Ein mutiger Anstoß für das Gespräch in den Gemeinden - Der neue Bischofsbrief zum Thema Ehe und Familie


Viel zugetraut hat sich Bischof Joachim Vobbe mit seinem neuesten Brief an die Gemeinden unseres Bistums. Thema ist das Ehesakrament. Doch Joachim Vobbe belässt es hier nicht bei den üblichen Beschreibungen seiner Chancen und Grenzen, sondern packt – und das unterscheidet sein Schreiben deutlich von vielen anderen kirchlichen Veröffentlichungen zu diesem Thema – auch heiße Eisen an, etwa die Frage einer Wiederverheiratung oder die Situation homosexueller Partnerschaften in ihrem Bezug zur Ehe. Dabei scheut sich der Bischof nicht, deutlich Position zu beziehen, und das dürfte, anders als in seinen bisherigen Briefen, vermehrt zu kontroversen Diskussionen führen. Denn in Sachen Frauenordination war man sich, zumindest in unserem Bistum, weitgehendst einig. Ebenso im Verständnis der Eucharistie als eines Mahles der Gemeinschaft, das um seiner Glaubwürdigkeit willen vor konfessionellen Grenzen nicht haltmachen darf. Doch Liebe und Partnerschaft berühren die Menschen noch einmal anders, wesentlich existentieller und unmittelbarer. Und da decken sich die Vorstellungen und Träume, die viele sich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens machen, nicht unbedingt mit dem, was sich aus der Heiligen Schrift erfassen lässt. Aber ebenso lässt sich auch nicht für jede Entwicklung eine eindeutige Antwort in der Heiligen Schrift finden. Joachim Vobbes Ausführungen sind mutig, weil sie sich den Realitäten stellen und die für kirchliche Verlautbarungen allgemein üblichen Verengungen aufbrechen.


Alt-Katholische Eheansichten


Das beginnt schon mit dem Anspruch einer alt-katholischen Standortbe-stimmung zum Thema Ehe und Familie. Überall, wo diese im Bischofsbrief ausdrücklich benannt wird, geht es um eine unverkrampfte Sicht der Dinge. Beispiel Sexualität: Da herrschte von jeher in kirchlichen Kreisen, vor allem in katholischen, eine negative Sicht, und die Zeiten einer peinlichen Auflistung aller denkbaren sündigen Fälle und ihre „Klassifizierung“ in „lässliche“, „schwere“ und „Todsünden“ sind noch nicht allzu fern. Demgegenüber erinnert Bischof Joachim daran, dass die alt-katholischen Kirchen solchen Trends, Gott sei Dank, nie gefolgt sind. Vielmehr haben sie von Anfang an die Sexualität als etwas Schönes und Lustvolles und eben auch als Geschenk Gottes angesehen. Die Seelsorge hat dabei die Aufgabe, ermutigend und, wo es notwendig ist, heilend zu wirken. Vor diesem positiven Hintergrund gewinnt das eigentliche Anliegen des Bischofs nun Glaubwürdigkeit: Ihm geht es nämlich darum, offen das Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit der Sexualität anzusprechen, und er tut das, indem er positive und negative Auswirkungen des Sexualtriebs gleichermaßen beschreibt. Dabei spart er nicht mit Kritik an der Art und Weise, wie Sexualität heute für Talkshows, Werbung und Internet benutzt wird. Aber mehr noch geht es ihm darum, Ansätze für eine menschenwürdige Gestaltung der Sexualität zu benennen, etwa in der Betonung des Individuellen und Intimen oder im Hinweis auf einen größeren Liebesrahmen, in den sexuelle Kontakte eingebunden sein sollten.


Ein anderes Beispiel: Die Frage, was eine Ehe „gültig“ macht. Einmal mehr erinnert Bischof Joachim daran, dass die Fragestellung nach der Gültigkeit nicht sehr alt-katholisch ist (in seinem Brief über das geistliche Amt hatte er dies auch schon getan). „Wir haben kein breit angelegtes kirchliches Eherecht und keine Ehegerichte, welche solcher Begriffe bedürften“, erklärt er unumwunden. „Jede Ehe, auch die nichtchristliche oder die nur vor dem Standesamt geschlossene, hat ja eine gewisse ‚Gültigkeit‘. Schließlich haben sich zwei erwachsene Menschen nicht nur zum Spaß oder nur auf Probe versprochen, ihr Leben lang zusammenzubleiben.“ Und da setzen dann Joachim Vobbes Gedanken an: Wie bekommt eine Ehe in einer weltanschaulich neutralen Gesellschaft ihren christlichen Ausdruck? Wohl nicht allein dadurch, dass zwei getaufte Brautleute einander im Rahmen eines Gottesdienstes und in der vorgeschriebenen Form vor zwei Zeugen das Jawort abgeben. Vielmehr geht es um die Absicht, mit der Taufe ernst machen zu wollen, in der Ehe Gott mit ins Spiel bringen und im Spiel halten zu wollen, die Ehe und ihre Umgebung aus Gottes Geist und in der Nachfolge Christi gestalten zu wollen. Das ist, wie der Bischof betont, nicht nur etwas Privates; es hat eine gewisse Öffentlichkeit, schon deshalb, weil die Brautleute sich dazu vor Zeugen und dem Priester als Vertreter der Kirche und der Gemeinde bekennen. Es geht also weniger um die Gültigkeit als vielmehr um die Sakramentalität einer Ehe. Und die lässt sich nicht an formalen Dingen festmachen, sondern am Geist, aus dem sie gelebt wird. Die Kirche hat dabei die Aufgabe, die Brautleute auf das, was eine sakramentale Ehe charakterisiert, hinzuweisen und in der Trauungsfeier den Geist Gottes um seinen Beistand zu bitten.

Ein drittes Beispiel: Die konfessionsverschiedene Ehe. Alt-Katholiken, so Bischof Joachim, haben hier schon im 19. Jahrhundert eine ökumenisch offene Stellung bezogen. „Aus alt-katholischer Perspektive ändert die Konfessionsverschiedenheit an der Sakramentalität einer Ehe nichts, wenn beide Partner aus dem Geist der Taufe, dem Geist der Verheißungen Jesu leben wollen“, schreibt er und listet auf, welche Gestaltungsformen Partner, die verschiedenen christlichen Kirchen angehören, ihrer Ehe geben können, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die schlechteste Lösung einer Kon-fessionsverschiedenheit die Verflachung zu einer völligen religiösen Gleichgültigkeit wäre.

Nicht nur von der Ehe, sondern auch von der Familie handelt der Brief des Bischofs an die Gemeinden. Dabei ist die Betrachtungsweise dessen, was Familie ist, weit gefasst: Neben der klassischen Familie Vater, Mutter, Kind(er) spricht Joachim Vobbe auch das Schicksal von Familien mit nur einem Elternteil an, und neben einem gelingenden Familienleben spricht er auch davon, was eine gescheiterte Ehe für eine Familie bedeutet. Er verschweigt nicht, dass es Familien heute oft schwer haben. Er kritisiert, dass an oberster Stelle der Armutsskala ausgerechnet die Familien stehen. Er fordert eine gesellschaftliche und staatliche Förderung der Erziehung, allerdings nicht so sehr in staatlichen Einrichtungen, sondern vielmehr in den Familien. Er plädiert aus diesem Grund auch um der Kinder willen für eine gesellschaftliche Unterstützung, die es wenigstens einem Elternteil ermöglichen sollte, schadlos in der frühkindlichen Phase für die Erziehung bereitzustehen. Er sieht die Gemeinden gefordert, wenn es darum geht, Elternpaare und Alleinerziehende in dem schwierigen Miteinander von Beruf und Erziehung zu entlasten. Und er warnt davor, die Familie schlechtzureden, als sei sie nur noch ein Überbleibsel vergangener spießiger Zeiten. „Kinder haben grundsätzlich ein Recht darauf, ihr Leben im Schutz ihrer Familie und in Kenntnis ihrer Eltern zu entwickeln“, schreibt Joachim Vobbe, und deshalb sollten wir „alles dafür tun, dass Kinder sich geborgen fühlen, dass sie im Gemeindeleben vorkommen und dass Familien und Alleinerziehende willkommen sind.“


Ehekrisen und Ehescheitern


Willkommen sein hat allerdings auch Konsequenzen. Dies gilt, so Bischof Joachim, in besonderer Weise dann, wenn eine Ehe in die Krise gerät oder gar scheitert. Wie gehen die Gemeinden mit einer solchen Erfahrung um? Wird da sogleich Partei ergriffen oder existieren in einer Gemeinde auch Räume diskreter Aussprache, in denen nicht alles gleich kommentiert und zerredet wird? Gelingt es, Verletzungen anzuhören, ohne sie zu vertiefen? Gibt es kompetente Menschen, die eventuell als Eheberater dienen können? Gibt es Gemeindemitglieder, die bei akuten Eheproblemen einmal kurzfristig die Kinder beaufsichtigen, für finanzielle Beratung und Entlastung sorgen sowie berufliche Hilfe vermitteln können? Und wenn dann eine Ehe unwiderruflich gescheitert ist: Können Seelsorger und Gemeinde dazu beitragen, dass der Schaden vor allem für die Kinder nicht noch größer wird durch gerichtliche Auseinandersetzungen? Kann vielleicht der Seelsorger oder ein kompetentes Gemeindemitglied mithelfen bei einer einigermaßen friedlichen Gütertrennung und Erziehungsvereinbarung? Lassen die Mitglieder einer Gemeinde die zerbrochene Familie fühlen, dass ihnen ihr weiteres Mitleben in der Gemeinde wichtig ist und dass sie immer willkommen bleibt? Der Bischof betont in diesem Zusammenhang, dass Menschen, deren Ehe gescheitert ist, in der alt-katholischen Kirche nicht von den Sakramenten ausgeschlossen sind. „Es kann sein“, schreibt er, „dass gerade sie die spürbare geistliche Gegenwart Christi brauchen.“ Und er stellt klar, dass für Menschen, die einen solchen nicht mehr heilbaren Bruch hinter sich haben, ein geordneter Neubeginn möglich sein muss, begleitet auch von der Kirche. „Die Liebe Gottes, die uns in Christus erschienen ist, verlässt uns nicht, auch wenn wir an einem bestimmten Punkt im Leben nicht mehr weiter wussten.“


Homosexuelle Partnerschaften


Am Schluss seines Schreibens lenkt Bischof Joachim Vobbe den Blick noch auf eine besondere Form der Lebensgemeinschaft: das Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Paare. Können solche Partnerschaften unter den Segen Gottes gestellt werden? Man spürt den Ausführungen des Bischofs an, wie sehr er hier um eine positive Sicht bemüht ist, wenn er auch – für homosexuelle Menschen möglicherweise enttäuschend – klare Grenzen zieht. Auf der einen Seite legt er – stellvertretend für die eigene Kirche – ein Schuldbekenntnis ab, in dem er das Schweigen der Kirche zur Ausgrenzung, Verfolgung, Verstümmelung und Tötung homosexueller Menschen benennt. Und er stellt klar, dass, unabhängig von vermeintlichen oder tatsächlichen Widersprüchen zwischen Schrift, Tradition und Wissenschaft, homosexuelle Menschen „einen ebensolchen Anspruch darauf haben, zu lieben und geliebt zu werden und – vor allem – sich selbst achten zu dürfen, wie andere Menschen auch“. Auf der anderen Seite lässt er aber keinen Zweifel daran, dass eine gleichgeschlechtliche Verbindung – auch wenn staatsrechtliche Gegebenheiten und Medien einen anderen Eindruck erwecken – etwas anderes ist als eine Ehe. Und er weist entschieden darauf hin, dass die Kirchen der Ökumene ebenso wie nichtkirchliche Meinungsträger eine künstliche Insemination oder die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare als ethisch äußerst problematisch ablehnen.


Vor diesem Hintergrund beantwortet der Bischof die Frage nach einer Segnung zwar grundsätzlich positiv, stellt sie aber bewusst in den Kontext von Segnungen anderer Lebensgemeinschaften wie beispielsweise eine geistlich-klösterliche. Denn hier wie dort geht es um die Gestaltung eines gemeinsamen Lebens aus dem Geist der Nachfolge Christi und im Horizont seiner Verheißungen. Hier wie dort kann dies unter ganz bestimmten Gesichtspunkten geschehen, beispielsweise unter dem Gesichtspunkt einer lebenslänglichen Bindung. Doch ist damit keine Institution begründet. „Eine andere Lebensbindung neben der Ehe als einheitliche Institution, als eigenen „Stand“ zu begründen, gibt das Offenbarungsgeschehen und geben die Offenbarungsschriften nicht her“, betont Bischof Joachim. Und deshalb kann die Segnung solcher Lebensgemeinschaften auch „nicht Sache einer offiziellen, einheitlich-kirchenamtlich geregelten Institution und Liturgie“ sein, „sondern sollte von den betroffenen Personen oder Personengruppen mit dem Seelsorger vor Ort in Verantwortung vor dem Wort Gottes, der Lehre der Kirche und der Situation der Lokalgemeinde entschieden werden“.


Joachim Pfützner


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