Auch AIDS ist besiegbar - Vom harten Kampf gegen eine tödliche Krankheit


Schaut mal, die T-Shirts sind richtig sauber geworden – und das mit fast kaltem Wasser. Und der Marmeladenfleck ist auch weg!“ Stolz zeigt Ingrid, ein Mitglied unserer Reisegruppe, das Ergebnis ihrer ersten Handwäsche in Ruanda. „Rei-in-der-Tube brauchen wir jetzt wohl nicht mehr“, lacht Hannelore. Gemeinsam hatten die beiden am Vortag beim AIDS-Projekt der anglikanischen Kirche in Nyamagana eine Seife gekauft. Die Seife wird von Frauen, die HIV-infiziert sind, produziert. Drei Tage in der Woche sind die Frauen im Projekt, stellen die Seife her und arbeiten teilweise mit den AIDS-Waisen in der Schule. Die anderen drei Tage ziehen die Frauen von Haus zu Haus, um die Seife zu verkaufen und – wenn die Käuferin Zeit hat und auch zu einem Gespräch bereit ist – über AIDS zu sprechen. Sie berichten dann, wie sie sich selbst angesteckt haben und erläutern der anderen Frau, wie sie sich vor AIDS schützen kann.


Seife als Mittel der Auf-klärung


In diesem Projekt arbeiten rund 20 Frauen, die uns von ihrer Seifenproduktion erzählten. Stolz waren sie, als Ingrid und Hannelore ein Stück kauften. Das zeigte ihnen, etwas gesellschaftlich Nützliches produziert zu haben, was selbst die Muzungos ( = die Weißen) kaufen und benutzen können. Dann postierten sie sich für ein Gruppenfoto. „Soll ich wirklich ein Bild von diesen Frauen machen, die schon bald sterben werden?“ fragte ich mich selbst etwas ratlos. Doch eine Frau rief mir etwas zu, ich verstand es nicht, doch sie lachte, zeigte auf meinen Fotoapparat und stellte sich keck in Pose. Sie sprühte Lebensfreude aus, warum nur zögerte ich? Sie wollte wie ihre Kolleginnen fotografiert werden. „Und erzählt in Deutschland von unserer Arbeit“, gab mir die Leiterin der Gruppe anschließend als Auftrag mit. „Wir wollen leben und wollen diese Krankheit bekämpfen“, ließ sie mir über unseren Dolmetscher erklären. „Und wir zeigen, dass es geht. Wir leben und wir arbeiten.“


Das Thema AIDS begleitete uns während unserer vierzehntägigen Reise durch Ruanda. Gleich am Sonntag nach unserer Ankunft in Kigali, der Hauptstadt von Ruanda, kommen wir bei unserer improvisierten Stadtrundfahrt zum Stadion der Stadt. Dort fand eine große Kundgebung am Welt-AIDS-Tag statt. Musik spielte, es wurde getanzt, die Kinder kickten am Rande des Stadions mit einem Fußball und Reden wurden gehalten. Das Stadion war gut gefüllt. AIDS war ein Thema – nicht nur an diesem Tag.


Plakate gegen SIDA


Auf der Fahrt durch Ruanda fand ich an vielen Ecken große Plakate mit dem Wort SIDA. Diese französische Abkürzung für AIDS wird so auch in Kinyarwanda, der ruandischen Sprache, benutzt. Manche der Plakate, erklärt uns unsere Begleiterin Natalie Vanneste, warnen sehr allgemein vor den Gefahren der Krankheit, andere propagieren auch das Kondom als einen möglichen Schutz vor der tödlichen Erkrankung.


Zuverlässige Zahlen über die Infektionsrate gibt es für Ruanda kaum. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt die Infektionsrate auf bis zu 25 Prozent. Die Regierung von Ruanda – dies erfuhren wir bei unserem Besuch im Gesundheitszentrum von Kigoma – schätzt die Zahl der an AIDS erkrankten Menschen auf rund 1.000.000. Die Zahl der HIV-Positiven liegt sicherlich weit höher. Nach Schätzungen der rheinland-pfälzischen AIDS-Hilfe, die ein Projekt in Ruanda begleitet, sind in den eher städtischen Regionen rund 30 Prozent der schwangeren Frauen HIV-positiv. Mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit werden sie ihr Neugeborenes bei der Geburt mit dem AIDS-Virus infizieren. So sind rund 55.000 Kinder im letzten Jahr an einer AIDS-Erkrankung gestorben.


AIDS – ein Thema auch für Schulen


So wächst auch in Ruanda die Zahl der Projekte gegen diese Erkrankung. Beeindruckt hat mich das Seifenprojekt der Frauen, die auch gleichzeitig aufklärend wirken. Doch schon in den Schulen – wenn auch leider nicht in allen – ist AIDS ein Thema. Bei unserem Besuch der Primarschule von Muyanga, die in Trägerschaft der anglikanischen Kirche ist, spielten zwei Mädchen und eine Junge aus der 6. Klasse uns einen kleinen Sketch vor. Wie erstaunt war ich, als mir die Bedeutung dieses Sketches erklärt wurde: Eines der Mädchen hatte einen Freund und wollte mit diesem schlafen. Da brachte die andere sie zu einem Doktor, der sie dann im Laufe des Gespräches über das Risiko, an AIDS zu erkranken, aufklärte. Er erläuterte ihr dann auch die möglichen Schutzmaßnahmen gegen AIDS.


Eine klare Haltung der Kirchen hilft im Kampf gegen AIDS


Später bespreche ich diese Szene mit Bischof Kalimba. Lange hat die anglikanische Kirche von Ruanda gezögert, in Schulen und in den Projekten konkret über die notwendigen Schutzmaßnahmen, wie beispielsweise den Gebrauch von Kondomen, zu sprechen. „Doch die Erkrankungszahlen können nur vermindert werden, wenn wir auch eine offene und klare Sprache sprechen. Die Menschen müssen wissen, wie sie sich schützen können“, erklärt mir er dann. Sicherlich wolle die anglikanische Kirche nicht die vor- und außereheliche Sexualität fördern. Manche Kritiker meinen, die Erläuterung der Schutzmaßnahmen verleite dazu, doch, so Bischof Jered Kalimba, die Menschen hören nicht auf uns, wenn wir ihnen nicht auch wirklich durch konkrete Maßnahmen helfen. Die römisch-katholische Kirche spricht nicht über Verhütungsmaßnahmen, sie predigt die Enthaltsamkeit als den besten Schutz vor AIDS.


Gleich neben dem Seifenprojekt hat die anglikanische Kirche ein Waisenhaus eröffnet. Hier leben Kinder und Jugendliche, deren Eltern an AIDS starben. Insgesamt 40 Jungen und Mädchen, fast alle zwischen 10 und 18 Jahre alt, leben in diesem Haus und lernen ein kleines Handwerk. Nähen lernen auf einer alten, aus Europa importierten Nähmaschine ist ein heißersehnter Wunsch von fast allen. Und so sitzen mindestens 20 der Mädchen und Jungen im Arbeitssaal und nähen Schulkleider, die sie dann auf dem örtlichen Markt verkaufen. Mit einer Nähmaschine, die noch mit dem Fuß angetrieben wird, kann sich ein Jugendlicher selbstständig machen. Auf dem Markt von Ruhango treffen wir mehrere von ihnen, die für andere nähen, Kleider ausbessern oder auf die Schnelle aus verschiedenen T-Shirts ein Neues schneidern.


Hilfe für Neugeborene ist möglich


In Gesundheitszentrum von Shoygwe, dem Bischofssitz von Jered Kalimba, zeigt mir sein Mitarbeiter John Wesley Kabango auch den AIDS-Beratungsraum für AIDS-kranke Menschen, aber auch für die schwangeren Frauen und deren Freunde oder Ehemänner. Hier wird Aufklärung sehr praktisch und konkret betrieben, erzählt er mir. Sein großer Wunsch ist es, an dem geplanten Programm zur Vorbeugung der HIV-Übertragung der Mutter aufs Kind (Prevention of Mother To Child Transmission PMTCT-Programm) teilzunehmen. Gibt man der Mutter bei Geburtsbeginn eine Tablette Nevirapin und dem Neugeborenen innerhalb der ersten 72 Lebensstunden eine weitere Dosis dieses Medikamentes, so ist das Ergebnis beeindruckend: Fast 50 Prozent weniger Kinder als ohne Prophylaxe werden mit HIV infiziert. Mit dieser relativ einfachen, zudem kostengünstigen und damit auch für Afrika realisierbaren Methode können Tausende von Kindern vor einer HIV-Infektion und damit vor dem sicheren Tod bewahrt werden. Und möglich wird ein solches Projekt durch eine großzügige Geste von Boehringer Ingelheim, die dieses Medikament herstellen. Als im letzten Jahr der ruandische Präsident Paul Kagame anlässlich der 20jährigen Partnerschaft in Rheinland-Pfalz weilte, besuchte er in Begleitung des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten, Kurt Beck, den Pharmakonzern in Ingelheim. Und hier erhielt Präsident Kagame das Versprechen der Konzernleitung, dem Land Ruanda dieses Medikament für die Prävention der HIV-Infektion auf die Neugeborenen vorläufig kostenlos zur Verfügung zu stellen. Jetzt arbeitet die AIDS-Hilfe Rheinland-Pfalz gemeinsam mit den Partnern vor Ort in Ruanda daran, eine Infrastruktur für dieses lebensrettende Angebot zu entwickeln. Und die anglikanische Kirche will dabei mitmachen.


Das AIDS-Projekt von Shoygwe braucht Unterstützung


Der Landauer Freundeskreis Ruhango-Kigoma wird gemeinsam mit der alt-katholischen Kirchengemeinde das AIDS-Projekt der Diözese Shygowe finanziell unterstützen. Jered Kalimba plant im Ortszentrum von Ruhango den Bau eines Hauses als Treffpunkt. Hierhin soll das Seifenprojekt umziehen, gleichzeitig werden zukünftig in diesem Haus auch Kleider verkauft – selbst hergestellt und Second-hand-Kleidung aus Landau. Dies ist eine wichtige Einnahmequelle für das Projekt, es gibt den Menschen Arbeit, die mit dem verdienten Geld ihre Familie ernähren können, denn für die Feldarbeit sind die Menschen auf Grund ihrer Erkrankung schnell zu schwach. Durch die leichtere Arbeit haben sie auch eine höhere Lebenserwartung. Natürlich wird dieses Haus auch Anlaufpunkt für alle Ratsuchende sein. Beratung und Unterstützung wird auf jeden Fall auch angeboten.


Wer dieses Projekt ebenfalls fördern möchte, kann dies durch eine Spende auf das Konto der Landauer Gemeinde mit dem Stichwort „Ruanda-Hilfe“ (Nr. 5021766 bei der Ev. Kreditgenossenschaft BLZ: 660 608 00).


Bernhard Scholten


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