Ruanda - ein Land zwischen Steinzeit und Moderne - Ein Reisebericht


Menschen, die von einem Ort zum anderen zu Fuß unterwegs sind und dabei nach dem ersten europäischen Blick auch sehr gut gekleidet sind: Männer in Anzügen, wie ich sie bestenfalls an hohen Feiertagen oder zu besonderen Anlässen tragen würde, Frauen in farbigen Trachten (fast immer mit einem Lastkorb auf dem Kopf), Jungen in scheinbar modischen T-Shirts und Mädchen in ihren blauen Schulkleidern. Dies war mein erster Eindruck morgens früh um sechs Uhr von den Menschen in Kiga-li, der Hauptstadt Ruandas, als ich mit einer Delegation des Freundeskreises Ruhango-Kigoma e.V. aus Landau in der Pfalz in einem Landrover des Part-nerschaftsbüros Rheinland-Pfalz vom Flughafen zum Partnerschaftsbüro gefahren wurde. Gemeinsam mit fünf Mitgliedern des Freundeskreises und einem Journalisten der „Rheinpfalz“ besuchte ich vom 30. November bis zum 15. Dezember 2002 das rheinland-pfälzische Partnerland Ruanda und dort die Landauer Partnerschaftsgemeinde Ruhango in der Provinz Gita-rama.


Die Partnerschaft zwischen den Alt-Katholiken in Landau und der episkopalen Kirche in Ruhango


Mehr durch Zufall hatte die Alt-Katholische Gemeinde in Landau 1993 erste Kontakte zur Episkopalen (anglikanischen) Kirche in der Landauer Partnergemeinde Kigoma geknüpft. Die Landauer Ausgabe der „Rheinpfalz“ hatte vom Besuch des ruandesischen Bischofs Samuel Musabyia-mana beim Diakonischen Werk in Speyer berichtet. Zu seiner Diözese Shyogwe gehörte auch Landaus Partnergemeinde Kigoma, das heutige Ruhango. Spontan wurde Bischof Samuel Musabyiamana nach Landau in die Alt-Katholische Gemeinde eingeladen, und er kam auch, um von den Aktivitäten der Kirchengemeinden in seinem Bistum, von der Not der Schulen zu berichten. Und so waren die ersten zarten Bande der Partnerschaft geknüpft.

Seit dieser Zeit riss der Kontakt nach Ruanda nicht mehr ab, obwohl Bischof Samuel Musabyiamana in den Wirren des Bürgerkrieges 1994 nach Kenia floh. Nach seiner Flucht sammelte er bei einem zweiten Besuch in unserer Gemeinde und bei der evangelischen Landeskirche des Rheinlandes, die schon lange vor uns eine Partnerschaft zu seinem Bistum geknüpft hatte, Gelder für die Menschen in den Flüchtlingslagern bei Goma, der Grenzstaat des heutigen Kongos zu Ruanda am nördlichen Ende des Kivusees. Bewegt durch die Bilder, die damals von den Flüchtlingslagern um die Welt gingen, kamen alleine in Landau fast 5000 DM zusammen.


Belastungen der Partnerschaft durch den Genozid 1994


Doch Bischof Samuel Musabyiamana kehrte nicht wieder nach Ruanda zurück, er blieb in Kenia. Dort wurde er 1999 verhaftet und vor das UN-Gericht nach Arusha/Tansania gebracht. Ihm wurde eine Beteiligung am Genozid im Jahre 1994 vorgeworfen. Er habe es zugelassen, so der Vorwurf der Anklage, dass die mordenden Banden 1994 Menschen, die schutzsuchend in die bischöfliche Kirche von Shyogwe geflüchtet waren, ergriffen und mit ihren Macheten abschlachteten. Weiter wurde ihm vorgeworfen, eine Namensliste erstellt zu haben, aus der hervorging, ob ein Flüchtling Hutu oder Tutsi war. Damals eine todbringende Unterscheidung, denn das Regime in Ruanda verfolgte die Tutsis und ließ sie zu Hunderttausenden ermorden. Bischof Samuel Musabyiamana bestritt diese Vorwürfe der Anklage, doch er starb zu Beginn seines Prozesses im Frühjahr dieses Jahres, sodass sie vermutlich nie restlos aufgeklärt werden können.


Schon 1996 hatte die Episkopale Kirche Ruandas Bischof Samuel als Bischof abgesetzt, weil er nicht nach Ruanda zurückgekehrt war und sein Bistum in diesen schwierigen Zeiten verwaist zurückgelassen hatte. An seine Stelle wurde Jered Kalimba, ein Pfarrer gebürtig aus Ruhango, zum Bischof von Shyogwe gewählt. Jered Kalimba hatte schon vor seiner Wahl zum Bischof die Landauer Gemeinde besucht. Seit seiner Wahl im Jahr 1997 war er bereits dreimal in Landau und einmal bei der Karlsruher Gemeinde zu Gast, denn seine Familie lebt seit 1999 in Straßburg. Nachdem drei Attentate mit Handgranaten auf ihn verübt wurden, zahlt ihm seine Kirche ein Aufbaustudium in Straßburg. Er habilitiert dort mit einer Arbeit über die theologischen Ansätze zur Aussöhnung in seinem Land. Seine Frau, die zur Volksgruppe der Tutsis gehört, wurde durch die Wirren des Bürgerkrieges stark traumatisiert, sie verlor ihren Vater, einen Bruder, ihr jüngstes Kind und viele weitere Verwandte. Sie lebt jetzt mit den Kindern in Frankreich, während Bischof Kalimba zwischen diesen beiden Welten „pendelt“ und auch persönlich nach den richtigen Wegen der Aussöhnung sucht.


All diese Erinnerungen gingen mir durch den Kopf, als ich im Flugzeug von Frankfurt über Addis Abbeba nach Kigali saß, um mit den Mitgliedern des Landauer Freundeskreises Ruhango-Kigoma e.V. nach Ruanda zu fliegen.


Ein erster Eindruck vom Land


Überwältigend dann dieser erste Eindruck von Ruanda: Unser Flugzeug landete kurz vor sechs Uhr morgens. Als wir es verließen und das Flughafengebäude betraten, wurde das Rollfeld nur von wenigen Lampen erleuchtet, die abnehmende Mondsichel erhellte die Landschaft kaum. Zwanzig Minuten später, als wir unseren Landrover bestiegen, war es taghell. Die Passkontrolle verlief erfreulich kurz und sehr freundschaftlich. Geholfen hatte sicherlich, dass wir von Natalie Vannesse und Wolfgang Peschke, Mitarbeitern des rheinland-pfälzischen Partnerschaftsbüros gleich im Eingangsbereich des Flughafengebäudes erwartet und begrüßt wurden. Es war wenige Minuten nach sechs Uhr, taghell und überall, obwohl es Sonntag war, waren Menschen auf der Straße sehr geschäftig und zielstrebig unterwegs. Ein vertrauter und gleichzeitig auch sehr fremdartiger Eindruck: die gutgekleideten Menschen wirkten durch ihre Kleidung vertraut, doch durch die Lasten, die sie auf dem Kopf, durch die Hacken, die sie auf ihren Schultern trugen, durch die scheinbare Zielstrebigkeit wirkte diese Szene sehr fremdartig auf mich. Und dieser widersprüchliche Eindruck verstärkte sich auf dem Land, hier wurden diese Widersprüche zwischen Kleidung und Auftreten noch deutlicher.


Wir nutzten den Sonntag, um Kigali, die Hauptstadt und mit rund 600.000 Einwohner auch die größte Stadt Ruandas, kennenzulernen. Mehrstöckige Gebäude gibt es in der Innenstadt kaum. Diese stehen im Diplomaten- und Regierungsviertel sowie rund um den Flughafen. Die Stadt besteht fast ausschließlich aus eingeschössigen Häusern oder Hütten, die fast alle alleine für sich stehen. Wolfgang Peschke, der Leiter der rheinland-pfälzischen Partnerschaftsbüros, erklärt uns, dass die Menschen von Ruanda es gewohnt seien, in ihrer Hütte auf ihrem Land zu leben, um die sie herum gehen können. Dieses Gefühl der Freiheit, entstanden aus der räumlichen Distanz zum Nachbarn, präge das Lebensgefühl und die Lebensweise der Menschen. Und so ist die Stadt Kigali eine Ansammlung dieser kleinen Häuser und Hütten, die alle trotz einer dichten Bebauung für sich alleine stehen.


Die Gemeinde Ruhango


Am nächsten Morgen fahren wir endlich nach Ruhango. Am Bürgermeisteramt begrüßt uns eine große Delegation bestehend aus dem Bürgermeister, seinen Dezernentinnen und Dezernenten, einigen Mitgliedern des zehnköpfigen Gemeinderates, der Schulinspektorin und allen Schuldirektoren der zwölf Primar- und der fünf Sekundarschulen der Gemeinde Ruhango. In seiner Begrüßung beschreibt Bürgermeister Donatien Murenzi in knappen Sätzen seine Gemeinde: Ruhango hat knapp 40.000 Einwohner, die auf ins-gesamt rund 44,6 km² leben. Dabei leben die meisten der Menschen auf ihren kleinen Gehöften zerstreut auf dem Land. Ortschaften wie in Europa gibt es kaum. Die Siedlung Ruhango ist da eher eine Ausnahme. Ruhango besteht aus 7 Sektoren mit insgesamt 35 Zellen (Hügeln). Auf den Hügeln leben jeweils rund 1000 bis 1200 Menschen. Sie wählen ihre Sektorenvertreter, diese wählen den Gemeinderat.


Die Schulen


Rund die Hälfte der Bevölkerung von Ruhango sind Kinder und Jugendliche, die in zwölf Primar- und fünf Sekundarschulen gehen. Immerhin gehen, so die Schulinspektorin Julienne Mukamanzi, die auch Vorsitzende des Partnerschaftskomitees ist, rund 80 Prozent aller Erstklässler auch wirklich in die Schule; in der 6. Klasse, die Abschlussklasse der Primarschule, sind es noch immer durchschnittlich 60 Prozent aller Kinder. Dies sei für Ruanda eine beachtliche Zahl, und dies liege sicherlich, so die Schulinspektorin in ihrer Begrüßung, auch an der guten Ausstattung der Schulen. Der Landauer Freundeskreis hat in den letzten 15 Jahren mehr als 350.000 Euro gesammelt und damit insgesamt acht Primarschulen gebaut. Gemeinsam mit dem Freundeskreis und mit der Unterstützung des Landes Rheinland-Pfalz kauften die Alt-Katholiken in Landau im Jahr 2001 für die Berufsschule in Hanika für rund 18.000 Euro Handwerkszeug.


Die Wirtschaft


Die Menschen in Ruhango leben, so der Bürgermeister weiter in seiner Begrüßungsansprache, zu rund 90 Prozent von der Landwirtschaft, einige auch von der Viehzucht, das Handwerk entwickelt sich erst in Ruhango. Bekannt sei Ruhango, das an der asphaltierten Durchgangsstraße von Kigali über Gitarama nach Butare, der zweitgrößten Stadt in Ruanda, liegt, für seinen täglichen Straßenmarkt, auf dem die landwirtschaftlichen Produkte der Region, neben Bananen besonders Süßkartoffeln, Maniok, Bohnen, Mais, Sorghum und die vielfältigsten Früchte angeboten werden. Dort kaufen auch Händler ein, die ihre Ware dann in den großen Städten wie Kigali, Gitarama oder Butare wieder verkaufen. Der Viehmarkt findet stets am Freitag statt, er ist der größte in der Provinz Gitarama. Die Verkäufer nehmen oftmals zwei- bis dreitägige Fußmärsche mit ihrem Vieh auf sich, um es auf diesem Markt anzubieten. Der Handel ist somit das zweite, wichtige Standbein der Gemeinde Ruhango. Dieses Standbein will Bürgermeister Murenzi weiter ausbauen, wie er uns später erklärt, als wir am darauffolgenden Freitag den Ausbau des Viehmarktes besichtigen.


Zwischen Steinzeit und Moderne


Doch an diesem Montag bei der Begrüßung ahne ich erst den fühlbaren Widerspruch, den ich dann in den nächsten Tagen immer deutlicher wahrnehme: dieses Land ist zerrissen zwischen der Steinzeit und der Moderne. Darf ich dies so denken und schreiben, frage ich mich immer wieder; doch wie anders kann ich diesen erfahrbaren Widerspruch auf einen Nenner bringen?

Bei der Begrüßung trägt Bürgermeister Murenzi einen modernen Anzug, am Gürtel steckt ein Handy, das er auch in den kommenden Tagen immer wieder benutzt. Auf der Straße fahren fast ausschließlich Toyota-Busse, große LKWs, Motorräder und Fahrräder. Und daneben laufen die Menschen, tragen schwere Lasten auf ihren Köpfen, Ochsenkarren gibt es nicht. Die Felder bewirtschaften die Menschen ausschließlich mit einer Hacke, die Wiesen werden mit einer Machete bearbeitet; einen Pflug gezogen von Pferden oder Ochsen, Sensen oder andere landwirtschaftliche Geräte oder Maschinen gibt es nicht. Die Menschen wohnen in ihren kleinen Häusern oder Hütten, teils aus gebrannten, teils aus feuchten Ziegeln gebaut. Gekocht wird ausschließlich – selbst in den Restaurants – auf einem Holzfeuer im Nebengebäude. Strom, fließendes Wasser oder Abwasserkanäle gibt es in der Regel nicht. Es sind diese widersprüchlichen Eindrücke, die dieses Land auf dem ersten Blick so vertraut und dann doch gleichzeitig so fremdartig machen.


Bernhard Scholten


Im zweiten Teil des Reiseberichtes wird am Beispiel Ruhangos das Dilemma, aber auch die Chancen des Landes Ruanda näher dargestellt. Der dritte Teil befasst sich mit der Geschichte des Landes und den widersprüchlichen Rollen der christlichen Kirche.


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