Palawan und das Reisbank-Projekt


Agrarstrukturen, die durch die Konzentration von Grund und Boden in Latifundien geprägt sind, behindern im starken Maße die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung einer Region. Kurzfristig stehen sie einer Produktionssteigerung und einem Beschäftigungswachstum im Wege, während sie langfristig Armut, Verelendung und Hunger nach sich ziehen. Solche Gegebenheiten stehen im krassen Gegensatz zu jenem Prinzip, nach dem Menschen im Hinblick auf ihre Würde und ihre Rechte von Geburt an gleich sind - ein urchristliches Prinzip, das sich aus dem gemeinsamen Ursprung und der Gemeinschaft mit Gott herleitet (Eph 4,6). Um dieses Prinzip geht es, wenn sich Kirche in den benachteiligten Regionen der Welt engagiert, wenn sie denen Unterstützung angedeihen lässt, die chancenlos zu sein scheinen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das alt-katholische Engagement auf der philippinischen Insel Palawan, einem Eiland mit großen wirtschaftlichen und strukturellen Problemen.


Diese knapp 400 Kilometer lange und 40 Kilometer breite Insel liegt im südwestlichen Teil des philippinischen Archipels. Ursprünglich war sie spärlich besiedelt. Heute leben auf ihr fast eine halbe Millionen Menschen. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Einwanderer von den stärker bevölkerten Nachbarinseln wie Luzon oder Mindanao sowie Menschen von den Zentralinseln des Archipels wie Panay und Negros. Palawan wurde zu einem Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und Sprachen. Was alle Einwanderer miteinander verband war die Hoffnung dort eine neue Existenz zu gründen und ein erträgliches Auskommen zu haben. Die heutigen wirtschaftlichen und damit sozialen Probleme begannen sehr früh und haben ihren Ursprung in einer willkürlichen und konzeptlosen staatlichen Siedlungspolitik. Der Großteil der Bevölkerung lebte von Fischfang oder Ackerbau, speziell vom Reisanbau. Große Waldareale wurden abgeholzt, um für die Neuankömmlinge Ackerboden zu gewinnen. Die ersten Siedler bekamen von der Regierung große Stücke Land zur Verfügung gestellt. Spätere Einwanderer mussten sich dann mit bescheideneren Grundstücken zufriedengeben. Die, die als letzte die Insel besiedelten gingen leer aus. Mit dieser Ungleichbehandlung wurde der Grundstock gelegt für soziale Ungerechtigkeit, Verelendung und Abhängigkeit der Benachteiligten von Wucherern und Geldverleihern. Manch radikale politische oder islamistische Gruppierung versucht, daraus ihren Vorteil zu ziehen, und es mag nicht überraschen, dass sich terroristische Machenschaften gerade in dieser Region der Philippinen häufen.


Innere Mission und Bistumsgründung


Gemeinsam mit ihren europäischen alt-katholischen Schwesterkirchen sucht die Iglesia Filipina Independiente Wege aus dem Desaster. Es soll der Bevölkerung von Palawan vor allem Hilfe zur Selbsthilfe geboten werden. Die Bevölkerung der Insel besteht heute hauptsächlich aus Christen. Dies war nicht immer so. Erst 1957 kam der erste Priester der Unabhängigen Philippinischen Kirche, Vater Nabua, auf die Insel. Es glückte ihm sehr schnell, eine Pfarrgemeinde in Narra zu gründen, knapp 100 Kilometer von der Hauptstadt Puerto Princesa entfernt. 25 Jahre lang war er der einzige Priester auf der Insel. Zu Fuß und per Pferd bereiste er ganz Palawan auf der Suche nach neuen Mitgliedern und taufte in der Tat eine Menge Menschen. 1983 gesellte sich dann ein zweiter Priester hinzu, Vater Saturnino Torres. Auch Torres, der sich in Winigit, 210 Kilometer nördlich der Hauptstadt, niederließ, gründete eine Pfarrgemeinde und erbaute dann eine Schule, die noch heute in Betrieb ist. Die Christianisierung schritt voran. Erfreut über diese Entwicklung wandte sich Bischof Tomas Millamena an die niederländische St. Paulus-Mission, mit der Bitte um Spende von drei Motorrädern. Mit Hilfe dieser sollten zusätzliche Priester die Insel bereisen und weitere Pfarrgemeinden gründen. Diese Bitte um drei Motorräder war der Startschuss für eine dauerhafte Unterstützung, die letztendlich 1992 zur Gründung des Missionsbistums Palawan führte, dessen erster Bischof Vater Leon Estrellla aus Antique wurde. Heute umfasst das Bistum sieben Pfarrgemeinden (Narra, Winigit, Puerto Princesa, Quezon, Dumanguena, Tagumpay und Paniti-an) mit insgesamt fünf Priestern und einem Diakon. Dazu zählen weitere neun Gottesdienststationen. Zum Bistum Palawan gehören ungefähr 5.000 Gläubige. Jährlich kommen ca. 200 neu getaufte Mitglieder hinzu.


Die Melanesische Bruderschaft


Auf der Insel lebt auch eine Anzahl Brüder der Melanesischen Bruderschaft, einer anglikanischen Kongregation, die ihre Wurzeln auf den Solomon-Inseln hat. Sie helfen u.a. in den Pfarrgemeinden aus. Auch sind sie auf Bitten Bischof Estrellas damit beschäftigt, eine eigene missionarische Bruderschaft der Iglesia Filipina Independiente zu gründen. In ihr sollen sich junge Männer, die ein religiöses Leben in der Gemeinschaft führen möchten, ganz dem Dienst an der Kirche widmen. Für diesen Zweck wurde in der Gemeinde Paniti-an bereits ein Gemeinschaftshaus gebaut und ein vier Hektar großes Ackerland zur Bewirtschaftung erstanden.


Hilfe aus Europa


Mit der Spende dreier Motorräder begann die Unterstützung des niederländischen Missionswerkes St. Paulus beim Aufbau des Missionsbistums. Es dauerte nicht lange, da beschlossen auf dem Internationalen Alt-Katholiken-Kongress in Österreich auch die deutsche, die schweizerische und österreichische Kirche und ihre Hilfsorganisationen sowie die niederländische Diakonie ihre Teilnahme am Projekt Palawan. Damit wurde die Angelegenheit auch zu einem beispiellosen ökumenischen Projekt. Auf dem letzten Kongress in Prag wurde de Unterstützung für weitere vier Jahre bewilligt. Dabei unterstützt die niederländische Mission in erster Linie den Gemeindeaufbau vor Ort und die anderen die sogenannten „income generating projects“, wie das Reisbank-Projekt.


Das Reisbank-Projekt


Mit dem Reisbank-Projekt gelingt es, drei Fortschritte gleichzeitig zu erzielen. Zum einen wird landlosen Bauern ein Stück Ackerland zur Ver-fügung gestellt, mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Zum anderen werden die Menschen vor Ort, deren Hauptnahrung Reis ist, vor den Machenschaften skrupelloser Wucherer und Geldhaie geschützt. Drittens wird mit diesem Projekt das Bistum langfristig finanzielle Gewinne verbuchen können. Mit der Unterstützung der oben genannten Kirchen und Hilfsorganisationen pachtet das Bistum Palawan seit geraumer Zeit brachliegendes Ackerland. Dieses wird landlosen Gemeindemitgliedern zum Reisanbau angeboten. Auf diesem Grund können bis zu drei Ernten im Jahr erzielt werden – genug, um davon zu leben. Darüber hinaus stellt das Bistum gleichzeitig Saatgut sowie Ochsen und Pflug zur Verfügung. Als Gegenleistung geben diese Bauern 25 Prozent ihres Ertrages an die sogenannten Reisbanken ab. Mit Hilfe dieser Reisbanken wird verhindert, dass Menschen sich verschulden und in Abhängigkeit von Geldverleihern geraten. Denn besonders vor der Erntezeit schießt der Reispreis in die Höhe und ist für die Armen dann kaum noch erschwinglich. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als bei Wucherern Geld zu leihen, die einen Zins von 50 bis 100 Prozent verlangen. Das Reisbank-Projekt bietet einen Weg aus dieser Misere. Sie verleiht den zurückgezahlten Reis an jene, die ihn nötig haben. Nach der Ernte zahlen diese dann den Reis wieder zurück zuzüglich einer angemessenen Zinszahlung an Reis. Damit werden Menschen vor Wucher und Verarmung bewahrt. Durch die Zinseinnahmen ist wiederum das Überleben und Gedeihen der Reisbanken gesichert. Sie verfügen in der Regel über bescheidene Lagermöglichkeiten und eine entsprechende Speicherverwaltung. Die Unterstützung durch die alt-katholischen Schwesterkirchen soll jedoch nur eine Starthilfe darstellen. Langfristig soll das Bistum Palawan in der Lage sein, das Reisbank-Projekt in Eigeninitiative zu managen. Bei der Mittellosigkeit vor Ort ist dies jedoch zurzeit noch Zukunftsmusik. Die Tatsache, dass die Ernteerträge kontinuierlich wachsen, lässt jedoch hoffen und gibt allgemein Anlass zu Optimismus. In absehbarer Zeit wird mehr Reis in den Lagerhäusern liegen als verliehen werden kann. Von da an kann der Reis verkauft werden und Gewinn bringen. Auf diese Weise werden den Pfarrgemeinden nicht nur Einkünfte garantiert, es wird auch ihr Selbstbewusstsein als soziale Größe nachhaltig beeinflussen. So soll die Abhängigkeit von externer Hilfe langfristig abnehmen. Das missionarische Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe ist dann ebenso erfolgreich umgesetzt, wie der Gedanke der gelebten Ökumene. Zum einen sind die Helfenden einander näher gekommen, zum anderen haben sich ihre Beziehungen zur Unabhängigen Philippinischen Kirche dadurch gefestigt.


Ausbau des Projekts


Das Bistum Palawan ist dabei noch mehr Reisbanken ins Leben zu rufen und die bestehenden Projekte auszubauen. Auf den Punkt gebracht bedeutet dies:

- Pacht oder Kauf weiteren Ackergrundes

- Anschaffung zusätzlichen Saatgutes

- Beschaffung weiterer Ochsen und Pflüge

- Ersetzen der aus Bambus gebauten Scheunen durch fest gemauerte

Lagergebäude zum Schutz vor Feuchtigkeit und Ungeziefer


Folgende Einzelkosten werden veranschlagt:

- ein Sack Saatgut für 1 Hektar: € 10,-

- ein Ochsengespann: € 300,-

- ein Pflug: € 30,-

- ein gemauertes Reislager: € 500,-

- fünf Jahre Pacht für 1 Hektar Land: € 670,-

- Kaufpreis pro Hektar Land: € 2.000,-


Es ist ein gutes Gefühl, die Gewissheit zu haben, dass auch unsere Kirche diese hoffnungsvollen Projekte des Bistums Palawan ein Stück weit voranbringt. Wir erfüllen damit nicht nur den Sendungsauftrag Christi und gewinnen nicht nur an ökumenischem Profil – vor allem helfen wir Menschen in Not!


André Golob


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