Herzlich willkommen!

Aufnahme der Leinauer Zisterzienserkommunität von Port Royal in die alt-katholische Kirche

Bischof Joachim Vobbe und Dr. Angela Berlis hatten in ihrem Beitrag „Ein neues Port Royal. Ein Beitritt besonderer Art“ schon auf das Ereignis hingewiesen, das am 24. und 25. September in Leinau bei Kaufbeuren stattfand (vgl. CH 48 (2004), 199f.). „Besonders“ war dieser Beitritt sicher in einer zweifachen Weise.

Wie kommt eine Ordensgemeinschaft dazu, alt-katholisch zu werden?

Eine Frage, die sich sicher zweifellos manche stellen, gehört das Ordensleben bisher doch nicht zu den Spezifika alt-katholischen Kircheseins. Zur Beantwortung dieser Frage muss man ein wenig die Geschichte der Gemeinschaft bemühen. Die fünf Männer, die seit einer Reihe von Jahren in klösterlicher Gemeinschaft zusammenleben, zuerst in Buchloe, später in Kaufbeuren und seit 2002 auf dem Gelände einer ehemaligen Lampenfabrik in Leinau, unweit von Kaufbeuren, haben alle sehr bewegte religiöse und kirchliche Wege hinter sich. Diese Wege führten einige von ihnen auch zu Beziehungen mit sogenannten freien „katholischen“ Gruppierungen und Gemeinschaften. Sie wollten ihre klösterliche Gemeinschaft immer als katholisch verstanden wissen, selbst wenn diese katholische Grundeinstellung sie bisher nicht zu einer bestehenden, in der Ökumene anerkannten katholischen Kirche geführt hatte. Aber eine Ordensgemeinschaft, die sich als katholisch versteht, ist, selbst bei großer ökumenischer Offenheit, ohne konkrete Einbindung in eine verfasste und anerkannte Kirche eine kirchliche Anormalität. So hat es in der Vergangenheit immer wieder vereinzelte Versuche gegeben, den Status der Gemeinschaft und ihrer Mitglieder zu klären. Dazu zählten auch Kontakte zum alt-katholischen Bistum.

Die Leinauer Ordensbrüder unterhalten selbst gute Kontakte zu einigen evangelischen Ordensgemeinschaften, so unter anderem zu einem Benediktinerkonvent in der Nähe von Erfurt, der zur thüringischen evangelischen Landeskirche gehört. Während eines Besuchs dort lernte Bischof Joachim Vobbe zwei Leinauer Konventsmitglieder kennen, die sich gerade zu Exerzitien aufhielten. Dieser erste Kontakt führte zu intensiven Gesprächen in Bonn, die den Boden bereiteten für ernsthafte Überlegungen, ob und wie die Gemeinschaft unserer alt-katholischen Kirche beitreten könnte. Ein solcher Schritt musste von beiden Seiten wohl durchdacht und gut vorbereitet sein; für die Gemeinschaft, die sich dadurch an die Regeln und Satzungen unserer Kirche bindet, und für unsere Kirche, die mit der Aufnahme einer Ordensgemeinschaft, die bisher ohne kirchliche Bindung ihr Eigenleben führte, Neuland betritt und damit Mut zu einem geistlichen Experiment im Bereich des Alt-Katholizismus zeigt. Dabei muss beiden beteiligten Partnern die Möglichkeit des Wachsens aneinander und des Lernens miteinander gegeben werden. Das betrifft die spirituelle Dimension genauso wie das theologische Fundament unseres Kirchenverständnisses. So gesehen war das großartige Fest am 24./25. September 2004 ein wichtiger, aber auch nur ein erster Schritt aufeinander zu.

Wir können von den Leinauer Brüdern vielleicht lernen, wie man aus der reichen Tradition benediktinischer und zisterziensischer Spiritualität christlichen Alltag „in der Welt“ leben kann, auch viele Alt-Katholikinnen und Alt-Katholiken dürsten ja nach „lebendigen Wassern“ für die Gestaltung ihres geistlichen Lebens. Und die Brüder, die bisher in einem kirchlichen „Schwebezustand“ lebten, können mit uns lernen, katholische Kirchlichkeit in altkirchlicher Tradition zu verwirklichen, so wie es unsere Gemeinden seit den 1870er Jahren tun. Wenn wir mit der nötigen Offenheit und Bereitschaft des von- und miteinander Lernens diesen Weg gehen, kann dieses geistliche Experiment gelingen und Frucht tragen für das Leben unseres Bistums. Davon bin ich überzeugt.

Was hat die Leinauer Gemeinschaft mit Port Royal zu tun?

Port Royal, das zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Ludwig XIV. zerstörte Zisterzienserinnenkloster bei Versailles, spielte in der alt-katholischen Vorgeschichte eine wichtige Rolle. Auch darauf hatten Bischof Joachim Vobbe und Frau Dr. Berlis hingewiesen. Es war die geistliche Strenge und die Einfachheit des christlichen Lebens, die viele Suchende in der Zeit des üppigen Barock nach Port Royal führte. Es war diese auf Christus hin zentrierte Frömmigkeit, die manche faszinierte, wenn es sicher auch nicht zu leugnende religiösen Engführungen und geistliche Irrwege gegeben hat. Aber wo viel Licht ist, da ist eben auch viel Schatten. Ganz entscheidend für die Spiritualität von Port Royal aber war die Offenheit für den Umgang mit der Heiligen Schrift und der Literatur der Kirchenväter, d.h. der geistlichen Tradition der frühen Kirche. Und dies galt nicht nur für die Nonnen von Port Royal, sondern in besonderer Weise auch für die Menschen, die, wie Blaise Pascal, in der geistlichen (und räumlichen) Nähe zum Konvent lebten und so zur spirituellen Reife fanden. Diese Möglichkeit der geistlichen Gemeinschaft, ohne Mitglied einer örtlich gebundenen Klostergemeinschaft zu sein, diese Chance spiritueller Weggemeinschaft war es, die Joseph Hubert Reinkens und sein Bonner Freundeskreis damals so faszinierte, dass sie sich das „Bonner Port Royal“ nannten.

Die Leinauer Gemeinschaft fühlt sich dieser geistlichen Tradition insofern besonders verpflichtet, da sie Frauen und Männern, die außerhalb des Konventes leben, die Ordensmitgliedschaft ermöglicht. Zu ihnen gehören ordinierte und nichtordinierte Frauen und Männer. Regelmäßige geistliche Tage in und mit der Gemeinschaft sollen dabei die eigene geistliche Berufung stärken. Gerade hier hat die alt-katholische Kirche sicher auf Zukunft hin eine wichtige Aufgabe in der theologischen und spirituellen Aus- und Weiterbildung zu leisten. Denn der Name Port Royal beinhaltet einen hohen Anspruch. Ihn einzulösen verlangt große Anstrengung.

Recht verstanden bedeutet also Port Royal für die Leinauer Mönche einmal, im benediktinischen Geist und in der Tradition des Zisterzienserordens ein Leben der Armut und des Gehorsams gegenüber Gott und seiner Lebensweisung zu führen und miteinander und stellvertretend für viele andere Menschen im täglichen Gebet vor Gott zu stehen, somit also ein wirkliches geistliches Zentrum zu sein, zum anderen aber auch, in der Tradition von Port Royal Suchenden eine geistliche Weggemeinschaft anzubieten. Und hier gibt es sicher auch im Bereich unserer alt-katholischen Kirche viele, die dieses Angebot der Gemeinschaft gerne aufnehmen.

Das Fest

In einem feierlichen Gottesdienst am Samstag, dem 26. September 2004, besiegelte Bischof Joachim die vorher in mehreren Schritten vollzogene Aufnahme der Konventsmitglieder in die alt-katholische Kirche. Zu diesen notwendigen Schritten gehörten die ordnungsgemäße Aufnahme der Konventmitglieder in Leinau durch den zuständigen Kirchenvorstand der Gemeinde Kaufbeuren, und für die außerhalb des Konventes lebenden Ordensmitglieder die entsprechenden Gremien in Krefeld und in Sachsen. Zu diesen Schritten gehörte aber auch, die Weihen, die einige der Ordensmitglieder von sogenannten freien „katholischen“ Bischöfen bekommen hatten, unserem Kirchen- und Amtsverständnis entsprechend „in Ordnung“ zu bringen. Dieser Schritt war sowohl mit Blick auf unser Kirchenverständnis als auch mit Blick auf die Ökumene unumgänglich.

Der Festgottesdienst fand auch in der Öffentlichkeit große Beachtung. Die Regionalpresse berichtete ausführlich darüber und ein regionaler Fernsehsender strahlte ein Interview mit Bischof Joachim Vobbe und Abt Klaus Schlapps aus. Fast 200 Besucher waren gekommen, darunter die meisten Pfarrer des Dekanates Bayern. Damit wurde deutlich, dass die Leinauer Kommunität von jetzt an ein fester Bestandteil innerhalb der bayerischen alt-katholischen Kirche ist. Besonders hervorzuheben sind auch die ökumenischen Gäste. Dass die römisch-katholische Kirche als offiziellen Vertreter den zuständigen Regionaldekan und die evangelischen Gemeinden der Region Kaufbeuren einen ihrer Pfarrer beauftragt hatten, waren ermutigende Zeichen, ebenfalls die Anwesenheit der Generaloberin der Kreszenziaschwestern von Kaufbeuren und der Vertreter verschiedener evangelischer Ordensgemeinschaften.

Das anschließende gemütliche Beisammensein bei Kaffee und Kuchen bot reichlich Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen, zu guten Gesprächen und vielen Kontakten.

Der Tag wurde mit einer feierlichen Vesper beendet, der ebenfalls Bischof Joachim vorstand. Nach der großen Liturgie der Eucharistie, den vielen guten Worten, die gesprochen wurden, war es wie ein Atemholen der Seele, das nicht nur die Mönchsgemeinschaft von Leinau, sondern alle Anwesenden wieder zurückführte zur Mitte allen kirchlichen, allen geistlichen Lebens, zu Gott.

Wie gesagt: Herzlich willkommen bei uns in der alt-katholischen Kirche, liebe Leinauer Mönche! Wir wünschen Euch, dass Ihr wirkliche geistliche Heimat findet in unserer Kirche. Wir wünschen uns, dass wir aus Eurer Form des geistlichen Lebens auch für unser Leben als Alt-Katholikinnen und Alt-Katholiken geistlichen Gewinn erzielen können. Und uns allen gemeinsam sei es vergönnt, das zu tun, was Gott von uns als Kirche verlangt in dieser Zeit.

Günter Eßer