Ius sequitur vitam - Oder: Was heißt schon Kirchenrecht ?


Mein Gott, eine Rechtssynode? Da streiten doch die immer selben Hanseln herum; die, die sich gerne reden hören und Spaß daran haben, Scheingefechte auszutragen.

Der bewandertste Kirchenrechtler des 19. Jahrhunderts, Johann Friedrich Ritter von Schulte, hat es geschafft, auf neun Seiten die Grundordnung des alt-katholischen Bistums festzulegen und das auch noch mit allgemeiner Zustimmung der Katholiken, die bei ihrem alten katholischen Glauben bleiben wollten. Allerdings hatte er uns eines voraus: das Bewusstsein um ein allgemeines Recht, das für alle Katholiken galt, und in dessen Rahmen „nur“ Bestimmungen für den aufgetretenen Notfall zu erlassen waren. „Diese Organisation hat insofern einen provisorischen Charakter.“


Herausforderung


Tempora mutantur et nos mutamur in eis: die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit ihnen. Von Schulte konnte nicht die Kodifikation des allgemeinen Rechtes 1917 voraussehen (das papalistische Recht der römischen Kirche), konnte nicht wissen, dass schon Bischof Reinkens sein Absehen vom Gehorsamseid einige Jahre später bereuen sollte, und war erst recht nicht auf 130 Jahre alt-katholischer Eigenexistenz gefasst. Als solider Jurist hätte er wohl über unser heutiges Fragen gelächelt, denn er wusste, dass jedes Recht ständig zu novellieren ist, will es denn einer lebendigen Gemeinschaft dienen. Will das Kirchenrecht seine Funktion innerhalb der Glaubensgemeinschaft erfüllen, steht es vor einer doppelten Herausforderung. Es soll einerseits gutes Recht sein, das anwendbar ist, durchgesetzt werden kann und insofern für alle Betroffenen einen verlässlichen Handlungsrahmen sicherstellt. Es muss aber andererseits auch dem besonderen Charakter der Kirche entsprechen und dem Anspruch des Glaubens genügen. Für mich heißt das, in einer jeweils gewandelten Welt den Menschen, die sich auf die Nachfolge Christi verpflichtet haben, sichere Stützpfeiler zu geben, die nicht jeden Tag aufs Neue wanken. Ich habe erlebt, dass sich unsere Synode dieser Aufgabe verantwortungsvoll gestellt hat. Als gesetzgebendes Gremium unseres Bistums hat sie ein Gesetzwerk beschlossen, das bei aller möglichen Kritik Richtung weisen kann - mehr nicht, aber eben auch nicht weniger!

Und deswegen werden - so schmerzlich das für manchen klingt - „Rechtssynoden“ auch in Zukunft unvermeidbar sein, weil Leben weitergeht und sich immer neu gestaltet.


Anträge


Zu den Anträgen:

Der Hauptantrag 1 (Vorlage der Rechtskommission) beinhaltete die Neuordnung und Klärung unserer gesamten Synodal- und Gemeindeordnung. Mit im Grunde unwesentlichen Änderungen, die Verdeutlichungen bezweckten, wurde er - dank der intensiven Arbeit der Rechtskommission - fast einstimmig angenommen: unser Bistum hat wieder eine klare Rechtsordnung. Danke! Den Antrag 2 hatte die Rechtskommission schon in die Neuformulierung aufgenommen: In Zukunft sind alle Gemeindemitglieder ab Vollendung des 16. Lebensjahre aktiv stimmberechtigt!

Antrag 3 war für alte „Synodenhasen“ nichts Neues. Wieder einmal wurde infrage gestellt, dass die Ehemänner (-frauen) hauptamtlicher Geistlicher alt-katholisch sein müssen. Erlauben Sie mir die persönliche Bemerkung: Ohne die bewusste alt-katholische Unterstützung meiner Ehefrau müsste ich noch heute mein Amt niederlegen. Mit wirklich überwältigender Mehrheit ist unsere Bistumssynode sich selbst und der Wirklichkeit treu geblieben: Eine Pfarrfamilie ist und bleibt alt-katholisch.

Antrag 4, der den Bischof bat, sich durch die liturgische Kommission Texte für die Segnung gleichgeschlechtlicher Partner zuarbeiten zu lassen, wurde auf bischöflichen Wunsch erweitert in: „Die Liturgiekommission möge eine Dokumentationsstelle für Entwürfe von Segnungsfeiern für menschliche Lebensentscheidungen oder Lebensabsichten, die sich in den Horizont der Verheißungen Jesu Christi stellen, einrichten.“


Herrlich unaufgeregt, diese Synode. Eigentlich alle wussten, worum es ging: um eine kirchliche Grundordnung, die uns miteinander fröhlich katholisch leben lässt. Wobei jeder weiß: suprema lex est cura animarum = der oberste Wert der Kirche ist das Heil des Einzelnen. Falsch übersetzt? Versuchen Sie`s mal besser.


Wolfgang Kestermann


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