Bischof Dr. Sigisbert Kraft †

Als sich die Nachricht verbreitete, Sigisbert Kraft sei verstorben, tat sich noch einmal die ganze Weite seines Bekanntheitsgrades auf. „Er war ein interessanter Theologe, ein brillanter Liturgiewissenschaftler und Hymnologe, ein kundiger Ökumeniker, ein Mann, der das Profil seiner Kirche einbrachte in die Diskussion“, war zu hören. In der Tat, die 1994 für ihn erschienene Festschrift „Christus spes“ weist bereits eine Bibliographie von 349 Nummern auf; und noch hat sich niemand an die Arbeit gemacht, die danach erschienenen Werke und Artikel aufzulisten. Sigisbert Kraft zählte sicher zu den überdurchschnittlichen Bischöfen – nicht nur im alt-katholischen Raum. Und gerade, was die Liturgie anging, setzte er Maßstäbe.

Sein Lebenszeitraum deckte die unterschiedlichsten Bewegungen und Entwicklungen ab. Aber es lässt sich doch ein roter Faden in seiner Persönlichkeit erkennen. Geboren in einem Lehrerelternhaus – den Lehrer hat man ihm immer angemerkt – und in die Armut der ausgehenden Weimarer Republik, wuchs er hinein in das „Dritte Reich“, vor dessen Ansteckungsgefahren ihn aber eine einigermaßen naziresistente Schule in Würzburg bewahrte. Am Ende riskierte er sogar im Rahmen der Katholischen Jugend kleine, durchaus gefährliche Flugblattaktionen, ob aus prinzipiellen Erwägungen oder aus jugendlichem Wagemut – darüber wollte er im Rückblick selbst nicht mehr urteilen; – um dann doch noch, mit 17, zum Kriegdienst eingezogen zu werden. Ein gnädiger Lazarettarzt ließ ihn schließlich laufen, bevor es zu einer Gefangennahme oder Schlimmerem kommen konnte. Die Erfahrungen aus dieser Zeit waren wohl mitverursachend dafür, dass er lebenslang aller brachialen Gewalt abhold blieb.

Theologischer Werdegang

Im Studium und danach begeisterte ihn nicht nur das jugendbewegte Singen, das heute zu verklingen scheint, sondern auch die liturgische Bewegung, die sich zumindest in einer gewandelten Form erhalten hat. Burg Rothenfels blieb er zeitlebens verbunden, Guardini, Kahlefeld, Döpfner, Stählin waren prägende Gestalten für seinen theologischen Werdegang, der zunächst in der ihm ererbten römisch-katholischen kirchlichen Heimat begann.

Während seiner Kaplans- und Religionslehrerjahre in Franken von 1951 bis 1961 drängte der Geist in die Kirche; das II. Vatikanum und die neuere ökumenische Bewegung kündigten sich an. Sigisbert Kraft fand in dieser Zeit in Erentrud Sprenzel eine Partnerin, mit der er nicht nur das Herz, sondern auch die geistigen und geistlichen Interessen teilen konnte. Beide wählten – nach durchaus langen inneren Kämpfen – den Weg ins alt-katholische Bistum, das ihnen vom Studium her bekannt war.

Die alt-katholische Kirche bot beiden Krafts damals einen weiten Raum zur Umsetzung vieler Prinzipien und Verwirklichung vieler Ideen, die sie aus liturgischer Bewegung und pastoralem Aufbruch mitbrachten, allerdings auch einen mancherorts weitgehend leeren Raum. Wer damals als alt-katholischer Priester Erneuerungsabsichten hatte, musste sich erst einmal das Interesse und die Mitarbeit erkämpfen. Nichts war selbstverständlich, weit reichten Resignation und Gleichgültigkeit. Der Pulverdampf der Reformen der ersten alt-katholischen Jahrzehnte und ihrer Vorkämpferinnen und Vorkämpfer war verflogen. Das begonnene II. Vatikanum wurde im alt-katholischen Raum inhaltlich kaum wahrgenommen und lange Zeit auch kaum rezipiert, da man der Meinung war, die dort angestrebten Reformen schon alle durchgeführt zu haben.

Was es heißt, unter solchen Umständen in der täglichen Seelsorge und im täglichen Unterricht zu stehen, zugleich die Überzeugungsarbeit für notwendige kirchliche Reformen in kleinen, oft mühsamen Schritten immer wieder neu auf allen Ebenen zu leisten und gleichzeitig einen geistigen Horizont zu bewahren, der auch einer theologischen Debatte auf hohem Niveau standhielt, und – nicht nur nebenbei - eine wachsende und noch um Exilantenkinder vermehrte Familie zu haben, das lässt sich aus der Rückschau gar nicht mehr recht ermessen. Was getan werden konnte, wurde eben ohne viel Federlesens getan.

Erneuerte Liturgie

Die Option für das alt-katholische Bistum war zwar eine Entscheidung für einen oft mühsamen, letztlich für Sigisbert und Erentrud Kraft aber doch auch zugeschnittenen Weg. Als die Reformen bei der großen römisch-katholischen Schwester ins Stocken kamen, in den 70er Jahren, erwies sich das alt-katholische Feld immer noch als weit genug, um eingeschlagene Geisteswege weiterzugehen, und, spätestens von den 80er Jahren an, auch mehr und mehr begeisterungsfähige Weggenossen und -genossinnen zu finden. Karlsruhe war zu dieser Zeit schon so etwas wie eine Musterpfarrei und unter Einspeisung der vielfältigen Kontakte – Arbeitsgemeinschaft Ökumenisches Liedgut, Liturgische Kommission, Societas Liturgica, Michaelsbruderschaft, Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, verschiedenen Orden und Kommunitäten der Ökumene u.a. – wuchsen allmählich bistumsweit die Vorstellungen von einer erneuerten alt-katholischen Liturgie und einem erneuerten Kirchengesang. Die Ökumene blieb nicht mehr nur ein akademisches Postulat. Sie hinterließ damals fruchtbare Spuren: Austausch des Liedgutes, Verständigung auf gemeinsame Prinzipien eucharistischer Theologie und Liturgie, die 1982 im inzwischen leider fast vergessenen Dokument von Lima gipfelten; Versuche auch, die Praxis eucharistischer Gastbereitschaft auf theologische Füße zu stellen. Das alles beeinflusste Sigisbert Kraft und wurde von ihm mitgestaltet, weitergegeben und in die regionalen und nationalen ökumenischen Diskussionen und in die Liturgie unseres Bistums eingespeist. Seine Beauftragungen als Liturgiedozent am Bischöflichen Seminar und als Vorsitzender der Liturgiekommission kamen ihm dabei zugute. Eine unmittelbare Frucht dieser Arbeit für unser Bistum war das unseren Verhältnissen angepasste Gesangbuch „Lobt Gott, ihr Christen“, im Wesentlichen eine alt-katholische Variante des römisch-katholischen „Gotteslob“, und – freilich als Gemeinschaftswerk von vielen inspiriert und vorbereitet, aber von Sigisbert Kraft initiiert – das neue Eucharistiebuch, das sich nach wie vor weit über die Bistumsgrenzen großer Beliebtheit erfreut. „Lex credendi – lex orandi“, die Übereinstimmung von Glaube und liturgischer Form war das griffige und einleuchtende Prinzip dieser Werke.

Bischof

Die Bischofswahl von Sigisbert Kraft in Offenburg im Jahr 1985 war wohl eine der „heißesten“ in der Geschichte des Bistums. Qualvoll lange Wahlgänge waren nötig. Die im Fokus der Wahl befindlichen Charaktere waren sehr unterschiedlich und die Erwartungen des „Kirchenvolks“ in dieser Zeit waren es wohl auch. Sigisbert Krafts unbestrittene theologische Kompetenz wie auch ein gewisses Beharrungsvermögen, wenn es um von ihm als wichtig erkannte Ziele ging, halfen ihm, sich nach der Wahl durchzusetzen. Sein Wahlspruch „Christus spes - Christus, die Hoffnung“ wies in die Zukunft.

In seine Bischofszeit fielen wichtige synodale Entscheidungen. Die weitest-reichendste und bewegendste war die für die Frauenordination. Zeitgeist oder Evangelium, Tradition oder Emanzipation – das waren einige der Schlagworte, die die Gemüter erhitzten und – oft überflüssigerweise, weil inkommensurabel – gegeneinander ausgespielt wurden. Die eigentliche Zerreißprobe ergab sich jedoch weniger innerhalb des Bistums als in der Utrechter Union und der Ökumene. Hier wurde nicht nur eine Detailfrage, sondern ein Grundverständnis von Konziliarität und Katholizität auf allen Ebenen berührt. Es kam zu Missverständnissen sprachlicher und terminlicher Art, aber auch zu persönlichen Gegnerschaften. Bischof Sigisbert, eigentlich auf Harmonie bedacht, mal schockiert vom theologischen Niveau mancher Auseinandersetzungen, mal aber auch zu Recht persönlich verletzt, mal auch selber spürbar in Gewissenskonflikten hin- und hergerissen, suchte in dieser Zeit besonders den Kontakt zu Theologen und Bischöfen der Anglican Communion. Der offizielle Auftrag der IBK, diese Kontakte zu pflegen, kam ihm hierbei zustatten. Dennoch war die IBK am Ende seines Bischofsdienstes tief zerstritten. Die Frauenordinationsfrage hatte versteckte Gräben im Selbstverständnis des internationalen Alt-Katholizismus, aber auch der konkreten IBK-Konziliarität aufgerissen, die erst in den Folgejahren durch ein neues IBK-Statut und veränderte personelle Konstellationen wieder aufgefüllt werden konnten.

Ein Problem für Sigisbert Krafts Episkopat (und auch noch für die Folgezeit) war es überhaupt, die Impulse aus der emanzipatorischen, sozialen und ökologischen Bewegung der nach-68er-Zeit zu gewichten, an der christlichen Botschaft zu messen und gegebenenfalls aufzunehmen, zugleich aber auch die kirchliche Identität zu wahren, vor Verwässerung zu schützen und die ökumenische Dialogfähigkeit zu erhalten. Wieweit diese Gratwanderung nicht nur in unserer Kirche, sondern auch in den anderen Kirchen der Ökumene gelungen ist und gelingt, vermögen erst spätere Generationen zu beurteilen. Für eine kleine Kirche bedeutete und bedeutet dies jedenfalls eine enorme, bis dahin ungekannte Herausforderung. Bischof Sigisbert hat sich in der ihm eigenen Art mit unermüdlichem Fleiß, im steten Bemühen um Nähe zur Heiligen Schrift und in persönlich einfacher Lebensführung dieser Herausforderung gestellt. Den Grundsatz, dass man Priester nur sein kann, wenn man ein Mensch des Gebetes ist, lebte er ohnehin nicht nur in kritischen Zeiten.

Zerreißproben und Unsicherheiten waren ihm im Übrigen anzumerken. Sein Ventil (und Talent), Probleme und menschliche Schwachstellen in kabarettistische Szenen oder gezielte Bemerkungen zu verpacken, war nicht immer erfreulich für die Betroffenen. Aber er wusste um diese Schwäche. Personenkult mochte er nicht. Ehrungen ließ er nur zu, wo sie verdient waren.

Sigisbert Kraft konnte mit viel Witz und Esprit auf temperamentvolle Weise ganze gesellige Abende von Pfarrerkonferenzen unvergesslich gestalten. Kontakte das Jahr hindurch pflegte er oft und gern übers Telefon, so sehr, dass mit ihm schon öffentlich als dem „Bischof, der selbst am Telefon ist“, geworben wurde. Wie fast alle alt-katholischen Bischöfe reiste er sehr viel. Er brach dabei mit der Tradition der „1. Klasse“ und „genoss“, wie er oft spaßend bemerkte, sein „Leben in vollen Zügen“.

Im Bistum hatte schon Anfang der achtziger Jahre eine Entwicklung in der Pastoral eingesetzt, die ein gutes Voranschreiten ermöglichte. Die Nachfrage nach dem alt-katholischen Priesterberuf, aus dem Eigenstudium wie aus anderen Kirchen, die im Jahrzehnt zuvor fast zum Erliegen gekommen war, nahm wieder erheblich zu, so dass die Personalsituation sich deutlich entspannte. Alle Stellen konnten gut besetzt werden und in manchen Fällen wurden sogar „Pilotprojekte“, d.h. Wieder- oder Neubesetzungen verwaister Gemeinden vorgenommen. Die Grenzöffnung an der Jahreswende 1989/90 wurde von Bischof Sigisbert wie von den meisten von uns mit großer Euphorie aufgenommen. Dass sich danach eine gewisse Ernüchterung nicht nur ökonomischer, sondern auch kirchlicher Art einstellte, war ein nicht nur alt-katholisches Phänomen. Aber das Bewusstsein für die Gemeinden und die Diaspora in den neuen Bundesländern war geschärft und das wagemutige Projekt des Franziskushofes, der fast zeitgleich mit dem Ende der alt-katholischen Schwesternschaft seine Arbeit in Zehdenick aufnahm, gab dem bischöflichen Dienst von Sigisbert Kraft gegen Ende seiner Bistumsleitung noch einmal einen ganz besonderen Akzent.

Auch als Ruheständler blieb Bischof Sigisbert bis zu seiner Erkrankung zusammen mit seiner Frau noch unermüdlich tätig. Als Leiter der Liturgischen Kommission besorgte er die Herausgabe der Ritualia für verschiedene Sakramente und für die kirchliche Bestattung. Er schrieb weiter zahlreiche Beiträge für theologische und kirchliche Zeitschriften. Manche ökumenische Entwicklung der letzten Jahre verfolgte er kritisch und schließlich auch zunehmend mit Bedauern. Immer wieder machte er mich auf theologische Publikationen und ökumenische Statements aufmerksam und war mir in all den Jahren ein wichtiger Ratgeber.

Gastfreundschaft war für Sigisbert Kraft zuinnerst ein eucharistisches Postulat: „Christus ist der Gastgeber.“ Von da ergab sich aber für ihn und seine Frau ein Auftrag zu gelebter Gastfreundschaft auch im Alltag. Gäste gab es oft am großen Tisch bei Krafts, und manche waren Dauergäste.

Wir bitten darum, dass Bischof Sigisbert nun Gast sein darf am Tisch dessen, der seine Hoffnung war und unsere Hoffnung bleibt.

Bischof Joachim Vobbe