Das Kreuz heilt die Risse der Welt

Die Botschaft der Lieder


Ein Lied nach einem Text von Bischof Reinkens stellt Joachim Pfützner vor.


Das Kreuz baut uns ein Vaterhaus

so groß wie Gottes Welt,

hoch über Land und Meer hinaus,

noch übers Sternenzelt.


Das Kreuz zerbrach die Scheidewand,

die Feinde sind versöhnt,

nun ist so weit das Vaterland,

als Christi Lob ertönt.


Das Kreuz zu einem Leib erschafft

die Glieder, die zerstreut,

es kennet keine Fremdlingschaft,

den Frieden hat’s erneut.


Kein Ausland kennt der Kreuzesthron,

er herrscht in aller Welt:

macht uns zur Tochter und zum Sohn

auch überm Sternenzelt.


Der Text dieses Liedes, das im neuen Gesangbuch unseres Bistums unter der Nummer 375 erschienen ist, stammt von Joseph Hubert Reinkens, dem ersten Bischof des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland. Joachim Vobbe, der gegenwärtige Bischof und achte Nachfolger Reinkens‘, hat für den Gesang eine Melodie geschrieben. Er tat es, weil es ihm ein wichtiges Anliegen ist, die Spiritualität und Denkweise Joseph Hubert Reinkens‘ unter den heutigen Alt-Katholiken bekannt zu machen. Und deshalb hat er sich in der Gesangbuchkommission für die Veröffentlichung zweier Reinkens-Texte eingesetzt (der zweite Text findet sich unter der Nr. 609).


Vaterhaus – Vaterland


Beide Texte wirken auf den ersten Blick befremdlich, nicht nur wegen der ihnen zugrundeliegenden, für uns ungewohnten Spiritualität, die ja im Denken und Empfinden des 19. Jahrhunderts verwurzelt ist, sondern auch wegen der Bilder, die der poetisch begabte Theologe, der vor Antritt seines Bischofsamtes Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Breslau war, verwendet. Im vorliegenden Text sind es vor allem die Begriffe “Vaterhaus” und “Vaterland”, die ins Auge fallen, zumal sie – auch darüber mögen wir stolpern – mit dem Kreuz in Verbindung gebracht werden. Das aber kann sehr wohl beabsichtigt sein, denn die Verknüpfung zunächst nicht zusammengehöriger Bilder ist ja auch sonst ein beliebtes sprachliches Stilmittel. Selbst die Werbung unserer Tage kann und will darauf nicht verzichten, weiß sie doch nur allzu gut, dass gerade im “Stolpern” ein besonderer Effekt erreicht wird.


“Vaterhaus” und “Vaterland”: Beide Begriffe signalisieren Heimat und, damit verbunden, Herkunft. Gottes Welt soll diese Heimat sein, und damit ist nicht etwa die Erde gemeint, sondern der ganze Kosmos, “hoch über Land und Meer hinaus, noch übers Sternenzelt”. Die Erde allein wäre überschaubar für uns, selbst wenn wir uns nicht überall in ihr beheimatet fühlen. Doch sie gilt als Ort des Menschen, während der Kosmos über die Grenzen dieses Ortes hinausreicht und damit auch über den menschlichen Verstand. Am Empfinden dieser unendlichen Weite vermögen nicht einmal die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Weltraumzeitalters etwas zu ändern. So verbindet sich mit dem Bild des Kosmos die Vorstellung des allherrschenden Gottes und sagt – aus menschlicher Sicht – etwas über seine Größe aus. Nicht die überschaubare Erde ist unsere Heimat, sondern alles, was Gott geschaffen hat: Himmel und Erde (Genesis 1,1), der ganze Kosmos, wo immer ER gegenwärtig ist.


Trotzdem geht der Blick zunächst in die Welt des Menschen hinein. Sie stellt sich als uneins dar: gespalten, was bedeutet, dass Menschen sich verfeindet haben; und zerstreut – das Flüchtlingsproblem und das der unterschiedlichen Kulturen. Was Reinkens nur antippt, löst jede Menge aktueller Assoziationen aus. Stichworte dafür mögen die Kriegs- und Krisenherde der Welt und die Globalisierung sein, der Riss zwischen den mächtigen Industrienationen und den armen Ländern in Süd und Ost, aber auch die Situation der Familien, die unter anderem mit dem neudeutschen Wort “Patchwork-Familien” gekennzeichnet ist. Kann die Welt so überhaupt noch Heimat sein?


Das Kreuz, sagt Bischof Reinkens – vermutlich im Anschluss an die Textstelle Epheserbrief 2,11-22 – schafft Heimat, denn es überbrückt und versöhnt, es befriedet und vereint. Mit ihm verbindet sich nicht allein das Leiden und Sterben Jesu; es steht genauso für sein ganzes Wirken. Und dann entdecken wir im Kreuz vor allem den, der in seinem Wirken unermüdlich Menschen zusammengeführt hat: Sünder und Fromme, Arme und Reiche, Kranke und Gesunde, Feinde und Freunde. Und der macht- und kraftvoll Hindernisse aus dem Weg geräumt hat: Ein zu starres und das Wohl des Menschen außer Acht lassendes Gesetzesdenken, Vorurteile, Krankheiten, Leiden, Gewalt, Hass. Das Kreuz erklärt solche Erscheinungsformen als für überwunden. Es eröffnet vielmehr den Blick auf eine neue Gemeinschaft, in der die Menschen, ganz gleich, woher sie kommen und was sie mitbringen, Geschwister sind, beheimatet im selben Haus, verwurzelt in der selben Familie, zusammengehalten und verwöhnt durch den selben Vater, der ebenso auch Mutter ist.


In dieser Welt der Liebe dürfen wir uns zu Hause fühlen. Sie begegnet uns dort, wo Risse überbrückt, Wunden geheilt, Türen geöffnet und Gräben zugeschüttet werden, wo also “Christi Lob ertönt”. Sie ist zu einer Welt geworden, in der Nord und Süd, West und Ost als ein einziges “Vaterland” erscheinen. Es gibt keine “Fremdlingsschaft” mehr in ihr und auch kein “Ausland”. Es ist eine neue Welt, geschaffen durch das Kreuz und gekennzeichnet durch die Geschwisterlichkeit der in ihr Wohnenden, eine Welt, die über die Grenzen der Erde hinausreicht, “noch übers Sternenzelt”.


Joachim Pfützner