Ahlan wa sahlan - Weltgebetstag der Frauen 2003


Ahlan wa sahlan - Mit diesen Worten begrüßen uns in diesem Jahr am 7. März 2003 die libanesischen Frauen zum Weltgebetstag. Diese Begrüßungsworte drücken libanesische Gastfreundschaft aus. Die wörtliche Übersetzung der traditionellen Formel lautet: Familie und weite Ebene. Die Frauen des libanesischen Weltgebetstagskomitees erklären die Bedeutung so: „Wenn du mich besuchst, sollst du dich wie in einer Familie fühlen, und du wirst dich wie in einem ebenen Land ohne unwegsame Stellen niederlassen können“.


Der Libanon ist das kleinste Land im Nahen Osten. Es hat seinen Namen vom Libanon-Gebirge, dessen landschaftliche Schönheit schon in der Bibel gerühmt wird. Hier wuchsen einst ausgedehnte Zedernwälder. Heute sind nur noch rund fünf Prozent der Gesamtfläche von Wald bedeckt. Die wenigen übriggebliebenen Zedernwälder stehen unter Naturschutz. Die Zeder ist das Wahrzeichen des Libanon.


Vielfalt und Gegensätze


Die landschaftliche Vielfalt beeindruckt auch heute die Besucher, die schneebedeckten Berge und die Täler des Libanongebirges, die fruchtbare Bekaa Hochebene und die dicht besiedelte Mittelmeerküste, an der Zitronen- und Orangenbäume blühen.

Libanon ist in vielfacher Hinsicht ein Land der Gegensätze: das arabische Flair der Marktviertel kontrastiert mit der westlichen Atmosphäre im weitgehend christlich geprägten Osten von Beirut. Kirchen stehen in Beirut dicht neben Moscheen. Die eleganten Boutiquen heben sich von der Armut der palästinensischen Flüchtlingslager und der abgelegenen Dörfer des Hinterlandes ab.


Der heute so zerrissene Libanon war jahrtausendelang eine Wiege der Zivilisation und Kultur. Ende des dritten Jahrtausends vor Christus ließen sich die seefahrenden Phönizier hier nieder, angelockt durch die natürlichen Ressourcen. Sie begründeten bedeutende Städte und handelten mit Olivenöl, Purpur, Wein, Zedernholz, Glas- und Goldschmiedearbeiten. Ihre bahnbrechendste Errungenschaft war jedoch die Erfindung der Buchstabenschrift, aus der die hebräischen, arabischen, griechischen, lateinischen und kyrillischen Alphabete hervorgingen. Dies beeinflusste die Entwicklung auch der abendländischen Zivilisation nachhaltig.

Nach der Eroberung durch die Römer (64 n. Chr.) erlebte das Land einen erneuten kulturellen Aufschwung, von dem heute unter anderem die prachtvollen Tempelanlagen in Baalbek Zeugnis ablegen. Beirut, in dem heute fast die Hälfte der Bewohner des Libanons lebt, wurde in dieser Zeit ein Handelszentrum.


Die religiösen und kulturellen Traditionen sind genauso vielfältig wie die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Menschen. Dies trägt einerseits zur Schönheit und zum Reichtum des Landes bei, führt aber auch zu Spannungen, die sich in der Vergangenheit immer wieder in gewaltvollen Konflikten entladen haben. So kämpften im Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 muslimische, christliche und drusische Gruppen gegen- und auch untereinander. Beirut, die traditionsreiche und wohlhabende Hauptstadt, das Handelszentrum des Nahen Ostens, hatte in den sechziger Jahren vielen Intellektuellen aus anderen arabischen Staaten eine politische und kulturelle Heimat geboten. Im Bürgerkrieg wurde die Stadt geteilt und zu großen Teilen zerstört. Der Wiederaufbau hält bis heute an.


Auch nach dem Abzug des israelischen Militärs, das den Süden des Landes von 1982 bis 2000 besetzt hielt, kehrte im Libanon kein beständiger Friede ein, denn die politische und damit auch die wirtschaftliche Situation wird wesentlich mitbestimmt von den benachbarten Staaten Israel und Syrien. Der Nahost-Konflikt wurde und wird auch im Libanon ausgetragen. Im Land leben rund 400.000 palästinensische Flüchtlinge zum Teil schon seit drei Generationen und in Flüchtlingslagern unter schwierigsten Bedingungen. Auch dem bestehenden politischen System der demokratischen Republik Libanon gelingt es nur zum Teil, das empfindliche Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften zu halten. Die Parlamentsmandate und politischen Ämter sind zu gleichen Teilen unter Christen und Muslimen aufgeteilt. Viele junge Menschen, vor allem aus dem Süden und aus ländlichen Regionen, entschließen sich auf Grund der politisch unsicheren Situation und der schlechten wirtschaftlichen Lage zur Auswanderung. Auch das erschwert den Aufbau des Landes nach dem Bürgerkrieg. 16 Millionen Libanesinnen und Libanesen leben inzwi-schen im Ausland.



Christen und Muslime


Schätzungen zufolge sind von den ca. 4,2 Millionen Menschen im Libanon etwa 40 Prozent Christen und 60 Prozent Muslime. Schon unter den Römern breitete sich das Christentum aus und wurde 391 Staatsreligion des Römischen Reiches. Im 7. Jahrhundert siedelten sich im Zuge der islamischen Eroberungen Muslime an. Im 8. Jahrhundert fanden christliche Maroniten aus Syrien und später auch Drusen Zuflucht in den unzugänglichen Bergen des Libanon.


Die Maroniten leiten ihren Namen von dem Mönch Maron her, der um 400 n. Chr. griechische und syrische Schüler um sich sammelte. Im 7. Jahrhundert trennten sie sich von der Großkirche und ab dem 8. Jahrhundert existiert die maronitische Kirche als eigenständige christliche Kirche.

Die Drusen, eine muslimische Gemeinschaft, kamen ab dem 11. Jahrhundert als Flüchtlinge in den Libanon und haben trotz ihrer Kleinheit ein starkes politisches und wirtschaftliches Gewicht.

Heute gibt es 19 anerkannte religiöse Gemeinschaften. Alle Gemeinschaften sind auch in der Regierung vertreten; das verhindert, dass die zahlenmäßig stärkeren Konfessionen die anderen unterdrücken könnten. Daraus ergibt sich eine Konsensdemokratie, zu der alltäglich gelebte religiöse und kulturelle Toleranz gehört.


Die Frauen


Die libanesische Frau gibt es nicht. Es herrscht ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Was Frauen in Beirut in Bezug auf Ausbildung, Freiheiten und Möglichkeiten offen steht, gilt für Frauen in abgelegenen Gebieten nicht, unabhängig von der Religion. Die libanesischen Frauen werden meist zuvorkommend behandelt, solange sie nicht gegen die gesellschaftlichen und religiösen Konventionen verstoßen. Wer sich aber gegen die ungeschriebenen Gesetze auflehnt, muss dem Druck der Männer und der Tradition standhalten.


Der diesjährige Weltgebetstag steht unter dem Thema: „Heiliger Geist, erfülle uns“.


Die Texte schlagen eine Brücke vom Pfingstereignis über die Verkündigung an Maria bis zu den Früchten des Geistes. Das Pfingstwunder macht deutlich, dass Gottes Geist individuell zu jeder und jedem in eigener Kraft kommt. Die Verkündigung an Maria erinnert, dass wir alle zu Propheten und Prophetinnen berufen sind, die mit Heiligem Geist erfüllt immer wieder unserer Verantwortung bewusst werden, der Gerechtigkeit Gottes auf dieser Erde heute schon zum Durchbruch zu verhelfen. Und die Früchte des Heiligen Geistes zeigen, wie sich der Geist auswirkt und welche Wachstumsbedingungen dafür notwendig sind.


Die Frauen des libanesischen Weltgebetstagskomitees berichten aus ihren eigenen Erfahrungen und legen gleichzeitig Zeugnis von ihrem christlichen Glauben ab und zwar in ökumenischer Vielfalt. Es ist ihnen ein großes Anliegen, als Christinnen im Nahen Osten wahrgenommen zu werden, die in einem Land an der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident leben.


Anneliese Harrer


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