Wir da oben, wir da unten - Über die Beziehung von Synodalität und Bischofsamt


Ich möchte mit einer These beginnen: Wer über die Beziehung von Synodalität und Bischofsamt nachdenkt, sollte sich zunächst bewusst machen, von welcher Vorstellung von Kirche er oder sie ausgeht.


Welches Bild von Kirche stand der ersten Generation der Alt-Katholiken vor Augen?

Wer den alt-katholischen Protest gegen das Vatikanum lediglich als Protest gegen die beiden Papstdogmen sieht, wird dem alt-katholischen Anliegen nicht gerecht. Denn es ging bei dieser Auseinandersetzung nicht nur um die Frage der Stellung des Papstes im Ganzen der Kirche, sondern letzt-lich um eine Kollision zweier Auffassungen von Kirche-Sein. Papst Pius IX. und manche Kreise des Konzils mit ihm wollten jegliche Mitsprache in der Kirche ausschließen, an erster Stelle die der Laien. Laien sollten sich darauf beschränken, „zu jagen, zu schießen, sich zu unterhalten“. Aber es gab auch Ansätze zur Neubesinnung. So forderte John Henry Newman 1859, dass Laien selbständig denkende und sprechende Partner des Klerus sein sollten und das Recht besäßen, Zeugnis von ihrem Glauben zu geben. Ähnliche Gedanken finden sich auch in der „Koblenzer Laienadresse“ von 1869.

Solche unterschiedlichen Ansichten über die Aufgaben von Laien und über das Verhältnis von Laien und Geistlichen stellen den Hintergrund dar, vor dem die Aussagen des ersten Alt-Katholikenkongresses in München (1871) beurteilt werden müssen.


Der Münchener Kongress und sein Programm


Das beim Münchener Kongress verabschiedete Programm ist einer der Grundlagentexte des Altkatholizismus. In ihm kommt das alt-katholische Selbstverständnis zum Ausdruck. Den Alt-Katholiken ging es um einen Gewissensprotest in einer grundsätzlichen Frage: Die vatikanischen Dogmen verdunkelten in ihren Augen „die richtige Idee der Kirche“. Die Protestierenden begründeten die Berechtigung ihres Vorgehens im „religiösen Bewusstsein unserer Pflichten“ und beriefen sich auf das Recht aller Gläubigen auf Zeugnis und Einsprache bei der Feststellung der Glaubensregeln (Münchener Programm, IIb).


Was hier formuliert wird, bildet die Grundlage für mündiges Christentum: Die Kirchenmitglieder haben das Recht und die Pflicht, den Glauben zu bezeugen. Einspruch zu erheben gegen die vatikanischen Lehren hieß, Zeugnis abzulegen für ein anderes Kirchenideal. Die angestrebten Reformen sollen dieses Kirchenideal verwirklichen helfen. Bei der Aufhebung von Missbräuchen sollen „insbesondere die berechtigten Wünsche des katholischen Volks auf verfassungsmäßig geregelte Teilnahme an den kirchlichen Angelegenheiten erfüllt werden“. Die Mitwirkung der Laien sollte dabei – wie der Koblenzer Gymnasiallehrer Theodor Stumpf präzisierte – als „Teilnahme an der Leitung der kirchlichen Angelegenheiten“ verstanden werden.

Diese Überlegungen beim Münchener Kongress bilden die Grundlage für die Mitverantwortung der Laien, wie sie 1873 in der ersten „Synodal- und Gemeindeordnung“ verankert wurden und seit 1874 Geltungskraft haben.


2. These: Synodalität beginnt bei der Erfahrung, nicht nur Rädchen im Getriebe, sondern selbst (mitverantwortlicher Teil der) Kirche zu sein. „Kirche“ sind deshalb nie nur „die anderen“ oder gar „die da oben“.


Das Verhältnis von Geistlichen und Laien zueinander


Kritische Äußerungen über die römisch-katholische Geistlichkeit waren in der Anfangszeit nicht selten. Ins-besondere „die vom hierarchischen Geiste geschaffene Kluft zwischen der Geistlichkeit und den Laien, die künstliche Emporschraubung des Klerus über die 'profane' Laienwelt“ (die Aussage stammt vom Krefelder Kaufmann Carl Zohlen) war vielen ein Dorn im Auge. Auch andere Stellungnahmen zeigen dies. Ein Denken in Abstufungen, das den Klerus aufgrund seines Standes von einer „profanen“ Laienschaft absondert und so die „verweltlichte“ Laienschaft in geistlichen Angelegenheiten für nicht zuständig erklärt, entspricht nicht der alt-katholischen Auffassung vom Verhältnis der Laien und der Geistlichen zueinander.

Wie wurde diese Auffassung nun aber positiv beschrieben? Bischof Josef Hubert Reinkens charakterisierte bereits 1877 die Kirche als „Volk Gottes“. Dieses Volk Gottes ist in der Taufe durch den heiligen Geist besiegelt; zu ihm gehören Laien und Kleriker. Reinkens hebt hervor, dass der Klerus „nicht mehr und nichts anderes als der Laie“ sei; als Funktionsträger habe der Klerus Diener, nicht jedoch „Beherrscher“ der Kirche zu sein.

So lässt sich zusammenfassend über das Kirchenverständnis der Alt-Katholiken sagen:

1. Kirche – das sind alle Mitglieder der Kirche zusammen. In diesem Organismus Kirche haben Laien ihre gesetzlich verankerten Rechte und ihre Pflichten, die sich durchaus auch auf die Mitverantwortung im geistlichen Bereich erstrecken; von den Priestern wird erwartet, dass sie geistlich-pastorale Leiter ihrer Gemeinde sind. Die Kirche lebt und gedeiht aus dem Zusammenspiel und der gemeinsam getragenen Verantwortung von Geistlichen und Laien.

2. Die Laien, die Geistlichkeit und die wissenschaftliche Theologie haben das Recht, den Glauben zu bezeugen. Sie tun dies alle auf ihre eigene Weise, die Theologie etwa durch die Erforschung der Überlieferung. Zu diesem Recht auf Zeugnis gehört auch das Recht auf Einspruch. Die ersten Alt-Katholiken verstehen sich nicht als Protestler um des Protestes willen, sondern handeln aus „dem Bewusstsein ihrer religiösen Pflichten“.

3. Die Frage, in welcher Beziehung Amtsträger und Laien zueinander stehen, spielt eine wesentliche Rolle beim Nachdenken über eine synodale Kirche. Wird das Amt als etwas erfahren, das ausgesondert ist („kleros“), einen besonderen Status besitzt und sich wesentlich-wesensmäßig von den Laien unterscheidet? Oder ist das Amt ein spezifischer Teil des Gottesvolkes („laos“), das von ihm getragen wird und dessen Funktion im Dienst an der Kirche besteht?

4. Die ersten Alt-Katholiken gingen von einem Ideal der Kirche aus, das sie mit Hilfe von Bildern beschrieben: Kirche nicht als hierarchisches Gebäude, sondern als organisches Gebilde; eine Kirche, in dem viele Glieder zusammenwirken, einander ergänzen und so die Kirche am Leben und in Bewegung halten.


Schöne Bilder oder Metaphern alleine genügen jedoch nicht. Denn sie können dazu dienen, die Machtfrage zu verschleiern. Das wussten auch die ersten Alt-Katholiken und haben deshalb dem Zusammenwirken der einzelnen Glieder, sprich: der Mitverantwortung und Mitbeteiligung aller an wichtigen Entscheidungs- und Lebensprozessen der Kirche, eine kirchenrechtliche Grundlage geschaffen. Denn diese Mitverantwortung darf nicht vom Wohlwollen und der Offenheit der Kirchenobrigkeit(en) abhängig sein, sonst können Mitarbeit und Mitreden wieder eingeschränkt werden, wenn Zeiten sich ändern. Durch diese rechtliche Verankerung wurde eine wichtige Voraussetzung für wirkliche und dauerhafte Mitbestimmung geschaffen. Zudem wird auf diese Weise auch die geistliche Dimension der Beteiligung der Laienschaft wahrnehmbar.


3. These: Synodalität gründet in der rechtlich verankerten Mitverantwortung aller Mitglieder der Kirche. Die Kirche lebt und gedeiht aus dem Zusammenspiel und der gemeinsam getragenen Verantwortung von Geistlichen und Laien.


Bis auf den heutigen Tag sind Alt-Katholiken stolz auf ihr Recht zur Mitentscheidung. In der Praxis ist der Grad an Mitverantwortungsgefühl bei den verschiedenen Mitgliedern der Kirche zwar unterschiedlich – manche betonen mehr ihre Befreiung als ihre Freiheit –, aber im Bewusstsein der meisten ist das Recht auf Mitverantwortung ein außerordentlich wichtiger Bestandteil alt-katholischer Identität.


Das Bischofsamt


Was soeben über das Verhältnis von Geistlichen und Laien gesagt wurde, bezieht sich vor allem auf die Pfarrer und Priester. Wie steht es nun aber mit dem Bischof?

Die ersten Alt-Katholiken setzten anfangs ihre Hoffnung auf die Bischöfe, die wie sie die Unfehlbarkeit ablehnten. Aber sie wurden enttäuscht, denn alle Bischöfe unterwarfen sich. Doch hat die Enttäuschung über die Bischöfe die damaligen Alt-Katholiken nicht dazu verführt, das Bischofsamt als solches zur Disposition zu stellen. Eher das Gegenteil war der Fall. Man wollte auch hier eine Reform durchführen und zu einem Bischofsamt zurückkehren, das dem Ideal der alten Kirche entsprach. Einen Bischof zu haben, der von seiner Kirche gewählt wird, war dabei ein Aspekt. Ein anderer war, die geistlich-pastorale Aufgabe des Bischofsamtes wieder in den Vordergrund zu stellen. Bischof Reinkens schrieb in seinem ersten Hirtenbrief 1873, dass es die Aufgabe des Bischofs sei, „das Volk auf die Weide Jesu Christi zu führen“. „Was also ist meines Amtes?“, fragt Bischof Reinkens und gibt die folgenden vier Antworten:


1. „Dieses: zu verkünden, was Gott den ‚Kleinen’ geoffenbart, - von den Dächern zu predigen, was Er seinen Jüngern im Verborgenen kund gethan.“ Beim Hören des Wortes des Evangeliums kann es keine Kasten, keine Unterschiede geben. Alle sind gleichermaßen dazu gerufen und berufen, die Frohe Botschaft zu hören und für ihr eigenes Leben anzuwenden.


2. Es ist die Aufgabe des bischöflichen Amtes, „Verwalter und Ausspender der Geheimnisse Gottes zu sein“: Der Bischof ist der Haushalter Gottes im Haus Gottes, in dem die Kinder wohnen.

Hier klingt an, dass die Spendung der Sakramente und die Sorge dafür zu den spezifischen Verantwortlichkeiten des Bischofs gehört. Gemeint sind hier nicht nur die Weihe oder die Spendung der Firmung durch den Bischof, sondern auch, dass eigentlich der Bischof der Vorsteher der Eucharistie ist. Bischof Reinkens brauchte hier nur zu sagen, dass der Bischof „Verwalter und Ausspender der Geheimnisse Gottes“ ist und die Leute wussten, dass er das Bischofsamt meinte, wie es in der katholischen Kirche besteht. Ein Haushalter oder Verwalter muss natürlich auch für Ordnung sorgen, und so ist es zum Beispiel auch das genuine Recht des Bischofs, die liturgische Ordnung in seinem Bistum verbindlich festzustellen.


3. Es ist die Aufgabe des bischöflichen Amtes, „die Religion Jesu Christi .... im Geiste und Herzen der Gläubigen zur Herrschaft zu bringen“. Der Bischof hat die Aufgabe, darüber zu wachen, dass der Glaube, wie er seit altersher überliefert wird, weiter überliefert wird, auf dass die Kirche im rechten Glauben bleibt. Es ist eigentlich das, was wir „Apostolizität“ nennen, also die Tatsache, dass Kirche und Amt die Lehre der Apostel unverfälscht weiter tragen. Reinkens sagt dies aber viel treffender, denn er macht deutlich, wozu dieses Wächteramt des Bischofs gut ist: Es dient letztlich den Gläubigen selbst, die sich in der Kontinuität mit dem altüberlieferten Glauben, der „Religion Jesu Christi“, wissen. Die Betonung, dass diese Religion Jesu Christi nicht nur über den Geist, den Verstand, sondern auch über das Herz weitergetragen werden muss, ist typisch für das Denken von Bischof Reinkens.


4. Der „Bischof hat jede Ordnung, die von Gott ist, durch das Gewissen der Gläubigen zu unterstützen und zu fördern“. Auch die staatliche Obrigkeit ist eine von Gott eingesetzte Ordnung. Die Alt-Katholiken verstanden sich nie als politische Protestbewegung, die politische Ordnungen in Frage stellen wollte, sondern immer als kirchliche Reformbewegung. Trotzdem sind Alt-Katholiken eben auch Bürgerinnen und Bürger eines Staates, und sollen in dieser Verantwortung gestützt werden. Dabei spielt das Gewissen der Gläubigen eine wichtige Rolle.


Bischof Reinkens hat eine hohe Meinung von den Gläubigen, den Geistlichen wie den Laien. Er versteht sein Bischofsamt tatsächlich als pastorales Leitungs- oder Hirtenamt, bei dem die Gläubigen immer wieder neu zu den Quellen des Glaubens und zum eigentlichen Hirten geführt werden, um von diesen Quellen zu trinken und so von ihnen und aus ihnen heraus zu leben.

Wer persönliche Briefe von Bischof Reinkens aus seiner Amtszeit liest, merkt, wie schwer es in der Praxis war, das alt-katholische Anliegen zu verwirklichen. Denn setzt die Synodalität, die wir praktizieren wollen, nicht voraus, dass wir selbst schon wahrhaft befreite und erwachsene Menschen sind? Die Freiheit, derer wir uns Alt-Katholiken so oft rühmen, begründet nur dann ein wahrhaft befreites Leben, wenn sie gegründet ist in einer tiefen Herzensbindung an Gott. Dies ist nicht nur etwas, was wir von Reinkens und anderen alt-katholischen Vätern und Müttern lernen können, es ist letztlich auch die Grundlage jeglicher verantwortlich praktizierten Synodalität.


Was ist Synodalität?


Synodalität ist nicht zu verwechseln mit parlamentarischer Demokratie. Synodalität besteht nicht darin, dass die Interessen Einzelner oder von Gruppen im Vordergrund stehen. Es wird nicht im Sinne eines Parlaments um Mehrheiten gekämpft. Es geht auch nicht darum, dass die Opposition argwöhnisch den Kurs der Regierungspartei im Auge behält. Synodalität heißt – der griechischen Wortbedeutung entsprechend – gemeinsam auf dem Weg zu sein. Synodos ist Versammlung, aber auch Weggenossenschaft. Das ganze erinnert an eine Reisegesellschaft, die auf dem Weg ist, eine Weggemeinschaft. In der Apostelgeschichte wurden diejenigen, die sich zu Jesus, dem Gekreuzigten und dem Auferstandenen bekannten, als „Leute vom (neuen) Weg“ bezeichnet. In unserer Kirche kommt Synodalität zum Ausdruck in gemeinsamer Entscheidungsfindung durch gemeinsames Gespräch und Gebet.

Wenn wir anderen erklären, was Synodalität heißt, tun wir dies meist, indem wir bestimmte Handlungen beschreiben, etwa die Wahl des Bischofs oder der Synodalvertretung durch die Synode bzw. die Wahl des Pfarrers durch die Gemeindeversammlung. Aber Synodalität ist nicht nur auf Handlungen beschränkt, sie ist auch eine Haltung, die gründet im Wissen darum, dass ich immer mit anderen gemeinsam auf dem Weg bin. Synodalität bedeutet, das Prinzip „wir sind Kirche“ zu praktizieren. Dieses Prinzip ist übrigens nicht erst durch die gleichnamige römisch-katholische Bewegung in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden. Theodor Stumpf hat bereits 1871 beim Münchener Kongress darauf hingewiesen, dass auch die Alt-Katholiken Kirche im eigentlichen Sinne sind. „Wir sind Kirche“ heißt allerdings für uns, die wir ja bereits verschiedene Reformen durchgeführt haben, etwas anderes als für die gleichnamige Bewegung.


Wir praktizieren das Prinzip als Prinzip der Verantwortung, das eingebunden ist in synodale Prozesse: „Wir sind Kirche“ heißt, dass für uns eine Einstellung, die Kirche außerhalb sich selbst verortet oder über „die da oben“ schimpft, abgetan ist. Denn wir selbst sind ja nicht mehr nur einfach „die da unten“, sondern, indem wir synodal handeln, zugleich auch „die da oben“.


Aspekte von Synodalität


Synodalität setzt Einübung voraus. Sie will gelernt sein. Das ist nicht einfach, denn Synodalität gründet ja auf einer Meinungsbildung und die wiederum ruht auf einer möglichst breiten Informationsgrundlage. Wie und wo üben wir uns eigentlich in unseren alltäglichen Lebenszusammenhängen ein in synodalen Umgang? Wo finden wir Richtlinien für Synodalität und synodales Verhalten? „Die Lebensgrundlage aller Synodalität ist die Herstellung der christlichen Gemeinde, d.h. der Gemeinde aus bewussten, engagierten, geschwisterlich lebenden Christen“, schrieb Bischof Vobbe kürzlich. Hier ist der Humus, wo Synodalität gelernt und gelebt werden kann.

Gerade da, wo Menschen aus anderen Kirchen alt-katholisch werden, kann es sein, dass sie falsche Erwartungen mitbringen. Da wird vielleicht Basisdemokratie erwartet und dann über Bürgerlichkeit geklagt. Dabei ist es ja gerade ein Kennzeichen von Synodalität, dass sie evolutionär, nicht revolutionär voranschreitet. Da braucht es oft einen langen Atem.


Synodalität geht vom Zusammenwirken des ganzen Gottesvolkes, von Laien und Geistlichen, von Theologen und dem Bischof/den Bischöfen aus. Die Stimme des einen wiegt dabei bei der Abstimmung am Ende nicht schwerer als die eines anderen. Aber vor dieser Abstimmung geht es um den Austausch, um die Meinungsbildung. Hier kann Stimmen gewinnen, wer andere überzeugt, nicht wer anderen gegenüber auf seine Stellung pocht.


Synodalität setzt ein kritisches Bewusstsein von Macht voraus: Es geht nicht darum, dass die, die am besten oder am lautesten reden können, am Ende den Sieg davon tragen dürfen. Es muss dafür gesorgt werden, dass auch Minderheiten und Minderheitsmeinungen zu Wort kommen können und Gehör finden, oder auch die, die sich vielleicht rhetorisch nicht so gut ausdrücken können. Denn es geht nicht um Majorisierung in einer Frage, sondern darum, dass am Ende ein Konsens gefunden wird, der auf Einmütigkeit beruht und deshalb eine breite Tragfähigkeit besitzt. Denn die breite Tragfläche wird letztlich entscheidend dafür sein, dass die Umsetzung einer synodal gefällten Entscheidung im kirchlichen Leben gelingen wird.


Synodalität setzt Mündigkeit voraus. Es geht dabei nicht nur um das Wissen über die eigenen Rechte und Pflichten und um das den-Mund-auftun, wo es um das aus eigenem Gewissen heraus Erkannte geht, sondern auch darum, Verantwortung zu übernehmen, wo dies möglicherweise für einen selbst (aus Zeitgründen, wegen Arbeitsüberlastung, aber auch wegen möglicher Konflikte) unbequem sein kann.

Mündigkeit heißt im Übrigen auch, dass man in der Lage ist, Entscheidungen mitzutragen, die am Ende eines Meinungsbildungsprozesses zustande gekommen sind und vielleicht gegen mein persönliches Votum gefallen sind. Ich erinnere mich an einen anglikanischen Geistlichen, der gegen die Frauenordination war. Als dann die Kirche von England nach einem langen Prozess die Einbeziehung von Frauen ins Amt beschlossen hatte, war für ihn die Sache erledigt. Seine Begründung: Die Kirche hat entschieden. Dieser Kollege hat die Autorität des synodalen Konsenses, der in seiner Kirche gewachsen war, angenommen, auch wenn er dadurch nicht in seiner persönlichen Überzeugung bestätigt worden ist.


Synodalität setzt Subsidiarität voraus. Das heißt, Verantwortlichkeiten auf der einen Ebene werden auch dort wahrgenommen und nicht auf eine höhere Ebene „abgeschoben“ (oder von einer höheren Ebene vereinnahmt).

Synodalität heißt, den Unterschied zwischen „Macht“ und „Autorität“ zu benennen. Autorität ist nicht etwas Gegebenes, sondern immer etwas Zuerkanntes. Das heißt, wenn jemand durch die Synode zum Bischof oder in ein bestimmtes Gremium gewählt wird, wird ihm oder ihr dadurch nicht nur Vertrauen entgegen gebracht, sondern auch Autorität zuerkannt. Ohne diese Autorität könnte er oder sie seinen Auftrag nicht erfüllen. Durch die synodal zuerkannte Autorität bekommt der/die Gewählte einen der Funktion eigenen Handlungsspielraum, der ihnen eigenständiges Handeln ermöglicht. Es geht dabei nicht um absolute Handlungsfreiheit, sondern um synodal delegierte(s), aber auch um synodal zu verantwortende(s) Handeln und Autorität. Autorität und Macht sind somit eingebunden in ein Kräftegleichgewicht. In der alt-katholischen Kirche kommt dies etwa im Selbstverständnis als bischöflich-synodale Kirche zum Ausdruck.


Synodalität setzt Leitungsstrukturen voraus, die Leitung als Dienst, das heißt, als Hören und als Handeln und Sprechen aufgrund des Gehörten verstehen. Einer solchermaßen verstandenen Kirchenleitung wird es ein Anliegen sein, den Glauben in einer kirchlichen Sprache zu verkünden, die die Erfahrungen und das Lebensgefühl heutiger Menschen ernst nimmt. In der alt-katholischen Kirche wird Autorität in Dialog ausgeübt. Ein Beispiel für eine derartige Ausübung von Autorität in Dialog sind die Herdenbrieftage: Der Bischof lädt alle Mitglieder der Kirche ein, sich mit ihm über ein bestimmtes Thema auszutauschen. Er hört auf die vielfältigen Erfahrungen und Ansichten. Am Ende aber ist er es, der den Hirtenbrief schreibt und ihn auch verantwortet. So hat er seinen Pflichten als Bischof Genüge getan, indem er durch das Hirtenschreiben die Herde an die Quellen geführt und dabei Schrift und Tradition ausgelegt hat; gleichzeitig hat er dies aber nicht getan, ohne vorher in Dialog mit seiner Kirche zu treten. Andere Beispiele für die Ausübung von Autorität in Dialog sind die Zusammenarbeit von Bischof und Synodalvertretung, oder das Vorgehen bei Weihen, bei dem die Kirche gehört wird, am Ende aber der Bischof zu entscheiden hat, ob er einer bestimmten Person die Weihe erteilen wird oder nicht.


Synodalität verwirklicht sich auf verschiedenen kirchlichen Ebenen, auf der Ebene der Gemeinde, auf der Ebene des Bistums, aber auch auf der Ebene zwischen Kirchen und über diese hinaus. Es geht nicht an, Synodalität lediglich auf einer Ebene zu verorten und sie auf anderen für nicht wichtig zu halten. Wenn wir sagen, Kirche ist synodal, hat dies für alle Ebenen zu gelten. Denn sonst kann es sein, dass der Blick auf und für das Ganze verloren geht. An dieser Stelle hat das Bischofsamt eine zentrale Funktion: Von ihm wird erwartet, dass es die Übersicht hat, die Sicht über den eigenen ortskirchlichen Tellerrand hinaus. Denn der Bischof hat eine Verantwortung im Hinblick auf die Gläubigen, aber er hat auch eine als „Verwalter“ oder „Haushalter Gottes“. Er hat also eine Verantwortung seiner Ortskirche, aber auch der Gesamtkirche gegenüber. Diese Gesamtkirche umfasst nicht nur die Kirche von allen Orten, sondern auch die Kirche von allen Zeiten, wie die apostolische Sukzession zeichenhaft zum Ausdruck bringt. Es ist die Aufgabe des Bischofs, dieses Ganze im Blick zu behalten. Dies ist manchmal eine spannende Gratwanderung, denn er muss allen gerecht werden, ein gutes Einschätzungsgefühl für das Mögliche und das Nötige haben und dabei auch noch für die Einheit der Kirche wirken. Diese letzte Ebene der Synodalität verwirklicht sich am besten im Ökumenischen Konzil. Auch wenn es ein solches Konzil in absehbarer Zeit nicht geben wird, ist es trotzdem unsere Aufgabe, „Konziliarität“ zu praktizieren.


Ich möchte mit diesen Vortrag mit einer vierten These beschließen: Unsere alt-katholische Erfahrung mit Synodalität und unsere aus der Praxis einer bischöflich-synodalen Kirche entwickelte Erfahrung mit Autorität sind heute wichtige alt-katholische Gaben an die Ökumene.


Zum Abschluss


Der Name sagt es bereits: Eine synodale Kirche ist eine Kirche, die unter-wegs ist. Eine synodale Kirche scheut den Aufbruch in die Welt von heute nicht, vielmehr macht sie sich die Erfahrungen und Einsichten ihrer Mitglieder dabei zunutze. Eine Kirche, die auf dem Weg ist, ist bereit, sich einzulassen auf das, was ihr am Weg begegnet; sie setzt dies in Beziehung zu dem, was sie mitbringt, was sie sozusagen bereits im Rucksack und im Herzen hat. Eine Weg-Kirche weiß das Überlieferte wertzuschätzen und ist offen für das Neue: Sie ist traditionsbewusst und innovativ. Und eine bischöflich-synodale Kirche weiß sich obendrein auf ihrem Weg begleitet und geleitet von einem Hirten, sie weiß, dass sie nicht in die Wüste geschickt wird, sondern zu den Quellen, aus denen wir leben.


Angela Berlis


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