Bilanz und Perspektiven - 100 Jahre Alt-Katholisches Seminar der Universität Bonn


„Alt-Katholische Theologie – Bilanz und Perspektiven“, so lautete das Motto der Festakademie am 14. November aus Anlass des 100jährigen Bestehens des Alt-Katholischen Seminars. Im Mittelpunkt der Feier standen drei Statements zum Thema, die von den Professoren Jan Hallebeek (Amsterdam und Utrecht), Urs von Arx (Bern) und Günter Eßer vorgetragen und in einem Podiumsgespräch diskutiert wurden. In dieser Ausgabe von „Christen heute“ dokumentieren wir die Stellungnahme von Professor von Arx, nachdem wir in der letzten die von Professor Eßer bereits abgedruckt hatten.


Erlauben Sie mir, dass ich mit einer zum festlichen Anlass unpassenden Frage beginne:


1. Gibt es eine alt-katholische Theologie?


Eine von einem Meinungsforschungsinstitut in Auftrag gegebene Umfrage unter ausgebildeten Theologinnen und Theologen unseres Kulturkreises würde vermutlich das Ergebnis zeitigen, dass die Existenz einer alt-katholischen Theologie mehrheitlich zwar vermutet wird, aber kaum Näheres darüber bekannt ist. Wenn etwas bekannt ist, stünde es wohl im Zusammenhang mit dem, was man über die alt-katholische Kirche weiß (einerseits Negation bestimmter römisch-katholischer Positionen, Kritik am Papsttum, andererseits Engagement in der Ökumene). Was ich hier nur sehr verkürzt andeuten kann, führt zur folgenden Feststellung:


2. Alt-Katholische Theologie steht in der Regel in Bezug zu den Zielsetzungen der alt-katholischen Kirche und teilt deren (relativ geringen) Bekanntheitsgrad


So grundlegende Dokumente wie das Programm des Münchner Altkatholi-kenkongresses vom September 1871 („Wir erstreben unter Mitwirkung der theologischen und kanonistischen Wissenschaft eine Reform in der Kirche…“) oder die Utrechter Erklärung vom September 1889 („Wir hoffen, dass es den Bemühungen der Theologen gelingen wird, unter Festhaltung an dem Glauben der ungeteilten Kirche, eine Verständigung über die seit den Kirchenspaltungen entstandenen Differenzen zu erzielen“) machen es verständlich, dass alt-katholische Theologie sich bevorzugt in den Dienst der kirchlichen Anliegen des Alt-Katholizismus gestellt sah. Das Anliegen lässt sich mit den Worten von Ignaz Döllinger (Brief an Pfr. Widmann 1874) so umschreiben: Protest gegen ein mit dem 1. Vatikanum zum Sieg gelangtes Verständnis der katholischen Kirche; Reform der Kirche in Orientierung an der Alten ungeteilten Kirche als kritisch-regulativem Prinzip; Engagement für die Wiederherstellung kirchlicher Gemeinschaft und Einheit.


Das wiederum heißt, dass aus dem Fächerkanon der Theologie in mehr oder weniger vertiefter Weise primär das thematisiert und reflektiert wurde, was im weitesten Sinn mit der Lehre der Kirche (Ekklesiologie) zu tun hat. Für eine allfällige Wahrnehmung von außen – und das heißt eben auch: in Publikationen, die nicht im alt-katholischen Binnenraum verbleiben – artikuliert sich alt-katholische Theologie am ehesten in zwei Kontexten:

Einerseits in bilateralen Dialogen des Gesamtaltkatholizismus mit der orthodoxen und der anglikanischen Kirche, wobei paradoxerweise der Dialog mit der Orthodoxie alt-katholische Theologie weitaus mehr herausforderte und wohl auch förderte als der Dialog mit den Anglikanern, letzterer aber zum gesetzten Ziel kirchlicher Gemeinschaft führte, ersterer nicht. Andere bilaterale Dialoge auf nur nationaler Ebene (mit Romkatholiken in NL, D, CH, USA, PL; mit der evangelischen Kirche vor allem in D) sind schwieriger einzuordnen.


Andererseits gab es in neuerer Zeit für alt-katholische Theologie gelegentliche Artikulationsmöglichkeiten in ökumenisch zusammengesetzten Arbeitsgruppen, sei es im Rahmen internationaler Konsultationen (Thema: Filioque, wo offenbar eine alt-katholische Partizipation fest etabliert ist auf Grund eines Austausches zwischen der alt-katholischen Rotterdamer Kommission und der russischen St. Petersburger Kommission vor dem ersten Weltkrieg oder aber nationaler Arbeitsgemeinschaften. Dabei profitierte alt-katholische Theologie davon, dass im Lauf des 20. Jahrhunderts ekklesiologische Fragen in einem ökumenischen Dauerdiskurs vorangetrieben wurden (Strukturen der kirchlichen Gemeinschaft in lokaler und überlokaler Perspektive, Synodalität und Rezeption synodaler Prozesse, Situie-rung von klassischen Kontroversfra-gen hinsichtlich kirchliches Amt, apostolischer Sukzession, Schrift und Tradition, Zusammenhang kirchlicher und eucharistischer Gemeinschaft, Weihe von Frauen zum priesterlichen Dienst u.a.m.). Eher selten konnten sich alt-katholische Theologen zu sonstigen ökumenisch angelegten Publikationen zu theologischen Themen einbringen (z.B. Liturgie: S. Kraft).


Der weitaus größte Teil alt-katholischer theologischer Produktion ist aber gewissermaßen im Binnenraum angesiedelt und jenseits desselben wenig bekannt. Man kann hier auf eine Anzahl von Monographien und auf Broschürenliteratur verweisen, auf die Kirchenpresse, in erster Linie aber auf die seit 1893 in Bern erscheinende Vierteljahreszeitschrift „Revue internationale de Théologie“ (RITh), ab 1911 umbenannt in „Internationale Kirchliche Zeitschrift“ (IKZ). Sie war lange Zeit der eigentliche Ort eines inneraltkatholischen Austausches wie auch eines laufenden Gesprächs mit ökumenischen Partnern. Hier kommen nun auch andere theologische Themen zur Sprache als ekklesiologische. Einen gewissen Platz nehmen historische Studien über die Geschichte und die Vorgeschichte des Alt-Katholizismus ein, die bisweilen auch eine Rechtfertigung für die Existenz einer alt-katholischen kirchlichen Notorganisation (Ausnahme: die alte Kirche von

Utrecht) enthalten. Interessanterweise gibt es in denjenigen Ländern, wo die alt-katholische Kirche ihre organisatorische Entstehung nicht der Opposition gegen das erste Vatikanum verdankt, auch das Bedürfnis nach eigenen Publikationsreihen, wo Studien aus spezifisch nationalkirchlicher Perspektive unterkommen können; auch sprachliche Gründe sind für diese Erscheinung anzuführen, da die IKZ jahrzehntelang fast nur deutschsprachige Beiträge veröffentlichte.

Im Blick auf diese zerstreuten Fundorte wird man sich nur mit Mühe ein Bild über das Profil alt-katholischer Theologie machen können. Wer nach einer repräsentativen Gesamtdarstellung alt-katholischer Theologie sucht, wird wenig finden. Mir kommen nur die Dogmatische Theologie von Erzbischof Andreas Rinkel (1956 in holländischer Sprache) und das als Standardwerk geltende Buch von Urs Küry (1968, 31982); beide beschränken sich auf das Themenfeld der systematischen Theologie. Das Buch von Küry erschien in einer konfessionskundlichen Reihe, und in Konfessionskunden (auch in großen Enzyklopädien und Lexika) ist eine Information, wenn auch in notgedrungen beschränkten Umfang, am leichtesten zugänglich.

Insgesamt wird man also wohl davon ausgehen müssen, dass alt-katholische Theologie über die Grenzen der eigenen Kirche keine direkt nachweisbare Breitenwirkung erzielt hat.


3. Alt-Katholische theologische Beiträge ohne direkten Bezug zu den kirchlichen Anliegen sind selten


Nun wird alt-katholische Theologie auch an universitären Lehranstalten mit je unterschiedlichem Status und unterschiedlicher Breite gelehrt (Bern, Bonn, Warschau, Utrecht). Auch dort, wo mehr als ein Lehrstuhl zur Verfügung steht, bedingen die Verhältnisse, dass in der Regel ein Dozent oder eine Dozentin mehr als eine Disziplin vertreten muss. Das bringt Einschränkungen in der Forschung und in der diesbezüglichen Publikationstätigkeit mit sich. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass beispielsweise alt-katholische Reflexionen über den Status der Theologie als einer Disziplin im Rahmen der Universität oder der Akademie im weiteren Sinn (der scientific community) fehlen. Entsprechend ist mir auch nichts bekannt, was sich mit der Darstellung des Profils der römisch-katholischen und evangelischen oder aber der orthodoxen, anglikanischen oder einer freikirchlichen Theologie vergleichen lässt.

Im weiteren gibt es m.W. auch wenig theologische Beiträge alt-katholischer Autoren, die jenseits der Thematik der Geschichte der alt-katholischen Kirchen, ihrer Reformvorhaben und ökumenischen Zielsetzungen von Gewicht sind und sich als Referenzlite-ratur etabliert haben. Am ehesten ist da an zwei Professoren der Berner Fakultät zu denken, welche die Apologetik der ersten alt-katholischen Theologengeneration nicht mehr fortzusetzen vermochten und besonders in der „neuorthodoxen“ protestantischen Theologie, wie sie etwa Karl Barth vertrat, eine anregende Ge-sprächspartnerin fanden. Ich denke an Arnold Gilg, dessen Beitrag „Weg und Bedeutung der altchristlichen Christologie“ – erstmals 1936 in einem Beiheft zur „Evangelischen Theologie“ erschienen – von 1955-1989 viermal nachgedruckt wurde, oder an Ernst Gaugler mit seinem oft zitierten zweibändigen Römerbrief-Kommentar (1945/1952).


4. Ist alt-katholische Theologie in ihrer Konsistenz gefährdet und in ihren

klassischen Zielsetzungen überholt?


Bekanntlich sind für die der Utrechter Union angehörigen alt-katholischen Kirchen drei unterschiedliche Entste-hungskonstellationen und geschichtliche Prägungen zu unterscheiden:

a) Die Kirche von Utrecht: Auseinandersetzung mit Rom über den Status der alten Ortskirche in Holland und ihre Rechte der Selbstverwaltung: Beginn des 18. Jh.;

b) die Kirchen in Deutschland, der Schweiz und der Habsburgermonarchie: Opposition zum 1. Vatikanum;

c) die übrigen heute zur Utrechter Union gehörigen Kirchen, zumal polnischer und kroatischer Herkunft: unerfüllte Forderungen nach einer na-tionalkirchlichen Identität.

Innerhalb von zwei Generationen hat sich im Austausch zwischen der ersten und der zweiten Gruppe – nicht aber der dritten - so etwas wie ein gemeinsames Profil alt-katholischer Theologie, vor allem was das Selbstverständnis des Alt-Katholizismus, seine kirchlichen Zielsetzungen und der zu beschreitende Weg anbelangt, herausgebildet; dieses blieb bis Ende der 1970er Jahre relativ konstant. Dasselbe galt auch für die ökumenische Konstellation, wo in alt-katholischer Wahrnehmung Anglikaner und Orthodoxe die ersten Dialogpartner bildeten bei der erstrebten Verwirklichung einer altkirchlich orientierten Kirchenge-meinschaft (sog. katholischer Block ohne Rom).


In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich viel verändert. Der in den verschiedenen alt-katholischen Kirchen in unterschiedlichem Ausmaß erfolgte Zustrom von Geistlichen, die nicht eine alt-katholische theologische Ausbildung erhalten haben, und von Laien, die nicht in alt-katholischen Gemeinden kirchlich sozialisiert worden sind, stellen ebenso vor die Frage, ob diese mainstream-Theologie noch relevant und zu vermitteln ist, wie auch neue ökumenische Konstellationen, in der sich die alt-katholischen Kirchen befinden: Sie gehören einerseits zur Utrechter Union, die sich als gemeinsam handelnde Kirchengemeinschaft versteht, andererseits aber stehen sie je vor Herausforderungen eines ökumenisch gemeinsamen Zeugnisses in unterschiedlichen nationalen/regionalen Kontexten, an denen nicht alle Utrechter Kirchen partizipieren können. Was hat das letztlich für Konsequenzen für eine alt-katholische Theologie im Rahmen der Utrechter Union?


5. Muss oder kann sich alt-katholische Theologie neuen Herausforderungen abseits ihrer klassischen Themen stellen?


Können wir uns die Pflege des klassischen Gartens alt-katholischer Theologie noch leisten angesichts der dringender Aufgaben, die allen Kirchen gestellt sind: Weitergabe eines verbindlichen, missionarisch ansteckenden und gemeinschaftsfähigen Glaubens in einer schon lange postkirch-lichen Gesellschaft anstelle der Verwaltung von gemeindlichen Restbeständen; Erarbeitung einer christlichen Kriteriologie angesichts sozial- und besonders bioethischer Entscheidungsfragen, Einübung in ein friedensstiftendes Gespräch mit anderen Religionen im eigenen sozialen Umfeld - zu schweigen von schon etablierten Bereichen wie feministischen Theologien (vgl. z.B. Frauenforschung, A.Berlis), Befreiungstheologien usw.? Oder sind wir personell schlicht überfordert, hier solide theologische Beiträge zu liefern?


Urs von Arx


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