Der Schein trügt

Bistumsopfer 2004

Die Christuskirche in Offenbach braucht Ihre Hilfe!

Gerade zwei Jahre ist es her, dass die Offenbacher Gemeinde mit einem großen Fest den 100. Geburtstag ihrer denkmalgeschützten Christuskirche gefeiert hat. 100 Jahre, das ist zwar ein schönes Jubiläum, aber wer dieses Alter erst einmal erreicht hat, der hat so seine Gebrechen.

Zwar ist an der Christuskirche im Verlauf der letzten Jahrzehnte besonders unter den Pfarrern Josef Girke und Joachim Vobbe immer auch repariert und geflickt worden (oft in Eigenarbeit), aber die Grundsubstanz des Gebäudes, insbesondere das Mauerwerk der Westseite, der Turm und nahezu alle Sandsteinpartien sind so schwer geschädigt, dass die Gemeinde an einer Grundsanierung nicht vorbeikommt. Der Schein, den die Ansicht von Kirche, Gemeindesaal und Pfarrhaus auf dem Titelblatt erweckt, trügt also, eine grundlegende Sanierung ist angesagt.

Grundsanierung – allein das Wort klingt in den Ohren aller Gemeindemitglieder als stamme es vom Teufel selbst: die Kosten der durchzuführenden Maßnahmen werden deutlich über 100.000 Euro liegen. Das kann die Gemeinde aus eigener Kraft nicht schaffen; auch das Hessische Landesamt für Denkmalpflege hat bereits durchblicken lassen, dass es die anstehenden Arbeiten zwar erstens genehmigen müsse, zweitens gern konstruktiv begleite und drittens auf gar keinen Fall mit größeren Mitteln unterstützen könne. Die Offenbacher sind also bei der Rettung ihrer Kirche auf die Hilfe der Menschen in unserem Bistum angewiesen. In den kommenden Ausgaben von Christen heute möchten wir gern den Blick der Leserin und des Lesers auf die unterschiedlichen zu behebenden Schäden lenken.

In diesem Artikel jedoch, gewissermaßen so etwas wie ein Leitartikel für das ganze Jahr 2004, sollen Sie einiges über die Entstehung des Gebäudes erfahren, das die geistliche Mitte einer wirklich lebendigen Gemeinde ist.


Gemeindegründung


Fast untypischerweise (Offenbach war weder Universitätsstadt, noch bestand eine Verbindung zu den Protestgruppen in Südbaden oder im Sudetenland) schlossen sich hier 1872 Katholiken zu einer Protestgruppe gegen die vatikanischen Dekrete vom 18. Juli 1870 zusammen. Sie gründeten einen „Katholikenverein“. Der älteste Hinweis hierfür (zugleich ältestes noch vorhandenes schriftliches Dokument zur Gemeindebildung) ist ein „Aufruf an die Katholiken Offenbach's und der Umgegend“ vom 2. Oktober 1872. Diejenigen Offenbacher Katholiken, welche das Unfehlbarkeitsdogma ablehnten, wurden darin zur Gründung eines (Alt)Katholikenvereins eingeladen.


Am 2. März 1873 verfassten die Mitglieder des Offenbacher (Alt)Katho-likenvereins eine „Constitution“, in welcher sie feierlich das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit und die richterlichen Machtansprüche des Va-tikans zurückwiesen und sich zugleich als Katholiken bekannten, die ihrem alten Glauben treu bleiben wollten. Diese Konstitution, in der auch das Recht auf Gemeindebildung, auf Abhaltung von Gottesdiensten und Anstellung von Geistlichen behauptet wurde, ist das eigentliche Gründungsdokument der alt-katholischen Gemeinde Offenbach. Wer sie unterschrieb (die Unterschriften wurden vom Bürgermeisteramt gegengezeichnet und gesiegelt) war von da an Mitglied dieser Gemeinde. Unter den ersten Unterschriften sind viele Alt-Offenbacher Namen. Am 22. September 1874 wurde von der großherzog-lichen Regierung in Darmstadt die offizielle Errichtung einer „alt-katholischen Pfarrei in Offenbach und Bieber mit dem Sitze in Offenbach“ genehmigt.

Natürlich musste das Gemeindeleben erst aus vielen Provisorien allmählich herauswachsen. Eine eigene Kirche gab es nicht. Ein Antrag auf Mitgebrauch der römisch-katholischen Kirche St. Paul wurde abgelehnt, da man die Alt-Katholiken als „neohaeretici“ (Neuketzer), wie sie in einer Instruktion des päpstlichen Nuntius vom 12. März 1873 betitelt wurden, keinesfalls am gleichen Altar dulden wollte. Daher musste die neue Gemeinde zunächst lange Zeit die Gastfreundschaft der evangelischen Nachbargemeinden in Anspruch nehmen.


Der erste alt-katholische Gottesdienst fand schon einige Zeit vor der Gemeindegründung am 26. Januar 1873 in der Schlosskirche statt. Fast dreißig Jahre lang blieben die evangelische Stadtkirchengemeinde, die Schlosskirchengemeinde und die französisch-reformierte Gemeinde für die Offenbacher Alt-Katholiken die Gastgeber. Auch ein Pfarrhaus existierte nicht. Bis zur Erbauung des ersten Pfarrhauses neben der Christuskirche im Jahre 1954/55 wohnten die Pfarrer in Mietwohnungen. Gemeindefeste und -versammlungen wurden in Gasthäusern, nach 1914 auch im Saal der evangelischen Luthergemeinde in der Waldstraße abgehalten.


1875 schließlich bekam die Gemeinde mit Adam Joseph Steinwachs ihren ersten eigenen Pfarrer. Er leistete in der Aufbauphase der Gemeinde geradezu Übermenschliches: Regelmäßig wurden Gottesdienste in Offenbach, Frankfurt, Aschaffenburg, Oberursel, Hanau, Darmstadt und Heßloch (heute Rheinpfalz) angeboten; sogar in Wetzlar und Gießen waren zeitweilig Gottesdienstangebote.


Am 25. Januar 1901 wurde Steinwachs von Großherzog Ernst Ludwig der Orden Philipps des Großmütigen verliehen. Er starb am 5. Mai 1908 betrauert von einer großen Gemeinde. Die Gedenkreden, die an seinem Grabe gehalten wurden, sind noch erhalten und sprechen von einem Manne von großer Geradlinigkeit, Frömmigkeit und diakonischer Haltung. In der Christuskirche befindet sich bis heute eine Marmortafel, die dankend an ihn erinnert.


Bau der Christuskirche


Nach langen Spendenaktionen konnte die Gemeinde im Jahre 1893 ein Grundstück neben dem damaligen jüdischen Friedhof an der Bismarck-straße erwerben. Im ganzen Reich sam-melten Mitglieder und Freunde der alt-katholischen Bewegung für den Offenbacher Kirchenbau. Am 24. Juni 1900 konnte der Grundstein der neuen Kirche gelegt werden. Architekt war Max Schroeder aus Offenbach. Die Pläne und ihre Ausführung lassen noch eine klare Bindung an die Neugotik mit vereinzelten neuromanischen Details erkennen. Im Jahre 1901 konnte der Kirchenbau bereits fertiggestellt werden. Damalige Kosten: 65.000 Mark.

Unter großem Jubel der Gemeinde und in Anwesenheit staatlicher Beamter sowie der langjährigen evangelischen Gastgeber konnte am 1. September 1901 die Christuskirche durch den damaligen Bischof Dr. Theodor Weber aus Bonn eingeweiht werden. Die Einweihung der Kirche wurde mit einer Reichssynode verbunden, zu welcher gewählte Abgeordnete aus allen alt-katholischen Gemeinden Deutschlands in Offenbach zur Beschlussfassung über wichtige kirchliche Fragen weilten.


Nur wenige Teile der neugotischen Inneneinrichtung, die von dem Bildhauer Valentin Klimm gefertigt wurde, haben die Kriegsschäden und Nachkriegsrenovierungen überstanden (Bänke, Teile der Kommunionbank, Leuchter, Kriegergedächtnistafel). Im Jahre 1968 wurde die Kirche einer gründlichen Innenrenovierung unterzogen. Die kriegszerstörten Fenster wurden durch neue Buntglasfenster nach Entwürfen von Karl Lutz ersetzt. Sie geben die Symbole der sieben Sakramente wieder.


Die Madonna an der rechten und die vier Evangelisten an der linken Chorwand wurden ebenso wie der Tonentwurf eines Kruzifixes anstelle des zerstörten Chorabschlußfensters von Heinrich Voegele entworfen, desgleichen die Steinmetzarbeiten am neuen Altar und an der neuen Kanzel.


Mitte der achtziger Jahre wurde der Chorraum umgestaltet und mit dem Taizé-Kreuz im Zentrum des Chorraums erhielt die Christuskirche eine zum Verweilen einladende geistliche Mitte.


Aber all das werden Sie, die interessierten Leserinnen und Leser, in den kommenden Monaten auch in Bildern zu sehen bekommen.

Spenden für die Unterhaltung der alt-katholischen Christuskirche überweisen Sie bitte auf das Konto des „Vereins zur Förderung der alt-katholischen Christuskirche in Offenbach e.V.“, Konto 85 928 bei der Sparkasse Offenbach (BLZ 505 500 20). Steuerrelevante Zuwendungsbescheini-gungen senden wir Ihnen unaufgefordert zu.


Franz-Josef Koch

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