Bislang verschont


Die alt-katholischen Finanzen


Die beiden großen Kirchen in Deutschland müssen kräftig sparen angesichts einer Finanzkrise von bisher nicht gekanntem Ausmaß. Kirchenaustritte, die schlechte Konjunktur mit hoher Arbeitslosigkeit und die jüngste Steuerreform haben die Einnahmen vermindert. In der letzten Ausgabe von Christen heute haben wir über die Situation in den römisch-katholischen Bistümern Deutschlands berichtet, wo sich mancherorts die Finanzkrise zu einer Vertrauenskrise ausgewachsen hat. Wie aber schaut es in unserer, der alt-katholischen Kirche aus?


Entsprechend dem föderalen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland ist auch die Kirchensteuer Ländersache. Auf kirchlicher Seite hat dies zu entsprechenden Strukturen geführt, zu den Landessynoden mit den Landessynodalräten (LSR) bzw. den Gemeindeverbänden. Kurz gesagt: Die Kirchensteuer landet nicht in der Bistumskasse, sondern in den Kassen der einzelnen Landesverbände, die ihrerseits die Gehälter für die Geistlichen zahlen. Es gibt zwar eine bistumsweite Gehaltsstruktur, geregelt in einer Vergütungsordnung, aber keine gemeinsame Kasse. Von daher muss die Frage nach der Finanzsituation für jedes Bundesland eigens beantwortet werden.


Christen heute hat sich bei den großen Landeskassen und Gemeindeverbänden, also Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen, Bayern und Nordrhein-Westfalen erkundigt. Der hohe Norden, der Osten Deutschlands und das Saarland blieben unberücksichtigt.


Beruhigend


Der erste Eindruck ist beruhigend, wenn man Bayern extra betrachtet, denn bis auf Bayern melden alle Kassen gleichbleibende Einnahmen, von den normalen Schwankungen abgesehen. Das heißt, die bisherigen Steuerreformen haben keine erkennbaren Einbrüche verursacht; von Finanzkrisen wie die römisch-katholischen Bistümer blieb man bislang verschont. Hans Vogt vom LSR Baden-Württemberg führt dies auf die Mitgliederstruktur zurück. Da man keine Großbetriebe als Kirchensteuerzahler habe, sei die Gefahr von größeren Steuerrückerstattungen gering. Ebenso falle das Risiko weg, durch den Verkauf eines Betriebes oder durch Kirchenaustritt des Besitzers auf einen Schlag einen beachtlichen Betrag einzubüßen. Pfarrer Vogt macht vor allem die günstige Entwicklung bei den Beitritten dafür verantwortlich, dass es bislang gelungen sei, geringere Einnahmen infolge der Steuerreformen wieder auszugleichen. Ähnlich schildert dies Pfarrer Reinhold Lampe für den Gemeindeverband Rheinland-Pfalz. Da sich die Altersstruktur günstig entwickelt habe und die Mitgliederzahl insgesamt steige, seien in seinem Kassenbezirk die Einnahmen gleich geblieben. Auch aus dem Bundesland NRW kommt dieselbe Auskunft; dort verzeichneten in den letzten Jahren insbesondere drei Gemeinden ein überdurchschnittliches Wachstum. So blieb es, wie Dekan Kestermann meint, bislang nur bei Befürchtungen, die durch die Wirklichkeit – Gott sei Dank – noch nicht bestätigt wurden. Einen ähnlichen Trend meldet ebenso Hessen, wo man dank leicht steigender Mitgliederzahlen von finanziellen Einbrüchen bislang verschont blieb. Das, so wird vielfach betont, lasse natürlich keine Prognose für die Zukunft zu.


Pfarrer Vogt weist darauf hin, dass man in Baden-Württemberg in den letzten Jahren Stellen einsparen musste. Zuletzt wurde die zweite Pfarrstelle in Blumberg-Kommingen in eine Vikariatsstelle umgewandelt; vor ein paar Jahren musste der hauptamtliche Seelsorger aus Schwäbisch-Gmünd abgezogen werden. Denn auch wenn die Einnahmen gleich bleiben, steigen im Laufe der Jahre die Personalausgaben langsam, aber stetig. Insgesamt sieht Hans Vogt keinen Grund zum Jammern, im Gegenteil: Er stoße bei vielen Menschen auf ein großes Bedürfnis nach Religiosität; diese Grundsehnsucht gelte es aufzugreifen und Menschen eine Brücke zur Kirche zu bauen, ohne ihnen gleich den Katechismus um die Ohren zu hauen. Von daher sei es wichtig, an möglichst vielen Orten mit hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern vertreten zu sein. Allerdings, so gibt er zu bedenken, könne man es sich nicht mehr leisten, einfach zuzusehen, wenn sich in einer Gemeinde über Jahre hin nichts bewege.


Haupt- und Nebenamt


Auf die Bedeutung des hauptamtlichen Seelsorgers vor Ort weist auch Reinhold Lampe hin. Dass die großen Kirchen am Personal in der Seelsorge sparen, ist in seinen Augen ein Fehler, da dadurch der Schrumpfungsprozess in den Gemeinden noch schneller vonstatten gehe.

In dieser Bewertung liegt keine Geringschätzung der nebenamtlich tätigen Geistlichen. Diese – im alt-katholischen Bistum mittlerweile eine beachtliche Anzahl – leisten einen bedeutenden Beitrag zum Gemeindeaufbau. Da, wo sie den hauptamtlichen Pfarrer vor Ort ersetzen, haben sie in vielen Fällen nicht nur die Gemeinde zusammengehalten, sondern weiter aufgebaut. Man schaue nur beispielhaft auf Kempten, wo Franz Kramer und seine Ehefrau Irene durch ihre Arbeit ein neues Aufblühen der Gemeinde ermöglicht haben. Andererseits darf man sich auch keinen Illusionen hingeben und in den Nebenamtlern ein Allheilmittel gegen künftige Finanzkrisen erblicken, denn die Geistlichen mit einem Zivilberuf haben einen Nachteil: Sie sind in der Regel an ihren Wohn- bzw. Arbeitsort gebunden – egal, ob es dort eine alt-katholische Gemeinde gibt oder nicht. Außerdem ermöglicht es nicht jeder Beruf, gerade dann als Seelsorgerin oder Seelsorger zu wirken, wenn man gebraucht wird.


Sonderfall Bayern


Bereits eingangs wurde darauf hingewiesen, dass in Bayern die finanzielle Entwicklung nicht dem allgemeinen alt-katholischen Trend entspricht. Im vergangenen Jahr wurde ein Defizit von rund 80.000 Euro erwirtschaftet. Dramatisch entwickelten sich die Einnahmen aus der Einkommensteuer; statt den erwarteten 230.000 Euro gingen nur 137.000 ein, während die Kirchenlohnsteuer stabil blieb. Im bayerischen LSR hat man intensive Ursachenforschung betrieben, doch keine Unregelmäßigkeiten erkennen können. Durch das Kirchensteueramt ist eine bestmögliche fachliche Begleitung und Bearbeitung gewährleistet; Vermutungen, dass große Fische durch das Netz geschlüpft seien, gehen deshalb ins Leere. Das laufende Jahr muss zeigen, ob die niedrigen Einnahmen aus der Einkommensteuer ein Ausrutscher waren oder der künftige Regelfall. Sollte letzteres der Fall sein, so sieht Niki Schönherr aus dem LSR nur die Möglichkeit, dass die Gemeinden jene Aufgaben finanzieren, die durch Kirchensteuermittel nicht mehr erfüllt werden können. Denn Einsparungsmöglichkeiten gibt es kaum noch; schon seit etwa acht Jahren wird kein Weihnachtsgeld mehr an die Pfarrer, Pensionäre und Witwen gezahlt, Urlaubsgeld gab es sowieso nie. Auch das eh schon weitmaschige Netz hauptamtlicher Pfarrstellen kann man nicht noch weiter ausdünnen. Wer in Bayern aus beruflichen Gründen umziehen muss, kann heute bereits das Pech haben, an einem Ort zu landen, von dem aus die nächste Gottesdienststation eineinhalb Stunden entfernt liegt.


Wirft man einen Blick auf die Mitgliederstatistik, so erkennt man, dass die bayerischen Gemeinden der Entwicklung im Bistum nachhinken. In 2003 wuchs zwar die Zahl der in den Gemeindelisten erfassten Alt-Katholiken leicht an, aber das war das erste Mal seit Jahrzehnten. Obgleich sich die Zahl der Beitritte in den letzten Jahren günstig entwickelt hat und die meisten Kerngemeinden wachsen, machen Wegzüge und Sterbefälle dies immer noch wett. Bis aus diesem Wachstum der Kerngemeinden ein nennenswertes Wachstum der Gesamtgemeinden wird, wird es noch etwas dauern. Wenn der gegenwärtige Trend anhält, kann man zwar optimistisch in die Zukunft blicken, aber in den nächsten Jahren wird der bayerische LSR jeden Euro zweimal umdrehen müssen.


Spielräume


Die alt-katholische Kirche in Deutschland ist keine materiell reiche Kirche. Darüber dürfen auch die positiven Meldungen aus den Kassenbezirken – mit Ausnahme Bayerns – nicht hinwegtäuschen, denn außer den Ausgaben für die Personalkosten haben die meisten Etats kaum Reserven für zusätzliche Projekte. Spätestens bei anstehenden Kirchenrenovierungen wird deutlich, wie eng der finanzielle Spielraum auch für die Kassen mit gleichbleibenden Einnahmen ist. Ohne die zusätzliche Spendenbereitschaft geht da oft nichts. Diese Haushaltsstruktur bietet aber auch kaum Spielraum für Einsparungen, denn wenn fast alles in die Gehälter der Seelsorgerinnen und Seelsorger investiert wird, wo will man dann noch sparen?


Es gibt keinen Grund zum Jammern, meint Pfarrer Hans Vogt. Die Umfrage zeigt, dass es freilich auch keinen Grund zur Entwarnung gibt, denn Befürchtungen und Sorgen, das wurde immer wieder deutlich, sind trotzdem vorhanden. Wer die Geschichte der alt-katholischen Kirche kennt, weiß, dass es nie eine Phase gab, in der man über Geld nicht reden musste, weil man genug davon hatte. Das wird sich auch in nächster Zukunft nicht ändern.


Matthias Ring