350 Jahre


Seit 350 Jahren gibt es die Gemeinde „in Deutschland ganz oben“, und am 13. März wird sie 350 Jahre alt. Damit ist sie die älteste alt-katholische Gemeinde in Deutschland. Dennoch gehört sie erst seit 1920 zum deutschen alt-katholischen Bistum - wie ist das möglich?


Ihre Anfänge gehen zurück in das Jahr 1652, als katholische niederländische Deichbauer kamen, um die Insel Nordstrand wieder einzudeichen, die durch die große Sturmflut 1634 zerstört worden war. Sie erhielten Religionsfreiheit für den katholischen Glauben in einer ansonsten ausschließlich evangelisch-lutherischen Gegend. Am 13. März 1654 kam der erste Seelsorger, Pater Benediktus, aus den Niederlanden auf die Insel, um den hier lebenden und arbeitenden Katholiken seelsorgerischen Beistand zu geben. Die Auseinandersetzung um die Frage des Jansenismus zwischen Rom und dem Erzbistum Utrecht, zu dem die Gemeinde ab 1684 gehörte, führte 1723 zu einer Kirchenspaltung. Die katholische Pfarrgemeinde auf Nordstrand hielt an ihrem Erzbischof in Utrecht fest. Dadurch kam es auch auf Nordstrand zur Spaltung der katholischen Gemeinde und zum historischen „Nordstrander Kirchenstreit“, der von etwa 1735 bis 1864 andauerte. Die ursprüngliche Gemeinde blieb dem Erzbistum Utrecht treu. Die Kirchengemeinschaft der deutschen Alt-Katholiken mit dem Erzbistum Utrecht im Jahre 1889 führte schließlich dazu, dass die Gemeinde 1920 dem deutschen katholischen Bistum der Alt-Katholiken übertragen wurde. Bis heute gibt es aber noch vereinzelte Tendenzen, die Alt-Katholiken auf der Insel als Ketzer oder Jansenisten zu verdammen.

Die Gemeinde ist Außenposten der Alt-Katholiken hoch oben im Norden, dort, wo man Alt-Katholiken normalerweise nicht vermuten würde. Sie ist lebendiges Zeugnis der Kirchengeschichte bis zurück in das Spätmittelalter. Doch wer meint, dies zeichne die Gemeinde aus, der irrt sich: Es ist eine lebendige Gemeinde, die sich hier regelmäßig trifft. Junge und jung gebliebene Menschen gehören dieser Gemeinde an, die sich in den letzten Jahren ständig vergrößert hat. Die Gemeinde umfasst allerdings nicht nur die Insel Nordstrand, sondern das ganze Land Schleswig-Holstein mit rund 600 Mitgliedern. Aus dem ganzen Land werden am 13. März Gemeindemitglieder nach Nordstrand kommen, um dieses besondere Ereignis mitzufeiern.

Gemessen an anderen Ereignissen sind 350 Jahre keine lange Zeit. Eine kurze Episode in der Weltgeschichte. 350 Jahre alt-katholische Gemeinde auf der Insel Nordstrand – dennoch eine lange Zeit mit „Deichen, Stürmen und Pastoren“ – wie Heide Breitel in einem Film über Nordstrand und den Nordstrander Kirchenstreit getitelt hat. 350 Jahre mit Stürmen, die nicht nur geprägt waren durch die Wetterlage, sondern ebenso durch die kirchenpolitische „Großwetterlage“, die in dieser Zeit über die katholische Kirche niederging. Kirchenpolitische Ereignisse, die Auswirkungen hatten auf eine kleine, unbedeutende, neu erstehende Insel im nordfriesischen Wattenmeer. Kirchenpolitische Ereignisse, die auf dieser Insel zu einer Spaltung einer kleinen katholischen Gemeinde führten, einen jahrzehntelang andauernden Streit zwischen Menschen hervorriefen, die bis dahin ein ganz normales Leben geführt hatten, sich um die Eindeichung von Land bemüht hatten, deren ganzes Streben und Arbeiten einzig nur dahin gegangen war, eine Heimat zu schaffen. Wie konnte es soweit kommen?


Über die Geschichte und insbesondere den Kirchenstreit auf Nordstrand ist schon viel geschrieben worden. Wegweisend war hier der Beitrag von Karl Kuenz, der von 1924 bis 1953 erster deutscher Pastor der alt-katholischen Gemeinde war und in seinem Buch „Nordstrand nach 1634“ die Geschichte der Landgewinnung, der Besitzverhältnisse und des Werdens der heutigen Insel Nordstrand aufgearbeitet hat.


Viele fühlten und fühlen sich bis heute berufen, die Zusammenhänge zu beschreiben und die Hintergründe für den Kirchenstreit – auch in Vorträgen – darzulegen, wenn dies auch oft völlig „danebengeht“. So mutet es schon merkwürdig an, wenn zum Beispiel erklärt wird, dass es in Rom einen Bischof Jansen gegeben habe, der sich mit dem Papst überworfen habe, und die Nordstrander Katholiken hätten sich diesem Bischof angeschlossen und die Gemeinde mit Kirche und Pastorat widerrechtlich behalten, so dass die romtreuen Katholiken sich leider eine eigene neue Kirche bauen mussten (So durch Zufall gehört, als eine Gruppe in der Kirche war und dort von einem so genannten „kundigen“ Führer informiert wurde). Selbst Journalisten sind nicht frei von solchen „Fehlmeldungen“, wenn sie nach vielen Gesprächen und Informationen, in denen versucht wurde, ihnen die Zusammenhänge und die Geschichte der katholischen Gemeinde und Kirche zu erklären, einen Beitrag schreiben, in dem es schließlich heißt, die alt-katholische Kirche sei im Jahre 1652 auf Nordstrand begründet worden und hätte sich von dort aus in die Niederlande verbreitet und über die Niederlande nach Deutschland.


Zwei Jubiläumsdaten


Auch auf Nordstrand gibt es bis heute unterschiedliche Sichtweisen – so zum Beispiel auch in der Frage, wann nun eigentlich die katholische Gemeinde entstanden sei. Denn die römisch-katholische Gemeinde St. Knud hat bereits vor zwei Jahren das 350jährige Jubiläum als katholische Pfarrgemein-de auf Nordstrand gefeiert. Haben die Alt-Katholiken, die sich ja auch als katholische Pfarrgemeinde verstehen, also das richtige Entstehungsdatum verschlafen? Die Antwort darauf hat der frühere römisch-katholische Pfarrer Peter Schmidt beim Jubiläum vor zwei Jahren selbst gegeben: Als sie – die römisch-katholische Gemeinde – im Jahre 1951 erfahren habe, dass die Alt-Katholiken 1954 das 300jährige Jubiläum als katholische Gemeinde auf Nordstrand feiern wolle, habe man schnell gesucht, wie man ihnen zuvorkommen könne und darauf dann 1952 das 300jährige Jubiläum gefeiert, indem man als Jubiläums-Datum die Vertragsunterzeichnung über die Wie-dereindeichung der Insel genommen habe. So war es folgerichtig, dass 2002 das 350jährige Jubiläum gefeiert wurde, wenn auch im Zeichen der Ökumene, die auf Nordstrand mittlerweile gewachsen ist und alte Kirchenstreitigkeiten überwunden hat, eine gemeinsame 350-Jahr-Feier denkbar gewesen wäre. Vielleicht wird dies ja in 50 Jahren möglich sein.


350 Jahre alt-katholische Gemeinde. Trotz aller Stürme und Widrigkeiten ist die Insel entstanden, eingedeicht, ein kostbares Stück Land geworden, der Nordsee entrungen. Die kirchenpolitischen Stürme, die über diese Insel und ihre Bewohner hinweggegangen sind, haben zwar dazu geführt, dass es heute drei Kirchengemeinden auf der Insel gibt, doch die alten Streitigkeiten sind längst einer gemeinsamen Ökumene gewichen. Und nicht nur das: Manchmal scheint es, als seien die Nordstrander ein wenig stolz darauf, dass es hier drei Kirchengemeinden gibt, dies insbesondere wegen der alt-katholischen Gemeinde – ist sie doch die einzige Gemeinde in Schleswig-Holstein und sozusagen „Zentrum“ der schleswig-holsteinischen Alt-Katholiken.


Heiligabend 1993 schrieb Torsten Schulze in der Zeitung „Flensborg Avis“: „Bei ihrem Herrgott scheinen die Bewohner der Insel Nordstrand einen besonderen Stein im Brett zu haben: Nicht allein, dass er ihnen eines der schönsten von Wellen umspülten Erdflecken geschenkt hat, auf denen der Tourismus ebenso gedeiht wie die Landwirtschaft und das Handwerk. Damit – fast – jeder Christenmensch auf seine Art dem Schöpfer danken kann, sorgen sich gleich drei Gemeinden verschiedener Konfessionen um das Seelenheil der Insulaner.“

Mögen also nach dieser stürmischen Zeit die nächsten 350 Jahre der Geschichte der Insel geprägt sein von der Sorge um das „Seelenheil“ nicht nur der Insulaner, sondern auch der vielen Gäste, die auf Nordstrand in unserer hektischen Zeit das zu finden hoffen, was Christian de Cort hier vielleicht aufbauen wollte: ein „irdisches Paradies“, eine Insel für Leib und Seele.

Pünktlich zum Jubiläum wird eine Festschrift erscheinen: „De Domo Nordstrandica“. Sie umfasst 352 Seiten mit zahlreichen Beiträgen und Fotos zur Geschichte der Gemeinde und ist ab dem 13. März zum Preis von 10 Euro im Pfarramt oder über den Buchhandel (ISBN 3-00-013066-7) erhältlich.


Reiner Knudsen/Georg Reynders

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