„In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt“

9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen - 2. Teil des Berichtes

Das Logo für diese Vollversammlung ist durch dieses Thema inspiriert. Es erinnert an das Boot und das Kreuz des Oikoumene-Symbols, an die Hand Gottes, die Schöpfung und das Kreuz, an den Geist des Friedens und den Regenbogen des Bundes, an eine verwandelte Welt.

Das Thema ist ein Gebet, ein Zeichen der Hoffnung mit geistlichem Mittelpunkt im Bezug zur sozialen Wirklichkeit und einer Vision der Fülle des Lebens.

In Porto Alegre kamen 700 Delegierte, etwa 1.000 Gäste und 2.000 Besucherinnen und Besucher aus aller Welt zusammen, um auf dem weitläufigen Gelände der Päpstlichen Universität die Zeit für Begegnung, Gebet, Feier und Beratung zu nutzen. Es war die kürzeste Vollversammlung mit zehn Tagen, aber, wie der ehemalige Generalsekretär Konrad Raiser meinte, die am besten organisierte. Der Nationale Kirchenrat von Lateinamerika brachte mit vielen Präsentationen die Sicht und Erwartungen der Bevölkerung dieses Kontinents ein, in dessen Region die Christen aus aller Welt zum ersten Mal zu Gast waren. Die vielen Besucherinnen und Besucher zeigten, wie wichtig ihnen dieses Ereignis war. Sie feierten das „festa da vida“, das Fest des Lebens.

Wenig beachtet

Der Besuch von prominenten Gästen wie Präsident Lula von Brasilien und Bischof Tutu aus Südafrika wurde von den Berichterstattungen der Medien noch gerade wahrgenommen, aber die Arbeit der Kirchenvertretungen wurde wenig beachtet. In einem Bericht von Publik-Forum las ich: „Untergang auf Raten? Kein Aufbruch, keine Konzepte, der Weltrat der Kirchen muss sich nach Porto Alegre fragen lassen, welche Rolle er in Zukunft spielen will“.

Kritische Äußerungen sind notwendig, aber hier klingt wohl auch ein wenig die Enttäuschung über das Ausbleiben von spektakulären Auseinandersetzungen an.

Was passiert in so einer Vollversammlung? Den täglichen Morgenandachten folgten die Bibelarbeiten in kleinen Gruppen. Es war für mich eine reiche Erfahrung, von einer Frau aus Bolivien zu hören, wie sie von Gerechtigkeit spricht, oder was es für einen Pfarrer in der Schweiz bedeutet, einer querschnittgelähmten Frau nach dem Verlust von Mann und Tochter von der Gnade Gottes zu reden. Die biblischen Texte mit Menschen aus aller Welt zu betrachten, war eine ganz intensive Erfahrung für meine christliche Existenz.

Die Plenarsitzungen waren mit Komitee-Berichten und Abstimmungen gefüllt, mit Präsentationen zu Themen, die auf der Agenda standen, und mit Diskussionen zu Beschlüssen und Empfehlungen, die die Mitgliedskirchen in den nächsten Jahren zu bearbeiten haben.

Entspannung

Waren die Diskussionen in Harare 1998 noch von starken Missfallensäußerungen der orthodoxen Kirchenvertretungen geprägt, so war in Porto Alegre eine deutliche Entspannung zu spüren. In den vergangenen Jahren hatte eine Kommission intensiv an einer Lösung für die Einwände und Klagen gearbeitet, die sich vor allem auf die demokratischen Mehrheitsabstimmungen bezogen. Der neuen Konsensabstimmung stand ich anfangs sehr skeptisch gegenüber. Aber die Handhabung hat mich überzeugt, dass es auch so geht, ja ich habe sogar den Eindruck gewonnen, dass sie für Minderheiten ein Gewinn sein wird.

Weltweit sind die Pfingstkirchen am meisten im Wachsen. Wie können wir diesen Teil der Christenheit im Weltrat der Kirchen einbeziehen? Dies wird eine Aufgabe für die nahe Zukunft sein. Wenn die evangelikalen Gemeinschaften bisher darauf beharrten, dass ihre Sicht der Bibel den anderen Kirchen entgegensteht und keine Gemeinschaft duldet, so ist auch bei ihnen heute eine Veränderung zu vernehmen. Der Weltkirchenrat hofft, mit ihnen ein Gespräch führen zu können.

Zu den dringlichsten Aufgaben wird eine ökumenische Ausbildung vorgeschlagen. Dafür können Kirchen mit ihren ökumenischen Partnern einen Rahmen geben oder ökumenische Institute, wie zum Beispiel Bossey. Diese Einrichtung des ÖRK hat in den letzten Jahren das Programm so ausgerichtet, dass auch Pfingstler und Evangelikale teilnehmen, um interreligiöse Begegnungen zu intensivieren.

Eine kleine Gruppe von Vertretern der Kirchen und kirchlichen Organisationen hat ein Dokument „Alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde“ (AGAPE) ausgearbeitet und legte es zur Annahme vor. Es ist der Versuch, mit diesem Aufruf zu einer ökumenischen Vision des Lebens in gerechten und liebevollen Beziehungen bei der Suche nach Alternativen zum gegenwärtigen Wirtschaftssystem behilflich zu sein.

Die Fragen zur Armut in unserer Welt sind eine Herausforderung, der sich Kirchen und Regierungen im 21. Jahrhundert stellen müssen, gezielt und beharrlich. Desgleichen gilt unsere Aufmerksamkeit dem Frauenhandel, besonders anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Der Schutz diskriminierter Mitgliedskirchen des ÖRK und von Einzelpersonen wie zum Beispiel bei der Inhaftierung des orthodoxen Erzbischofs von Skopje kann nicht unbeachtet bleiben. Die Menschenrechte und die Terrorismusbekämpfung, die Reform der Vereinten Nationen, der Umgang mit dem kostbaren Gut Wasser, die Beseitigung von Atomwaffen und die Wahrnehmung des unendlichen Leids der Kindersoldaten von Uganda und in anderen Ländern waren Teil der Berichte. Aus ihnen resultieren die Empfehlungen, die die Kirchen veranlassen sollen, tätig zu werden. Sie wollen Impulse auf den Weg bringen, die zu mehr Achtung und Verantwortung und schließlich zum Dialog mit Menschen anderen Glaubens führen.

Ein findiger Teilnehmer hat ausgerechnet, wie viel Zeit den Delegierten zur Diskussion im Plenum über diese und andere Empfehlungen blieb: Zehneinhalb Stunden. Dass dies für eine gründliche Reflexion nicht ausreichte, ist leicht zu begreifen. Wenn die Arbeit der Ausschüsse nicht so umfassend gewesen wäre, hätte manch ein Unmut über die zu kurz gekommenen Aussprachen noch mehr Berechtigung. Eine Versammlung mit Delegierten von so unterschiedlichen kirchlichen, kulturellen, soziologischen und politischen Hintergründen kann das meines Erachtens auch nicht leisten. Aber wir können unseren Blick auf die Gemeinsamkeiten richten und den Empfehlungen folgen, immer wieder neue Gelegenheiten zu suchen, die Beziehungen zu Kirchen mit anderen Traditionen zu vertiefen. Die Kirchen sind herausgefordert, eigene Lebensweisen zu erneuern und andere mit Menschen anderer Kirchen im Gebet zu teilen.

Der Ökumenische Rat der Kirchen ist keine „Überkirche“, die den Weg für andere Kirchen vorgibt. Er ist das, was die Mitgliedskirchen sind und einbringen und, geleitet vom Heiligen Geist, wachsen lassen. Darum bitten wir: In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.

Katja Nickel