Vertane Chance

Oder: Auf der Wartebank bei Papst Benedikt

Papst Benedikt in Bayern. Die Tage im September 2006 werden wohl vielen Christen in Regensburg, München und der weiteren Umgebung noch lange im Gedächtnis bleiben. Zwar waren nicht so viele zu den Großveranstaltungen erschienen wie erwartet, aber trotzdem war dieser Besuch des römisch-katholischen Kirchenoberhaupts ein gewaltiges Ereignis. Die Berichte und Kommentare in den Medien waren überwiegend positiv und wohlmeinend formuliert. Manches an Bildern von Begeisterung und Enthusiasmus schien selektiert und konnte jedenfalls nicht als Durchschnittsreaktion gelten. Im Großen und Ganzen waren die Bayern von ihrem Pontifex angetan, aber aus dem Häuschen waren sie nicht.

Am Dienstag, den 12. September, stand gegen Abend die Ökumene im Mittelpunkt des Besuchs. Der Papst lud Ehrengäste aus der Ökumene zu einer Statio und anschließend, um 18.30 Uhr, zu einer ökumenischen Vesper in den Regensburger Dom. Wir als Alt-Katholische Kirche waren auch geladen, allerdings nicht direkt, sondern über unsere Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Bayerns.

Ein langer Tag

Als Dekan habe ich mich morgens früh in Rosenheim auf den Weg gemacht. Um Zwölf war ein kleines Essen vorbereitet, um 14 Uhr mussten wir Schlange stehen für einen Sicherheitsausweis. Dann warteten wir bis 16 Uhr und wurden in einen größeren Raum gebeten. Wir nutzten die Zeit, uns gegenseitig besser kennenzulernen und führten untereinander gute Gespräche. Nach einer halben Stunde wurde uns dann der Ablauf von Statio und Vesper genauer erläutert. Um 17 Uhr machten wir uns auf den Weg und erreichten nach Polizeikontrollen die Museumskirche St. Ulrich. Wie vorher gewünscht nahmen wir akkurat Aufstellung: Vertreter der jüdischen Gemeinde, der AcK, der evangelisch-lutherischen, der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirchen. Aber es dauerte noch.
Nach einiger Zeit kam der Dom-Diakon und forderte uns auf, uns nun in Viererreihen zu positionieren. Wir nahmen es mit Humor, aber das Ganze geriet langsam zu einer Schulklassenveranstaltung. Es wurde 18.20 Uhr. Da endlich kam Papst Benedikt mit dem Papamobil angefahren, stieg aus und trat in die Kirche. Zuerst begrüßte er ausführlich und mit
persönlichem Gespräch die jüdische Abteilung. Als dann die AcK an der Reihe war, wurden kurz Worte mit dem Vorsitzenden gewechselt, aber zu uns, den Kirchenvertretern, wurde nicht einmal ein einziger Blick geworfen. Der Papst ging weiter zur evangelischen Kirche und schließlich wieder ausführlich zu den römisch-katholischen Amtsträgern und den orthodoxen Vertretern. Nach dem Absingen eines Liedrufs, den wir vorher hatten einüben müssen („damit die Welt Freude daran hat“), bildeten wir eine Prozession in den Dom, diesmal in Zweierreihen.

Im Dom begann dann um 18.30 Uhr die ökumenische Vesper. Überraschend war für mich, dass recht viele Teile der Liturgie lateinisch waren. Angesichts dessen, dass Latein eben nur die Sprache Roms ist, hätte ich mir für einen solchen Gottesdienst in Regensburg doch eher die deutsche Sprache gewünscht. Obwohl es ursprünglich für den Gottesdienst nicht vorgesehen war, hielt der evangelische Landesbischof Friedrich eine kurze Ansprache. Darin wünschte er sich mehr Toleranz und Akzeptanz in der Ökumene. Viele im Dom applaudierten spontan.

Als dann der Papst seine Ansprache begann, waren alle sehr gespannt.

Tatsächlich predigte Benedikt vom herzlichen Miteinander der Kirchen, von gegenseitiger Achtung und dem Wunsch zu immer mehr gemeinsamen Schritten. Aber er meinte damit ausschließlich die römisch-katholische und die orthodoxe Kirche. Dann schloss er diesen Redepunkt sorgfältig ab und kam jetzt erst auf die evangelisch-lutherische Gemeinschaft zu sprechen. Hier sei
gemeinsam eine langfristige Vertiefung des Glaubens vonnöten, meinte er. Ich persönlich empfand diese Ausführungen wie auch das Nichtansprechen anderer Kirchen und der AcK wie einen Affront. Ökumene ja, aber nur mit der orthodoxen Kirche; alle anderen Gemeinschaften müssen sich erstmal um tieferen Glauben bemühen. Auch auf die Papstrede hin gab es Applaus im Dom, erst recht aber am Ende des Gottesdienstes, als er die Sängerknaben lobte und einzeln verabschiedete.

Vertane Chance

Schade, dass die Chance zu neuen Impulsen oder wenigstens der Bestärkung guter Ansätze in der deutschen Ökumene nicht genutzt wurde! So ist nun das Anliegen von mehr Gemeinschaft unter den Kirchen in Deutschland wieder mal auf der Wartebank geblieben. Ich fühlte mich an den gesamten Tagesablauf erinnert. Es war wahrhaftig nicht schlimm, dass wir in Regensburg einen halben Tag herumgestanden und gewartet haben, bis es zu dem angekündigten Treffen und Gebet kam. Aber dass die Ökumene nun wieder einmal wie ein ungeliebtes oder außereheliches Kind weggeschoben wurde, das finde ich schon schlimm.
Es gibt ein altes Sprichwort, das lautet: „Des Teufels liebstes Wohnungsstück ist die Lange Bank.“ Ich denke, wir sollten auf dieser langen Bank nicht untätig sitzen bleiben, sondern schon mal anfangen, einiges zu tun: uns nämlich gegenseitig besser kennenzulernen und
unabhängig von Rom Ökumene wachsen zu lassen, mit Maß und mit Herz. Es geht nicht darum, in blindem Eifer alles an Christentum in einen Topf zu werfen, es geht nicht darum, statt des Inhalts nur noch formale Gemeinsamkeit im Kopf zu haben. Aber es geht sehr wohl darum, in der heutigen Zeit die Einheit der Christen wieder als vorrangiges Ziel all derer zu entdecken, die Jesus nachfolgen wollen.

Papst Benedikt ist ein unglaublich gebildeter und intelligenter Mensch. Auch in seinem hohen Alter wirkt er nicht überfordert, sondern jederzeit als Herr der Situation und voll im Bilde. Schade, dass er seine Gaben, die er von Gott mit auf den Weg bekommen hat, seit vielen Jahren schon so defensiv einsetzt. Was an diesem Tag in Regensburg gefehlt hat, war Vertrauen in den Menschen, Vertrauen in die Freiheit, Vertrauen in den Heiligen Geist, der uns alle auch auf unterschiedlichen Wegen zum Guten führen kann.

Harald Klein