Alltagsleben in Ruanda Teil 2


Ein Meer winkender Hände begrüßt uns, als wir mit unserem Landrover auf dem Schulhof der Grundschule Nyaratuvu parken. Hunderte von Kindern hocken auf der Erde, springen auf, als wir aus dem Auto steigen und nähern sich dann vorsichtig, um diese „Muzungos“ - so werden die weißhäutigen Menschen in Ruanda und in vielen anderen afrikanischen Ländern genannt – genauer zu betrachten. Schnell werden sie von ihren Lehrerinnen und Lehrern wieder vertrieben. Sie wollen nicht, dass uns die Kinder belästigen, so scheint es. Doch Hannelore, ein Mitglied unserer Landauer Delegation, geht auf die Kinder zu, begrüßt sie mit den Worten „Muraho!“ (Guten Morgen) und fragt dann „Amakuru?“ (Wie geht es euch?). Im Chor antworten die Kinder „Muraho! - Byiza“ (Guten Tag! Gut!). Und dann gibt es kein Halten mehr. In wenigen Sekunden sind wir umringt von Kindern, die Jüngeren fragen: „Witwande?“ (Wie heißt du?), während die Älteren ein mit: „Bonjour. Ca va?“ begrüßen. Als die Direktorin erscheint, wird es ruhig, eine Trommel erklingt und tanzende Mädchen bahnen sich eine Gasse durch ihre Mitschülerinnen und Mitschüler.


Schulbesuch


Diese Begrüßung wiederholt sich in kleinen Variationen bei allen Schulen, die wir in Ruhango besuchen. Während der sechs Tage, die wir in Ruhango sind, besuchen wir fünf Grundschulen und drei Sekundarschulen. Überall ist die Begrüßung ähnlich: begeisterte Kinder, die uns umringen, dann folgen verschiedene traditionelle Tänze und Sportdarbietungen, die Begrüßung durch die Direktorin oder den Direktor, die Vorstellung der Lehrerinnen und Lehrer, die Ansprache von Gerlinde Rahm, die Leiterin unserer Delegation, vorgestellt als Madam President de Association de Jumelage avec Landau, die Überreichung der Gastschenke – den größten Jubel gibt es immer, wenn Frau Rahm einen echten Lederfußball überreicht – und dann nach einem weiteren Tanz, bei dem wir dann manches Mal auch mittanzten dürfen, die Besichtigung der Schulgebäude.


Ruhango mit seinen rund 40.000 Einwohnern hat alleine zwölf Grundschulen (1. - 6. Klasse) und fünf Sekundarschulen (6. - 12. Klasse). Die Grundschule Nyaratuvu hat rund 750 Schü-lerinnen und Schüler, die in zwölf Klassenräumen von 14 Lehrerinnen und Lehrern ganztags unterrichtet werden. Vier der Klassenräume haben Bänke aus gemauerten Ziegelsteinen. Diese Klassenräume waren 1996, als die neuen vom Landauer Freundeskreis finanzierten Klassenräume in Betrieb genommen wurden, stillgelegt worden. Doch seit zwei Jahren, nachdem die Zahl der Schülerinnen und Schüler kontinuierlich anstieg, werden sie wieder für die ersten Klassen genutzt. Die 1996 mit den neuen Klassenräumen gebaute Wasserzisterne wird nicht genutzt, denn die Zuleitung wurde vor mehr als einem Jahr gestohlen. So müssen die Kinder sich entweder selbst Wasser von zuhause mitbringen oder sie haben während des Schulunterrichtes, der den ganzen Tag dauert, nichts zu trinken.


Lehmwasser gegen Regenwasser


In der Abschlussbesprechung am Freitagnachmittag mit dem Rat der Gemeinde Ruhango ist diese Beobachtung einer unserer wichtigsten Kritikpunkte. Die fast an allen Schulen gebauten Zisternen werden von Kindern und Lehrerinnen nur selten genutzt. Bei einigen Schulen fehlen die Wasserzisternen komplett. So auch bei der Schule, deren Bau vom Landauer Freundeskreis finanziert und zu unseren Ehren während unserer Anwesenheit in einer feierlichen Zeremonie in Betrieb genommen wurde. Hier fehlen sogar die Regenrinnen an den Dächern, mit denen das kostbare Wasser hätte aufgefangen werden können.


In einem Gespräch mit Bischof Jered Kalimba und seinem Mitarbeiter John Wesley Kabango erfahren wir die Gründe für dieses für uns unerklärliche Verhalten: die Menschen sind es gewohnt, das Wasser aus den Flüssen und Sümpfen in den Tälern zu holen. Dieses ist durch den lehmigen Boden braun und schmeckt auch etwas nach Lehm. Regenwasser ist meis-tens klar, ihm fehlt dieser lehmige Geschmack und – wichtiger als das noch – im Regenwasser leben die Mückenlarven, die die gefährliche Malariakrankheit bringen. Malaria ist für Kinder die häufigste Todesursache. So wird das Regenwasser nicht als gesund und hilfreich, sondern als krankmachend und schlecht schmeckend angesehen. Bestätigt werden die Menschen in ihrer Haltung durch die oftmals unzureichende Absicherung der Zisternen, die dann tatsächlich zu Brutstätten für die Malariafliege werden. Dann wird dieses Wasser selbst nicht mehr zum Händewaschen benutzt. Eine hygienische Vorsichtsmaßnahme, die leider viel zu wenig verbreitet ist, wie John Wesley Kabango berichtet. So ist die Darmerkrankung ausgelöst durch Wurmbefall nach Malaria und Lungenwegserkrankungen die dritthäufigste Erkrankung in Ruhango, wie uns die Mitarbeiterinnen der beiden Gesundheitszentren in Kigoma und Ruhango berichten.


Gesundheitszentren und ihre Aufgaben


Die Gemeinde Ruhango hat zwei Gesundheitszentren, eines in kommunaler Trägerschaft in Kigoma, das zweite in Trägerschaft der römisch-katholischen Kirche in Ruhango selbst. Das Gesundheitszentrum in Kigoma – 1994 mit Unterstützung des Landauer Freundeskreises gebaut – versorgt mit sechs Krankenschwestern und neun weiteren Mitarbeiterinnen rund 21.000 Menschen. Die überwiegende Mehrheit der Menschen wird ambulant behandelt, die 25 Betten sind bei unserem Besuch nur zur Hälfte belegt. Davon sind fast die Hälfte schwangere Frauen. Monatlich werden in diesem Zentrum durchschnittlich rund 60 Kinder geboren. Das ist rund die Hälfte aller Geburten aus der Versorgungsregion. Die Geburtenrate liegt bei knapp 40 Geburten auf 1000 Einwohner (der Weltdurchschnitt liegt bei 25 Geburten). Im Jahr 2001 wurden insgesamt 420 Personen wegen eines Malariaanfalls stationär behandelt, 1185 Kinder wegen einer lebensbedrohlichen Unterernährung. 82 Menschen waren im Jahr 2001 wegen einer Lungenentzündung stationär im Gesundheitszentrum. Einen Arzt gibt es in Ruhango nicht, die nächste Arztpraxis ist im rund 30 Kilometer entfernten Provinzstadt Gitarama.


Neben der direkten Behandlung der Erkrankungen ist die Vorbeugung und die Gesundheitsberatung eine ebenso wichtige Aufgabe der Gesundheitszentren. Voller Stolz zeigt mir Bischof Kalimba bei meinem Besuch in Shyogwe die Impfstatistik seines Gesundheitszentrums. Praktisch alle Kinder aus der Versorgungsregion sind gegen Polio geimpft, bei anderen Infektionserkrankungen liegt die Impfrate bei gut 80 Prozent. Ernährungsberatung spielt eine große Rolle bei jungen Müttern, denn neben der armutsbedingten Unterernährung leiden auch viele Kinder an einer Fehl- und Mangelernährung durch eine einseitige Kost. So lernen die Mütter während des stationären Aufenthaltes im Gesundheitszentrum die Vorteile der ausgewogenen Ernährung kennen. Doch eine ausgewogene Ernährung ist nur möglich, wenn die Menschen auch die Anbaumethoden auf ihren Feldern ändern. Und so hat das Bistum Shyogwe ein Fünf-Jahres-Programm entwickelt, mit dem die Menschen lernen, allmählich die Bewirtschaftung ihrer Felder umzustellen. Die Drei-Felder-Wirtschaft ist in Ruanda fast unbekannt. Auch die Viehwirtschaft ist noch sehr einfach, so laufen Tiere wie Rinder, Schafe, Schweine und Ziegen noch häufig in den Feldern der Besitzer, aber auch in denen der Nachbarn umher. Das Fünf-Jahres-Programm von Shyogwe sieht die Einführung der Stallhaltung vor. Dann werden die Felder geschont und der Tierdung kann gesammelt und zur Düngung der Felder genutzt werden.



Menschen auf dem Land


Noch heute leben mehr als 80 Prozent der Menschen in ihren Hütten auf ihrem Land. Die Hütten sind von einem Bananenhain umgeben, dazwischen gibt es Felder mit Süßkartoffeln, Bohnen und anderen Früchten. Das eine Grundstück grenzt an das des Nachbarn, auch dieser wohnt in seiner Hütte, die in der Mitte seiner Felder steht. So ist fast das ganze Land besiedelt. So weit das Auge reicht, gibt es auf den Hügeln und den Tälern kleine Wohnhütten, fast versteckt in großen Bananenstauden. Die Felder werden mit Hacken bewirtschaftet. Pflüge, Ochsenkarren oder Traktoren gibt es nicht. Die Ortschaften bestehen aus dem Markt, einer oder zwei Kneipen, dem Rathaus und einigen weiteren Gebäuden. Selbst die Schulen liegen weit verteilt auf den Hügeln des Landes. In dem Ort Ruhango selbst gibt es kein Schulen.


Nach dem Genozid, als die Menschen aus den Flüchtlingslagern im Kongo, Uganda, Burundi und Tansania nach Ruanda zurückkehrten, fehlten Wohnungen und Häuser. Die Regierung ließ Siedlungen auch mit der Begründung bauen, dass Siedlungen besser mit Strom, Wasser und Abwasserkanälen zu versorgen seien. Doch lange wehrten sich die Menschen gegen diese neue Siedlungsform. Nur zögernd werden diese Häuser, die dicht beieinander und nicht mehr in den eigenen Feldern stehen, von den Menschen angenommen. Über eine Flurbereinigung werde, so John Wesley Kabango, zwar nachgedacht und diskutiert, doch noch würde eine solche Maßnahme von den Menschen als Enteignung verstanden. Mittelfristig sei das jedoch unumgänglich, wenn in Ruanda auch in Zukunft für alle Menschen genügend Nahrungsmittel angebaut werden sollen. Doch eine solche Maßnahme kann nur mit den Menschen, nicht gegen sie, so Bischof Kalimba, umgesetzt werden.


So setzt das Bistum Shyogwe auf ein Programm, das die Menschen schritt-weise mit effektiven und effizienteren Methoden der Bodenbewirtschaftung vertraut macht. Die Menschen müssen diese Angebote annehmen und lernen, dass sie ihnen nützlich sind. Erst wenn sie Teil des Alltages geworden sind, werden weitere Schritte möglich sein.

Ein kleiner, aber für Ruanda wichtiger Baustein des Programms ist es, Kochstellen effektiver zu bauen, denn die Menschen kochen selbst in den besten Restaurants von Kigali ihr Essen auf einem offenen Feuer. So gibt es außerhalb der undurchdringlichen Regenwälder im Südwesten und Nordwesten des Landes keine richtigen Wälder mehr. Deshalb hat es sich das Bistum Shyogwe zur Aufgabe macht, jährlich 800.000 neue Bäume zu pflanzen. Ein ähnliches Programm hat auch die Gemeinde Ruhango aufgelegt. Gleichzeitig lernen die Menschen, Feuerstellen zu bauen, um die Hitze des Feuers besser zu nutzen. Eine kleine Maßnahme, die aber für die Zukunft des Landes wichtig ist.


Zeit für Fehler – Zeit für Entwicklung


In der Abschlussbesprechung mit den Ratsmitgliedern von Ruhango nach der ersten Woche unserer Rundreise durch die Schulen, Gesundheitszentren, AIDS-Projekte und Handwerksbetriebe dieser kleinen Gemeinde, wird nochmals sehr deutlich, dass die Menschen in Ruhango unsere Hilfe brauchen, damit sich die Graswurzelrevolution von unten, wie sie von Bischof Kalimba, aber auch von seinem Freund, dem Bürgermeister Murenzi angestrebt wird, entwickeln kann. Große Geschenke helfen den Menschen nicht weiter. Wichtiger sind Schulen für die alltägliche Bildung und alltagsnahe Bildungsinhalte, damit die Menschen allmählich lernen, ihre Felder effektiver zu bestellen, präventive Maßnahmen – wie das Händewaschen nach dem Toilettengang – verinnerlichen, handwerkliche Fertigkeiten erwerben, um Alltagsgegenstände wie Hacken, Kleidung oder Möbel selbst herzustellen, und so lernen, ihren Alltag selbstverantwortlich zu organisieren und zu gestalten. Wenn dieser Weg gelingt, dann haben die Menschen in Ruanda eine Zukunft.


Sie brauchen unsere Hilfe und unsere Geduld, denn für eine Entwicklung, die in Europa mehrere Jahrtausende dauerte (von der Hacke zum Handy), haben die Menschen in Ruanda nur wenige Jahrzehnte Zeit. Doch auch sie brauchen Zeit für Fehler, denn Entwicklung wird erst durch Fehler, aus denen die Menschen lernen können, möglich.


Bernhard Scholten


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