Lob des Sabbats

Vollbeschäftigung wird es nicht mehr geben – und das ist auch gut so

Mehrere Arbeitskämpfe, die zeitgleich stattfanden, zeigen: Arbeit ist zu einem umstrittenen Gut geworden. Trotz eines Produktionsrekords von 1,8 Millionen Hausge­räten soll in Nürnberg ein profitabler Traditionsbetrieb geschlossen und nach Polen verlagert werden, obwohl die Be­schäftigten einen Sanierungsplan vorgelegt hatten. Und Angehörige des Öffentlichen Dienstes wenden sich gegen Mehrarbeit und die Verlängerung der Arbeitszeit auf vierzig Stunden. Denn Mehrarbeit ohne Lohnausgleich bedeutet immer den Abbau von Stellen.

Die Hoffnungen und Versprechen, dass Steuersenkungen und Lohnkürzungen die Konjunktur beleben und Ar­beit schaffen würden, haben sich nicht erfüllt. Im Gegenteil. Die Streiks zeigen, dass den Beschäftigten immer klarer wird: Trotz steigender Ertragslage sind ihre Arbeitsplätze in Gefahr.

Arbeitsgesellschaft

Bei den genannten Auseinandersetzungen geht es auch um den Wert der Arbeit. Sie hat einen so hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft, dass man sie „Arbeitsgesellschaft“ nennt. Dabei ist die Erwerbsarbeit, wie sie unter den Bedingungen der modernen Industrie- und Dienstleistungsgesell­schaft verrichtet wird, recht neuen Datums. Von der griechisch-römischen Antike bis ins christliche Mittelalter hinein waren die Mühen der tagtäglichen Lebensmittelbeschaffung den gesellschaftlich minderen Schichten zugewiesen. Für den griechischen Philosophen Aristoteles bediente sich ein freier Mann der Arbeit von Sklaven. Und der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin wertete die vita contemplativa, das Leben der betrachtenden Schau Gottes, als vornehmstes Tun. Erst in der Reformation änderte sich diese Sicht, als Martin Luther kühn behauptete: Jede Arbeit eines Christenmenschen ist – unabhängig von seinem Stand – ein Tun, in dem jeder seiner Berufung durch Gott folgen kann. Hier brach sich eine Entwicklung Bahn, die zur modernen Arbeitsgesellschaft führte.

In ihr ist Arbeit mehr als nur ein Instrument zur bloßen Lebensmittelbeschaffung. Vielmehr wird Teilhabe an der Gesellschaft, Anerkennung und Lebenssinn erwartet. Doch dieses Versprechen ist brüchig. Allenfalls in der kurzen Zeit des so genannten „Fordismus“ bestimmten Massenproduktion und Massenkonsum die Wirtschaftspolitik. Und das Arbeitsversprechen der Moderne wurde durch das so ge­nannte „Normalarbeitsverhältnis“ eingelöst. Dieses war typischerweise unbefristet. Eine existenzsichernde Vollzeitbeschäftigung garantierte arbeits- und sozialrechtliche Ansprüche. Dabei galt der Mann als Ernährer von Frau und Familie.

Im gemeinsamen Sozial- und Wirtschaftswort der Kirchen von 1997 heißt es: „Auch in Zukunft wird die Gesellschaft dadurch geprägt sein, dass die Erwerbsarbeit für die meisten Menschen den bei weitem wichtigsten Zugang zu eigener Lebensvorsorge und zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben schafft. In einer solchen Gesellschaft wird der Anspruch der Menschen auf Lebens-, Entfaltungs- und Beteiligungschancen zu einem Menschenrecht auf Arbeit.“ Doch die „Lebens-, Entfaltungs- und Beteiligungschancen“, die von der Erwerbsarbeit erhofft werden, waren auch in den besten Zeiten eher ein Versprechen denn Realität. So war die Teilhabe an den Gütern immer schon höchst ungleich verteilt. Lebenschancen waren gebunden an den Arbeitsplatz: Wer nicht erwerbstätig war, erwarb keine sozialen Rechte. Und für Schichtarbeiter oder die, die am Fließband im Takt arbeiten mussten, klang das Versprechen von Entfaltungs­chancen eher wie Hohn.

Die Anerkennung von marktgängiger Arbeit in der Arbeitsgesellschaft macht diejenige Arbeit unsichtbar, die un­sere Gesellschaft braucht und die trotzdem unbewertet ist, die Arbeit im Haus, bei Pflege und Erziehung und im Ehrenamt. Die Arbeitsgesellschaft hat diese Arbeit abgewertet und nur jene Arbeit gewertet, die über den Markt nachgefragt wird. Schon der Nationalökonom Friedrich List (1789-1846) karikierte die einseitige Ökonomisierung von Arbeit: „Wer Schweine aufzieht ist produktiv, wer Kinder aufzieht ist unproduktiv.“

Die ökonomisierte Erwerbsarbeit und Arbeit, wie sie in der Vormoderne verrichtet werden musste, trennt ein tiefer Graben. Ein Gebet des Genfer Reformators Johannes Calvin illustriert die der Modernen entgegengesetzte vormoderne Einstellung zur Arbeit: „Guter Gott, Vater und Herr, da du uns geboten hast, zu arbeiten und so unseren Lebens­unterhalt zu gewinnen ... Komme uns durch deinen Heiligen Geist zu Hilfe, ... deinem Gebote zu folgen, als der Versuchung, uns zu bereichern.“ Mit Calvins Sicht der Arbeit stimmt Luther im Wesentlichen überein: Dem Menschen ist Arbeit geboten. Doch der Arbeit sind Grenzen gesetzt. Sie dient einzig dazu, den Lebensunterhalt zu erwirtschaften, ist aber selber kein Mittel zur Bereicherung.

Die moderne Arbeitsgesellschaft verknüpft dagegen einerseits die Arbeit mit Anerkennung und Teilhabe, andererseits wird sie aber zu einem bloßen Mittel herabgewürdigt, das der Bereicherung dient. Der Nationalökonom und Soziologe Max Weber (1864-1920) sieht darin das Ziel des Wirtschaften in einer Arbeitsgesellschaft: „Der Erwerb von Geld und immer mehr Geld.“

Die Arbeit also, die heute auszugehen scheint, ist keine Arbeit im anthropologischen oder philosophischen Sinn. Sie ist auch keine Äußerung der Person. Sie erfüllt vielmehr eine rein instrumentelle Funktion. Sie dient dem Erwerb von im­mer mehr Geld. Wer von dieser Arbeit ethisch und theologisch redet, darf nicht die Entfremdung und Ausnutzung der Arbeit verschweigen. Doch es ist diese konkrete Arbeit, von der Lebenssinn, gesellschaftliche Anerkennung und Teilhabe Ausmaß erwartet wird.

Während in der griechisch-römischen Kultur das Recht auf Arbeit und Ruhe nach Klassen verteilt wurde, gehört es zu den Grunddaten des biblischen Arbeitsverständnisses, Arbeit und Ruhe egalitär zu verteilen. „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes“, heißt es im 2. Mosebuch. Diese Mahnung richtet sich an den Herrn und den Knecht. Arbeit wird also nicht aristokratisch abgewertet oder elitär auf andere abgewälzt. Herr und Knecht stehen vielmehr in einem gleichen Rhythmus von Arbeit und Ruhe.

Leben, als hätte man nichts

In der christlichen Theologie wurde das Sabbatgebot le­diglich als Verbot von Arbeit und als Gebot der Muße ausgelegt. Der rabbinische Theologe Benno Jacob macht dage­gen auf eine Unterscheidung aufmerksam, die einen anderen Sinn des Sabbats erschließen könnte. Dieser verbiete nicht Arbeit an sich, sondern nur „objektiv nützliches, zweckdienliches Schaffen“. Der jüdische Psychoanalytiker Erich Fromm (1900-1980) hat diesen humanen Sinn des Sabbats erläutert, wenn er ihn einen Tag nennt, an dem der Mensch lebt, „als hätte er nichts, als verfolgte er kein Ziel außer zu sein, das heißt seine wesentlichen Kräfte auszuüben - beten, studieren, essen, trinken, singen, lieben“. Der Sabbat unterbricht also nicht einfach nur die Arbeit, er ist vielmehr ein lebensfördernder Raum. Er ist das Symbol einer Freiheit von nützlicher, zweckdienlicher Arbeit unter der Verfügung des Herrn. Und er ist Symbol einer Freiheit zu zweckfreien, selbstbestimmten, lebensfördernden Tätigkeiten. Ethisch bedeutet dies: Es gibt nicht nur den Dualismus von Arbeit und Ruhe, wie ihn jede Sklavenhaltergesellschaft kennt. Der Sabbat ist vielmehr eine dritte Zeit jenseits von Erholung und Arbeit.

Jede Gesellschaft muss sich die Frage stellen, wie sie mit dem erwirtschafteten Sozialprodukt umgehen will. Für welche Zwecke und Ziele wird das Sozialprodukt verwendet – für Paläste und Kriege? Mit der Institution des Sabbat trafen die Israeliten eine klare Entscheidung: Wirtschaften sollte nicht in erster Linie der Ansammlung von Reichtum dienen. Es sollte vielmehr eine zweckfreie Zeit für alle ermöglichen. Gewinn und Sozialprodukt werden in eine ökonomiefreie Zeit umgewandelt, den Sabbat und das Sabbatjahr: Alle sieben Tage ruht die Arbeit. Und alle sieben Jahre ruht der Boden und mit ihm die, die ihn bearbeiten müssen.

„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen“, betont Jesus. Dieses humane Ethos richtet alle gesellschaftlichen Institutionen auf den Menschen und sein Wohlergehen aus. Auch der wirtschaftliche Erfolg, die Produktivität und der technologische Fortschritt sind vom Menschen geschaffenen und in den Dienst für den Menschen zu stellen. Aus dieser Perspektive kann allein der Nutzen für den Menschen der ökonomischen Entwicklung eine Orientierung geben.

Die gegenwärtige Entwicklung der Ökonomie ist dadurch gekennzeichnet, dass in ein und demselben Akt immer mehr Reichtum und immer mehr Güter von immer weniger Menschen erzeugt werden. In der Logik dieser Ökonomie liegt, dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht, wenn die technologische Effizienz allein darauf ausgerichtet ist, die Kosten der Arbeit zu reduzieren, also Arbeit selber abzubauen. Das Sabbatethos kann dagegen die Nutzung ökonomischer Produktivität für einen Zeitwohlstand inspirieren. Die Krise der Erwerbsarbeit zwingt jedenfalls nicht dazu, mehr Arbeit um der Arbeit willen zu schaffen oder Menschen um jeden Preis und zu jedem Preis zur Arbeit zu drängen. Es geht vielmehr darum, die technologisch bedingte Produktivität für gesellschaftlich notwendige, sinnvolle, lebensfördernde, zweckfreie und selbstbestimmte Tätigkeiten zu nutzen, die gut für den Menschen und die Gesellschaft sind. Vollbeschäftigung im herkömmlichen Sinne wird es nicht mehr geben. Und es braucht sie auch nicht mehr zu geben. Wer sie fordert, bleibt hinter den ökonomischen und techno­logischen Möglichkeiten der entwickelten Moderne zurück. Und er nimmt die ökologischen Ressourcen über Gebühr in Anspruch.

Die Chancen technologischer Entwicklung und marktwirtschaftlicher Effizienz in einem humanen und kulturellen Sinn zu nutzen bedeutet: Alle arbeiten im Erwerbsberuf weniger lang und verfügen in einem größeren Umfang über ihre Lebenszeit. So entsteht ein Raum für mehr Humanität und Gerechtigkeit. Arbeit teilen, damit alle Arbeit haben und gleichzeitig zu Tätigkeiten befreit werden, von denen die Gesellschaft lebt, ist die humane Perspektive, die das Sabbatethos eröffnet. Der Sabbat lehrt, dass das Ziel der Arbeit nicht die Vermehrung von Gewinn ist, sondern die Entwicklung des Humanum und einer gerechten Gesellschaft. Martin Luther hat Arbeit als Beruf gefasst, als Tätigkeit, die aus Verantwortung und mit Kompetenz getan wird. Auch dieser Gedanke hält dazu an, aus Arbeit das zu machen, was sie sein soll, nämlich eine Veranstaltung des Menschen im Dienste Gottes, als Dienst an den Menschen und der Gesellschaft. „Der Sinn der menschlichen Arbeit entscheidet sich daran, inwieweit sie zur sozialen Gerechtigkeit beiträgt“, betont der Schweizer Theologe Lukas Vischer.

Sozialwort

Im Sozialwort von 1997 haben die beiden großen Kirchen in Deutschland zweierlei gefordert, nämlich Arbeit zu teilen und den Arbeitsbegriff aus seiner ökonomistischen Verengung herauszuführen. Denn Arbeit ist mehr als das, was der Markt nachfragt. Sie umfasst jede „tätige Teilhabe am Gesellschaftsprozess“, so der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann. Arbeit ist also keineswegs nur Erwerbsarbeit, sondern umfasst Tätigkeiten, zu denen jede und jeder beitragen kann. Das Sozialwort der Kirchen erinnert daran: „Je mehr jedoch die mit dem technischen Fortschritt einhergehende Steigerung der Arbeitsproduktivität ein Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger Verringerung der Arbeitsplätze ermöglicht, desto fragwürdiger wird die Verengung des Arbeitsbegriffs auf Erwerbsarbeit. Deshalb kann die Gesell­schaft dadurch humaner und zukunftsfähiger werden, dass auch unabhängig von der Erwerbsarbeit die Chancen für einen gesicherten Lebensunterhalt, für soziale Kontakte und persönliche Entfaltung erhöht werden.“ Diese Reformperspektive nimmt das biblische Sabbatethos auf. Die Kirchen sollten sie in die politische Debatte einbringen.

Franz Segbers

Originalbeitrag für zeitzeichen (Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft), April 2006, Seite 19-21. Mit freundlichem Dank an die Redaktion der Zeitschrift zeitzeichen für die Abdruckerlaubnis.