Der Papst und empörte Muslime

Die Vorlesung von Papst Benedikt XVI. an der Regensburger Universität hat zu Reaktionen in der islamischen Welt geführt, die denen im sogenannten „Karikaturenstreit“ auf fatale Weise ähneln. Bereits einen Tag nach der Rede forderte der Chef der türkischen Religionsbehörde DITIB eine Entschuldigung; andere Vertreter des offiziellen Islam schlossen sich ihm umgehend an. In einigen islamischen Ländern kam es schnell zu Massenprotesten und Gewalttaten gegen Christen und Kirchen.

Würde sich der Papst für die umstrittene Passage in seiner Regensburger Vorlesung entschuldigen, käme dies einer intellektuellen Kapitulation gleich. Er müsste sich dafür entschuldigen, dass er bei der Auswahl von historischen Texten, die er einer wissenschaftlichen Erörterung zugrundelegt, nicht auf die mögliche Gefühlslage heute lebender Menschen achtet. Das Groteske daran wird sichtbar, wenn man die Rollen umkehrt: Dieses Mal sahen muslimische Funktionäre ihre Religion beleidigt. Sind demnächst Massenproteste in christlichen Ländern zu befürchten, weil ein muslimischer Imam oder Staatsmann auf die Kreuzzüge zu sprechen kommt?

Natürlich wäre eine Entschuldigung für die katholische Kirche der einfachste Weg, schnell zur Normalität zurückzukehren. Das könnte aber zu einem langfristigen Schaden führen, dessen Ausmaß nur schwer abzusehen ist: Für Personen von großer öffentlicher Bekanntheit wäre es zukünftig kaum mehr möglich, einen akademischen Vortrag zu halten, in dem auf irgend eine Weise der Islam zum Thema wird.

Kein Redeverbot

Eine Kultur der Freiheit zeichnet sich dadurch aus, dass gewonnene Erkenntnisse ohne Gefahr für Leib und Leben kommuniziert werden dürfen. Diese wissenschaftliche Kommunikation ist ihrem Wesen nach umfassend; es sind nur sehr wenige Sachverhalte denkbar, deren Explikation eine Grenze der freien, unzensierten Rede markieren könnte. Die Frage nach dem Zusammenhang von Religion und Gewalt gehört jedenfalls nicht zu diesen Sachverhalten, die ein solches Redeverbot begründen könnten: weder in der Anfrage nach der kriegerischen Vergangenheit des Christentums zur Zeit der Kreuzzüge noch in der
nach der Ausbreitung des Islam „durch das Schwert“ in den Generationen nach dem Tod Mohammeds.

Joseph Ratzinger hat, für die große Öffentlichkeit sichtbar spätestens in seiner vielbeachteten Diskussion mit Jürgen Habermas, wie kaum ein anderer katholischer Theologe die Bewahrung der rationalen und humanen Gehalte des christlichen Glaubens in der modernen Welt zu einem seiner Lebensthemen gemacht.

Dazu gehört auch – und auch das ist Teil seines Lebenswerks – der Dialog mit Vertretern anderer Religionen, denen es um die gleichen Ziele in ihrem Glauben geht. Die Unterstellungen, denen Benedikt XVI. nach seiner Vorlesung aus islamischen Organisationen und Staaten ausgesetzt ist, lassen allerdings daran zweifeln, ob es den Wortführern der Kritik an der Papstrede um die gleichen Ziele für den Islam geht. Sicher kann man darauf hinweisen, dass der Papst die gewaltsame Ausbreitung des Islam thematisiert, die kriegerische Vergangenheit des Christentums aber nicht genannt hat.

Das mag unter diplomatischen Gesichtspunkten ein Fehler gewesen sein. Wer hier aber absichtliches „Verschweigen“ vermutet, hat nicht die Struktur seiner Rede verstanden: Es geht um einen historischen Dialog, der exemplarisch in eine aktuelle Debatte einführen soll.

Benedikt XVI. hat hinreichend deutlich gemacht, dass er die „in überraschend schroffer Form“ geäußerte Zuspitzung des Dialogs für den konkreten Gegenstand, auf den sie hin formuliert ist, so nicht nachvollzieht und auch für den heutigen Islam nicht für zutreffend hält. Dennoch wird ihm gerade dieses unterstellt.

Doktrin statt Religion

Der Papst mag schlecht beraten gewesen sein, ein historisches Dokument zu zitieren, das ausgerechnet durch die Brille eines von den Osmanen schwer bedrängten byzantinischen Kaisers über den Islam spricht. Was dem Professor Ratzinger früher eine Selbstverständlichkeit gewesen ist und die Bewunderung seiner Zuhörer ob seiner Belesenheit eingebracht haben mag, wird heute dem Papst Benedikt XVI. zum Stolperstein. Letztlich sagen aber die bekannt gewordenen Reaktionen aus islamischen Staaten mehr über den Zustand des Islam aus, als dessen Vertretern lieb sein kann. Wenn der Verkauf von Zeitungen verboten wird, in denen über das Bedauern des Papstes berichtet wird, geht es nicht in erster Linie um die Sache, sondern um die Inszenierung von Betroffenheit, um die Bevölkerung zu antiwestlichen Demonstrationen aufzustacheln. Bereits anlässlich des „Karikaturenstreits“ stellte der Publizist Georg Seeßlen fest: „Den Islam, den die Gewalt der Kränkung gegen den Westen verteidigen will, gibt es nicht; er soll, weniger als Religion denn als gesellschaftliche Doktrin, in der Inszenierung erst erzeugt werden.“

Es wäre zu wünschen, dass die in Europa lebenden Muslime sich künftig von solchen Tendenzen genauso distanzieren könnten, wie sie es nach dem 11. September 2001 in ihrer Distanzierung von terroristischer Gewalt getan haben.

Martin Schuck