Die Ruhestätte der Zukunft?

Gemeindeverband NRW ist Träger von Kolumbarien

Der Friedhof der Zukunft kommt ohne Himmel aus“ – unter diesem Titel berichtete die Westdeutsche Zeitung über die Einweihung einer Einrichtung besonderer Art, eines alt-katholischen Kolumbariums in Düsseldorf. Damit wurde bundesweit der erste kirchliche Friedhof in einem Privatgebäude eröffnet. Angestoßen wurde dieses Projekt vom Düsseldorfer Bestatter Claus Frankenheim und der Pfarrgemeinde Düsseldorf.

Ein Trauerspiel in Garath

Eigentlich ist die Idee, diese altehrwürdige Bestattungskultur in die heutige Zeit zu transponieren, aus der Not geboren. Schon lange kämpfen die Bewohner von Garath, einem Düsseldorfer Ortsteil mit über 30.000 Einwohnern, für die Errichtung eines eigenen Friedhofs. Der Rat der Landeshauptstadt scheute jedoch Kosten und Mühen und so mussten die Menschen bislang weite Wege zurücklegen, um ihre verstorbenen Angehörigen auf benachbarten Friedhöfen zu bestatten. „Für ältere Leute ist dies eine unzumutbare Situation“, betont Edith Gilleßen-Schneider, die Vorsitzende der „Bürgerinitiative in Garath“, die sich seit Jahren für einen eigenen Friedhof stark macht. Seit einiger Zeit schauen wir Alt-Katholiken uns dieses Trauerspiel an und sind nun froh, helfen zu können. Das revidierte Friedhofsrecht in NRW macht es möglich, dass kirchliche Träger sich privater Betreiber bedienen. In einer solchen Kooperation zwischen dem Gemeindeverband Nordrhein-Westfalen und dem Hause Frankenheim wurde nun ein eigener Friedhof für Garath, ein Kolumbarium, ins Leben gerufen. Doch es hat zwei lange Jahre gedauert, bis die Instanzen, allen voran der Regierungspräsident von Düsseldorf, dieser Einrichtung ihr Plazet gaben. Beim entscheidenden Ortstermin im Garather Kolumbarium waren die Entscheidungsträger jedoch sichtlich beeindruckt vom Konzept und Ambiente der Räumlichkeiten.

Asche kehrt heim

Der Begriff „Kolumbarium“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutete ursprünglich einmal „Heimstätte für Tauben“. Doch schon in der Antike wurde der Begriff für Nischenwände verwendet, in denen Urnen beigesetzt wurden. Besonders freut sich über die Eröffnung des alt-katholischen Kolumbariums Frau Gilleßen-Schneider, die nach der Friedhofsweihe die Urne ihres vor zwei Jahren verstorbenen Mannes dort einsetzen ließ. In der Hoffnung auf eine baldige Lösung in Garath hatte sie die Asche ihres Mannes nicht sofort beisetzen wollen. Sie hatte Vertrauen in die Bemühungen von Claus Frankenheim und der alt-katholischen Kirche und entschied sich, die Urne zunächst einmal im europäischen Ausland aufzubewahren.

Konzept gegen anonyme Beisetzungen

Ein besonderer Promotor des Kolumbariums war Pfarrer Wolfgang Kestermann, der unlängst verstorbene Dekan von NRW, der sich auch im Landesverband entschieden für die Realisierung und Übernahme der Trägerschaft einsetzte. Er wollte damit ein Zeichen setzen gegen den Trend der anonymen Urnenbeisetzungen. Denn es war ihm bewusst, dass in Zeiten finanzieller Engpässe viele Menschen auf die anonyme Bestattung als kostengünstigste Variante der Beisetzung zurückgreifen würden. Bei dieser Bestattungsart erfahren die Angehörigen aber weder Ort und Zeit der Beisetzung noch bleibt ihnen ein konkreter Ort der Trauer. „Diese Faktoren wirken sich nicht selten sehr negativ auf die individuelle Trauerbewältigung aus“, unterstreicht Claus Frankenheim, der auf etliche Erfahrungen in der Trauerbegleitung zurückblicken kann. Die Kosten für einen Platz im alt-katholischen Kolumbarium (75 Euro für die Einzelurne im Jahr) sind jedoch auch für Hartz IV–Empfänger erschwinglich und entsprechen in etwa denen einer anonymen Bestattung. Auch die Mindeststanddauer für eine Urne liegt weit unter dem Friedhofsdurchschnitt. Nach zwölf Jahren können die Hinterbliebenen sich für eine jährliche Verlängerung oder eine Wasser- bzw. Erdbeisetzung entscheiden. Hohe Nebenkosten wie Grabstein und jahrelange Grabpflege fallen dort ebenfalls nicht ins Gewicht.

Komfort und Sicherheit

Abgesehen von finanziellen Überlegungen scheint ein Kolumbarium gerade Senioren eine Menge Annehmlichkeiten zu bescheren. Es bedient gleich mehrere Grundbedürfnisse älterer Menschen. Kurze Wege, Sicherheit, Komfort und geringe Kosten können als Argumente bei nicht wenigen von ihnen schwerer wiegen als die Gewohnheit althergebrachter Bestattungsformen. „Es ist angenehm hier“, sagte eine Teilnehmerin an den Eröffnungsfeierlichkeiten. „Das wird mir vor allem dann klar, wenn ich an unsere älteren und häufig gehbehinderten Mitbürger denke, wie sie bei Sturm und Wind regendurchnässt über den Friedhof gehen – das muss doch nicht sein!“. Und in der Tat bietet das Kolumbarium in der Carl-Severin Straße hier Abhilfe: die Gelegenheit, in stilvollem Ambiente zu trauern, in angenehmer Atmosphäre Menschen zu begegnen, sich auszutauschen über ein gemeinsames Schicksal, der Anonymität und Kälte eines Großfriedhofs zu entgehen. Das Gebäude umfasst darüber hinaus eine Kapelle für Trauerfeierlichkeiten, in der zwei Mal im Jahr auch ökumenische Trauergottesdienste unter alt-katholischer Leitung stattfinden sollen. Manch Pastor weiß ein Lied davon zu singen, unter welch zeitlichem Druck oft Trauerandachten in kommunalen Einsegnungshallen „abgewickelt“ werden müssen. „Im Schnellverfahren wird es bei uns nicht gehen“, verspricht Claus Frankenheim „Eine zeitliche Einengung widerspräche der Pietät und unserer Unternehmensphilosophie.“ In Gesellschaftsräumen im Obergeschoss kann der obligatorische Beerdigungskaffee zu sich genommen werden. Außerdem finden dort auch kostenlose Trauerseminare statt.

Modell für die Zukunft?

Der Journalist Bernd Bussang stellte in seinem Kommentar in der Rheinischen Post die Frage: „Ist das die Revolution der Friedhofskultur?“ Man ist geneigt diese Frage zu bejahen. Auch der Gemeindeverband Nordrhein-Westfalen scheint dies so zu sehen, gründete er doch in Kooperation mit privaten Bestattern eine „Interessengemeinschaft alt-katholischer Kolumbarien“ (IGAK). So weihte Pfarrer Cornelius Schmidt zeitgleich mit der Einsegnung in Düsseldorf auch ein Kolumbarium in Duis-burg ein. Auch dieses wird von einem privaten Bestattungshaus betrieben. Ein weiteres, Gelsenkirchener Kolumbarium unter alt-katholischer Trägerschaft wird in Kürze eröffnet. Aus der Not ist eine Tugend geworden. „Seit insgesamt 42 Jahren kämpft Düsseldorf-Garath für einen eigenen Friedhof und jetzt wird dieser möglicherweise zum Prototyp für die Ruhestätte der Zukunft“, meint Claus Frankenheim. Auch wenn die Resonanz in der Öffentlichkeit durchweg positiv ist, so werden Kolumbarien sicherlich nicht den althergebrachten Gottesacker unter freiem Himmel verdrängen. Das Garather Kolumbarium ist eine neue Möglichkeit, Verstorbenen nahe zu sein. Nicht nur Garather werden es dankbar annehmen. Doch der klassische Friedhof wird deswegen nicht aussterben.

André Golob