Die Orthodoxie – eine Knacknuss?

Interkonfessioneller Dialog aus der Perspektive der Frauen


Unter dem Patronat der Konferenz europäischer Kirchen (KEK) und des ökumenischen Frauenforums fand in Volos (Griechenland) vom 8. bis 13. Juni eine Konsultation von Frauen aus Ost- und Westeuropa statt. Die Teilnehmerinnen stammten aus zahlreichen Kirchen Europas; Gastgeberin war die orthodoxe Kirche Griechenlands.


Volos (Griechenland) - Sonne, Meer, Sand, Moussaka und Retsina, das alles und noch viel mehr ist Griechenland. Für die 35 Teilnehmerinnen der KEK-Frauenkonferenz stand allerdings nicht süßes Nichtstun auf dem Programm. Immerhin wurden sie, was das Kulinarische betrifft, mehr als verwöhnt. Ansonsten aber versuchten sich die Frauen in intensiven Diskussionen und Gruppenarbeiten anzunähern, Gemeinsamkeiten und Differenzen zu entdecken - und einen gemeinsamen Weg in der Ökumene zu finden. Die orthodoxen Kirchen - mit Frauen aus Russland, Griechenland, Bulgarien und Georgien - sowie verschiedene protestantische Kirchen - von der lutherischen über die waldensische bis zur methodistischen - waren genauso vertreten wie die römisch- und die christkatholische Kirche. Bei so vieler Verschiedenheit war das Finden eines Weges ein nicht einfaches Unterfangen.


Kurzreferate


Während über das eigentliche Ziel der Konferenz eine gewisse Unklarheit herrschte, war den Teilnehmerinnen schnell klar, dass „frau“ sich zunächst kennen und verstehen lernen muss, bevor überhaupt konkrete Ergebnisse erzielt werden können. Deshalb gab es täglich mehrere, von verschiedenen Teilnehmerinnen gehaltene Kurzreferate über ausgewählte Themen. Eines dieser Themen war die „Stellung der Frau in der Gesellschaft“. Die gesellschaftlichen Probleme, mit denen beispielsweise eine alleinerziehende Mutter in Bulgarien zu kämpfen hat, könnten im Vergleich zu einer Frau in derselben Situation in der Schweiz größer nicht sein, obwohl auch hier vieles nicht perfekt ist.


Hure oder Heilige


Ein Nachmittag war den orthodoxen Frauen und ihrer Situation in der Kirche gewidmet. In ihren Vorträgen stellten die Referentinnen dem Plenum die in ihren Kirchen verehrten heiligen Frauen vor. Für westeuropäische und nicht-orthodoxe Ohren fielen nie gehörte Namen. Oder kennen Sie die Heilige Nino? - Eben.

Ausgehend von dem, was die drei orthodoxen Frauen über ihre Heiligen erzählten, entwickelten sich angeregte Diskussionen. Vor allem eine Frage interessierte die Teilnehmerinnen: wie weit das Bild der heutigen Frau in den orthodoxen Ländern vom religiösen Heiligenbild ihrer Kirchen abweicht oder eben übereinstimmt. Die dadurch gewonnenen Einblicke waren sehr aufschlussreich und ließen - gerade aus der Perspektive nicht-orthodoxer, westeuropäischer Frauen - tief blicken. Sämtliche orthodoxen Referentinnen brachten klar zum Ausdruck, dass die Aufgabe der Frau das Muttersein, das Helfen und Dienen und Bedienen (vor allem des Ehemannes) sei. Als oberstes Vorbild steht für sie ganz klar Maria, die Mutter Gottes. Fällt eine Frau von diesem Ideal ab, ist der Schritt zur „Hure“, zur Sünderin, nicht weit.


Einzig die georgische Rednerin zeigte ein aus westlicher Sicht etwas progressiveres Bild auf, welches einer Frau durchaus auch ein eigenes Berufsleben attestiert, ohne sie gleich in den Topf der schlechten Frauen zu werfen, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, statt sich um die Familie zu kümmern - Kunststück, die Georgierin ist selber berufstätig.


Ob solcher zum Teil recht konservativer Ansichten fielen die Reaktionen der übrigen Teilnehmerinnen ziemlich unterschiedlich aus: Sie reichten von Zustimmung über leichte Verwunderung bis hin zu absoluter Fassungslosigkeit. Letzteres war der Fall, als eine junge (!) russisch-orthodoxe Frau, ohne mit der Wimper zu zucken, erklärte, alle abgetriebenen Kinder würden direkt zur Hölle fahren: Die Mutter ist die Sünderin, das unschuldige Kind wird - neben der Frau - bestraft, über den Vater wird kein Wort verloren. So einfach geht das!


Ihr eigenes Urteil?


Der Ausspruch der zirka 25-jährigen Russin hatte zur Folge, dass die Herzen von Frauen aus halb Europa einen akuten Aussetzer hatten, und man kann nur hoffen, dass hier einfach eine noch ziemlich unreflektierte Meinung (einer jungen Frau, einer Kirche, einer Gesellschaft?) zum Ausdruck kam. Allerdings wurden viele Konferenz-Teilnehmerinnen den Eindruck nicht los, diese junge Frau sei von ihrer Kirche „gebrieft“ worden und spule nun emotionslos und ohne sich ein eigenes Urteil zu bilden brav die ihr aufoktroyierte Meinung ab.


Unüberbrückbare Kluft


Sind solche verschiedenen Ansichten nun auf konfessionelle, historisch-kulturelle oder gesellschaftliche Unterschiede zurückzuführen? Diese Frage brannte den (westlichen) Frauen stark unter den Nägeln. Im Plenum erörtert wurde sie jedoch nicht, dafür brachte sie Stoff für zahlreiche an- und aufgeregte Pausengespräche. Die Teilnehmerinnen waren sich aber einig, dass es höchste Zeit sei, diese Frage offen zu diskutieren, zumal die Kluft zwischen der orthodoxen und nicht-orthodoxen Welt nicht nur bezüglich der Stellung der Frau schier unüberbrückbar scheint. Dass dem so ist, bestätigten viele Frauen aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen in der ökumenischen Arbeit.


Gerade weil man sich der Notwendigkeit des Austausches zwischen der orthodoxen und nicht-orthodoxen Welt bewusst ist, wurde die KEK-Frauenkonferenz in Griechenland, also in einem orthodoxen Land, abgehalten. Außerdem wollten die Organisatorinnen den Teilnehmerinnen einen vertieften Einblick in die orthodoxe Kirche bieten. Leider kratzte man dann allerdings nur etwas an der Oberfläche und wurde in den Diskussionen zu wenig konkret - und vielleicht auch zuwenig unbequem, dass sich beide Seiten wirklich miteinander hätten auseinandersetzen müssen.

Wohl gab es Gruppenarbeiten, während derer die Unterschiede und Schwierigkeiten zwischen orthodoxer und nicht-orthodoxer Glaubens- und Gesellschaftsauffassungen hätten thematisiert werden sollen. Wer dann allerdings kaum den Mund auftat - sofern sie überhaupt anwesend waren und nicht durch Abwesenheit glänzten - waren genau die Orthodoxen selber. Verständlicherweise kam dadurch unter den andern Teilnehmerinnen etwas Missmut auf. Ziemlich irritiert war man auch darüber, dass sich die orthodoxen Frauen oft nicht an die Gruppenzuteilung hielten (die Sprache war nicht das Problem): Denn wie will man sich näher kommen und sich gegenseitig kennen und verstehen lernen, wenn sich die eine Seite der Diskussion entzieht?


Abseits Zusammenstehen


Ein solches Verhalten von orthodoxer Seite her ist für die Verfasserin nicht neu. Aus westlicher, zentraleuropäischer Perspektive und auf dem Hintergrund westlicher Diskussions- und Verhandlungskultur sind die Gründe für ein solches „orthodoxes abseits Zusammenstehen“ schwer zu verstehen. Ist es eine Methode, um sich gegenseitig unter Kontrolle zu haben, damit nichts Falsches nach außen dringt? Und was ist dann das „Falsche“? Wovor hat man Angst? Oder ist es bloß Ausdruck einer unterschiedlichen Gewichtung, was an einer ökumenischen Konferenz wichtig ist: Dabeisein und auf der Mitgliederliste stehen ist alles, aktiv mitmachen ist sekundär? Eine solche Sichtweise - sofern wirklich da der Hase im Pfeffer liegt - beißt sich mit der zentraleuropäischen, denn warum nimmt man an einer Konferenz sonst teil, wenn nicht, um mitzumachen?


Unbeantwortete Fragen


Die Menge und die Brisanz vieler dieser unbeantworteten Fragen, von denen hier noch längst nicht alle aufgelistet sind, verdeutlichen die Dringlichkeit, mit der Antworten erarbeitet werden müssen, soll der ökumenische Prozess effizient und konstruktiv weitergeführt werden. Die Problematik, dass „Orthodoxe und Nicht-Orthodoxe ungleich funktionieren“ ist schließlich nicht nur während der KEK-Frauenkonferenz aufgetaucht. In der KEK selber ist man sich dieser Schwierigkeit schon lange bewusst und auch der Ökumenische Rat der Kirchen versucht andere Wege zu gehen, um eine neue Verhandlungskultur zu entwickeln, in der sich alle Parteien wohl fühlen und mitmachen (können). Es ist höchste Zeit, denn der Unmut macht sich bei vielen anderen Mitgliedern je länger je mehr breit, was dem Gesamtengagement in der Ökumene nicht unbedingt förderlich ist.


Carole Soland