Hand nahm, hat die Lehre des geschichtlichen Jesus wahrscheinlich gar nicht kennengelernt und sich auch nicht darum bemüht.“ (Claus Petersen von der genannten Initiative). Also Paulus ist im Wesentlichen erst einmal schon aus dem Spiel. Die Kirche müsse dementsprechend von der „Christus-Rede“ ablassen. Es geht also um den geschichtlichen Jesus, genauer: allein um seine Botschaft. Und die Evangelisten? Sie malen ein großes Gemälde. Wir wissen: ein Gemälde ist nicht nur ein Abklatsch der Wirklichkeit wie ein Schnappschussfoto, sondern viel mehr. Durch Farben und Formen wird etwas dargestellt, was man augenscheinlich nicht unmittelbar wahrnehmen kann, z.B. im Portrait den Charakter des dargestellten Menschen. Die Frage nach dem geschichtlichen Jesus und seiner Verkündigung, wie sie von allen seinen Zeitgenossen, die ihm begegnet sind, wahrgenommen werden konnten, zielt frei-lich auf eine Rekonstruktion: auf die mühevolle Herstellung eines Phantombildes. Ein solches suchte die moderne Bibelwissenschaft zu erstellen; naturgemäß ist es ein Fragment geblieben.


Die Initiative „Reich-Gottes-jetzt“ aber möchte nur dieses Bild vom historischen Jesus gelten lassen und die übrigen Aussagen der Bibel nur insofern, als sie mit der Botschaft vom Reich Gottes vereinbar sind. Wie der Person des Christus wird auch dem Tode Jesu keine Heilsbedeutung zugebilligt. Das Kreuz ist kein Hoff-nungszeichen. „Karfreitag ist ein Tag der Trauer, weil uns vor Augen steht, was Menschen anderen Menschen antun können, bis auf den heutigen Tag“, heißt es in einer veröffentlichten Predigt. Und Ostern? Der Glaube an die Auferstehung bedeutet: Die Sache Jesu geht weiter. „Er lebt weiter und ist bei uns, wenn wir ihn im Herzen tragen.“ Er lebt mit seiner Botschaft weiter, wenn wir es in die Hand nehmen, das Reich Gottes zu bauen im Schaffen von Frieden und Gerechtigkeit und in der Bewahrung der Schöpfung. „Die wichtigsten ethischen Folgerungen aus dem Reich-Gottes-Glauben bestehen für uns in Einfachheit und in der Ehrfurcht vor allem Leben.“ Es liegt allein an uns, „ob wir aus unserer Welt ein Konzentrationslager oder ein Paradies machen.“ Und allein um die diesseitige Welt geht es; eine Jenseits-Dimension der Herrschaft Gottes wird ausgeblendet.


Die Initiative ist sich wohl bewusst, dass sie eine Auswahl aus dem christlichen Glauben vornimmt. Auswahl aber heißt im Griechischen Häresie. Mit der hier skizzierten Konzentration auf die Schaffung eines Himmels auf Erden aber möchte die Initiative eine Erneuerung von Theologie und Liturgie vornehmen und der Auszehrung des Christentums entgegenwirken. Die Gedanken sind aber alles andere als originell. Eine Kirchenzeitung ist freilich nicht der Ort, um die Theologie- und Kirchengeschichte auf gleiche oder ähnliche Vorstellungen durchzublättern. Stattdessen möchte ich exemplarisch an der Biographie einer bekannten Persönlichkeit aufzeigen, wie wenig Neuigkeitswert der Initiative zukommt.


Albert Schweitzer: Vom Reich Gottes zur Ehrfurcht vor dem Leben


Zu den Entdeckern der zentralen Bedeutung des Themas vom Reich Gottes um die Wende zum 20. Jahrhundert gehört Albert Schweitzer. Die Entdeckerfreude führt jedoch leicht zu einer Übertreibung. Als begabter und angesehener Privatdozent für Neues Testament an der Universität Straß-burg, der zugleich als Hilfsprediger am dortigen Münster tätig war, hätte er eine glänzende Karriere als Professor vor sich gehabt. So weit kam es jedoch nicht. Durch seine Studien gewann er die Auffassung, Jesus habe die Meinung vertreten, dass das Reich Gottes durch eine kosmische Katastrophe noch zu seinen Lebzeiten hereinbreche. Darin aber habe sich Jesus geirrt. Um aber dem Lauf der Geschichte nachzuhelfen, habe er in die Speichen des Rads der Geschichte gegriffen. Das Rad aber habe ihn zermalmt. Bleibender Kerngehalt der Botschaft Jesu sei dessen Liebesethik, die freilich auch von seiner Person abgelöst werden könne.


Für Schweitzer war es selbstverständlich, dass seine Überzeugung vom grundlegenden Irrtum Jesu nicht Grundlage einer christlichen Theologie sein könne. Er gestand sich ehrlich ein, dass er seine Überzeugung nicht als christliche Lehre vor Theologiestudenten und Kirchenbesuchern ausgeben könnte. Er verzichtete darum in einer beeindruckenden Weise auf seine akademische Karriere und drückte seit 1905 wieder die Bank im Hörsaal, diesmal, um Medizin zu studieren. 1915 ging ihm intuitiv das Losungswort der „Ehrfurcht vor dem Leben“ auf. Als Grundprinzip des Sittlichen findet er: „Gut ist: Leben erhalten, Leben fördern, entwicklungsfähiges Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Böse ist: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten.“ Sein Denken nimmt den Ausgang von der Erkenntnis: „Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will.“ Darin aber sieht er nichts spezifisch Christliches. Als er sich entschloss, als Tropenarzt nach Afrika zu gehen, musste er sich zweckmäßigerweise einer evangelischen Missionsgesellschaft anschließen. Er weigerte sich aber sein Leben lang, in der Missionsstation eine Andacht zu halten. Seine Gradlinigkeit ist bewundernswert.


Die Diesseitigkeit der Herrschaft Gottes gegen deren Jenseitigkeit?


Hielt Albert Schweitzer sich nicht mehr für einen Christen, so hat er mit seinem Dienst am Menschen wenigstens einen christlichen Grundzug verwirklicht. Dem entspricht das christliche Gottes-Bild: Gott herrscht, indem er dem Menschen dient. Dies hat Jesus mit seinem Leben und mit seinem Tod offenbar gemacht. Der Tod Jesu ist darum gerade für den Reich-Gottes-Glauben wichtig: Die Herrschaft Gottes bedeutet Dienst und Hingabe bis zum äußersten. Es ist aber eben die Herrschaft Gottes: Er bleibt der eigentlich Handelnde. Die Menschen können nach der Verkündigung Jesu seine Herrschaft nur ersehnen und erbitten. Und sie können durch ihr Tun Zeichen ihrer Hoffnung setzen. Das Paradies auf Erden werden sie nicht schaffen können. Man kann froh sein, wenn Menschen sich nicht gegenseitig die Hölle bereiten.


Wenn Jesus Menschen heilte und auch seine Jünger dazu anhielt, so war er sich bewusst, dass dies der Anbruch der Herrschaft Gottes war, den er als diesseitig und schöpfungsbejahend verstand. Die Vollendung des Reiches Gottes ist allein von Gott zu erwarten. Für Christen, die sich in der Verantwortung für die Welt wissen, hat gerade dieser Gedanke etwas Entlastendes: Das Heil der Welt hängt nicht auf Gedeih und Verderb von uns ab. Wir tun unser Bestes. Aber wir brauchen nicht verbissen und verbiestert auf das Gelingen schauen. Wir können es getrost der jenseitigen Erfüllung überlassen.


Überhaupt haben wir Christen keinen Grund, die „Weltmenschen“ in der Bejahung des Diesseits übertreffen zu wollen. Unser Reden und Verhalten muss vielmehr provokativ die Frage aufwerfen, ob denn das ganz nackte Diesseits wirklich eine lebenswerte Welt darstellt. Halten wir den Sinn für eine andere Dimension in der Wirklichkeit offen!


Klaus Rohmann


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