Pessachfeier in christlichen Gemeinden? - Eine Antwort auf André Golob


Es ist nicht ganz eindeutig, wogegen der Autor polemisiert: gegen eine simple Kopie des „Seder Pessach“, die in christlichen Gemeinden auch m.E. sinnlos ist, oder gegen eine Liturgie in „Anlehnung an die jüdische Pessachfeier“, über die man sich sehr wohl streiten kann.


Erstmals gefeiert


Wir haben in unserer Gemeinde in diesem Jahr zum ersten Mal eine solche Liturgie ausgearbeitet und am Ostermorgen (!) gefeiert. Dabei haben wir die Befreiungsgeschichte aus dem Buch Exodus gelesen und die Elemente grüne Kräuter, Bitterkräuter, Mazzen und Traubensaft verwendet. Es folgten in paralleler Struktur die Texte über den Tod und die Auferstehung Jesu, danach das Abendmahl mit den Gaben Brot und Wein als dem vierten Becher im Verlauf des Mahles (zu-mindest im Lukas-Evangelium findet sich ein Relikt einer möglichen Pessachfeier, vgl. Lk 22,14-23). Jegliche Deutung, das christliche Erlösungsereignis als „Höhepunkt“ der Heilsgeschichte oder „Überhöhung“ gegenüber der Auszugsgeschichte zu verstehen, ist vermieden worden. Die Erzählungen von der Befreiung der Kinder Israels aus Ägypten und vom Tod und der Auferstehung Jesu wurden als eine Geschichte der Erlösungstat durch Gott erfahren (der Verlauf dieses Gottesdienstes findet sich auf der Homepage der Gemeinde Kassel unter dem Button „Predigten“, dann klicke man „Paschaliturgie“ an).


Aber der Artikel zielt ja noch weiter, nämlich auf die Frage, ob wir über-haupt als Christen in der Lage sind, spezifisch jüdische Texte und Zeremonien nachzuvollziehen. Verschärft wird das Problem in einem Brief von Edna Brocke, der Leiterin der Alten Synagoge in Essen, an den alt-katholischen Pfarrer von Essen. Darin bestreitet die jüdische Theologin insgesamt, dass Christen Texte aus der jüdischen Bibel lesen können:


„Der größere Teil der vorliegenden Tex-te in der jüdischen Bibel sind nicht an die Heidenvölker, sondern an Israel gerichtet. ... Was machen Christen, wenn sie Geschichtstexte des Judentums aus dem ‚Alten’ Testament einfach, direkt und ohne Bruch in ihrem Gottesdienst vortragen? Was tun sie, wenn sie Psalmen singen oder sprechen, jedenfalls wenn es um jene Psalmen geht, die im Kollektiv sprechen?“


Marcion


Die Sympathie der jüdischen Theologin ist eindeutig im ersten Teil des Briefes erkennbar. Sie zitiert jenen christlichen Theologen Marcion, der bereits im zweiten Jahrhundert n. Chr. „Altes“ und „Neues“ Testament von jüdischen Elementen reinigen wollte: „Marcion (ca. 160 n.Z.) empfahl, alle ‚judaisierenden Texte’ aus der entstehenden christlichen Bibel zu entfernen. Er hatte – zu Recht, wie ich meine – erkannt, dass der größere Teil jener damals vorliegenden Texte, die später zur jüdischen Bibel zusammengetragen worden waren (und die bei Christen ‚Altes Testament’ genannt wird), sich allein an das Volk Israel wendet. Diese Texte gehen von einer besonderen Partnerschaft zwischen dem Gott Israels und seinem Volk Israel aus und beziehen sich eben nur auf diese Beziehung.“ (abgedruckt im Gemeindebrief der Alt-Katholiken Düsseldorf, April/Mai 2003).


Mit Recht hat sich die werdende Kirche gegen Marcion gewendet und die jüdische und christliche Bibel als eine verstanden. Natürlich kann hier nicht unerwähnt bleiben, dass die Christen sich als die eigentlichen Adressaten der Offenbarungen Gottes verstanden und den Juden das „Alte Testament“ aus der Hand gerissen haben (vgl. schon 2 Kor 3,14ff). Aber deshalb sollte heute nicht das Umgekehrte geschehen und den Christen das Recht abgesprochen werden, die Bibel des Ersten Testamentes als ein Buch zu lesen, in dem auch sie zu Angesprochenen werden. Denn grundsätzlich gilt, religiöse Texte wie auch dichterische Werke sind niemandes Eigentum. Homer hat griechisch geschrieben. Aber er gehört darum nicht den Griechen allein. Shakespeare hat seine Dramen in englischer Sprache verfasst. Dürfen wir ihn deshalb nicht lesen? Goethe hat deutsch geschrieben. Aber die Deutschen haben deshalb keine Urheberrechte. Die Bibel ist hebräisch verfasst und in besonderer Weise an das Volk Israel gerichtet. Aber das schließt nicht aus, dass sich Menschen aller Zeiten in ihren Geschichten wiedererkennen und in der Sprache der Psalmen beten können.


Neue Zusammenhänge


Ähnliches gilt von Riten und Symbolen, die nicht einfach in einem bestimmten Fest oder liturgischen Ablauf auf Ewigkeit verankert sind. Dafür ist das Pessachfest selbst ein eindrucksvolles Beispiel. Denn es enthält ja bereits verschiedene vorisraelitische Elemente wie die Erinnerung an ein Erntefest (grüne Kräuter), an ein Hirtenfest (Schlachtung eines Lammes) und an einen atropäischen Ritus (Bestreichen der Türpfosten mit Blut zur Abwehr böser Geister).

Ob wir wollen oder nicht: Riten und Symbole sind – wenn sie den Tiefen des Bewusstseins entspringen – in der Religions- und Kulturgeschichte immer wieder gewandert und in neuen Zusammenhängen heimisch geworden. Wenn wir unsere religiös-kulturellen Traditionen purifizieren wollten, dann müssten wir den Karneval abschaffen, den Weihnachtsbaum aus dem Fenster werfen und die Oster- oder Johannisfeuer verbieten.

Die Texte der Bibel sind zweifellos auf konkrete Situationen hin verfasst worden. Die Theologie spricht von dem „Sitz im Leben“. Aber das bedeutet längst nicht, dass ihnen nicht andere Bedeutungsschichten zu Grunde liegen. Gerade die Exoduserzählung ist ja ein klassisches Beispiel dafür, dass sich Menschen aller Zeiten immer wieder von ihr angesprochen fühlen. Die schwarzen Sklaven in den amerikanischen Plantagen sangen noch Jahrtausende nach dem geschichtlichen Ereignis: “When Israel was in Egypts land, let my people go!” Sie fühlten sich genauso wie die israelitischen Sklavenarbeiter im Nildelta unter der Knute des Pharao. Und auch jeder, der sich heute unfrei und verfremdet fühlt, wird sich doch erlauben dürfen, die Geschichte von damals zu lesen in dem Vertrauen darauf, dass Gottes Zusage auch ihm gilt: „Ich bin für euch da.“ (Ex 3,14)


Ich halte nichts davon, eine jüdische Feier unverändert zu übernehmen. Aber ich kann mir vorstellen, einige Elemente aufzugreifen und in einen christlichen Gottesdienst – theologisch reflektiert – zu integrieren. Für unverständlich halte ich es, eine Diskussion darüber zu beginnen, wer biblische Texte lesen oder nicht lesen darf.


Hans-Jürgen van der Minde


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