Menschenliebe, Weltfrieden und Gleichberechtigung


Der Bahaismus


Mach nicht so einen Bohei - sagt man zu jemandem, dessen ausschweifende und glorifizierende Darstellung einer Sache uns übertrieben erscheinen. Fast niemandem ist bewusst, dass dieser Satz auf eine der jüngsten Religionen unserer Welt verweist: auf die Bahá’í - Religion bzw. den Bahaismus. Die Redensart liegt in der Tatsache begründet, dass die religiösen Texte des Bahaismus nicht müde werden, mit kaum enden wollender Wortgewalt die Größe und Herrlichkeit Gottes zu rühmen. Manches mag an romantische Literatur erinnern. Als Beispiel ein Auszug eines Textes aus den Gebeten und Meditationen des Mirza Hussein Ali:

„... Darum bitte ich Dich, o mein Gott, bei Deinem Namen, durch den Du alle, die Dich lieben und sich nach Dir sehnen, hinführtest zu den lebendigen Wassern Deiner Gnade und Gunst und zum Paradies Deiner Nähe und Deiner Gegenwart; öffne die Augen Deines Volkes, damit sie in dieser Verkündigung die Offenbarung Deiner herrlichen Einheit, die Morgenröte des Lichtes Deines Angesichts und Deiner Schönheit erkennen mögen. Reinige sie alsdann, o mein Gott, von allen müßigen Gedanken und eitlen Einbildungen, damit sie den Hauch der Heiligkeit aus dem Gewande Deiner Offenbarung und Deines Gebotes einatmen ...“ (aus Gebet 179)

Die Pforte und die Herrlichkeit Gottes


In Persien erklärte im Jahre 1844 der schiitische Muslim Mohammed Ali (1820-1850), er sei der „Bab“, die „Pforte“ für den Eingang zu Allah. Mit dieser Erklärung begründete er eine neue religiöse Bewegung, deren Anhänger ihre Jahreszählung 1844 beginnen. Sehr schnell zog die neue Bewegung die Feindschaft der Vertreter des Islam auf sich. Sie wurde revolutionärer Umtriebe beschuldigt und von der persischen Regierung verfolgt. Ihr Stifter wurde gefangengenommen und mehrfach in die Verbannung geschickt. Am 9. Juli 1850 wurde er in Täbris öffentlich erschossen. Sein Nachfolger in der Führung der Gemeinde wurde Mirza Hussein Ali (1817-1892), der sich am 21. April 1863 zum Baha´ullah, der „Herrlichkeit Gottes“ erklärte und auf den der Name der Religion zurückgeht. Unter seiner Leitung löste sich die Bewegung vollständig vom Islam und erhob nunmehr den Anspruch, die „Krone aller übrigen Religionen“ darzustellen.


Die Theologie der Bahá’í


In ihrer Theologie ist die Bahá’í - Religion streng monotheistisch. Dieses Bekenntnis, verbunden mit dem Anspruch, selbst die letztgültige Wahrheit zu vertreten, kommt zum Ausdruck in einem jener „Aufrufe an die religiösen Führer der Welt in ihrer Gesamtheit“, die Báha`u`lláh erließ:

„O Scharen der Geistlichen! Ihr werdet euch künftig nicht mehr im Besitze irgendeiner Macht sehen, denn Wir haben sie von euch genommen und für solche bestimmt, die an Gott geglaubt haben, den Einen, den Allgewaltigen, den Allmächtigen, den Unbeschränkten.“


In ihren Grundsätzen vertritt die Bahá’í - Religion die Gleichheit aller Menschen, die allgemeine Menschenliebe, den Weltfrieden und die aktive Förderung von Wohlfahrtseinrichtungen. Sie hat diese Prinzipien schon vor 130 Jahren (!) in den folgenden 12 Sätzen zusammengefasst:

1. Die ganze Menschheit ist als Einheit zu betrachten

2. Alle Menschen müssen die Wahrheit selbständig erforschen

3. Alle Religionen haben eine gemeinsame Grundlage

4. Die Religion muss die Ursache der Einheit und Eintracht unter den Menschen sein

5. Die Religion muss mit Wissenschaft und Vernunft übereinstimmen

6. Mann und Frau haben gleiche Rechte

7. Vorurteile jeglicher Art müssen abgelegt werden

8. Der Weltfriede muss verwirklicht werden

9. Beide Geschlechter müssen die beste geistige und sittliche Bildung und Erziehung erfahren

10. Die sozialen Fragen müssen geklärt werden

11. Es muss eine Welthilfssprache und eine Einheitsschrift eingeführt werden

12. Es muss ein Weltschiedsgerichtshof eingesetzt werden

Zur Vereinigung in einem gemeinsamen Glauben und zur Errichtung eines dauerhaften Weltfriedens rief Bahá`u`lláh die bedeutendsten Herrscher seiner Zeit sowie Papst Pius IX. in Botschaften auf, die er von Adrianopel und Akka aus versandte.


Nachfolge


Bahá`u`lláh hatte ein an Wechselfällen reiches und durch jahrzehntelange Gefängnishaft geprägtes Leben verbracht, als er im Jahre 1892 in der Nähe von Akka starb. Ihm folgte in der Leitung der Religionsgemeinschaft sein ältester Sohn, Abbas Effendi (1844-1921), der sich `Abd`ul-Bahá, „Diener der Herrlichkeit (Gottes)“ nannte. Er hatte zusammen mit seinem Vater Verbannung und Kerkerhaft erlitten und blieb auch über den Tod des Vaters hinaus noch Gefangener. Erst im Jahre 1908 wurde er im Gefolge der jungtürkischen Revolution auf freien Fuß gesetzt. Trotz seiner geschwächten Gesundheit unternahm er in den Jahren 1911 bis 1913 ausgedehnte Reisen nach Ägypten, Europa und Nordamerika, die im Dienste der Verbreitung seiner Religion standen. Er verlegte seinen Wohnsitz und mit ihm das Zentrum der Bahá’í - Religion nach Haifa. Im Jahre 1921, in dem er starb, wurde sein ältester Enkel, Shoghi Effendi (1896-1957), sein Nachfolger. Nach dem Tode dieses “Hüters und autorisierten Auslegers“ der heiligen Schriften des Baha´i - Glaubens wurde ein neunköpfiger Ausschuss zur Leitung der Gemeinde eingesetzt. Der Zentralsitz blieb in Haifa. Die Gemeinde entfaltet in Europa und Nordamerika eine beachtliche missionarische Aktivität.


Häuser der Andacht


Bahá’í-Häuser der Andacht gibt es inzwischen überall auf der Welt. Sie stehen allen Menschen unabhängig von Religion, Rasse, sozialem Stand oder Nation offen. Es sind Häuser der Meditation, des Gebets und des Lobpreis Gottes, in denen auch Gesänge und Lesungen stattfinden.

Die Bahá’í-Religion kennt kein Priesteramt und keine Rituale, so dass auch die Feste keine typischen Ausprägungen haben, wenn man einmal von der Gliederungsstruktur: Andacht, Beratung von Gemeindeangelegenheiten, geselliger Teil absieht. In der Architektur gibt es gewisse Auffälligkeiten: Die Versammlungshäuser sind fast durchweg kuppelförmig, um mit den zur Spitze strebenden Rippen das Streben aller religiösen Bewegung hin zum göttlichen Zentrum zu symbolisieren. Es gibt heute weltweit ca. 7 Millionen Bahá’ís.


Interreligiöser Dialog


Auch in Düsseldorf besteht eine Baha´i - Gemeinde, die in unserer Stadt die Initiative zu einem interreligiösen Dialog ergriffen hat. Gelungene Beispiele aus anderen Städten haben die Baha´i hierzu ermutigt.


André Golob