Pfarrer Bernd Wnuk †


Am 26. Januar 2004 starb nach kurzem, schwerem Leiden Pfarrer Bernd Wnuk aus Blumberg-Kommingen. Am 3. Februar wurde Pfarrer Wnuk in seiner Heimatstadt Konstanz beigesetzt. Hunderte Menschen waren von den Randengemeinden, aus dem Hegau und den Wutachtalgemeinden gekommen, um Abschied zu nehmen. Zahlreiche Geistliche aus dem Dekanat Südbaden und anderen Teilen des Bistums, aus der Schweiz und aus der Ökumene gaben das letzte Geleit. Die Trauerfeier wurde mitgestaltet vom Komminger Musikverein. Das Requiem in der überfüllten Christuskirche wurde von Bischof Joachim Vobbe, Dekan Hermann Eugen Heckel und Pfarrer Guido Palazzari, der wenige Tage zuvor in der Komminger Kirche offiziell in sein Amt als Pfarrer von Blumberg, Stühlingen und Schwaningen eingeführt und aufgrund des plötzlichen Todesfalles zugleich als Pfarrverweser von Kommingen, Fützen und Mundelfingen eingesetzt worden war, geleitet. Ehrende Worte über den Toten wurden am Ende des Gottesdienstes durch den Kirchenvorstandsvorsitzenden Norbert Holzmann, den Komminger Ortsvorsteher Matthias Baumann, den römisch-katholischen Pfarrer Edgar Wunsch und den evangelischen Diakon Werner Volkerts (beide Blumberg) gesprochen.

Im Folgenden geben wir Auszüge aus der Predigt von Bischof Joachim Vobbe wieder, in welcher er auf den Lebensweg und den Dienst des Verstorbenen einging:


Lebensweg


Bernd Otto Wnuk wurde am 8.Oktober 1947 in Konstanz als dritter Sohn der Eheleute Bernhard Wnuk und Frieda, geborene Reis, geboren. Einer seiner Brüder ging ihm schon ihm Kindesalter in die Ewigkeit voraus. Auch sein Vater starb früh, als Bernd noch ein Kind war.

Im Sommer 1967 machte er an der Wirtschaftsoberschule in Konstanz das Abitur, und studierte anschließend an den Universitäten Freiburg, Strassburg und am Priesterseminar St.Peter Theologie. Am 23.Mai 1976 empfing Bernd Wnuk in Freiburg die Priesterweihe und war als Vikar und Pfarrverweser in verschiedenen Gemeinden des Erzbistums Freiburg tätig. Im Jahr 1982 wechselte er ins alt-katholische Bistum und wurde von Bischof Josef Brinkhues mit der Seelsorge für die Gemeinden Blumberg, Kommingen, Fützen, Stühlingen, Schwaningen und Mundelfingen beauftragt. Im Rahmen einer gewissen Aufteilung der Zuständigkeiten für die Gemeinden unter zwei Seelsorger, die inzwischen da waren, wurde Bernd Wnuk am 25. November 1989 nach vorangegangener Wahl zum Pfarrer der Gemeinden Kommingen, Fützen und Mundelfingen ernannt.


Das ist der Lebenslauf von Pfarrer Bernd Wnuk in seinen äußerlich wichtigsten, öffentlich bekannten Stationen. Dass dahinter ein Mensch stand mit äußerst facettenreichen Interessen und Beziehungen, mit großer geistiger Beweglichkeit und gleichzeitig doch einer starken Bindung an den Randen und an seine Geburtsstadt Konstanz, geht aus diesem Zahlen- und Datengerüst kaum hervor. Wenn einer mit 56 Jahren stirbt, sagt man nach menschlichem Ermessen mit Recht, das sei doch noch kein Alter. Erst ganz von weitem kommt das Rentenalter in den Blick. Zwar fasst man im Beruf nicht mehr unbedingt etwas neues an, aber Bernd Wnuk hatte durchaus noch Projekte: Die Erschließung der Werke des letzten Konstanzer Bistumsverwesers Ignaz Heinrich von Wessenberg für unser Bistum faszinierte ihn in den letzten Jahren immer mehr. Auch persönliche Pläne hegte er noch ganz zuletzt: Die Eheschließung mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Veronika.


In diesem Alter kommt der Tod dann doch wie ein Einbrecher. Die nüchterne Erkenntnis: Der Tod ist stärker als der Mensch, - die gerade uns Geistlichen in der Seelsorge ein täglicher Begleiter ist, klingt eben doch anders, wenn sie uns selbst und wenn sie uns mitten in diesem Leben betrifft. An-dererseits muss man sagen: Gerade Pfarrer Bernd Wnuk hat die Todesnähe unseres Lebens nicht erst mit sei-nem eigenen Todesleiden wahrgenommen. Er ist dem Sterben und den Sterbenden in seinen Gemeinden nicht aus dem Weg gegangen. Das manchmal auch nur stumme Teilnehmenkönnen am Leiden anderer Menschen oder an ihrer Trauer war eine Stärke seines seelsorgerlichen Wirkens. Leiden und Gewalt überall in der Weit konnten den sonst so ruhigen Bernd Wnuk aufregen und waren nicht selten ein Thema seiner Predigten. Er stellte sich gern auf die Seite der Theologie der Befreiung; Dom Helder Camara, Ernesto Cardenal, Oskar Romero, - das waren seine Namen. Die leidvollen Seiten des Lebens waren ihm darüber hinaus auch persönlich vertraut. Wenn ich zu Anfang sagte: Er starb nach kurzem, schwerem Leiden, dann ist damit nur die Rede von der Krankheit, die zu seinem Tod führte. Bernd Wnuk war seit Jahren krank, litt beständig schwere Schmerzen und konnte oft nur unter Mühen seinen Dienst tun.

Der Tod ist stärker als der Mensch, das spüren wir oft durch seine Vorboten am eigenen Leib, wir spüren es beim Tod geliebter Menschen in unserer Nähe - Bernd hat außerordentlich gelitten unter dem Tod seiner Mutter -, wir spüren es je nach dem in unserem beruflichen Umfeld, gerade als Priester; wir spüren es - wenn wir noch nicht abgestumpft und noch sensibel geblieben sind -, an jedem Tag, wo wir die Nachrichten hören oder uns Hilferufe aus anderen Teilen der Weit erreichen.

Aber eine andere Wahrheit gilt auch: Die menschliche Liebe überdauert den Tod. Das mutet zunächst wie eine Binsenweisheit an: Grabsteine, die wir aufstellen, Blumen und Kerzen, die wir ans Grab bringen, und Fotos, die wir von Verstorbenen aufbewahren, sind ja nichts anderes als Zeichen, mit denen wir sagen: Für uns bist du nicht einfach aus der Welt. In der Welt meiner liebenden Erinnerung lebst du weiter, bleibst du weiter wichtig.

Bernd Wnuk war bei aller geistigen Beweglichkeit selbst ein solcher Mensch der Erinnerung und des liebevollen Staunenkönnens. Die Bewahrung von bewährtem Vergangenem war ihm wichtig. Er war ein Kunstliebhaber und ein Freund schöner Landschaft. Seine Bindungsfähigkeit zeigte sich auch im äußerlichen Verbleiben am Ort. Er war mein Nachfolger auf dem Randen und dieser Wechsel liegt nun schon 22 Jahre zurück! Das ist eine lange Zeit.

Bernd war ein Mensch, mit dem man auch persönlich befreundet sein konnte, Gemeindemitglieder haben dies gespürt und werden ihn vermissen, und auch Kollegen haben dies gespürt. Besonders tief war die Verbindung mit seiner Lebensbegleiterin Veronika. Sie hat ihm eine Liebe und Treue und eine Freundschaft gehalten, die auch seine Leiden mit durchgestanden hat. Das bleibt nicht außen vor und wird prägender Teil ihres Lebens bleiben, nicht nur eine Episode, die man abstreifen könnte wie einen Mantel.

Die liebende Erinnerung überdauert den Tod, und ich bin sicher, dass Bernd Wnuk noch lange in vielen unserer Gespräche und Gedanken präsent sein wird.

Aber es bleiben auch offene Fragen: Was ist dann, wenn diese Erinnerung verblasst, was ist, wenn wir, die Überlebenden, selbst nicht mehr da sind, wenn uns niemand mehr kennt. Die Langzeitgedächtnisse werden immer schwächer. Gerade Bernd Wnuk als Historiker war der Verfall unserer Gedenk- und Gedächtniskultur mehr als bewusst. Was ist mit Bernd Wnuk selbst, jetzt? Bleibt von uns allen am Ende nur eine Gnadenfrist der Erinnerung der Nachwelt und war es das dann? Wir würden uns genau an diesem Toten vorbeimogeln, würden wir uns nicht dieser Frage ehrlich stellen. Dass der Tod stärker ist als wir, das kann man sehen, dass die menschliche Erinnerung stärker ist als der Tod, kann man sehen. Aber auf die letzte Frage, was mit unseren Toten selbst ist, was mit Bernd Wnuk selbst ist, was mit uns ist, wenn wir einmal sterben müssen, gibt es keine Antworten aus dem Bereich des Sehens mehr, sondern nur noch Antworten aus dem Bereich des Glaubens, aus denen sich dann allerdings auch eine andere Perspektive für diese Welt entwickelt. Unser Glaube gibt auf diese Kernfrage nach dem Sinn unseres Sterbens und damit auch nach dem Sinn unseres Lebens eine sehr klare und eindeutige Antwort: So, wie die unvollkommene menschliche Liebe den Tod immerhin schon um eine Zeit überdauert, so ist die ewige, vollkommene Liebe Gottes in der Lage, den Tod zu überwinden. Was Gott einmal geschaffen hat, das verlässt er nicht mehr. An vielen Stellen des Neuen Testaments wird dieser Glaube bezeugt. Erst der Auferstehungsglaube, der Glaube an den Sieg des Lebens bei Gott, jetzt schon, lässt uns hoffen, dass unsere hiesigen, unerklärlichen Leiden verklärt werden in Sinn und Wert. Dieser Glaube gibt uns die Kraft, uns hier schon einzusetzen für die Linderung von Schmerz und Not; er gibt uns die Hoffnung, dass sich in Erwartung der göttlichen Gerechtigkeit durch unser Denken und Tun doch wenigstens eine bescheidene Annäherung an Gerechtigkeit und Frieden auch hier ergeben möge. Dieser Glaube auch gibt uns erst den manchmal notwendigen Humor, dessen es bedarf, um die eigentlich unerträglichen Dinge unseres Lebens zu ertragen, und von dem Bernd eine zwar leise, aber doch gute Portion hatte. „Noch schauen wir wie in einem Spiegel, verzerrt, dann aber werden wir schauen von Angesicht zu Angesicht. Noch erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich ganz erkennen, so wie Gott mich ganz erkannt hat.“(1 Kor 13,12)

In unserem Gebetbuch findet sich ein schönes Gebet, Paraphrase eines Gebetes aus dem letzten Gebetbuch des Bistums Konstanz von Ignaz Heinrich von Wessenberg, dieses aufgeklärten und doch so tief frommen Geistes, der ein wichtiger Wegbereiter unseres Bistums wurde und der Bernd Wnuk so viel bedeutet hat:


„Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist,

in meinem Beten bewundere ich deine alles ordnende Macht,

deine Weisheit und Gerechtigkeit.

Ich bitte dich in aller Demut:

Dein Bild, dein Name möge meinem Geist niemals ausgelöscht, niemals verdunkelt werden.

Sei du eine stets unvergessene, lebendige Wirklichkeit in meinem Leben.

Du Quell meiner Freude.

Mein Leben lobe dich, gefalle dir und finde in dir sein Ziel.

In Bescheidenheit bitte ich dich:

Mein Dasein sei zu etwas nütze vor dir und meinen Mitmenschen.“

Und in diesem Sinne bitten wir dich, guter Gott, nimm dieses Gebet an für deinen Diener, unseren Bruder Bernd. Lass ihn in dir geborgen sein und vollende du mit deiner Kraft an ihm, was er in seiner Schwachheit begonnen hat. Amen


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