Gott ist größer als unser Herz

Botschaft der Lieder

Der Text dieses Liedes – in unserem Gesangbuch „Eingestimmt.“ unter der Nummer 636 zu finden – stammt aus der Feder Bischof Joachim Vobbes. Er hat es während seiner Exerzitien vor der Bischofsweihe im März 1995 geschrieben. Es ist nicht das einzige Lied in unserem Gesangbuch, das er gedichtet hat. Kennengelernt haben wir an dieser Stelle schon das Weihnachtslied „Hört, es singen Engelszungen“ (Nr. 334) und das Loblied „Lobt den Herrn, ihr Himmel droben“ (Nr. 554), das Joachim Vobbe gemeinsam mit Diakon Thaddäus A. Schnitker verfasst hat. Auch die Strophen 8 bis 10 des alten Karfreitagsgesangs „Popule meus“ (Nr. 389) sind ein Beitrag des seit 1995 amtierenden Bischofs der deutschen Alt-Katholiken.

„Gott ist größer als unser Herz“: Dieses Wort aus dem ersten Johannesbrief (1 Joh 3,20) hat sich Joachim Vobbe als Leitwort für seinen bischöflichen Dienst ausgewählt. Es ist auch der Leitgedanke des Liedes, das er in der Stille des Klosters Himmerod in der Eifel geschrieben hat, gewissermaßen als Antwort auf die Frage, wo sich denn das zeigt: Gott ist größer als unser Herz. Jeweils zwei Strophen des Liedes bilden eine gedankliche Einheit, äußerlich auch daran erkennbar, dass am Schluss jeweils die Erkenntnis, vielleicht auch die Erfahrung steht: „…denn größer bist du, Gott, als unser Herz.“

Einen ersten Zugang dazu bietet die Schöpfung. Die Schöpfungslieder des Buches Genesis, des ersten Buchs der Bibel, lehren uns, in der stillen „Ordnung, die den Kosmos hält“, „in Pflanze, Tier und Vielfalt dieser Welt“ das Gesicht Gottes zu sehen und dabei zu erfahren: „Was du [Gott] geschaffen hast, verlässt du nicht.“ Allerdings hat diese Sicht auch immer wieder kritischen Protest hervorgerufen. Wie passen Naturkatastrophen dazu? Wie die grausamen Gesetze, dass Tiere Opfer anderer Tiere werden? Was ist mit dem Menschen, der die Schöpfung – Pflanzen oder Tiere, Bodenschätze oder das Element Wasser – ausbeutet? Ist das Bild der Schöpfung nicht eher erbärmlich, als dass es davon kündet: „Was du [Gott] geschaffen hast, verlässt du nicht“? Joachim Vobbe mahnt deshalb: „Welt ist nicht nur, was Menschenaugen sehn, / und Ordnung mehr, als wir davon verstehn.“ Gott zu entdecken setzt voraus, dass wir von vorgefertigten Meinungen Abstand nehmen und uns auf das Geheimnisvolle, sich nicht sofort Erschließende einlassen. Das aber verlangt von uns ein tieferes Schauen, und das ist nicht allein mit dem Verstand möglich, sondern braucht auch den Menschen in uns, die „Augen“ unseres Herzens und das Vertrauen, dass Gott „Anfang und Ziel“ „gehört“. Nicht nur er ist größer als unser Herz, sondern auch wir müssen, wenn wir Zugang finden wollen zu seinem Wesen, unser Herz öffnen und ihn größer sein lassen als das, was wir denken.

Einen zweiten Zugang, mit Gott in Berührung zu kommen, bieten Brot und Wein. Sie stehen für die Früchte der Schöpfung und der menschlichen Arbeit und sagen uns: „Du [Gott] lässt dein pilgernd Volk verhungern nicht“. Joachim Vobbe eröffnet uns allerdings noch einen tieferen Blick für das Säen und Ernten: „In dem, was wir gesät auf unserm Feld, / kommt Christus, deine Liebe, in die Welt.“ Wo durch unser Mitwirken „Schwaches stark und Großes klein“ werden kann, ist dies der Fall. Da lebt die Saat Gottes auf – wir können es sehen. Und da vollzieht sich jeweils neu, dass Gottes Wirklichkeit unter uns heranwächst wie ein Kind. Auch Brot und Wein sprechen diese Sprache. Wie Brot den Hunger stillt, so stillt die Liebe Gottes das menschliche Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Und wie Wein Freude stiftet, so weckt auch die Liebe Gottes Freude. Wahrnehmen wird das jedoch nur, wer in Brot und Wein mehr sieht als nur Nahrungsmittel. Wieder geht es darum, tiefer zu schauen, weil Gott größer ist als unser Herz.

Einen letzten Zugang bietet das Antlitz des Menschen. Es ist nicht immer schön und entspannt. Im Gegenteil: Oft nehmen wir darin die Spuren von Angst wahr, und hinter ihnen verbergen sich lange, unheilvolle Geschichten. Und wir nehmen die Wunden wahr, die Menschen zugefügt werden; auch sie verbinden sich mit schlimmen und leidvollen Geschichten. Darin Gott schauen zu können, bezweifeln viele. Sie fragen sich vielmehr, wie er das zulassen kann. Joachim Vobbe erinnert an das Antlitz Christi: „In seinen Wunden und in seiner Angst / zeigst du [Gott], dass du um Heilung mit uns bangst.“ Und er äußert in gläubigem Vertrauen: „Du löschst die schwache Glut des Dochtes nicht“. Wieder lehrt der dichtende Bischof uns, tiefer zu sehen: „…denn größer bist du, Gott, als unser Herz.“ Und das bedeutet: Er bleibt nicht stehen bei Leid und Tod; er greift vielmehr unsere Sehnsucht nach Leben auf. Das gilt für vieles mehr, auch für Schuld, die auf uns lastet. Gott schaut darüber hinaus. Er sieht schon das Heil. Sogar mitten im Schmerz.

Das Lied weitet unseren Blick, ja es verändert ihn. Je mehr wir es singen, desto mehr lernen wir, mit Gottes Augen zu schauen. Und so berühren wir seine Welt, die Welt, die Er erschaffen und bei deren Anblick er zufrieden festgestellt hat: „Es war sehr gut“ (Gen 1,31).

Joachim Pfützner