„In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt“

9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen

Zum ersten Mal fand die Vollversammlung des Weltkirchenrates in Lateinamerika statt. 700 Delegierte aus 348 Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften trafen sich in Porto Alegre/Brasilien. Ein Fest des Lebens?

Ein Pfarrer in Brasilien erzählt seinen Unterrichtskindern, dass sich in ihrem Land so viele Christinnen und Christen treffen werden. Die Kinder sind von diesem Ereignis so begeistert, dass sie unbedingt dabei sein wollen. Es war ihr größtes Glück, als sie einen Bus gesponsert bekamen, der sie nach Porto Alegre brachte zum „festa da vida“, zum Fest des Lebens!

Alle sieben Jahre trifft sich die weltweite Christenheit zu einer Vollversammlung mit Delegierten aller Mitgliedskirchen. Als 1948 unter dem Eindruck der verheerenden Erlebnisse des Zweiten Weltkrieges die Christen ernst machen wollten mit dem Auftrag Jesu, eine Kirche zu sein, gab es zwar noch wenige Kirchen, die sich im Weltkirchenrat zusammen schlossen, aber ihr Herz brannte und die Sehnsucht nach Einheit war groß. Jetzt sind es 348 Mitgliedskirchen und -gemeinschaften. Die Aufgaben, die sie sich auf dem Weg zur Einen Kirche gestellt haben, sind eher noch größer, noch komplizierter geworden. Wir leben heute in einer globalisierten Welt, und mit ihr müssen wir uns als Christinnen und Christen auseinandersetzen.

Erwartungen

Der Nationale Rat der Kirchen in Brasilien hatte den Weltkirchenrat zu dieser Vollversammlung eingeladen und empfing die Teilnehmenden aus aller Welt mit soviel Gastlichkeit, aber auch hohen Erwartungen, dass die Konferenz von dieser freundlichen Atmosphäre reich profitierte. Konnten sie auch die Erwartungen erfüllen?

Jeden Morgen versammelten sich die Delegierten im Gottesdienstzelt zum Gebet, anschließend in kleinen Gruppen von acht bis zwölf Personen zu einem Bibelstudium, um danach im Plenum Berichte entgegenzunehmen, neue Ziele zu bearbeiten oder Gremien zu wählen, die diese große Gemeinschaft während der nächsten sieben Jahre mit neuen Impulsen und Verpflichtungen stärken soll.

Die verschiedenen Ausschüsse legten Empfehlungen zu Themen wie Terrorismus, Atomwaffen, Menschenwürde und umfassende Gerechtigkeit vor. Sie gaben Empfehlungen für die Kirchen, die die Einheit in Spiritualität und prophetischem Zeugnis stärken sollen. Sie befassten sich mit dem Schutz für Minderheiten, für den der indigenen Völker, für Behinderte, für mehr Engagement zur Überwindung von Gewalt und vieles mehr. In einem späteren Artikel werde ich davon noch berichten.

Jugend

Ein besonderes Anliegen war auch, in dieser Vollversammlung der Jugend mehr Platz einzuräumen, nicht nur im helfenden Bereich, sondern ihnen auch mehr Verantwortung zuzutrauen. Dieser Punkt wurde zwar mit viel Wohlwollen bedacht, doch in der Realität zum Frust der anwesenden Jugendlichen nicht verwirklicht. Die Auseinandersetzung über Kompetenz und Beharrlichkeit, über Begeisterung und Unlust in kleinen Alltagsdingen wird die Gremien noch einige Zeit beschäftigen. Doch es darf keine Frage sein, dass wir junge Menschen, die von der Liebe zur Ökumene begeistert sind, dringend brauchen, um auf dem Weg zu mehr Einheit nicht ins Stocken zu geraten.

Unterstützt wurden die Delegierten durch Hunderte von Besuchern, die in vielfältiger Weise als Berater, Beobachter, Sachverständige oder Besucher von Mutirao, in Brasilien das Wort für Treffpunkt, teilnehmen konnten. Mutirao hatte ein vielfältiges Programm mit Informationsständen, Workshops und Musik- oder Tanzvorführungen aus aller Welt zusammengestellt. Der ganze Universitätskomplex, auf dem die Versammlung tagte, wurde vom Klang der Trommeln, von Singen oder Musik zum Tanzen, von bunter Fröhlichkeit bewegt.

Alt-Katholische Beteiligung

Um diesen engagierten Besucherinnen und Besuchern mehr Gelegenheit zur Mitgestaltung zu geben, war die Anzahl der Delegierten der Kirchen etwas eingeschränkt worden. So kam es, dass die alt-katholische Kirche Deutschlands nur durch eine Delegierte vertreten sein durfte. Die alt-katholische Konfessionsfamilie war noch durch Monika Heitz aus Österreich, Harald Rein aus der Schweiz, Bischof em. Hans Gerny, Schweiz, als ausscheidendes Mitglied im Zentral-Ausschuss, Ioan Jebelean als Delegierter Polens und Erzbischof Joris Vercammen aus den Niederlanden vertreten. Erzbischof Joris Vercammen ist auch in das neue Central-Komitee gewählt worden. Bei dem Treffen der Konfessionsfamilie waren auch die Vertreter der Unabhängigen Philippinischen Kirche (Iglesia Filipina Independiente) dabei, die sicherlich vielen von Ihnen aus den Beziehungen zu manchen Projekten der Diakonie bekannt ist.

Die Abendandachten im Zelt brachten jeden Tag etwas von der Lebenskraft der Liturgien ihrer Konfessionsfamilien zum Ausdruck. Im Abschlussgottesdienst predigte eine Pfarrerin aus der Presbyterianischen Kirche der USA, Robina Winbush, über die Heilung der Völker nach dem Offenbarungstext 22, 1-5. „Die Offenbarung wurde ursprünglich in einer Situation der Machtlosigkeit geschrieben und gelesen“. Sie erklärt die Situation der Christen, die als kleine Gemeinschaft für den Kaiser keine Gefahr darstellten, aber schon eine Herausforderung bedeuteten. Damals wie heute sei für Christinnen und Christen die Offenbarung „sowohl eine eschatologische Verheißung des Zukünftigen als auch eine gesellschaftspolitische und religiöse Kritik“ der bestehenden Machtverhältnisse. Mit dem prophetischen Wort des Jesajas, dass Gott uns antwortet, ehe wir rufen, dass er uns hört, wenn wir noch reden, verweist sie darauf, dass Gott schon da ist.

Die letzte Vision des Johannes beschreibt die Vision der Verwandlung. Am Strom des lebendigen Wassers stehen die Bäume des Lebens, die für die Menschen zugänglich sind, weil sie vom frei fließenden Geist, der Anwesenheit Gottes erhalten werden. Mit vielen Beispielen von heilenden Blättern dieser Bäume, die wir auch heute erleben, stellt sie zum Abschluss der Konferenz an alle Teilnehmenden die Frage: Gott verwandelt die Welt. Sind Sie bereit, ein Blatt an den Bäumen des Lebens zu sein, die Gott zur Heilung der Völker dienen?

Die Botschaft der 9. Vollversammlung ist eine Einladung zum Gebet. Sie will sich an die Kirchen und an die Welt richten und sollte in den nächsten Jahren Bestandteil aller ökumenischen Veranstaltungen werden.

Katja Nickel



Die Botschaft der 9. Vollversammlung des ÖRK

Eine Einladung zum Gebet

Schwestern und Brüder, wir grüßen Euch in Christus. Als Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen aus allen Teilen der Welt sind wir hier in Porto Alegre, Brasilien, versammelt, im ersten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends und zur ersten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Lateinamerika. Wir sind eingeladen, hier teilzunehmen am festa da Vida, am Fest des Lebens. Wir beten, denken über die Heilige Schrift nach, setzen uns auseinander, freuen uns miteinander - in Einheit und Vielfalt und bemühen uns darum, im Geist des Konsenses aufmerksam aufeinander zu hören.

Hier und heute, im Februar 2006, hören wir von den Teilnehmenden der Vollversammlung, dass in ihren Heimatländern und -regionen täglich neu Schreie laut werden - die Schreie der Opfer von Katastrophen, gewaltsamen Konflikten, Unterdrückung und Leid. Gleichzeitig schenkt uns Gott jedoch die Kraft und Vollmacht, die Verwandlung im persönlichen Leben, in Kirchen, Gesellschaften und der Welt insgesamt zu bezeugen.

Die Berichte und Entscheidungen der Vollversammlung übermitteln den Kir-chen und der Welt konkrete Anfragen und Aufforderungen zu handeln. Zu nennen sind hier die Suche nach der christlichen Einheit, der Aufruf zur Neuverpflichtung in der Mitte der Dekade zur Überwindung von Gewalt (2001-2010), das Erkennen der prophetischen und programmatischen Mittel, um wirtschaftliche Gerechtigkeit weltweit zu erreichen, der interreligiöse Dialog, die umfassende Beteiligung aller Frauen und Männer aller Generationen sowie gemeinsame Erklärungen zu öffentlichen Angelegenheiten, die sich an die Kirchen und die Welt richten.

Thema dieser Neunten Vollversammlung ist ein Gebet: „In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.“ Im Gebet werden unsere Herzen verwandelt und so legen wir unsere Botschaft als ein Gebet vor:

Gott der Gnade, im gemeinsamen Gebet wenden wir uns dir zu, denn du bist es, der uns eint: du bist der eine Gott - Vater, Sohn und Heiliger Geist -, an den wir glauben, du allein gibst uns die Fähigkeit, Gutes zu tun, im Namen Christi sendest du uns über den gesamten Erdkreis aus in Mission und Dienst.

Wir bekennen vor dir und vor allen Menschen: Wir sind unwürdige Diener. Wir misshandeln und missbrauchen die Schöpfung. Wir verletzen einander durch die überall bestehenden Spaltungen. Wir unterlassen es häufig, entschlossen gegen Umweltzerstörung, Armut, Rassismus, Kastentum, Krieg und Völkermord vorzugehen. Wir sind nicht nur Opfer von Gewalt, sondern auch Täter. So sind wir unzureichend gewesen als jünger Jesu Christi, der in seiner Menschwerdung gekommen ist, uns zu retten und uns das Lieben zu lehren. Vergib uns, Gott, und lehre uns, einander zu vergeben.

In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.

Gott, höre das Schreien der ganzen Schöpfung, die Schreie des Wassers, der Luft, der Erde und alles Lebendigen, die Schreie der Ausgebeuteten, der Ausgegrenzten, der Missbrauchten und der Opfer, die Schreie derer, die enteignet und zum Verstummen gebracht wurden, deren Menschsein missachtet wurde, die Schreie derer, die unter Krankheit leiden, unter Krieg und unter den Verbrechen der Hochmütigen, die der Wahrheit zu entrinnen suchen, die die Erinnerung verdrehen und die Möglichkeit der Versöhnung leugnen. Gott, leite alle, die an Machtpositionen stehen, zu ethisch verantwortlichen Entscheidungen.

In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.

Wir danken dir für deinen Segen und die Zeichen der Hoffnung, die schon jetzt in der Welt gegenwärtig sind: in Menschen aller Altersgruppen und in denen, die uns im Glauben vorangegangen sind; in Bewegungen, die sich für die Überwindung von Gewalt in all ihren Ausdrucksformen einsetzen, nicht nur für ein Jahrzehnt, sondern für immer; in dem tiefen und offenen Dialog, der in unseren Kirchen und mit Menschen anderen Glaubens eingesetzt hat in dem Bemühen, einander zu verstehen und zu respektieren; in all jenen, die sich gemeinsam - in außergewöhnlichen Situationen oder im Alltag - für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. Wir danken dir für die gute Nachricht Jesu Christi und die Zusicherung der Auferstehung.

In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.

Gott, durch die Macht deines Heiligen Geistes, der uns leitet, lass` unsere Gebete niemals leere Worte sein, sondern eine tief empfundene Antwort auf dein lebendiges Wort im gewaltfreien und zielgerichteten Handeln für positive Veränderungen, in mutigen, eindeutigen, konkreten Taten der Solidarität, der Befreiung, der Heilung und des Mitgefühls, wenn wir bereitwillig die gute Nachricht Jesu Christi teilen. Öffne unsere Herzen für die Liebe und die Erkenntnis, dass alle Menschen nach deinem Bild geschaffen sind, für die Bewahrung der Schöpfung und die Bejahung des Lebens in all seiner wunderbaren Vielfalt.

Verwandle uns, so dass wir uns in deinen Dienst stellen als Partnerinnen und Partner in der Verwandlung, die nach der vollen, sichtbaren Einheit der einen Kirche Jesu Christi streben, die allen und allem die Nächsten sind, während wir in tiefer Sehnsucht die volle Offenbarung deiner Herrschaft in einem neuen Himmel und einer neuen Erde erwarten.

In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.