Von der Finanzkrise zur Vertrauenskrise


Auf einen Finanzexperten des Bamberger Bistums berief sich einer meiner Studienkollegen, als er vor 20 Jahren kundtat, selbst bei Wegfall der Kirchensteuer könne das Bistum die nächsten zehn Jahre ohne größere Probleme überstehen. Solche Vorstellungen beherrschen nicht nur auf Stammtischniveau das Thema „Kirche und Geld“, gerade wenn es um die römisch-katholische Kirche in Deutschland geht: Dass Köln die reichste Diözese der Welt nach Chicago sei; dass die deutsche Kirche die Weltkirche mitfinanziere; dass die Bistümer einen riesigen Besitz an Immobilien ihr eigen nennen ... von der Kirchensteuer gar nicht zu reden. Natürlich ist an all dem etwas Wahres dran, aber wahr sind auch die Meldungen der letzten Wochen, die von einer Finanzkrise der deutschen Bistümer berichten, welche in der neueren Geschichte ihresgleichen sucht. Stellenabbau, Kündigungen, Etatkürzungen, Sparhaushalte – diese Begriffe beherrschen plötzlich die Berichterstattung. Hart formulierte es jüngst die Süddeutsche Zeitung: Die Kirche habe auf Pump gelebt und müsse nun umso härter sparen.


Vertrauenskrise


Eigentlich kann man hinschauen, wohin man will: Berlin, Passau, Aachen, Hamburg, Bamberg – die römisch-katholischen Bistümer Deutschlands befinden sich in einer finanziellen Misere nie gekannten Ausmaßes. Auch wenn fast alle noch schuldenfrei sind, droht, wie Hamburgs Erzbischof Werner Thissen meinte, ein Kollaps, wenn nicht schnell und entschieden gehandelt werde. So weitermachen wie bisher würde innerhalb kürzester Zeit die Rücklagen aufbrauchen, denn die Einnahmen gehen dramatisch zurück. Im Bistum Hildesheim rechnet man in den nächsten 15 Jahren mit bis zu 30 Prozent weniger Kirchensteuereinnahmen. Dabei schlagen nicht nur die Austritte und die Arbeitslosigkeit zu Buche, sondern ebenso die Steuerreform. Kündigungen sind deshalb unumgänglich, Immobilien werden verkauft, es wird gestritten über Einsparungsmöglichkeiten, Schuldzuweisungen vergiften das Klima. Die Finanzkrise hat sich längst zu einer Vertrauenskrise ausgeweitet.


Im Bistum Aachen drohte der Kirchensteuerrat, dem Generalvikar das Vertrauen zu entziehen wegen Konzeptlosigkeit im Umgang mit der Finanzkrise und wies zweimal den Bistumshaushalt für 2004 zurück. Sämtliche Katholikenräte der Diözese hatten mit dieser Drohung bereits ernst gemacht. Bischof Mussinghoff sah sich zum Eingeständnis genötigt, es herrsche die schlechteste Stimmung, die er im Bistum jemals erlebt habe. Kein Wunder angesichts der Tatsache, dass dem Etat von 400 Millionen Euro ein Defizit von 50 bis 60 Millionen droht und in den nächsten Jahren 300 von rund 2.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bistums entlassen werden müssen.


Damit steht Aachen sogar noch besser da als die Diözese Berlin, die unter Kardinal Sterzinsky einen Schuldenberg von 148 Millionen Euro angehäuft hat. Auch dort sind Entlassungen notwendig; 600 der 2.700 Vollzeitstellen sollen abgebaut werden. Das Petruswerk, ein kirchliches Wohnungsunternehmen, und Bildungshäuser wurden bereits zur Schuldentilgung verkauft und erbrachten immerhin 19 Millionen. In Berlin zeigt sich wie in Aachen, dass die Finanzkrise Hand in Hand mit einer tiefen Vertrauenskrise geht. Im vergangenen Jahr baten 15 leitende Mitarbeiter der Diözese, darunter acht Pfarrer, den Vatikan, einen päpstlichen Visitator zu ernennen, da das Vertrauen in die Bistumsleitung tief erschüttert sei. In früheren Jahren hätten Geistliche, die sich über den Kopf ihres Bischofs mit solchen Forderungen nach Rom wenden, nichts zu lachen gehabt. Kardinal Sterzinsky freilich äußerte Verständnis und gestand den Fünfzehn zu, dass sie lediglich von dem ihnen zustehenden Recht Gebrauch gemacht hätten.


Bayern


Die bayerischen Bistümer schienen lange Zeit von all den Widrigkeiten verschont zu bleiben, doch nun regiert auch dort der Sparzwang. Passau hat sich, wie andere vorher, den Rat von Mc. Kinsey geholt und wird ebenfalls Personal einsparen. Von den Umstrukturierungsmaßnahmen ist übrigens auch die dortige alt-katholische Gemeinde betroffen, denn bislang galt das Angebot des Bistums, dass das Diözesanbauamt kostenlos bei der Renovierung der Auferstehungskirche mitwirken werde, nun aber wird das Bauamt aufgelöst, und für den kirchlichen Architekten ist Honorar zu zahlen.


In Bamberg löste zu Jahresanfang die Entscheidung von Erzbischof Ludwig Schick Proteste und Unverständnis aus, künftig keine Pastoralassistenten mehr anzustellen, selbst jene nicht, die gerade die praktische Ausbildung absolvieren. Sofort stand der Verdacht im Raum, der Berufsstand der Laientheologen solle unter dem Deckmantel finanzieller Erwägungen abgewickelt werden. Aber damit tut man Erzbischof Schick Unrecht, denn als Weihbischof von Fulda trug er mit dafür Sorge, dass in der Amtszeit von Bischof Dyba weiterhin Laientheologen angestellt wurden, obgleich Dyba für sein Bistum bereits Mitte der 80er Jahre einen Anstellungsstopp ausgesprochen hatte. In Fulda suchte man daraufhin Zuflucht in dem, was man in Köln eine „rheinische Lösung“ nennt: Das Kind wurde einfach umgetauft – und Dyba hat es nicht gemerkt. Nun macht Erzbischof Schick geltend, dass man in den vergangenen Jahren etwas sorglos Pastoralassistenten angestellt, aber nicht bedacht habe, dass die erste Pensionierungswelle noch fünfzehn Jahre auf sich warten lasse. Deshalb zog er die Notbremse, um zu verhindern, dass die Diözese in die roten Zahlen rutscht.


Schicks Entscheidung könnte allerdings noch ungewollte Konsequenzen nach sich ziehen. Wenn Bamberg keine Pastoralassistenten mehr anstellt, werden sich auch keine an der dortigen Katholisch-Theologischen Fakultät für den Diplom-Studiengang einschreiben. Der Fakultät bleibt dann nur das gute Dutzend Priesteramtskandidaten – zu wenig, um die Lehranstalt zu retten, deren Existenz zusammen mit der von zwei weiteren Fakultäten zu Jahresbeginn durch die bayerische Rektorenkonferenz in Frage gestellt worden war. Die Berufung auf das Konkordat, durch das die Fakultät abgesichert ist, wird dabei nicht viel helfen, denn Konkordate lassen sich zur Not ändern. Kenner der Materie meinen, eine SPD-Regierung würde das wahrscheinlich nicht wagen, aber in Bayern regiert bekanntlich die CSU, die sich einen solchen Vorstoß leisten kann, da sie vom Verdacht der Kirchenfeindschaft frei ist. So ist seit Erzbischof Schicks Kurswechsel in Sachen Laientheologen die Fakultät gefährdeter denn je, weshalb in Bamberg das Wort vom „Dolchstoß aus der Soutane“ umgeht.


Heute rächt es sich, dass in den 80er Jahren, als die Kirchensteuermittel reichlich flossen, allerlei Stellen geschaffen und Einrichtungen gefördert wurden, die man sich nun nicht mehr leisten kann. In den 90er Jahren zeichnete sich zwar die derzeitige Entwicklung ab, aber nur zaghaft wurde darauf reagiert, denn mit Sparmaßnahmen hat sich noch niemand beliebt gemacht. Beispielhaft in jeder Weise ist hierfür wiederum Berlin: Während das römisch-katholische Bistum noch auf großem Fuß lebte und auf den Zuzug von Katholiken durch den Hauptstadt-umzug hoffte, fuhr die evangelische Landeskirche unter Bischof Huber einen harten Sparkurs, der diesem viel Kritik einbrachte, sich aber aus heutiger Sicht als vollkommen richtig erwiesen hat. Wer spät saniert, muss umso härter sanieren. Diese Regel gilt eben auch für die Kirchen. Und sie zeigt Folgen, wo man es nicht gleich erwarten würde: Die Kirchen tun sich derzeit schwer, eine Stellungnahme zu den einschneidenden Sozialreformen abzugeben. Man sitzt eben selbst im Glashaus.


Umbruch


Es klang wie eine düstere Prophezeiung, als vor einem Jahr ein Kommentator in der Süddeutschen Zeitung schrieb, die Finanzkrise werde die Kirchen in Deutschland mehr verändern als jede Synode und alle pastoralen Konzepte zusammen. Doch genau dies zeichnet sich nun, zumindest für die römisch-katholischen Bistümer immer mehr ab. Wenn für hauptamtliche Laientheologen kein Geld mehr vorhanden ist, gewinnt der beamtete Geistliche wieder mehr an Bedeutung und die Kirche erlebt eine neue Klerikalisierung. Natürlich birgt die Krise auch eine Chance, wie immer wieder zu hören ist. Jetzt sei die Stunde der mündigen Laien, die unbezahlt und nebenamtlich in die Bresche springen und Aufgaben übernehmen, die einst von Hauptamtlichen wahrgenommen wurden. Der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner sieht seine Kirche, frei vom Wohlstandsspeck, zu neuen Ufern aufbrechen. Allerdings darf gefragt werden, ob das angesichts der Altersstruktur vieler Gemeinden eine realistische Hoffnung ist. Und außerdem wirkt es doch reichlich seltsam, dass diese Rede von der Krise als Chance am lautesten von jenen kommt, die – zum Beispiel als Professoren – ein sicheres und von den Schwankungen der Kirchensteuereinnahmen unabhängiges Gehalt haben. Man täusche sich nicht: Wer Geld hat, kann zwar viel Unsinn damit anstellen, aber auch viel Gutes tun.


Matthias Ring


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