Leider nur am Rande - Ökumenische Eucharistiefeiern


Im Programmheft stand es schwarz auf weiß: „Zusammen mit dem Gemeinsamen Vorstand des Ökumenischen Kirchentages bitten wir darum, die in den Kirchen gültigen Regeln zu achten und in Bezug auf Eucharistiefeier und Abendmahl in ökumenischer Sensibilität miteinander umzugehen“ – unterschrieben von den beiden Präsidenten, Elisabeth Raiser und Hans Joachim Meyer. Im Unterschied zu einigen Reformgruppen, meist aus dem römischen Bereich, hielten wir Alt-Katholiken uns auch daran. Doch das bedeutete keinen Verzicht. Im Gegenteil: Dank bestehender Vereinbarungen und Abkommen konnten wir im Rahmen des Kirchentags zu zwei ökumenischen Eucharistiefeiern einladen, beide unter bischöflicher Leitung und damit hoch offiziell. Es war allerdings nicht leicht, die Einladungen bekannt zu machen. Offensichtlich befürchtete man Missverständnisse, so dass die alt-katholisch/anglikanische Eucharistiefeier an Christi Himmelfahrt gar nicht und die Lima-Liturgie erst im Ergänzungsheft des offiziellen Programms, und das auch erst auf Betreiben Bischof Vobbes, erschien. Doch wer irgendwo mit Alt-Katholiken in Berührung kam, erhielt ein Flugblatt, das auf diese Gottesdienste hinwies, was dann auch zur Folge hatte, dass die Kapelle des Alt-Katholischen Ge-meindezentrums in der Detmolder Straße überfüllt war; ein großer Teil musste bei der alt-katholisch/anglikanischen Eucharistiefeier stehen. Und auch die große evangelische Kirche Zum Guten Hirten in Berlin-Friedenau, in der die Lima-Liturgie stattfand, war bis auf den letzten Platz besetzt war, selbst die Emporen mussten deshalb noch geöffnet werden. So konnte doch eine beträchtliche Anzahl von Kir-chentagsbesucherinnen und -besuchern erleben, dass sich in Sachen Ökumene auch hinsichtlich gemeinsamer Mahlfeiern einiges bewegt hat, nur eben nicht unter Beteiligung der orthodoxen Kirchen und der römischen Kirche.


Eine besondere Bedeutung erfuhr die alt-katholisch/anglikanische Eucharistiefeier – möglich aufgrund der 1931 im Bonn Agreement getroffenen Kirchengemeinschaft – durch die Teilnahme von Bischof Dr. Geoffrey Rowthorn für die Europäische Festlandsdiözese der Church of England und von Bischof Pierre Whalon für die Episcopal Church of the USA, die dem festlichen Gottesdienst gemeinsam mit Bischof Joachim Vobbe vorstanden. Alle drei Bischöfe haben sich gegenseitig für ihre Diözesen zu Assistant Bishops ernannt – ein kleiner, aber auch wegweisender Ausdruck dessen, was die Full Communion an Konsequenzen fordert. Denn alle drei haben in Deutschland ihre Zuständigkeit an Orten, an denen es sowohl eine anglikanische als auch eine alt-katholische Gemeinde gibt. Seit einigen Jahren beschäftigt dieser Umstand die Gemüter in den einzelnen Bischofskonferenzen: Behindern solche „überlappenden Jurisdiktionen“ nicht eher, was die Kirchengemeinschaft eigentlich erreichen will? Was kirchenpolitisch gar nicht so leicht zu lösen ist, erhielt in Berlin allerdings ein vielversprechendes Gesicht, denn nicht nur die Bischöfe, sondern mit ihnen auch viele Angehörige der jeweiligen Bistümer bildeten in der Feier des Himmelfahrtstages und in der Eucharistie eine sichtbare Gemeinschaft. In seiner Predigt wies Bischof Joachim Vobbe auf die große Diesseitsbezogenheit hin, die vielerorts herrscht. Doch Gott wohne in jedem Menschen. Wir sollten uns nicht zufrieden geben mit dem, was in den Konfessionen geschieht. Wörtlich sagte der Bischof: „Die Herren dieser Welt werden gehen. Gott bleibt! Der Himmel trägt uns.“


Die Lima-Liturgie, 1982 erstmals in Lima gefeiert, ist der Versuch einer Arbeitsgruppe des Ökumenischen Weltrats der Kirchen, eine Eucharistiefeier zu entwerfen, in der sich alle christlichen Kirchen wiederfinden können. Der Taizé-Mönch Max Thurian hatte seinerzeit diesen Versuch unternommen – mit Erfolg, wie sich schon bald herausstellen sollte. 1983 wurde die Lima-Liturgie bei der Vollversammlung des Ökumenischen Weltrats der Kirchen in Vancouver gefeiert. Seitdem gehörte sie zum festen Bestandteil ökumenischer Treffen, insbesondere auch am Rande evangelischer Kirchentage. In Berlin standen der Feier Bischöfin Maria Jepsen aus Hamburg, Bischof Rupert Hoare aus Liverpool, Präses Nikolaus Schneider aus Düsseldorf, Landesbischof Ulrich Fischer aus Karlsruhe und Bischof Joachim Vobbe vor. Bewegend war, wie die Zelebranten gemeinsam die Einsetzungsworte sprachen und auch gemeinsam das Brot brachen. In der Tradition der Ostkirche sang der Chor dazu begleitend: „Veni Sancte Spiritus – Komm, Heiliger Geist“. Und es wurde nur allzu deutlich, dass das eucharistische Geschehen sein Wirken ist, und nicht das Tun der Zelebrantin und Zelebranten. Ebenso sind wir – wie Bischof Joachim in seiner Predigt betonte – durch einen Geist alle zu einem Leib getauft. Das intensive Gottesdienstgeschehen löste bei vielen Mitfeiernden begeisterte Reaktionen aus. Auch der von alt-katholischen Jugendlichen organisierte musikalische Rahmen wurde zum Erlebnis.


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