Dekan Wolfgang Kestermann †

Dreiundfünfzig Jahre - das ist doch noch kein Alter! Das haben viele gesagt, die von Wolfgang Kestermanns Tod hörten, ohne die Vorgeschichte gekannt zu haben. Doch die Stricke des Todes, wie der Verfasser des 116. Psalms das nennt, umfingen ihn schon lange. Es ging, immer wieder in Schüben, ein halbes Jahr Leiden voraus. Und wenn der ganze Ernst der Lage auch erst knapp zwei Wochen vor seinem Tod bekannt wurde, so war es ihm selbst doch mehr als klar, aus seiner Erfahrung als Seelsorger und aus seiner eigenen: Wie todesträchtig unser Leben ist und wie schnell eine zunächst harmlos anmutende Krankheit mutieren kann zum letzten Kampf. Wer nur den fröhlichen Wolfgang kannte, kannte nur die Hälfte seines Wesens. Es gab den anderen auch, den tief melancholischen, den, der sich allen irdischen Verfalls und der Vergeblichkeit vieler menschlicher Bemühungen bewusst war. Es gab auch den des Todes sehnsüchtigen Wolfgang. Und es war sicher nicht nur sein Glaube, sondern die unausweichliche Tatsache unserer menschlichen Sterblichkeit, die ihn befähigte, in einer erstaunlich gefassten und ungeschminkten Weise bis in die letzten Stunden seinem Ende ins Auge zu sehen.

Kyrie eleison

Der Tod ist stärker als der Mensch. Die Verdrängungsmechanismen sind nicht neu. Daher bittet der 90. Psalm Gott geradezu: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen. Freilich – das war auch eine der letzten Fragen Wolfgangs: Warum Gott es den Menschen mit dem Sterben so schwer mache. Es gibt keine Antwort darauf außer der einen, die Wolfgang selbst sich für seine Todesanzeige gewünscht hat: Kyrie eleison, Herr, erbarme dich unser.

Der Tod ist stärker als der Mensch. – Es gibt aber auch noch eine andere Wahrheit, die ebenso gültig über unserem Leben steht: Die menschliche Liebe überdauert den Tod.

Eigentlich ist das eine Binsenweisheit: Was sind Grabsteine, Blumen, Fotos, die wir uns von einem Verstorbenen aufstellen, anderes als Zeichen liebender Erinnerung, mit denen wir sagen wollen: Du bist für uns nicht vergessen, Du bleibst uns weiter wichtig, op Kölsch: Niemols jeiht mer su janz. Und in der Rückschau auf manche Menschen hält sich diese Erinnerung lang und intensiv, ganz unabhängig davon, ob sie kurz oder lang gelebt haben. Wolfgang war so einer. Sein Leben war nach heutigem Ermessen kurz. Aber es war doch auch ein sehr intensives. Wo er war, hat er geprägt. Schon in seiner kurzen Ordenszeit und als Hochschulpfarrer. Als wir einmal Johannes Rau über den Weg liefen, kannte der ihn mit Namen. Erst recht als Pfarrer in Heidelberg und Ladenburg. Als Wolfgang Kestermann kam, bekam die Gemeinde neuen Schwung. Auch in der Ökumene war seine Stimme nicht zu überhören. Alt-Katholisch war plötzlich keine no-name-Kirche mehr, sondern eine katholische Kirche mit bischöflich-synodalem Profil. Der junge Wolfgang Kestermann zählte 1981 zu den Mitbegründern des Arbeitskreises Öffentlichkeitsarbeit, und damit zu einem Kreis von Geistlichen und Laien unserer Kirche, die nicht mehr bereit waren hinzunehmen, dass das alt-katholische Bistum nur ein Nischendasein in einem langsam dahinsiechenden Orchideengärtchen fristen sollte. Er gehörte mit zu denen, die unsere Kirchenmitglieder in Wort und Tat ermunterten, Selbstbewusstsein und vor allem katholische Spiritualität zu zeigen, um damit endlich aus dem Geruch einer verwässerten, relativistischen Man-muss-nix-Kirche herauszutreten. Der Aufbruch auf dem Düsseldorfer Katholikentag 1981 wurde mitgetragen von einem kämpferischen Wolfgang Kestermann. Aber er war kein fanatischer Agitator. Er blieb immer Seelsorger und hatte die Menschen im Blick. Er konnte mit arm und reich, mit hoch und niedrig, jung und alt umgehen, eigentlich auch mit solchen, deren politische oder Lebenseinstellungen ihm nicht passten.

Pfarrer in Köln

Dann wurde Köln frei. Und es stellte sich heraus: In dem Düsseldorfer, der seine Herkunft trotz bester Bemühungen nie ganz verleugnen konnte, schlug ein kölsches Herz. Das kommt sicher nur selten vor. Die alt-katholische Gemeinde Köln konnte damals neue Impulse gut gebrauchen. Wolfgang Kestermann war in kürzester Zeit so mit seiner neuen Heimatstadt verwachsen, dass er das Herz der hiesigen Menschen traf. Auch hier wäre es zu kurz gegriffen, würde man den Karneval als einzige Transportschiene begreifen, mit der er Menschen an sich zog. Der Karneval war für ihn ein sehr wichtiges Hobby, aber zugleich auch eines, in dem man ihn nicht nur als Sitzungspräsidenten und Organisator erleben, sondern zugleich auch als Seelsorger in Anspruch nehmen konnte. Wo er sich bewegte, blieb diese Berufung in ihm lebendig.

Dass ihm das geistliche wie das gesellige Leben der Gemeinde ein Herzensanliegen war, konnte er mit seinem bereits erwähnten Engagement für den Wiederaufbau der Auferstehungskirche und die Renovierung des Pfarrhauses unter Beweis stellen, die trotz aller Unkenrufe eine gelungene Mischung aus moderner Architektur unter Wiederaufnahme der alten Formen darstellt und ausreichend Platz bot auch für weltliches Feiern. Im Kreis der Pfarrerkollegen und auf Synoden war Wolfgangs Stimme die eines entschiedenen, durchaus frommen Katholizismus, aber eines Katholizismus mit den althergebrachten Rechten der Ortsbistümer. Auf Synoden, dem anderen Element unseres Selbstverständnisses, konnte er zumindest in jungen Jahren, streitbar sein. Er war ein Konservativer. Aber er war deswegen nicht unbeliebt, wie die Anwesenheit vieler geistlicher Mitbrüder und -schwestern zeigt. Wolfgang Kestermann hinterlässt viele Freunde.

So ein Mensch wird nicht schnell vergessen. Das also ist das zweite, das wir feststellen dürfen: Die menschliche Liebe, die liebende Erinnerung überdauert den Tod, zumindest eine zeitlang, und in unserem Fall kann das sogar eine recht lange Zeit sein. Aber es bleibt ein Überleben auf Zeit. Und es bleibt ja auch immer noch Aufarbeitung zu tun. Wolfgang war zu sehr Realist, um nicht um seine Fehler zu wissen und sie sich nicht einzugestehen. Ich habe mit ihm wenige Stunden vor seinem Tod noch einmal lange gesprochen. Da ging es unter anderem um unsere Sündhaftigkeit und Unvollkommenheit. Ich habe zu ihm gesagt, in wenigen Tagen – ich ahnte nicht, dass es nur noch Stunden sein würden – weißt du mehr über mich als ich über dich. Bet’ für mich bei dem da oben. Da hat er gelächelt und mir gesagt: Noch bist Du zuständig: Bitte alle um Verzeihung, an denen ich schuldig geworden bin.

Das ist das zweite Kyrie eleison, dass sich bei aller Freundschaft, wenn sie ehrlich ist, immer mit unserer gebrochenen Wirklichkeit verbinden muss.

Die Liebe überwindet den Tod

Und schließlich: Auch unser Überleben in Freundschaften und liebender Erinnerung ist bei allem Respekt doch auch nur ein Überleben auf Zeit. Dass der Tod stärker ist als der Mensch, das kann man tagtäglich sehen. Dass die menschliche Liebe den Tod zumindest um eine zeitlang überdauert, das kann man sehen. Aber auf die entscheidende Frage, was mit unseren Toten selbst ist, was mit Wolfgang Kestermann jetzt selbst ist, darauf gibt es keine Antworten mehr aus dem Bereich des Sehens, sondern nur noch Antworten des Glaubens und der Weltanschauung. Und unser christlicher Glaube gibt uns auf diese letzte Frage nach dem Sinn des Todes und damit auch nach dem Sinn des Lebens eine klare, eindeutige Antwort: So, wie schon die unvollkommene menschliche Liebe in der Lage ist, den Tod zumindest um eine zeitlang zu überdauern, so ist die ewige, vollkommene Liebe Gottes in der Lage, den Tod zu überwinden. Wir glauben dies bestätigt zu finden im Weg des einen Menschen Jesus, der von der Krippe zum Kreuz, also auf durchaus unbequeme Unterlagen gebettet, sein Leben verstanden hat von Gott her auf ihn hin. Wir feiern dies komprimiert im Spannungsbogen dieser Woche vom Palmsonntag über den Karfreitag auf Ostern zu.

Dir, liebe Birgit und Dir, Johannes, Ihnen, Frau Kestermann und Familie Bennert, gilt unser Mitgefühl. Dir, liebe Birgit, gilt darüber hinaus auch unser großer Dank, der Dank des Bistums und der Gemeinde, für alles, was Du als Pfarrfrau mitgeleistet und manchmal auch mitgetragen hast.

+ Joachim Vobbe

Die Predigt wurde leicht gekürzt.



Dechant Wolfgang Kestermann

Wolfgang Kestermann wurde am 26. Oktober 1952 in Duisburg geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Düsseldorf. Nach dem Abitur auf dem Humboldt-Gymnasium im Jahre 1971 trat er in den Franziskanerorden ein und nahm das Theologiestudium an der Franziskanerhochschule in Münster auf. Nach den Abschlussexamina wurde Wolfgang Kestermann am 18. Dezember 1977 in der Düsseldorfer Franziskanerkirche zum Priester geweiht. Es folgten in kurzen Abständen eine Kaplanstelle in Saarbrücken und die Anstellung als Hochschulseelsorger an der Gesamthochschule Wuppertal.

Im Februar 1980 trat Wolfgang Kestermann dem Katholischen Bistum der Alt-Katholiken bei. Dort wurde er zunächst angestellt als Pfarrvikar und schließlich als Pfarrer der alt-katholischen Gemeinden Heidelberg und Ladenburg. Im Jahr 1985 konnte er seinem Herzenswunsch Rechnung tragen und sich als Nachfolger von Pfarrer Wilhelm Korstick auf die Pfarrstelle der Christi-Auferstehungs-Gemeinde in Köln bewerben. Sein kommunikatives Wesen, seine seelsorglichen Fähigkeiten und seine soliden theologischen Kenntnisse befähigten ihn dazu, die Kerngemeinde zu festigen und zu einem erheblichen Wachstum zu bringen. Zugleich wurde durch seine Initiative der Wiederaufbau der Christi-Auferstehungskirche in Angriff genommen, die seit ihrer Kriegszerstörung nur in Gestalt eines Provisoriums existierte. Die neue Kirche konnte am 22. Mai 1993 eingeweiht werden und wurde von Anfang an von der Gemeinde dankbar angenommen.

Neben seinen seelsorglichen Aufgaben unterrichtete Wolfgang Kestermann den Priesternachwuchs unseres Bistums als Dozent am Bischöflichen Seminar im Fach Kirchenrecht. Im Jahr 1996 wählte ihn die Dekanatsversammlung der nordrhein-westfälischen Alt-Katholiken zum Dekan und damit zum Visitator der Gemeinden in diesem Bundesland. In dieser Funktion trug er die Umstrukturierung des Kirchensteuerverbandes zu einem solidarischen Landesverband dieser Gemeinden mit einer eigenen Landessynode mit.

Neben seinem kirchlichen Engagement war Wolfgang Kestermann eine bekannte Persönlichkeit im Kölner Karneval. Er war Mitglied der „Großen Kölner“ und der „Kölschen Narrengilde“, die er elf Jahre lang mit Herz und Erfolg leitete. Sein Einsatz in diesem Bereich, der ja in Köln in viele Anteile der Gesellschaft prägend hineinragt, kam auch immer wieder der Gemeinde zugute.

Dechant Kestermann verstarb nach einem langen, in seiner ganzen Bedrohlichkeit aber erst in den letzten zwei Lebenswochen erkannten Leiden am 5. April 2006. Er hinterlässt seine Frau Birgit, mit der er seit 1980 verheiratet war und die ihm als Pfarrfrau stets zur Seite stand, sowie einen Sohn.