Segnen setzt Beziehung voraus


Wie wird die Zuneigung Gottes für Menschen begreifbar?


Segnen gehört seit Anbeginn zur Religion. Dabei ist der Segen Ausdruck von Beziehung. Das deutsche Wort „segnen“ leitet sich aus dem lateinischen „(cruce) signare“ ab, mit (dem Kreuz) bezeichnet werden. Oftmals wird in der christlichen Liturgie mit einer Handauflegung gesegnet. Immer gehört ein in Worten gefasstes Gebet oder Zuspruch dazu.


Zum Segen gehören zwei, ein Segensspender und ein Segensempfänger. Dabei kommt es zu einer besonderen Zuwendung vom Spender zum Empfänger. Darin zeigt sich, dass Segen Beziehung voraussetzt. Der Segnende segnet aus Liebe und der Empfangende denkt dankbar an den Segen Schenkenden.


Der Gott des Segens


Der deutsche Theologe Klaus Westermann weist in seinem Buch „Der Segen in der Bibel und im Handeln der Kirche“ (München 1968) darauf hin, dass der Gott der Bibel sich auf zwei Arten der Menschheit zuwendet: durch Rettung und durch Segen. Leider hat sich im Verlauf der Geschichte die Sündenfall-Erlösungstradition durchgesetzt mit ihrer Überbetonung von Sünde, Schuld und Buße, und die christliche Spiritualität des Segens ist weitgehend verkümmert. Wie Westermann aufzeigt, hat sich die Theologie einseitig mit der „Heilsgeschichte“ beschäftigt. „Es wäre (aber) eine Verkehrung des biblischen Tatbestandes,“ meint Westermann, „Gottes seinem Volk zugewandtes Handeln unter dem Begriff Heil einlinig zusammen zu fassen.“ Der Gott des Bundes wendet sich seinem Volk in seinem Alltag zu und wird so nicht nur zum Gott der Befreiung, sondern auch zum Gott des Segens.


Die Zuwendung Gottes zeigt sich in großzügigen Gaben, etwa in Dtn 8, 7-10: „Denn Jahwe, dein Gott wir dich in ein prächtiges Land führen, … Wenn du dort isst und satt wirst, sollst du Jahwe, deinen Gott, preisen für das herrliche Land, das er dir gegeben hat.“ Der Segen hängt nicht nur mit dem Überleben, sondern auch mit dem Genuss der Gaben des Lebens zusammen. Als Isaak seinen Sohn segnet, braucht er die Worte: „Es gebe dir Gott von Tau des Himmels und vom Fett der Erde und Korn und Most in Fülle.“ (Gen 27, 28). Für das Alte Testament können wir zusammenfassend am Beispiel der Berufung Abrahams aufzeigen, dass es beim Segen um ganzheitliches Wohlergehen geht, das alle Aspekte des Lebens (und nicht nur die geistigen) umfasst. Gott sagt zu Abraham: „Ziehe fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! Ich will dich zu einem großen Volk machen. Ich will dich segnen und deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein. Ich werde segnen, die dich segnen, und die dich verwünschen, werde ich verfluchen! Durch dich sollen gesegnet sein alle Geschlechter der Erde.“ (Gen 12, 1-4)


Der Segen und Jesus


In der Verkündigung Jesu kommt zum Thema Segen, vielleicht mit Ausnahme der Seligpreisungen, kein neuer Aspekt hinzu. Die Urgemeinde selber glaubt an die Erfüllung des Abrahamsegens als geschichtliche Gegenwart und verkündet dies so: „Ihr seid die Söhne der Propheten und des Bundes, den Gott mit euren Vätern geschlossen hat, als er zu Abraham sagte: Durch deinen Nachkommen sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Für euch zuerst hat Gott seinen Knecht erweckt und gesandt, damit er euch segnet und jeden von seiner Bosheit abbringt.“ (Apg 3, 25-26) Jesus selber wird also als der verstanden, der uns den Segen Gottes bringt, wie sein Einzug in Jerusalem zeigt, wo die Leute rufen: „Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn! Gesegnet sei das Reich unseres Vaters David, das nun kommt!“ (Mk 11, 9-10)


Der Segen bei uns


Wenn wir heute von Segen sprechen, müssen wir auf diese alttestamentliche Grundlage zurückgreifen, welche viel älter ist als die Konzentration auf Sühne und Schuld, die in der westlichen Theologie als Lehre von der Erbschuld auf Augustinus gründet und uns bis heute belastet. Ein Segen ist also nicht eine magische Handlung, welche uns in irgendeiner Weise von der „Erbsünde“ (wie sie das Konzil von Trient festgeschrieben hat) schützt oder befreit, sondern ein Zeichen der Liebe Gottes. Diese wird in unserer Kirche einerseits gepredigt, anderseits in gottesdienstlichen Feiern durch ein Sakrament zum Ausdruck gebracht. In Wort und Zeichen wird den anwesenden Menschen und der Gemeinde im Segen als Höhepunkt der Handlung die Zuwendung Gottes versichert und vor Gott und den Menschen die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges bestätigt. Der Segen erfolgt im Gottesdienst nicht spontan, sondern ist festgelegt und von der Kirche autorisiert, weil es eben um wichtiges geht. Wir können zwei Gattungen ausmachen: Eigentliche „Segensgebete“, bei dem der Segenspendende dem Segenempfangenden gegenüber steht, wie beim Schlusssegen einer Liturgie. Dann die Gattung des „Hochgebetes“, welches in komplexer Weise Lob, Dank, Segensbitte in sich vereint. Neben dem Eucharistiegebet sind etwa das Gebet über dem Wasser bei der Taufe, das Gebet des Bischofs über die Firmlinge, das große Segensgebet bei der Hochzeitsfeier, die Ordinationsgebete oder auch das Exsultet in der Osternacht zu nennen.


Christoph Schuler