Franz Kramer †

Obwohl Franz Kramer nun schon zwei Jahre ans Bett gefesselt und nach erneuten Schlaganfällen in diesem Jahr zu völliger Passivität im tiefsten Sinne des Wortes verurteilt war, kann man ihn sich auch nach der Erlösung von seinem Leiden nur als einen ganz und gar lebendigen, temperamentvollen, interessierten und engagierten Menschen erinnern.

Franz Kramer, damals Studiendirektor für Latein, Geschichte und Religion in Marktoberdorf, trat unserem Bistum im bewegten Jahr 1982 bei. Rund um den Düsseldorfer Katholikentag hatte es damals einen Neuaufbruch um eine Gruppe vor allem jüngerer Geistlicher und Laien unseres Bistums in Sachen Öffentlichkeitsarbeit gegeben, dem auch ein neues strukturelles, historisches und spirituelles Interesse an unserem alt-katholischen Weg folgte. Dieser Aufbruch klingt heute noch nach in der Arbeit des AÖA, in den Pastoralsynoden von 1987 und 2000 und in vielem, was seitdem an historischen, spirituellen und liturgischen Publikationen in unserer Kirche erschienen ist. Franz Kramer und seine Frau Irene waren damals als Angehörige einer kritischen römisch-katholischen Organisation angesteckt von dieser neuen Bewegung und schlossen sich unserem Bistum an. Franz Kramer nahm für diesen Schritt unmittelbare berufliche Folgen in Kauf. Da er nicht mehr als römisch-katholischer Religionslehrer fungieren konnte, wurde er zunächst staatlicherseits in einer skandalös anmutenden Weise degradiert, d.h. von seiner Gehaltsstufe zurückgestuft. Erst zwei Jahre später wurde er rehabilitiert.

Gemeindeaufbau

Bald schon aber nach dieser schulischen Demütigung zeigte sich, um wieviel größer der Gewinn sein würde, den das Ehepaar Kramer für unser Bistum darstellte. Nach den vorangegangenen Ergänzungsprüfungen wurde Franz Kramer am 30. November 1986 zum Priester geweiht mit dem besonderen Auftrag, die seit langem verwaiste und ums Überleben kämpfende Gemeinde Kempten ehrenamtlich zu übernehmen. Bereits nach kurzer Zeit war erkennbar, dass mit ihm und seiner ebenso engagierten Frau keine theologischen und pastoralen Leichtgewichte auf den Plan getreten waren. Franz Kramer mischte sich ein. In der Öffentlichkeit, in der Ökumene, in der Kirche und in der Gemeinde war seine Stimme vernehmbar. Wenn es dabei um das alt-katholische Profil ging, nahm er Widerspruch und Streit in Kauf. Er war ein Kämpfer, der sich nicht schnell geschlagen gab, stets voller Diskutierfreude. Gelegentlich konnte er zwar„austeilen“, aber er war ebenso gut bereit, einzustecken. Nie nahm er eine Auseinandersetzung persönlich krumm. Man konnte mit ihm in der Sache geteilter Meinung sein, ohne dass die persönliche Freundschaft darunter in irgendeiner Weise gelitten hätte. Durch diese engagierte, auch in pastoraler Hinsicht um jeden einzelnen Menschen bemühte und ringende Art gelang es Franz Kramer zusammen mit seiner Frau und einigen engagierten Kemptener Gemeindemitgliedern, die Gemeinde Jahr um Jahr zu vergrößern. Eine weitere sichtbare Frucht ihrer Bemühungen war der Neubau der Magdalenenkirche hinter dem Kemptener Pfarrhaus, die ein Vorbild einer mit Augenmaß betriebenen, für eine kleine Gemeinde ausgelegten Sakralarchitektur darstellt.

Schon nach zehn Jahren konnte Franz Kramer auf eine Aufbauarbeit zurückblicken, die eine zunächst teilzeitliche, schließlich sogar wieder vollzeitlich Besetzung der Kemptener Pfarrstelle ermöglichte. Eine Festschrift mit historischem Rückblick krönte dieses Verdienst. Das Ehepaar Kramer zog sich indessen nach Franz’ Pensionierung aus Kempten hochgeehrt und -bedankt zurück.

In Breslau 1934 geboren, erinnerte sich Franz Kramer als Ruheständler seiner schlesischen Wurzeln und zog nach Görlitz. Auch hier – in verhältnismäßig ausgeblutetem religiösem Milieu – versuchte er, Menschen für die Kirche zu gewinnen. Noch bis zu seiner Erkrankung half er in den sächsischen Gottesdienststellen und Gemeinden aus, und meldete sich auch weiter zu allen gemeindlichen und kirchlichen Fragen - bisweilen streitbar - zu Wort. Zugleich erkannte er seine Aufgabe im grenznahen Görlitz darin, Partnerschaften zu polnischen und tschechischen Gemeinden aufzubauen. Auch blieb die Tatkraft der Eheleute Kramer nie nur beim Liturgischen und Verbalen stehen, sondern hatte immer handfeste praktisch-diakonische Ziele im Auge. Als gebürtigem Schlesier kam es Franz Kramer dabei vor allem darauf an, Vertrauen bei den polnischen Nachbarn zu gewinnen. Sprachinteressiert, wie er war, lernte er darum noch als Pensionär Polnisch.

vita mutatur

„Tuis enim fidelibus, Domine, vita mutatur, non tollitur“, „Deinen Gläubigen, Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen“, ließ Franz Kramer auf seinen Totenzettel drucken. Dass er dies in lateinischer Sprache tat, mutet für einen alt-katholischen Priester auf den ersten Blick befremdlich an. Franz Kramer tat es sicher nicht nur wegen seiner schulischen Vergangenheit. Die Universalität, der Blick über den Tellerrand, der sich für ihn immer noch in den lateinischen Wurzeln der Westkirche ausdrückte, war ihm für sein Kirchesein ebenso wichtig wie für seine politische Einstellung. Ein Mensch des Friedens kann man nur sein, wenn man im kirchlichen Denken wie im politischen Handeln auf das universale Gottesreich hin ausgerichtet bleibt, wo wir „nach allem Kampf und Streit die Lebenskron erringen,“ wie es in der dritten Strophe von „Zieh an die Macht, du Arm des Herrn“ heißt.

Gesang - ein anderes Medium „Einheit in der Vielfalt“ darzustellen - war eines von Franz Kramer Hobbys. Nachdem ihn die ersten Schlaganfälle verstummen ließen, verständigte er sich mit seiner Umgebung durch vorgesummte Liedzeilen. Ich wünsche ihm, dass er nun im Chor der Seligen seine klare und eindeutige Stimme erheben und auch dort im Lob Gottes die Freundschaft zu uns, den noch Pilgernden und Suchenden, in Eintrag bringen kann.

Franz Kramer verstarb am 17. November in Görlitz. Am 12. Dezember wurde seine Urne in Kaufbeuren bestattet.

Bischof Joachim Vobbe