Taufe als Eingliederung in die Kirche - Ein Erfahrungsbericht


Die Taufe eines Erwachsenen: Was auf dem Franziskushof in Zehdenick fast schon alltäglich ist, wird in „normalen“ Gemeinden als etwas Besonderes angesehen. In Stuttgart haben wir das Geschenk einer jungen Frau, die sich vor knapp einem Jahr nach der Taufe erkundigte, als Herausforderung angenommen. Die ganze Gemeinde sollte etwas davon haben.


Die Vorgeschichte


Die Voraussetzungen dafür waren günstig. Denn die junge Frau – sie heißt Manuela und ist 28 Jahre alt – war einem Teil der Gemeindemitglieder schon bekannt. Vor zwei Jahren war sie bei den Besinnungstagen aufgetaucht, die wir jedes Jahr von Gründonnerstag bis zur Osternachtfeier veranstalten. Eine Freundin, die zu unserer Gemeinde gehört, hatte sie kurzerhand mitgebracht. Auslöser dafür war die Frage, was genau wir an Ostern feiern. Manuela erhoffte sich von den Besinnungstagen eine Antwort darauf. Die konnte natürlich nicht in befriedigender Weise ausfallen. Zu viele neue Fragen kamen auf. Aber das Interesse war erwacht. Zuerst waren es die Gespräche am Rande, mit mir als Pfarrer, mit ihrer Freundin, aber auch mit anderen Gemeindemitgliedern. Ab und zu begleitete Manuela ihre Freundin zum wöchentlichen Taizégebet: Die großzügig bemessene stille Zeit, das Herzstück dieser Gebetsstunde, tat ihr gut. Manuela hatte die Stille schon vorher schätzen gelernt, wenn sie in Stuttgarts City unterwegs war und dem Lärm der vielen geschäftigen Menschen entkommen wollte. Da bot ihr die Domkirche St. Eberhard einen willkommenen Ort.

Im vergangenen Jahr nahm Manuela wieder an den Besinnungstagen über die österlichen Feiern teil. Seitdem kam sie jeden Dienstag zum Taizégebet. Beziehungen wuchsen; Manuela gehörte schon bald zum festen Stamm. Gelegentlich übernahm sie sogar das Vortragen einzelner Texte. Als sie schließlich fragte, was sie denn machen müsse, um getauft werden zu können, bekundeten dies die anderen im Raum mit Applaus.


Ein Taufkurs mit der Gemeinde


Schon bald war ein Plan entwickelt. Manuelas Taufvorbereitung sollte zunächst einhergehen mit dem bereits geplanten Religionsunterricht für Erwachsene. Später sollte eine Gruppe entstehen, in der es auf der einen Seite Glaubensinformationen geben sollte und auf der anderen Seite die Möglichkeit, Erfahrungen mit dem Glauben mitzuteilen. Mit diesem Plan ging ich in verschiedene Gruppen der Gemeinde hinein, um für Manuela Glaubensbegleiterinnen und Glaubensbegleiter zu gewinnen. Sie sollten sich verbindlich für diese Aufgabe entscheiden; es gab dazu eine Liste mit Unterschriftsspalte. Siebzehn Personen kamen auf diese Weise zusammen. Auch Manuela hatte sich an der Werbung beteiligt, um sicherzustellen, dass auch junge Leute mit von der Partie waren. Der Kurs begann im Oktober. Inhaltlich orientierte er sich am Apostolischen Glaubensbekenntnis, das die Taufbewerber vor ihrer Taufe ablegen. Wir hatten den Kurs in drei Blöcke unterteilt: Gott – Jesus Christus – Heiliger Geist/Kirche. Jedem Block war ein Motiv zugeordnet: Das Thema „Gott“ wurde mit einer Einführung in die religiöse Sprache verbunden und offiziell als vierteiliger Religionsunterricht für Erwachsene ausgegeben. Das Thema „„Jesus Christus“ knüpfte an die Feste Advent/Weihnachten und Fastenzeit/Ostern an. Und der Block „Heiliger Geist/Kirche“ orientierte sich an den Sakramenten. Die Abende, die vierzehntägig stattfanden, gestalteten sich sehr intensiv. Ursprünglich sollten sie sich an dem bewährten Konzept des Religionsunterrichts für Erwachsene entlang bewegen: Information – Diskussion – Reflexion – Meditation. Doch meist blieben wir in den ersten beiden Schritten stecken, war doch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wegen, die von außerhalb anreisten – ein Ehepaar sogar mehr als fünfzig Kilometer – vereinbart worden, nicht länger als neunzig Minuten zu arbeiten. Manche Themen, vor allem die christologischen mit den Fragen nach Jesus als Herrn, Sohn Gottes und Messias, erwiesen sich als zu umfangreich, um in neunzig Minuten zufriedenstellend behandelt zu werden. Doch machten solche Überforderungen die Kleingruppengespräche wieder wett. Manuela berichtete, hier habe sie mehr lernen können als in jedem Referat. Darüber hinaus mussten wir alle lernen, unsere Glaubenserfahrungen und unser Glaubenswissen so mitzuteilen, dass jemand, dem das alles neu ist, es überhaupt verstehen kann.


Liturgische Feiern


Einen besonderen Stellenwert hatten die liturgischen Feiern, die seit alters her den Weg erwachsener Taufbewerberinnen und Taufbewerber begleiten. Gleich zu Beginn der Taufvorbereitung stand die sogenannte „Aufnahme in den Katechumenat“. Diese Feier, die wir bewusst in einen Sonntagsgottesdienst eingebunden hatten, bietet der Gemeinde die Möglichkeit, die Taufbewerber kennenzulernen und zu registrieren, dass in der Gemeinde eine Taufvorbereitung läuft. Seitdem beten wir regelmäßig für Manuela und alle, die sie auf dem Weg zur Taufe begleiten. Bewegend war in der Aufnahmefeier, wie ausnahmslos alle Gemeindemitglieder, die sich zum Gottesdienst versammelt hatten, nach vorn kamen, um Manuela ein Kreuz auf die Stirn zu zeichnen; manche verstärkten dies mit weiteren herzlichen Gesten. Alle Anwesenden schrieben ihr auch einen persönlichen Wunsch in den Einband einer Bibel, die Manuela anschließend, verbunden mit dem sogenannten „Effata-Ritus“, überreicht wurde. Der „Effata-Ritus“ erinnert an die Erzählung von der Heilung eines Taubstummen, dem Jesus mit den Worten „Effata – Tu dich auf“ Ohren und Mund berührt, so dass diese sich öffnen und der Geheilte zu reden vermag. Entsprechend haben wir Manuela gewünscht, dass sie sich der Botschaft Gottes, die uns vor allem in Jesus Christus nahegekommen ist, öffnen und dass sie dazu auch ihre Fragen stellen kann. Am Fest der Taufe Jesu fand eine weitere Feier statt: Sie wird traditionell „Zulassung zur Taufe“ genannt. Vorher hatte Manuela noch einmal bewusst und diesmal schriftlich ihren Taufwunsch geäußert. Dies geschah vor dem Hintergrund der Taufvorbereitung, die zu diesem Zeitpunkt bereits zur Hälfte absolviert war. Auch der Kirchenvorstand wurde über diesen Schritt informiert, denn die offizielle Zulassung zur Taufe kommt einem Beitrittsverfahren gleich. In der Feier selbst drückte sich das so aus, dass Manuela von allen Anwesenden langsam und in kleinen Abschnitten das Apostolische Glaubensbekenntnis vorgetragen bekam. Auf einer besonders gestalteten Urkunde wurde es ihr anschließend auch schriftlich in die Hand gegeben. Daraufhin wurde sie befragt, ob sie gewillt sei, die österlichen Sakramente der Taufe, Firmung und Eucharistie zu empfangen. Nachdem sie dies bejaht hatte, erhielt sie zum Zeichen der Stärkung die Salbung

mit Katechumenenöl: „Sei gesalbt mit dem Öl des Heils. Es ist ein Sinnbild dafür, dass die Kraft Jesu Christi, der in der Wüste allen Versuchungen widerstanden und in der Stunde seines Leidens und Sterbens sich ganz Gott überlassen hat, dich stärkt. Ihm sei Ruhm und Ehre und Preis jetzt und in Ewigkeit.“ Der Austausch des Friedensgrußes gab den Gemeindemitgliedern die Möglichkeit, Manuela gute Wünsche für den weiteren Weg der Taufvorbereitung auszusprechen.


Der Endspurt


Die inzwischen angebrochene österliche Bußzeit stellt für Taufbewerberin und Gemeinde eine Art „Endspurt“ dar. Hier liegt das Gewicht vor allem im geistlichen Wachstum, und hier hat Manuelas Taufpatin – es ist die Freundin, die sie in unsere Gemeinde mitgebracht hat – ihre besondere Aufgabe. Im Mittelpunkt jeder Woche steht eine biblische Berufungsgeschichte, die Manuela zusammen mit ihrer Taufpatin betrachten soll. Dabei geht es darum, sich in der Geschichte wiederzufinden, um mit Gott in ein Du-und-Du-Verhältnis zu kommen. In diese Stimmung

hinein wirken schließlich auch die drei Sonntage vor der Karwoche, die mit ihren ganz auf die Taufe ausgerichteten großen Evangelien – das Gespräch Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen, die Heilung eines Blinden und die Auferweckung des Lazarus – den für die Osternacht vorgesehenen Taufkandidaten eine Überprüfungsmöglichkeit ihres Glaubens bieten. Außerdem steht in dieser Zeit auch noch die Übergabe des Vaterunsers an, eine Zeremonie, die sich ähnlich der der Übergabe des Glaubensbekenntnisses vollzieht, und die wir im Rahmen des wöchentlichen Taizégebets feiern wollen. Geistlicher Höhepunkt der Taufvorbereitung werden die Besinnungstage von Gründonnerstag bis zur Osternachtfeier werden; sie sind inhaltlich ganz im Zeichen des bevorstehenden Ereignisses geplant.


Fazit


Das Bewusstsein für einen solchen Eingliederungsprozess ist in der Gemeinde Stuttgart enorm gewachsen. So verwundert es nicht, dass viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Taufkurs sich seit ein paar Wochen Gedanken machen, wie der Eingliederungsprozess nach der Taufe weitergeführt werden könnte. Dabei spielen auch ganz praktische Überlegungen eine Rolle, zum Beispiel, dass sich ein Kreis in der Gemeinde findet, der Manuela und ihrem Freund Beheimatung gibt und offen ist für ihre Fragen. Das Fazit der ganzen Aktion lässt sich am besten mit den Worten einer Teilnehmerin am Taufkurs beschreiben: „Ein bisschen beneide ich Manuela um ihre bewusst angegangene Taufe. Um so mehr freue ich mich, dass wir mit ihr zusammen in den Glauben hineinwachsen dürfen.“


Joachim Pfützner


zurück zum Online-Archiv