Vor die Tür gesetzt - Die Regensburger Gemeinde muss Mariä Schnee verlassen


Am Ende war es eine Mischung aus Königlich-Bayerischem Amtsgericht (die Älteren werden sich noch an diese Serie des Bayerischen Rundfunks erinnern) und Kasperletheater – anders kann man es leider nicht ausdrücken. Nach 39 Jahren wurde der alt-katholischen Gemeinde vom Bistum Regensburg der Nutzungsvertrag für die kleine Rokoko-Kapelle Mariä Schnee gekündigt. Im Kündigungsschreiben nennt der Generalvikar, Herr Dr. Gegenfurtner, „Eigenbedarf“ und „theologische Erwägungen“. Gerhard Ludwig Müller, der neue Regensburger Bischof, hat damit eine weitere Kostprobe seines Ökumeneverständnisses gegeben, nicht die erste und – vermutlich – nicht die letzte. Doch der Reihe nach:


Erster Akt: Meine Kanzel – deine Kanzel


Alljährlich feiern die Regensburger Innenstadtgemeinden in der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen Mitte Januar einen ökumenischen Gottesdienst, wobei einmal eine evangelische, das andermal eine römisch-katholische Gemeinde als Gastgeberin auftritt. In diesem Jahr war die Reihe an der Dompfarrei, die nicht im Dom, sondern in der Niedermünsterkirche beheimatet ist. Beim Vorbereitungstreffen erzählte Pfarrer Staymann, dass er beim ökumenischen Gottesdienst in Passau (dieser sollte in einer Kapelle neben dem Dom stattfinden) die Predigt halten werde. Was lag näher, als Ralf Staymann zu fragen, ob er diesen Dienst nicht auch in Regensburg übernehmen könnte? Wohlgemerkt: Pfarrer Staymann wurde gefragt, er hat sich nicht aufgedrängt, er kam nicht, wie sich Bischof Müller sachlich unrichtig gegenüber der Süddeutschen Zeitung vom 14. Juli äußerte, selber auf die Idee, „als alt-katholischer Geistlicher in der Dompfarrkirche predigen zu wollen“. Der anwesende Ökumenereferent des Bistums, Domkapitular Dr. Max Hopfner, stimmte dem Vorschlag gleich zu, bekannte aber in einem späteren Telefonat mit mir, er habe in diesem Moment „geschlafen“, sprich nicht bedacht, dass etwas, was jahrelang kein Problem war, unter dem neuen Regensburger Oberhirten eines sein könnte. Als er in der Ordinariatskonferenz routinemäßig den geplanten Gottesdienst erwähnte, kam Einspruch von Bischof Müller und der Hinweis, dass es sich bei den alt-katholischen Geistlichen um „Davongelaufene“ handele, die man nicht, nach dem Austritt aus der römisch-katholischen Kirche, auf einer ebensolchen Kanzel dulden könne. So verlautete aus dem Ordinariat, der Ökumenekreis habe die Grenzen des Zumutbaren überschritten, und Ralf Staymann wurde mitgeteilt, er dürfe in der Niedermünsterkirche nicht predigen. Einige Tage später erreichte ihn das gleiche Verbot aus Passau – in diesem Fall über den evangelischen Dekan. In Regensburg und Passau wurde daraufhin der ökumenische Gottesdienst in eine evangelische Kirche verlegt und war – aufgrund des Presseechos – besser besucht als in den Vorjahren.

Natürlich kam in Regensburg die Frage auf, ob das, was für die Niedermünsterkirche gelte, nicht auch auf Mariä Schnee Anwendung finde, also auf jene kleine Kapelle auf dem Gebiet der Dompfarrei, in der die alt-katholische Gemeinde seit 1964 ihren Sonntagsgottesdienst feiert. Gegenüber der Mittelbayerischen Zeitung verlautete daraufhin Domkapitular Hopfner, so ein Verbot sei nicht vorgesehen, denn es handele sich nicht um eine Pfarrkirche, sondern um eine kleine Kapelle. Und außerdem stünden die Gottesdienste der Alt-Katholiken nicht im Blickpunkt des öffentlichen Interesses. – Also kein Grund zur Beunruhigung!


Mit einer gemeinsamen Stellungnahme Ende Januar schien der Fall erledigt. Für uns Alt-Katholiken zwar unbefriedigend, aber hinnehmbar.


Zweiter Akt: Der nichtoffene offene Brief


Hoch gingen die Wogen bei der darauffolgenden bayerischen Pfarrerkonferenz, denn viele Kollegen fragten sich, ob man diesen Affront wirklich unkommentiert hinnehmen sollte. Was sollen ökumenische Gespräche und Runden, wenn dann solche Verbote ausgesprochen werden und in der Zeitung Pfarrer Staymann wegen seines Wechsels zur alt-katholischen Kirche sowohl von Bischof Müller als auch von Dr. Hopfner als Häretiker bezeichnet wird? Da wähnte man sich ökumenisch schon mal weiter.


In der Konferenz wurde die Idee geboren, in einem offenen Brief an Bischof Müller der eigenen Betroffenheit, aber auch dem Protest gegen dessen Vorgehen Ausdruck zu verleihen. Das Schreiben, das Dekan Ruisch verfasste, ist durchaus als moderat zu bezeichnen. Er verweist u.a. darauf, dass Müllers Vorgehen zwar kirchenrechtlich korrekt sei, aber man sei doch ökumenisch schon weiter gewesen. Müllers Sicht der römisch-katholischen Kirche als einzig wahrer Kirche bezeichnete Gerhard Ruisch als „sehr eng und unangemessen“.


Nach Rücksprache mit den Pfarrern des Dekanates verzichtete Dekan Ruisch darauf, den Brief als offenen Brief auch an die Presse zu schicken, um den Streit nicht neu in der Öffentlichkeit anzuheizen; er ging deshalb nur an Bischof Müller – wohlwissend, dass aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit einer Antwort nicht zu rechnen war.


Dritter Akt: Ich weiß, dass ich nichts weiß


Was nun geschah, blieb uns Alt-Katholiken zunächst verborgen. Der Brief von Dekan Ruisch an Bischof Müller ging Anfang März im Ordinariat in Regensburg ein – und rief den Zorn des Oberhirten hervor. Er soll sich maßlos über das Schreiben geärgert haben. Anfang Mai erhält Pfarrer Staymann einen Anruf vom evangelischen Dekan Schoenauer, der ihm mitteilt, Domkapitular Hopfner habe bei ihm angerufen und ihm gesagt, Bischof Müller wolle den Alt-Katholiken Mariä Schnee kündigen, am liebsten bis zum kommenden Wochenende. Hopfner bat Schoenauer, auf die alt-katholische Gemeinde einzuwirken, damit diese freiwillig Mariä Schnee verlasse. Als Grund wurde u.a. genannt, Bischof Müller habe bei einem Gottesdienst, den er einige Tage vor-her in Mariä Schnee gehalten habe, bemerkt, dass es nur einen Tabernakel gäbe und somit die Möglichkeit bestünde, dass dieser auch von den Alt-Katholiken benutzt werde. (Anmerkung der Redaktion: Vergeblich bemüht sich die Theologie seit Jahren, ein Verfahren zu entwickeln, um den alt-katholischen vom römisch-katholischen Jesus zu unterscheiden.) Tatsächlich findet eine solche Benutzung des Tabernakels von alt-katholischer Seite nicht statt.


Als Pfarrverweser von Regensburg riet ich Ralf Staymann, das alles einfach zu ignorieren, solange die römisch-katholische Seite nicht direkt mit uns spricht. Zwei Tage später verlief das Vorbereitungstreffen zur Gründung einer Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen (AcK) auf Stadtebene ohne Zwischenfälle. Dr. Hopfner trat auch bei dieser Gelegenheit nicht an Ralf Staymann heran, um die Angelegenheit zu besprechen. Wie wir heute wissen, wurde einige Tage später, am 20. Mai, in der Ordinariatskonferenz die Kündigung der Kapelle beschlossen.


Nach Pfingsten verbrachte ich einen Kurzurlaub in Regensburg und traf bei einem Abendspaziergang am 11. Juni vor dem Kaufhof Dekan Schoenauer. Er erzählte mir, dass die Kündigung beschlossene Sache sei, er aber wolle versuchen, noch zu retten, was zu retten sei. Man bedenke: Mit der alt-katholischen Gemeinde gab es bis zu diesem Zeitpunkt von römisch-katholischer Seite kein einziges Gespräch! Gleichzeitig sickerte über alle möglichen Kanäle der Kündigungsbeschluss durch. Es entstand die absurde Situation, dass mich römisch-katholische Bekannte auf die Angelegenheit ansprachen und ich nur sagen konnte: Offiziell wissen wir von nichts.


Über diese Kanäle war später zu erfahren, dass Dekan Schoenauers Vermittlungsversuche vergeblich waren. Bischof Müller soll zwar am Rande einer ökumenischen Konferenz der Regensburger Geistlichen (an der Pfarrer Staymann nicht teilnehmen durfte!) die Bereitschaft zur Rücknahme der Kündigung signalisiert haben, aber in der entscheidenden Ordinariatssitzung sich diesbezüglich nicht mehr geäußert haben. Einige Mitglieder dieser Sitzung, darunter Generalvikar Gegenfurtner, stellten sich auf den Standpunkt: Beschlossen ist beschlossen.


Wer aber spricht die Kündigung aus? Die Kapelle gehört der Katholischen Jugendfürsorge. Deren Leiter, Prälat Schwaiger, soll sich geweigert haben, ebenso Dr. Hopfner. So zeichnete Dr. Gegenfurtner selbst das Kündigungsschreiben.


Bekannt war, dass die Kündigung zum 1. Juli (mit Frist bis Ende September) erfolgen wird. Also wartete Pfarrer Staymann auf einen Brief aus dem Regensburger Ordinariat, denn solange offiziell nichts bekannt war, konnte er nicht reagieren. Außerdem wussten wir nicht, ob Dekan Schoenauers Ver-mittlungsversuche nicht doch noch Erfolg haben würden. Am 23. Juni fand endlich ein Gespräch mit Dr. Hopfner statt, in dem dieser den Kündigungsbeschluss mitteilte, der Brief kam aber erst am 1. Juli an. Warum? Am Wochenende vorher war in Regensburg Bürgerfest, und die alt-katholische Gemeinde war mit einem Infostand vertreten. Man wollte offensichtlich im Ordinariat nicht riskieren, dass an diesem Stand gleich über die Kündigung mit informiert würde. Andererseits äußerten verschiedene Besucher des Standes, sie hätten bereits gehört, dass die Gemeinde Mariä Schnee verlassen müsse. – Eine absurde Situation.


Vierter Akt: Der Skandal im Skandal


Dem Brief Gegenfurtners, der am 1. Juli im alt-katholischen Pfarramt eintraf, ist zu entnehmen, dass „theologische Erwägungen“ und „Eigenbedarf“ Ursache für die Kündigung gewesen seien. Über den genauen Charakter der theologischen Gründe lässt sich Dr. Gegenfurtner nicht aus, auf den Eigenbedarf wiederum darf man gespannt sein. In Regensburg stolpert man geradezu über Kirchen und Kapellen; in Mariä Schnee waren in den letzten Jahren zwischen drei und einem Dutzend römisch-katholischer Gottesdienste.


Ärgerlich ist eine Passage des Schreibens, die da lautet, Dr. Hopfner sei beauftragt worden, „Möglichkeiten einer neuen Wirkungsstätte für die Altkatholische Gemeinde zu eruieren.

In Absprache mit Herrn Dekan Schoenauer hat Herr Domkapitular Dr. Hopfner mitgeteilt, dass die evangelisch-lutherische Kreuzkirche als neue Wirkungsstätte für die Altkatholische Gemeinde zur Verfügung steht.“ Mit anderen Worten: Da will man sich den Anschein geben, als habe man sich geradezu fürsorglich um die Alt-Katholiken bemüht. So äußerte sich auch Bischof Müller im bereits erwähnten Interview mit der Süddeutschen: „Und bevor wir den Altkatholiken die Kirchennutzung kündigten, haben wir für Ersatz gesorgt und sie nicht ‚auf die Straße gesetzt’, wie behauptet wird.“ Dass mit uns darüber erst gesprochen wurde, als Fakten geschaffen waren, erwähnt Müller nicht, auch nicht, dass die „Ausweichmöglichkeit“ wesentliche Nachteile für die Gemeinde hätte.

Da nun ist der Skandal im Skandal zu besichtigen, denn mit dieser Vorgehensweise stempelt man einen ökumenischen Partner zum unmündigen Kind, über das andere bestimmen. Hier offenbart sich ein Hochmut von unbeschreiblichem Ausmaße.


Während diese Ausgabe von Christen heute auf dem Weg in die Druckerei ist, wird die Gemeinde entscheiden, wo sie künftig Gottesdienste feiern wird. Es liegen zwei Angebote von evangelischer Seite vor, darunter die bereits genannte Kreuzkirche, eine Pfarrkirche, die allerdings sonntags erst ab 11 Uhr zur Verfügung steht. Man kann an dieser Stelle der evangelischen Seite nur dankbar sein für die unkomplizierte Hilfe, vor allem auch Dekan Schoenauer für seine – leider – erfolglosen Vermittlungsversuche.


Fünfter Akt: Kasperletheater, oder: Wie sich Kirche in der Öffentlichkeit disqualifiziert


Steht nun Regensburgs Ökumene wegen dieser Ereignisse kopf? Keineswegs, denn da hätte sie vorher auf den Füßen stehen müssen. Bischof Müller hat es in einem halben Jahr im Bischofsamt geschafft, einiges an ökumenischem Porzellan zu zerschlagen. Aber auch innerhalb seines eigenen Bistums ist ein beachtlicher Scherbenhaufen zu besichtigen: Ein Professor wurde wegen Kritik am Bischof aus dem Dekanatsrat entfernt, ein Pfarrer musste u.a. unterschreiben, dass er der Gruppe „Wir sind Kirche“ keine Räume mehr in seiner Pfarrei zur Verfügung stellen werde, an Fronleichnam brüskierte Müller mit Bemerkungen über das evangelische Abendmahl den anwesenden evangelischen Dekan. Als nächstes soll Müller Frau Dr. Demel, Professorin für Kirchenrecht an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Regensburg, ins Visier genommen haben. – Man darf gespannt sein.


Bei Gesprächen mit Regensburger Bekannten, die kirchenfern sind oder mit einer durchschnittlichen Gemeindebindung leben, mache ich die Beobachtung, dass sie die von Bischof Müller ausgelösten Vorgänge sehr genau beobachten, aber zunehmend mit der Erkenntnis, dass Kirche offenbar ein Kasperletheater sei, denn ernstzunehmende erwachsene Menschen würden sich – wie es einer ausdrückte – anders verhalten. Mancher liest die Pressemeldungen über die neuesten Skandale sogar mit einem Schmunzeln: Ist doch ganz lustig, wie die Christen sich kloppen.


In Regensburg kann man beobachten, wie sich Kirche selber disqualifiziert. Bischof Müller sieht sich in der Rolle des Wahrers des katholischen Glaubens, der diesen gegen allerlei Feinde und Verwässerungsversuche verteidigt und merkt doch nicht, dass er durch die Art seines Vorgehens Kirche an sich der Lächerlichkeit preisgibt. Dummerweise haben unter einer solchen Entwicklung alle Kirchen zu leiden.


Nachgesang: Herr, wirf Hirn vom Himmel!


Was bleibt am Ende? Natürlich die Einsicht, dass das römische System ist, wie es ist, d.h. es hängt von einzelnen Personen ab, wohin der Wagen fährt. Ein Bischof kann die Ökumene fördern, sein Nachfolger kann sie hindern – beide handeln in Übereinstimmung mit ihrem Kirchenrecht, einklagen kann man nichts.


Vielleicht hilft im Hinblick auf die Regensburger Vorgänge nur noch ein Stoßgebet: O Herr, wirf Hirn vom Himmel!


Matthias Ring


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