Die bedeutendste Jugendstilkirche Deutschlands


Wiederherstellung der alt-katholischen Friedenskirche in Essen


Die Kirche der alt-katholischen Gemeinde Essens war nach Auskunft von Experten einst die bedeutendste Jugendstilkirche Deutschlands. Die prachtvolle Deckenausmalung ging im Laufe der Jahrzehnte, nicht zuletzt durch den Krieg, verloren. Doch dank erhaltener Reste konnte sie rekonstruiert und im Bereich der Empore wiederhergestellt werden, wie die Fotos zeigen. Die Gemeinde Essen möchte natürlich die gesamte Kirche in dieser einzigartigen Farbenkomposition wiedererstrahlen lassen, doch ohne die finanzielle Hilfe aus dem gesamten Bistum wird dies nicht möglich sein. Das Bistumsopfer des Jahres 2005 wurde deshalb der Gemeinde Essen zugesprochen, über deren Geschichte im Folgenden Pfarrer Reimer schreibt.


Am 18. Juli 1870 erhob das 1. Vatikanische Konzil die Lehre von der Unfehlbarkeit und der bischöflichen Allgewalt des Papstes zum Dogma. Allenthalben in deutschen Landen wurde der Widerspruch gegen diese weder im Evangelium noch im katholischen Glauben der alten Kirche begründete Irrlehre laut. Der Anstoß zur Gründung der alt-katholischen Gemeinde in Essen erfolgte am 17. Mai 1872 durch eine Entschließung von 24 Essener Bürgern, die sich zugleich zur Zahlung eines jährlichen Betrages von 967 Talern für fünf Jahre verpflichteten. In der Erkenntnis, dass in erster Linie eine geordnete Seelsorge für die im alten katholischen Glaubenverharrenden Katholiken einzurichten sei, bestellte die Alt-Katholikengemeinschaft in Essen am 1. Juli 1873 den Pfarrer Hoffmann zu ihrem Seelsorger. Derselbe hielt am 1. November 1873 den ersten alt-katholischen Gottesdienst in Essen in der von der evangelischen Gemeinde bereitwilligst eingeräumten Pauluskirche (im Zweiten Weltkrieg zerstört, nicht mehr aufgebaut; an ihrer Stelle steht heute das Haus der Evangelischen Kirche), deren Mitbenutzung bis zum Jahre 1876 freundlichst gestattet wurde. Am 9. Juni 1875 erfolgte dort die erste Firmung durch Bischof Dr. Hubert Reinkens.


Am 4. Oktober 1874 wurde die alt-katholische Gemeinde Essen als Pfarrei staatlich anerkannt. Durch Staatsgesetz vom 4. Juli 1875 wurden die Alt-Katholiken in Preußen als „Katholiken“ anerkannt und zur Mitbenutzung der katholischen Kirchen, anteiliger Benutzung der kirchlichen Geräte und anteiligen Genuss am kirchlichen Vermögen berechtigt (preußisches Alt-Katholikengesetz). Auf Grund dieses Gesetzes wies am 30. April 1876 der Oberpräsident der Rheinprovinz den Alt-Katholiken Essens die St. Johanneskirche am Burgplatz (heutige „Anbetungskirche“) zur Mitbenutzung zu. Nach Zurückweisung eines Einspruchs der römisch-katholischen Gemeinde durch den Minister konnten die Alt-Katholiken am 12. November 1876 den ersten Gottesdienst in der Johanniskirche feiern. Im April 1882 wurde die Kirche wegen Baufälligkeit polizeilich geschlossen. Wieder räumte die evangelische Gemeinde Essen-Altstadt der alt-katholischen Pfarrei Gastrecht in der Pauluskirche ein, bis am 6. November 1887 die Johanniskirche nach Beendigung der Wiederherstellungsarbeiten und Einbau einer neuen Orgel wieder in Benutzung genommen werden konnte.


Im April 1889 verließ der von der Gemeinde Witten gewählte Pfarrer Hoffmann Essen. Bis November 1889 blieb die Essener Pfarrstelle unbesetzt. Am 1. November führte Generalvikar Prof. Dr. Weber den am 7. September gewählten Pfarrer Bergmann (Koblenz) in sein Amt ein. Pfarrer Bergmann gründete am 6. Februar 1891 den alt-katholischen Frauenverein. Seiner Anregung ist auch die Gründung eines alt-katholischen Diakonissenhauses zu verdanken, für das am 19. November 1891 neun Mitglieder der Gemeinde eine Geldsammlung eröffneten. Im März 1893 erwarb die Gemeinde das Haus Wilhelmstraße 31 und eröffnete es am 7. Juni 1893 als alt-katholisches Krankenschwesternheim „Amalie von Lasaulx-Haus“ unter der Leitung von Frau Dr. Stens. Nachdem Frau Dr. Stens ihr Amt im Jahre 1899 niedergelegt hatte, erfolgte im März 1901 die Vereinigung des „Amalie von Lasaulx-Hauses“ mit dem alt-katholischen Schwesternhaus in Bonn; das Essener Schwesternhaus wurde Waisenhaus (aufgelöst 1906).

Gründer der alt-katholischen Schule ist der erste Geistliche der Gemeinde, Pfarrer Gustav Hoffmann; die von ihm 1874 errichtete Privatschule wurde 1875 von der Regierung als eine öffentliche einklassige Volksschule anerkannt. Am 1. August 1894 konnte ein von der Gemeinde errichtetes eigenes Schulgebäude an der Bornstraße in Benutzung genommen werden. Im Jahre 1895 wurde die Schule auf den Kommunaletat der Stadt Essen übernommen.

Nach dem Tod von Pfarrer Franz Bergmann am 6. Oktober 1896 trat sein Nachfolger, Pfarrer Max Rachel, am 2. Juni 1897 sein Amt an. Pfarrer Rachel erfreute sich weit über die Grenzen seiner Gemeinde hinaus großer Achtung wegen seiner Tatkraft, Beredsamkeit und Unermüdlichkeit. Diesem visionären zielgerichteten Streben für seine Gemeinde - wir würden heute sagen: „Thinking big“ - verdankt die Essener Pfarrei die Erstellung des Gebäudekomplexes am vormaligen Steeler Tor, der Einmündung der Steeler Straße in die Bernestraße. Er vereinigte Kirche, Schule, Kindergarten, Gemeindesaal, Pfarrhaus. Die Mitbenutzung der St. Johanniskirche hatte Jahre hindurch Unzuträglichkeiten zur Folge, die es für beide Teile als erwünscht erscheinen ließen, eine Lösung des unerquicklichen Verhältnisses anzubahnen. Ein Schlaglicht auf das Verhältnis dieser eigentlich engsten Geschwister wirft der Umstand, das zum späteren Umzug der alt-katholischen Gemeinde in die Friedenskirche an der Johanniskirche eine Tafel aufgestellt wurde des Inhalts, in Zukunft werde hier wieder „katholischer“ Gottesdienst gefeiert.

Die Stadt Essen erklärte sich schließlich bereit, der alt-katholischen Gemeinde eine Kirche mit Gemeindesaal, Schule und Pfarrwohnung zu errichten, wenn die Gemeinde auf ihr Mitbenutzungsrecht an der St. Johanniskirche verzichten wollte. Nach der zu Pfingsten 1914 erfolgten Grundsteinlegung wurde am 29. April 1916 die Schule und am 9. Juli 1916 die „Friedenskirche“ durch Bischof Dr. Georg Moog geweiht.


Schon diese wenigen geschichtlichen Notizen zeigen, welches große Erbe die Essener Gemeinde verwaltet und welchen bedeutenden Auftrag sie für Zukunft hat. So hat sie sich entschieden, dieses auch kunstgeschichtlich einmalige Zuhause in altem/neuem Glanz erstrahlen zu lassen und den ruinösen Bereich des Pfarrsaals mit dem gesamten Untergeschoss wiederherzustellen, was aus eigener Kraft freilich nicht geschultert werden kann.


Ingo Reimer

(nach einer Zusammenstellung von Pfr. Rachel)


Spenden sind erbeten auf das Gemeinde-Konto der Essener Gemeinde, Konto-Nummer 135 134 35 bei der Postbank Essen, BLZ 360 100 43.