Bilanz und Perspektiven


100 Jahre Alt-Katholisches Seminar der Universität Bonn


Mehr als 120 Personen hatten sich am 14. November zur akademische Feier im Festsaal der Universität eingefunden, um das 100jährige Bestehen des Alt-Katholischen Seminars zu begehen. Unter den Gästen war der Rektor der Universität, Prof. Dr. Klaus Borchard, der quasi der oberste Dienstherr des Seminars ist, da dieses direkt ihm und dem Senat unterstellt ist. Professor Eßer überreichte dem Rektor die ersten drei Bände der neuen Schriftenreihe des Seminars „Geschichte und Theologie des Alt-Katholizismus“, die in diesem Heft an anderer Stelle vorgestellt wird.


In erfreulicher Zahl waren auch die beiden Theologischen Fakultäten mit ihren Professoren vertreten. Seminardirektor Prof. Dr. Günter Eßer konnte zu Beginn der Veranstaltung außerdem Vertreter der alt-katholischen Lehranstalten im Ausland und schließlich neben Bischof Joachim Vobbe und Altbischof Sigisbert Kraft auch den Erzbischof von Utrecht, Joris Vercammen, und den Schweizer Bischof, Fritz-René Müller, begrüßen. Viele Pfarrer aus dem ganzen Bistum und natürlich Gemeindemitglieder der umliegenden, aber auch fernerer Gemeinden (z.B. aus München) waren nach Bonn gekommen, um durch ihre Anwesenheit die Bedeutung des Seminars für die alt-katholische Kirche nachdrücklich zu unterstreichen.


„Alt-Katholische Theologie – Bilanz und Perspektiven“, so lautete das Motto der Festakademie, in deren Mittelpunkt drei Statements zum Thema standen, die von den Professoren Jan Hallebeek (Amsterdam und Utrecht), Urs von Arx (Bern) und Günter Eßer vorgetragen und in einem Podiumsgespräch diskutiert wurden, was leider nur in Ansätzen möglich war, da die Zeit zu knapp war. In dieser Ausgabe von Christen heute dokumentieren wir die Stellungnahme von Professor Eßer; die beiden anderen folgen in der nächsten Nummer.


Ein festlicher Gottesdienst unter Leitung von Bischof Joachim Vobbe in der nahegelegenen alt-katholischen Pfarrkirche St. Cyprian und ein Imbiss schlossen sich an und boten den teilweise von weit her angereisten Gästen die Möglichkeit zur leiblichen Stärkung und zum geistigen Austausch.


Matthias Ring



Statement von Prof. Dr. Günter Eßer


1. Wichtige Grundlagen für die alt-katholische Theologie sind die in der Gründungszeit formulierten Basistexte, hier besonders das Programm des Münchener Katholikenkongresses von 1871 und die „Utrechter Erklärung“ der alt-katholischen Bischöfe von 1889.


2. Das „Münchener Programm“ wurde unter dem Eindruck der sehr emotional geführten Auseinandersetzung um die Papstdekrete des 1. Vatikanums (Unfehlbarkeit und Jurisdiktionsprimat des Papstes) formuliert. Die historische, theologische und spirituelle Nähe zur römisch-katholischen Kirche und die damit verbundenen Auseinandersetzungen in wichtigen Fragen haben auf lange Strecken die alt-katholische Theologie bestimmt.


3. Darüber hinaus formuliert das „Münchener Programm“ aber auch positive Ansätze, die von der alt-katholischen Theologie immer wieder aufgegriffen und vertieft wurden:


a) das Festhalten am katholischen Glauben mit Blick auf Lehre und Praxis der Alten Kirche des ersten Jahrtausends. Hier stand (und steht) das Verhältnis von Ortskirche und Weltkirche sowie die Stellung des Bischofs und die Frage der Kollegialität im Mittelpunkt.


b) Die Forderung nach Reformen in der Kirche musste (und muss) immer wieder daraufhin überprüft werden, inwieweit sie den Entscheidungen einer Ortskirche überlassen werden konnten (können) ohne einen weltkirchlichen Konsens (d. h. die Entscheidung eines ökumenischen Konzils) herbeizuführen (Beispiel: Frauenordination). Generell besteht eine Spannung zwischen den Reformwünschen einer Einzelkirche und dem katholischen Ganzen, das im Blick bleiben muss, soll nicht die Gefahr des Sektiererischen heraufbeschworen werden.


c) Das ökumenische Engagement, das zu einem unverzichtbaren Bestandteil alt-katholischer Theologie geworden ist.


4. Gegenüber der Gründungszeit des Alt-Katholizismus hat sich die Situation für Glauben, Kirche und Theologie radikal verändert. Stichworte wie die von der „postchristlichen Gesellschaft“ oder dem „Missionsland Deutschland“ machen dies deutlich. Die damit verbundene Problemanzeige muss die Theologinnen und Theologen aller Konfessionen verunsichern. Auch die Grundanliegen alt-katholischer Theologie müssen deshalb auf den Prüfstand: Inwieweit entsprechen sie überhaupt noch den Erfordernissen der durch diese Krise ausgelösten veränderten kirchlichen Situation? Es geht nicht um Aufgabe alt-katholischer Positionen, aber verlagern sich nicht auch für uns die theologischen Schwerpunkte? Das heißt, können wir in den klassischen Disziplinen weiter so Theologie betreiben wie bisher? Das gilt insbesondere für den historisch-systematischen Ansatz der alt-katholischen Theologie!


Damit hängt meines Erachtens ein weiteres, existentielles theologisches Problem zusammen: Wie ist nach „Auschwitz“ verantwortungsvoll Theologie möglich? Mir scheint, dass der heilsgeschichtliche Bruch durch die Scho’ah, der immer noch vielfach eine theologische Sprachlosigkeit hervorruft, bis heute nur in wenigen Ansätzen in der Theologie rezipiert wurde und wir Theologie so betreiben, als habe es diesen Bruch nicht gegeben! Die gegenwärtige Gottes-, Glaubens- und Sinnkrise hat sicher ursächlich auch mit dieser nicht aufgearbeiteten theologischen Vergangenheit zu tun, die auch eine alt-katholische Vergangenheit ist.


Vor diesem Hintergrund müssen deshalb die spezifischen alt-katholischen Themen überdacht und neu gewichtet werden:


a) Wie definieren wir unser Verhältnis zur römisch-katholischen „Mutterkirche“? Es kann nicht mehr nur um negative Abgrenzung gehen, sondern die eigene, seit nunmehr über 150 Jahre bewährte bischöflich-synodale Ekklesiologie muss herausgestellt werden. Und nur von dieser eigenen ekklesiologischen Erfahrung her sind kritische Anfragen möglich.


b) Welchen Beitrag kann die alt-katholische Theologie in die heutige Ökumene einbringen? In den letzten Jahrzehnten ist recht viel erreicht worden, an dem die Alt-Katholiken ihren Anteil hatten. Jetzt scheint das Klima der offiziellen Ökumene rauher zu werden. Die Auseinandersetzungen um die Zukunft des ÖRK machen dies deutlich. Aber auch hierzulande prägt die Glaubens- und Kirchenkrise nicht selten die ökumenische Arbeit. So mancher Kirchenführer sucht wohl eher das Ghetto anstelle eines notwendigen christlichen Schulterschlusses. Die Frage: „Wohin geht die Kirche?“ ist nicht auf eine Konfession zu beschränken, sondern betrifft die ganze Kirche.


Aber wie weit kann alt-katholische Ökumene gehen? Wo sind ihr Grenzen gesetzt? Auch auf die ökumenische Zukunft hin wird sich die alt-katholische Theologie stets ihrer Katholizität bewusst bleiben müssen, wenn sie sich nicht von ihren Wurzeln abschneiden will. Dies betrifft besonders die Diskussionen um die zentralen theologischen Differenzpunkte in der Lehre von der Kirche und vom Amt. Ein Abrücken vom historischen Episkopat in apostolischer Sukzession als Grundlage für eine volle Kirchengemeinschaft ist dabei sicher genauso wenig vorstellbar wie ein Abrücken vom altkirchlichen Ortskirchenprinzip. Wie innerhalb dieser gegebenen Koordinaten für die alt-katholische Theologie Ökumene aussehen kann, wird sich zeigen müssen.


5. Seit 1871 hat sich das theologische Spektrum um ein vielfaches erweitert: Fragen im medizinisch/ethischen Bereich, der Ökologie oder der multikulturellen Zusammenhänge sind neue theologische Herausforderungen. Manch einer fragt: Wo ist hier die alt-katholische Theologie platziert? Hier müssen wir ein echtes Defizit konstatieren, das sicher nicht zuletzt mit den beschränkten alt-katholischen Möglichkeiten zusammenhängt. Dankbar sind wir für die Zusammenarbeit mit den theologischen Fakultäten der beiden großen Konfessionen, auf deren Kompetenzen und Ressourcen wir zurückgreifen können. Es wird immer eine Personalfrage bleiben, inwieweit Einzelne sich hier spezialisieren können. Denn der historisch-systematische Schwerpunkt in Lehre und Forschung wird auch in Zukunft – bei aller Offenheit für neue Fragestellungen – bestehen bleiben.


Günter Eßer


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